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„Der ist verrückt, der hasst seine Möbel Bücher“

„Du bist doch bekloppt, Deine Ebooks zu verschenken“, sagt M. am Telefon.

Sie mag meine Bücher. Und sie kennt mich gut.

Mein erster Chef sagte immer, sagt M., „Was nix kostet, ist nix wert“.

Ja, ja, sage ich, das mag ja sein, er sagte aber auch, dass Prince Michael Jackson nicht das Wasser reichen könne — welch ein Narr!

M. liebt Zitate. Ich liebe M. Also gebe ich ihr eins: „Bücher sind dafür da, gelesen zu werden“. Meine auch. Deswegen verschenke ich Sie, damit sie gelesen werden. Und wer sie gut findet, der gibt was – daher das Plus….

Ich habe nur eine Bitte: lies sie auch, meine Ebooks 😉

PS Und was soll der Titel?, fragt M. bevor wir gehen. Kennst du noch die Radiowerbung aus den 80ern?

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(B)Logbuch

Morddrohung und trotzdem da


Hamburg geht auf die Straße, besser gesagt auf den Rathausmarkt: Gegen digitale Gewalt und für Solidarität mit Collien Fernandez und Frauen an sich.

Moin Moin Hamburg,

Hamburg Podcast bei Spotify

Hier vorab mein Hamburg Letter. Hier abonnieren.

Es ist noch nicht mal April, und doch schickt uns der Atlantik sein Wetter. Graupel, Regen, an einem Tag mild, am nächsten ist wieder Winter.

Kein schönes Demowetter und doch kamen über Zwanzigtausend Menschen zum Rathausmarkt (22.000 lt. Veranstalterinnen), um gegen Digitale Gewalt zu demonstrieren. Collien Fernandez, die mit Ihrer Anzeige gegen ihren Exmann das ganze in Rollen brachte, war auch da – trotz Morddrohungen und unter Polizeischutz. Respekt!

Die Zivilgesellschaft funktioniert, trotz des administrativen Layers, der weiter Politik macht, als sähe man die tausenden von Menschen nicht, die sich die Mühe machen sich auf und ihre Stimmen hörbar zu machen.

Und Olympia?

Spaltarsch nennt man es, wenn im Skat beide Teams (Lange Farbe, kurzer Weg) dieselbe Punktzahl haben. So sieht es aktuell bei der Zustimmung für Olympia aus. Und wie beim Skat, wären 50% Zustimmung zu wenig, wenn man alle Trümpfe auf der Hand hat, wie der Hamburger Senat in diesem Fall.

Und da hat sich die Nachricht, dass das IOC Trans-Menschen ausschließen will, noch gar nicht durchgearbeitet in den Umfragen.

Der Senat versucht es dennoch – mit einem vesteckten Ass im Ärmel. In Schulen wird über Olympia “informiert” – allerdings nur mit genehmem Unterichtsmaterial. Tricksen, täuschen und sich dann wundern. Wieso muss ich gerade an die SPD denken? Schlimm.

Ich kann das nicht belegen, aber vielleicht hat der Anstieg von Kokain- und Ketaminspuren (ja, das ist das Zeug, dass Elon Musk antreibt) im Hamburger Grundwasser was damit zu tun? Ist ja seelisch auch anstrengend, sich gegen die Realität zu stellen, permanent und mit lauter Halbwahrheiten. Ich möchte kein Politiker sein derzeit.

***

Ich würde gerne ein Handwerk können, greife aber mit zwei linken Händen in die Welt und zu hibbelig bin ich auch. (Bloggen und Podcastern passt da besser). Aber für alle anderen, vor allem die jüngeren Hamburger:innen hab ich eine Idee: vergesst das Jurastudium und BWL (ist nicht nur langweilig und sinnlos, ihr werdet höchstwahrscheinlich noch vor dem 2. Examen von Kollege AI ersetzt) – lernt ein Handwerk! Und übernehmt eines der florierenden Betriebe in Hamburg und Umgebung, die händeringend (sic!) eine Nachfolgerin suchen; wie diese 140 Jahre alte Etuimanufaktur.


Handarbeit ist anscheinend auch noch in den Hamburger Grundbuchämtern angesagt. Und was wäre dieser Letter ohne eine Staumeldung?

