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Charly

Nichts gegen Prunk. Nur einen Buchstaben vom Punk entfernt; ich würde euch beiden erliegen. Könige geben Audienzen und sich neue Namen. Dich so zu sehen, Hamburg, so aufgeregt. Schlimm.

Manchmal kann es ruhig kurz sein. Ich habe keinen König, und das ist gut so. Warum sollte ich mir einen anschauen? Etwas, das grösser ist als ich, finde ich überall.

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Dialoge

Erst mal n Kaffe

Guten Morgen,

Ich hoffe du bist gut hochgekommen heute. „Erstmal n Kaffe“, twittert ein Bekannter von mir immer als erstes. Ohne das zweite E, so wie man ihn in Hamburg spricht. Ein wenig weiter nördlich, so lernte ich gestern von einem alten Bloggerkumpel, trinkt man Espresso mit Kardamom. Man mag es offenbar exotisch in Schleswig-Holstein.

Das, was Du zum Start in den Tag trinkst, hat ja auch was zu sagen, sagt meine Oma.

Sie schwört auf Filterkaffee, aufgegossen mit „springend kochend Wasser“. Wie modern sie schon vor 40 Jahren war, kann jeder sehen, der sich im Hain, dem Blatt oder in Frankfurter Edelröstereien umschaut.

„Springend kochend Wasser“, wenn ich das schreibe, dann höre ich sie wieder. Stolpernd über den spitzen Stein. Wenn ich sie in diesem Text sprechen lassen möchte, dann setze ich ihre Rede in Anführungszeichen — die hat sie immer „Gänsefüßchen“ genannt.

Ich lese gerade ein neues Buch, da haben sie die Gänsefüßchen vergessen. Mit Absicht womöglich… das liest sich dann in etwa so:

Sie lassen dich also raus, Wollie. Sieht so aus.

Was willst du jetzt tun?

Tanzen.

Ist gewöhnungsbedürftig.

Was, Wollie?

Die Freiheit, Sir, die Freiheit.

//: komm gut in deinen Tag, jetzt erstmal n 2. Espresso. 😉

Erik

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(B)Logbuch

Wenn die Seele schwimmt – der nautische Frühlingsanfang

Moin Moin von der Ostsee.

Wann in meiner Familie der Frühlingsbeginn gefeiert wird, habe ich letzte Woche ja schon geschildert. Nicht zwingend danach folgt dann der nautische Frühling: der ist, wenn das Segelboot am Kran hängt und mit seinem Kiel das Nass der Ostsee berührt.

Es ist jedes Jahr ein besonderer Moment; die Erlösung von einem 5-monatigen Winterblues. Auch wenn das Wasser (4 Grad) und die Luft (8 Grad) noch sehr winterlich anmuten, lächelt mein ganzes Wesen in den strammen Südwestwind, die Segelsaison hat begonnen, die Lady schwimmt. Sogar der Diesel springt ohne zu Mucken an – ein gutes Omen.

Und gleich feuern auch die kreativen Synapsen; erinnert sich mein Sein an das virtuelle Leben meines Protagonisten Pit, dessen Logbuch ja auch seit einem halben Jahr verstaubt.

„Vorsicht“, ruft da einer am Kranplatz und reißt mich aus meinen Gedanken. „Der neue Belag am Steg ist sauglatt“. Ich hebe die Hand zum Dank und versuche ganz besonders bedacht auf meine Ohlson 8:8 zu steigen. „Wir wetten schon, wer der erste ist, der in den Teich glitscht“, ruft mein Kümmerer noch und lacht, „dann warten wir noch ein bisschen länger – gute Fahrt und schöne Saison“. Überlege, Pit dort abglitschen zu lassen, konzentriere mich aber besser auf meinen ersten Anleger der Saison.

Ich weiss nicht, ob es allen Seglern so ergeht, aber ich fange gefühlt jedes Jahr beinahe bei Null an. „Seebeine kriegen“, hat meine Mutter das immer genannt, das unsichere Herumstolpern an Deck, wenn man nach einem Winter auf dem Sofa erstmals wieder aufs Wasser geht.

Der Südwestwind schickt kräftige Böen durch den Strander Hafen. Ich bin das erste Segelschiff an der Ostmole. Erwartungsvoll recken sich die Dalben mir entgegen – wo ging es nochmal zu meinem Liegeplatz?