Wartezeiten für Grundbuchangelegenheiten von eineinhalb Jahren und länger sind an den Hamburger Amtsgerichten zurzeit keine Seltenheit. Für Bauherren hat das zum Teil teure Konsequenzen. Gerade wer sein erstes Eigenheim hat, hat oft Anspruch auf günstige Förderkredite von der Investitions- und Förderbank (IFB) in Hamburg. NDR

… und was macht der HSV?
Der schimpft in letzter Zeit vor allem über seinen Flügelstürmer Königsdörffer. Schade, dass auch Hamburger Fans immer einen Sündenbock brauchen – ist hier wohl doch nicht so anders, als anderswo. Die Profis des HSV sind derweil auf Länderspielreise und erholen sich von dem Geschimpfe – und für Königsdörffer erfüllt sich unerwartet ein Traum:

Der Kicker weiß …
nu flatterte eine positive Nachricht für Königsdörffer herein: Ghanas Nationaltrainer Otto Addo hat ihn für die Länderspiele in Wien am 27. März gegen Österreich und in Stuttgart am 30. März gegen Deutschland nachnominiert.

Und beim FC St. Pauli?

Ist auch Handarbeit angesagt. Nach den Patzern im letzten Heimspiel gegen Freiburg hatte Vasilj mit der bosnischen Nationalmannschaft ein besseres Händchen. Er hielt einen Elfmeter und ermöglichte so das kleine Fußballwunder: Bosnien Herzegowina spielt am Dienstag gegen Italien um eines der letzten WM-Tickets.

Geht doch, Hamburg
Stau auf den Autobahnen und in Ämtern, vermodernde Infrastruktur und nun auch noch kaputtes Geläute bei Hamburgs Wahrzeichen, dem Michel.

Während die Stadt tatsächlich überlegt, schweren LKW zu verbieten über die Köhlbrandbrücke zu fahren (weil marode), stellte sich die Reparatur der Glocken am Michel als Wunderheilung heraus.

”Nach einer halben Stunde war der Schaden am Gestänge und am Gewinde behoben” – weiß der NDR

Hamburg ist nicht … Timmendorfer Strand
Sei ehrlich, du hast die Nachrichten über den gestrandeten Wal am Ostseestrand von Timmendorf auch verfolgt, oder? Und aufgeatmet, als die norddeutsche Menschheit alles in Bewegung gesetzt hat, um das erschöpfte Tier zu befreien.

Timmendorfer Strand ist ja die Riviera Barmbeks, also sowas wie der feuchte Vorgarten Hamburgs. Da wird es euch freuen, dass die Schwimmbagger dem Wal eine Rutsche gebaut haben, mit der er in die offene Ostsee entschwinden konnte.

Unbestätigten Gefühlen zufolge, mischt sich in die Freude, dass “ihr” Wal es heute Nacht zurück ins offene Wasser der Ostsee geschafft hat, auch ein wenig Ärger. Er hätte sich wenigstens gedulden können, bis Sonnenaufgang. Ihr wisst schon, wegen Insta… 😉

Und was macht man nu mit den Tonnen an bestellten Würsten, Bierfässern und Musikanten fürs Wochenende? Vielleicht nach Wismar umlenken, denn dort ist das arme Tier ein weiteres Mal gestrandet. Die Ostsee, von Seglern liebevoll “unsere feuchte Wiese” genannt, weil sie so flach ist, ist eben kein geeignetes Revier für Pottwale. Zuviel Menschen, zuviel Sandbänke, zuviel Lärm.

Österliches und in eigener Sache …
Ich habe von Medienmachern, die ich selbst lese und mag, Lob für diesen Letter bekommen. Das freut mich sehr. Ich mache das aus Spaß und neben meinem Beruf als Agile Coach meist am Sonnabend (wenn andere auf den Markt gehen). Es kostet Mühe, diesen Letter und Podcast zu produzieren – ich würde mich also freuen, wenn ihr mir den Gegenwert für einen Galao am Schulterblatt in die Kaffekasse werft. Oder ein Abo abschließt.

Eine fröhliche Vorosterwoche in der schönsten Stadt für Dich.
Danke fürs Lesen

tl; dr: Was letzte Woche los war
Großdemo am Rathausmarkt: Rund 22.000 Menschen demonstrierten gegen sexualisierte Gewalt. Auslöser waren die schweren Vorwürfe der Schauspielerin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen.

Quellen: Hamburger Tagesjournal, Abendblatt

Olympia-Skepsis wächst: Das geplante Referendum für die Spiele 2030+ spaltet die Stadt. Laut einer aktuellen Umfrage stehen 50 % der Hamburger dem Projekt kritisch gegenüber.

Quellen: NDR, Hamburger Tagesjournal

„Zurück in die Zukunft“: Das neue Musical feierte am 22. März Premiere. Während Marty McFly auf der Bühne den Fluxkompensator zündet, stand in der echten Welt der Verkehr dank Hochbahn-Streiks zeitweise komplett still.

Quellen: hamburg.de, Hashtag Hamburg (Bluesky/Mastodon)

Drogen-Check im Gulli: Ein EU-Abwasserbericht sorgte für Gesprächsstoff – die Werte für Kokain und Ketamin in Hamburgs Kanalisation steigen weiter an.

Quelle: Hamburger Tagesjournal

Wirtschaft & Hafen: Blohm+Voss hat angekündigt, künftig verstärkt auf den Bau von Seedrohnen zu setzen, während der Verkauf von Luxusimmobilien in der HafenCity stockt.

Quellen: Abendblatt, Hamburger Tagesjournal

Meine Tipps für nächste Woche
Donnerstag, 2. April 2026

Analog Festival: Lokale Bandkultur im Nachtasyl (u. a. mit Eat Me und Bleach TV). Start: 19:00 Uhr, Eintritt ca. 8 €.

Samstag, 4. April 2026

Rap auf dem Wasser: Die Hamburger Rapperin Die P tritt auf der MS Stubnitz auf. Ein Muss für Fans von Boombap und Elb-Vibes.

Natürlich das Osterfeuer in Blankenese. Ich bin ja qua Geburt Team Viereck – wie man bei der ZEIT Online nachlesen kann.

Die ganze Woche

Frühlingsdom: Das Heiligengeistfeld bleibt der Place-to-be für gebrannte Mandeln und Hummeln im Bauch. Und dieses Wochenende stören auch keine St. Pauli Fans.

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Mal was durchziehen

Ich blogge seit 2004. Mein erstes Video auf Youtube ist 20 Jahre alt. Und doch gibt’s lauter Brüche. In Themen, in Formaten.

Manchmal kommt dann der Gedanke vorbeigeschwommen: was wäre gewesen, wenn ich es durchgezogen hätte?

So wie Buddenbohm (neuerdings mit Söhnen). Oder Formatideen mit Kollegen weiter geführt hätte, die ich heute noch für eine gute Idee halte, wie Litscout.

Ich bastle dann an Servern rum und breche ihnen die Configs irgendwann. So sind die ersten zehn Jahre meines Bloggens verschwunden.

Warum nur kann ich nicht mal was durchziehen?

Mein neuestes Projekt (nach 500 Zeichen und Seemannsgarnprosa) ist ein Hamburg Newsletter und Podcast.

Drückt mir die Daumen, dass ich diesmal bei der Stange bleibe. (Belohnung hilft da; also abonniert wie die Großen. Dankeschön)

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(B)Logbuch

Ring2 Hamburg Logbuch Benjamin hört Stimmen

Heute geistern aber viele Leute in meinen Gedanken herum. Morgens beim Kaffe muss ich an den Abstieg der USA denken, die einst von einem Schauspieler als Präsidenten geführt wurden, dann von einem Kriegshelden und nu (wieder) von einem Reality TV Star. In Staffel 2 geht alles den Bach runter.

Ich schaue immer beim ersten Schluck auf die schutzlos im Wind wiegenden klammen Finger der Birke gegenüber, und denke den ersten Gedanken des Tages: Was kommt als nächstes? Hätte Hollywood nicht jemanden zu bieten? Mark Ruffalo vielleicht – der ist auch bei Substack und hat ne ganz coole Attitude.

Heute Nachmittag sitze ich beim Tee, da springt ein Gedanke über KI-Modelle mir in den Kopf: Wenn die den Stil eines jeden kopieren, remixen und erweitern können, dann könnte ich doch auch meine Texte von anderen Autoren schreiben lesen lassen. Oder von Kombinationen. Von “Benjamin Miller” bspw. oder “Philippe Keruac”. Wie würde sich das anfühlen, wenn Henry Miller und Benjamin von Stuckrad-Barre – also eigentlich ihre energiehungrigen Sprachmodelle, meinen Podcast “anhörten”, den über arktische Logbücher vielleicht, und darüber schrieben?