Ich habe vor, mich in die beiden Achterleinen einzudampfen; schon 100x gemacht und trotzdem bin ich aufgeregt. Mein Kopf weiss, wie es geht. Mein Körper hat aber vergessen, was er wann und vor allem so nacheinander zu tun hat, um nicht quer in der leeren Boxengasse zu enden. Eine Böe drückt nochmal von hinten, das Wasser ist gefallen und wird weiter aus der Kieler Förde gedrückt. Die Dalben werden höher und höher, als ich die Backbord-Achterleine über den ersten wuchte. Ich stolpere zur anderen Seite und verpasse fast den zweiten Dalben. Ich fange an zu schwitzen, mein Schienbein tut mir weh. Ich hab mich mehrfach irgendwo gestossen.

Irgendwie geht alles gut, ich hänge nur ein wenig quer in den beiden Achterleinen, als ich über den Bugkorb mit der Luvvorleine an Land springe. Für ein mitleidiges Hafenkino war zu wenig Publikum da. Das erste Manöver ist geglückt, alles ist heil geblieben – und ich an Bord.

Die Eigentümer der Hafenkneipe am Fuß der Mole haben über Winter gewechselt. Der Laden heisst jetzt nach einem schwedischen Märchen. Glücklicherweise ist die Barfrau noch dieselbe, das macht den Übergang erträglich. Ich bestelle das erste Pierbier der Saison (die Biermarke hat auch gewechselt) und lächle den Wolkenfetzen zu, die in Richtung dänischer Südsee jagen. Bis bald, denke ich als ich Rasmus den ersten Schluck ins Hafenbecken gieße. Bis bald.

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Ertrinken in Dir

In zwei oder drei Milliarden Jahren wird unsere Milchstraße mit dem Andromeda-Nebel fusionieren. Sie werden ein paar Jahrhundertmillionen umeinander hertanzen und dann verschmelzen.


„Zwei oder drei Milliarden?“, du willst es ganz genau wissen. „Sag ich doch, zwei oder drei Milliarden“, antworte ich. Und kein Schwein wird sich daran erinnern, dass die Dinger Milchstraße und Andromeda hießen.

Wir liegen auf dem Rücken, der Sand in Laboe ist noch warm von der umwerfend sonnigen Woche, die hinter uns liegt. Du schaust in die Sterne, ich schaue in dich. Deine Nase hat mir immer schon gefallen, die von der Seite wie ein fast perfektes Dreieck aussieht. Ich muss unwillkürlich an einen Schwertfisch denken, wenn ich Dich sehe, aber das kann ich Dir natürlich nicht erzählen, das würde man ja kaum als romantisches Kompliment verstehen. Schade, denn im Grunde ist es eines.

Im Augenwinkel sehe ich die Existenz eines Kometen zu Ende gehen, er zerbricht in drei Teile, die hell über den Himmel jagen. „Ooooaaahh“, rufst Du begeistert. Und ich hoffe, dass Du Dir dasselbe wünschst, wie ich.

Du lächelst mich an, und ich versuche das auch. Wenn ich nur nicht so doll pinkeln müsste. Schiet, ich weiss doch, dass Bier bei mir diese Wirkung hat. Kalter Prosecco wäre auch viel stilvoller gewesen.
Da kommt mir eine Idee, als ich mir die verlassenen Strandkörbe so ansehe. Wir sind allein am Strand. »Komm, gehen wir schwimmen«.

Über uns die Sterne, das Wasser ist warm, und Du hast eine Gänsehaut, die ich soo sexy finde. Ich spüre sie unter Wasser, als wir uns umarmen, Wasser tretend. Mir ist nicht kalt, sondern wirklich heiß. Als wir uns küssen, stößt mich unten etwas an. Und bevor ich genau realisiere, was, ruckt dein Kopf nach unten. Dann wieder nach oben. Du schaust mich verwundert an, und lächelst sogar, als ein weiterer Ruck dich mir entzieht. Du bist weg. 

Ich bin allein. Das Wasser um mich herum fühlt sich komisch warm und zäh an. Mir wird kalt. Ich spüre meine Beine nicht mehr, obwohl ich immer noch meine Wasser zu treten. Ich schaue nicht nach unten, nein, ich will nicht. Ich schaue in den schwarzen Himmel. Spanische Musik weht in Fetzen vom Strand herüber, in der Tapasbar am Strand von Laboe ist mal wieder Halligalli angesagt. Die Nachtfähre nach Göteborg läuft mit voller Kraft aus der Förde als ich untergehe. »Fischfutter, Fischkutter, Milchstrasse« – 
… als ich wieder zu mir komme, sehe ich eigentlich nur ein dunkles Grün. Es ist still, und ich atme nicht. Langsam kommt alles wieder in Gang, als ob da eine Checkliste abgearbeitet wird. … Ob meine schwarze Lederjacke noch am Strand über dem Strandkorb hängt? Zusammen mit meiner Hose?