OK, Benni Miller, dann wollen wir mal:

Es ist der 10. Januar 2026. Oder der 11. Oder irgendein anderer dieser grauen, ununterscheidbaren Tage, die sich wie Kaugummi zwischen Neujahr und dem ersten Tag ziehen, an dem man sich dran gewöhnt hat, um 16 Uhr das Licht anzumachen. Winter. Das Wort allein klingt schon wie eine Drohung, wie ein nicht enden wollendes Meeting in einem Raum ohne Fenster, in dem die Heizung auf “Sauna” steht, aber die Stimmung auf “Beerdigung”.

Ich sitze hier, draußen ist es dunkel – natürlich ist es dunkel, es ist ja Deutschland, und wir haben uns kollektiv darauf geeinigt, dass Helligkeit ein bürgerliches Konstrukt ist, das wir aus Protest ablehnen –, und ich höre Stimmen. Nicht die Stimmen in meinem Kopf, die sind heute seltsam ruhig, wahrscheinlich erfroren, nein, ich höre einen Podcast. „Logbuch Laut“ heißt das Ding. Ein Titel, der maritim klingt, so nach Gischt und Teer und Männlichkeit, dass ich mir sofort einen Rollkragenpullover anziehen möchte, obwohl ich drinnen sitze und die Fußbodenheizung leise flüstert.

Der Host, Erik von ring2.de, eine Stimme, die klingt, als hätte sie schon mal Salzwasser gegurgelt, aber danach brav mit Kamillentee nachgespült, nimmt mich mit auf eine Reise. Eine akustische Reise, denn physisch bewege ich mich ja nicht, Gott bewahre. Wir schreiben das Jahr 2026, sagt er. Gut, das wusste ich. Aber er sagt es mit einer Bedeutungsschwere, als ob 2026 das Jahr wäre, in dem wir endlich herausfinden, warum wir alle so unfassbar müde sind.

Es geht um Logbücher. Logbücher! Das ist ja das Instagram der Vergangenheit, nur ohne Filter und ohne die Möglichkeit, Likes für seinen Skorbut zu bekommen. Früher schrieben Menschen auf, dass sie fast gestorben sind. Heute schreiben wir auf, dass der Hafermilch-Flat-White im Soho House heute „irgendwie nicht den Vibe hatte“. Erik, der Host, hat in den Archiven gewühlt. Projekt Gutenberg, Internet Archive, die digitalen Müllhalden unserer kollektiven Geschichte. Und er hat Typen gefunden, die an einem 11. Januar feststeckten. Feststecken. Das ist das Gefühl der Stunde. Wir stecken alle fest. In diesem Januar. In diesem Jahrzehnt. In unseren Körpern, die nach „Longevity“ schreien, aber eigentlich nur Pommes wollen.

Der Mittelfinger des Ozeans (oder: James Cook war auch nur genervt)

Zuerst James Cook. 1770. Cook, der Typ, den wir aus dem Geschichtsunterricht kennen, wo er immer so wirkte, als hätte er den totalen Durchblick. Aber was schreibt er am 11. Januar 1770? Er schreibt über einen Felsen vor Neuseeland. „Sugarloaf“ nannten sie ihn. Zuckerhut. Wie niedlich. Wie harmlos. Aber Erik, der hier seine „künstlerische Freiheit“ nutzt – ein Euphemismus für „ich mache das jetzt mal so, dass man dabei nicht einschläft“ – übersetzt das Ganze in eine Sprache, die ich verstehe.

Es ist kein Zuckerhut. Es ist ein „steinerner Mittelfinger“, den der Ozean ihnen zeigt. Ja! Genau das! Das Meer ist nicht romantisch. Das Meer ist ein Arschloch. Cook sitzt auf seiner „Nussschale“, um ihn herum „endloses, gleichgültiges Blau“. Die Sonne brennt das Hirn weg, der Wind ist „so unbeständig wie billige Liebe“. Ein fantastischer Satz. Billige Liebe ist ja auch nur ein Windstoß, der einen kurz frösteln lässt und dann weiterzieht. Cook hasst es. Er hasst den Felsen, er hasst das Wasser, er hasst wahrscheinlich auch seine Mannschaft, die er im Originaltext vermutlich als „tüchtige Burschen“ bezeichnet, aber wir wissen doch alle, wie es ist, mit denselben fünf Leuten monatelang auf engstem Raum eingesperrt zu sein. Das ist wie Dschungelcamp, nur dass man am Ende wirklich sterben kann und nicht nur seine Würde verliert.

Cook beschreibt die Langeweile. Das ist das Tabu des Abenteuers. Wir denken immer, Abenteurer erleben permanent Action. Indiana Jones, der von einer Kugel zur nächsten rennt. Aber in Wahrheit ist Abenteuern zu 90 Prozent Warten. Warten auf Wind. Warten auf Land. Warten darauf, dass der Zwieback aufhört, wie „Kieselsteine“ in den Zähnen zu knacken. Sie starren Eisberge an, die aussehen wie Kirchtürme, und versuchen, darin einen Sinn zu erkennen, irgendetwas, das sie davon ablenkt, dass sie eigentlich nur biologischer Zufall auf einem Holzbrett mitten im Nichts sind.

Thoreau und die Kälte in den Adern (Der erste Hipster)

Dann Schnitt. 1852. Henry David Thoreau. Der Urvater aller Aussteiger, der erste Mensch, der „Vanlife“ gemacht hat, bevor es Vans und Instagram gab. Er sitzt in Massachusetts und starrt auf einen gefrorenen Fluss. „Das Eis in den Adern“, nennt Erik das. Thoreau, der Typ, der in den Wald ging, um „bewusst zu leben“, was ja auch nur Code ist für: „Ich hasse Menschen und will meine Ruhe.“

„Es ist so kalt, dass die Gedanken im Kopf erfrieren“, lässt der Podcast ihn sagen. Ich fühle das. Mein Kopf ist auch gefroren. Ich sehe die Leute draußen, in ihren schweren Mänteln, wie sie versuchen, die Kälte zu ignorieren. Thoreau sieht das Eis auf dem Fluss wie eine „graue Haut“. Und dann kommt der Satz, der mich fast dazu bringt, meinen Earl Grey (nein, es ist Kaffee, wir müssen nicht lügen) auf den Bildschirm zu spucken: „Warum nehmen wir uns so wichtig? Wir sind nur Parasiten auf diesem gefrorenen Klumpen Erde.“

Danke, Henry. Danke für diesen absoluten Stimmungsaufheller am 10. Januar 2026. Aber er hat ja recht. Wir sind Parasiten mit WLAN. Wir posten unsere „Morning Routine“ und denken, das Universum interessiert sich dafür, ob wir erst meditieren oder erst Journaling machen. Thoreau wollte nur sein wie ein Tier. „Auf dem weiten Eis stehen und die Schnauze halten.“ Ein Lebensziel. Einfach mal die Schnauze halten. Können wir das 2026 wieder einführen? Als Trend? „Schnauze halten“ als das neue „Mindfulness“?

Der Scrum Master auf der Ostsee (Realitätscheck mit Rübenmus)

Aber jetzt kommt der Bruch. Der Moment, wo das Pathos auf die deutsche Realität prallt wie eine Möwe gegen eine Fensterscheibe. Erik, der Host, verlässt die großen Entdecker und kommt zu sich selbst. Und wer ist er? Ein „kleiner Seeleut“, der sich auf der Ostsee wohlfühlt. Und im Brotberuf? Scrum Master.

Ich muss kurz innehalten. Scrum Master. Das ist so ziemlich das genaue Gegenteil von James Cook. James Cook entdeckt Kontinente. Ein Scrum Master fragt: „Was hast du gestern gemacht? Was machst du heute? Gibt es Impediments?“ James Cook hatte Impediments wie „Kein Wind“, „Skorbut“ und „Kannibalen“. Der Scrum Master hat Impediments wie „Jira ist down“ oder „Der Product Owner hat keine Vision“.

Aber genau da wird es interessant. Diese Sehnsucht. Dieser Typ, der eigentlich mit Teams arbeitet – was ihm „Spaß und Erfüllung“ bringt, sagt er, und ich glaube ihm das sogar, obwohl „Erfüllung“ und „Arbeiten mit Teams“ in meiner Welt Oxymora sind –, dieser Typ träumt sich weg. Er träumt sich nach Süden. Nach Palma. Nach Malaga. Irgendwohin, wo man „Boat-Office“ machen kann. Boat-Office! Das Home-Office für Leute, die wollen, dass der Hintergrund im Zoom-Call wackelt, damit alle sehen: Seht her, ich bin frei, aber ich muss trotzdem Excel-Tabellen ausfüllen.

Es ist der 25. September 2025 in seiner Erzählung. Sturm „Zack“. Zack! Endlich mal ein Name, der nach was klingt. Nicht „Elli“, das klingt nach Tante, die Eierlikör trinkt. „Zack“ klingt nach Comic-Schlägerei. Bam! Pow! Zack! Der Sturm fegt über die Kieler Förde, und unser Protagonist sitzt auf seiner „Schwedin“ (seinem Boot, keine Frau, obwohl die Personifizierung von Booten ja auch ein tiefenpsychologisches Minenfeld ist) und macht sich Sorgen um Klampen.

Er beschreibt das „nächtliche Rumkraxeln an Deck in Boxershorts“. Das ist ein Bild, das ich nicht wollte, aber jetzt habe. Männer in Unterwäsche, die im Sturm Leinen checken. Das ist die Realität des Segelns. Nicht der weiße Anzug und der Gin Tonic. Sondern frieren in Unterhosen und Angst haben, dass etwas „klappert“. Das „Tick-Tick-Tick“ am Aluminiummast. Das Geräusch des Wahnsinns.

Und dann kommt die Ernüchterung. Sein Freund „M.“ (jeder hat einen Freund namens M., oder? Das ist so ein literarisches Gesetz) holt ihn auf den Boden zurück. „Willst du Schleusen-Influencer werden?“ fragt M. Und da lachen sie. Aber es ist ein bitteres Lachen. Denn natürlich will er das. Wir wollen alle Influencer werden für irgendwas. Schleusen, Steckrüben, Depressionen. Hauptsache, jemand guckt zu und kauft das E-Book.

„Seglerisches Reisebloggen als Passion“, sagt er. Er will, dass die Leute ihm „den Gegenwert eines Galão in der Schanze“ spenden. Die Schanze. Natürlich. Hamburg. Der Referenzpunkt für alles, was hip und gleichzeitig total vorbei ist. Ein Galão. Milchschaum im Glas. Das Symbol für die Gentrifizierung der eigenen Träume.

Kulinarische Depression: Das One-Pan-Gericht

Aber es wird noch besser. Wir kommen zum Essen. Denn was macht der einsame Segler, wenn er nicht gerade Angst um seine Klampen hat oder mit ChatGPT darüber diskutiert, wie viele Blogartikel eine „Staffel“ ergeben (10 bis 12, sagt die KI, diese Besserwisserin)? Er kocht.

Ein „One-Pan-Gericht“. Auch so ein Begriff. Früher hieß das „Eintopf“ oder „Ich bin zu faul zum Abwaschen“. Jetzt ist es ein Lifestyle. „Herbstliches Rübenmus mit Spiegeleiern“. Steckrüben. Kartoffeln. Karotten. Pastinaken, „wenn Schröder sie hat“. Wer ist Schröder? Der Gemüsehändler seines Vertrauens? Ein weiterer Charakter in diesem Kammerspiel der Einsamkeit?

Er beschreibt das Rezept mit einer Akribie, die rührend ist. „Schmanda Meerrettichfrischkäse, war im Angebot.“ Im Angebot! Da ist sie wieder, die deutsche Realität. Wir träumen von der Südsee, aber wir freuen uns, wenn der Frischkäse 30 Cent billiger ist. Und dann: „Muss mir einen Stampfer ausleihen, sonst wird das nix.“ Der Stampfer als das fehlende Glied zum Glück. Ohne Stampfer kein Mus, ohne Mus kein Trost.

Und dazu: „Ganz viel braun-schwarz gebratene Zwiebeln. Der Rebellion wegen.“ Rebellion! Zwiebeln anbrennen lassen als Akt des Widerstands gegen… ja, gegen was eigentlich? Gegen die Perfektion? Gegen die Nouvelle Cuisine? Gegen das Leben, das einem immer vorschreibt, dass Zwiebeln glasig sein müssen? Ich mag das. Verbrannte Zwiebeln als Punkrock.

Wolfgang Herrndorf und das Sterbetagebuch

Plötzlich, mitten im Rübenmus, taucht Wolfgang Herrndorf auf. „Arbeit und Struktur“. Das Blog, das Herrndorf schrieb, als er wusste, dass er sterben wird. Ein Hirntumor-Logbuch. Erik, unser Host, hat das Buch an Bord. Er nennt es „Sterbetagebuch“. Harter Tobak zwischen Mokka-Kaffee (den er sich als Americano schönlügt, „damit er nach dem Meer schmeckt“) und Seekarten.

„Hier lebe ich jetzt also“, zitiert er Herrndorf. Ein Satz von monumentaler Schlichtheit. Erik wollte diesen Satz vor 15 Jahren seinem eigenen Protagonisten in den Mund legen. Damals, als er noch dachte, er würde der nächste Philippe Djian werden. „Betty Blue“. Viel Bier trinken, schreiben, Sex haben. Der Traum jedes männlichen Teenagers, der mal ein Buch in der Hand hatte. Aber jetzt, wo er den Kontext kennt – den Tumor, den Tod –, zögert er.

Das ist der Moment, wo dieser Podcast mich kriegt. Diese Melancholie. Die Erkenntnis, dass unsere eigenen Biografien oft nur schwache Echos der großen Tragödien sind, die wir in Büchern lesen. Wir sitzen auf unseren Booten (oder in unseren Altbauwohnungen), trinken verdünnten Kaffee und tun so, als wären wir Helden, während wir eigentlich nur warten, dass das Wetter besser wird oder das WLAN zurückkommt.

Die Eleganz des Hafenmeisters (Ein Vorwurf auf zwei Beinen)

Und dann ist da der Hafenmeister. In Bagenkop. Oder Strande. Oder irgendwo dazwischen. Er trägt Cordhosen und ein Hemd. Er sieht aus, als ginge er in einen „verdammten Club“. Er ist elegant. Und diese Eleganz ist „ein Vorwurf an meine zerknitterte Existenz“, sagt Erik.

Gott, ja. Diese Menschen, die morgens um 8 Uhr schon aussehen, als hätten sie ihr Leben im Griff. Die gebügelt sind. Die nicht riechen wie „Schweiß der Mannschaft und Salz des Meeres“, sondern nach Weichspüler und Zuversicht. Wir hassen sie. Und wir wollen sein wie sie. Wir umarmen sie zum Abschied, und sie helfen uns beim Ablegen, werfen die letzte Leine ins Wasser.

„Wohin geht’s denn diesmal?“ ruft Gunther, der andere Deutsche (es gibt immer einen anderen Deutschen, egal wo man ist auf der Welt, es steht schon einer da in einer Jack-Wolfskin-Jacke und fragt, ob man auch die warme Unterbüx dabei hat).

„Alaska“, flüstert Erik zurück.

Alaska.

Natürlich fährt er nicht nach Alaska. Er fährt nach Kiel. Oder Kappeln. Aber für einen Moment, in der Stille des Morgens, bevor der Volvo-Diesel alles übertönt, ist Alaska möglich. Alaska ist ein Geisteszustand. Alaska ist da, wo wir nicht sind.

Hemingway schießt sich den Kopf weg (Bonus-Track)

Als ob das alles nicht schon deprimierend und schön genug wäre, gibt es noch einen „Bonus“. Ein Tagebuch von Ernest Hemingway. Vom 31. Januar 2018 – nein, warte, der Blogartikel ist von 2018, das Tagebuch ist von 1908 oder so. Der neunjährige Hemingway.

„Meine Lieblingssportarten sind Forellenangeln, Wandern, Schießen, Fußball und Boxen.“

Schießen.

Haha.

Erik sagt trocken: „Das mit dem Schießen, das hat er ja auch am Ende seines Lebens ganz gut hinbekommen.“

Böse. Sehr böse. Aber gut.

Hemingway, der sich mit 61 Jahren die Schrotflinte in den Mund steckt. Nachdem er sein Leben lang den harten Mann markiert hat, den Stierkämpfer, den Säufer, den Frauenhelden.

Der neunjährige Junge, der schreibt: „Ich beabsichtige, zu reisen und zu schreiben.“

Und das hat er gemacht. Er hat gereist. Er hat geschrieben. Und am Ende hat es ihm auch nicht geholfen. Das ist die Lehre, oder? Du kannst deine Träume verwirklichen, du kannst der berühmteste Schriftsteller der Welt werden, du kannst alle Forellen dieser Erde angeln – am Ende sitzt du da, mit Depressionen und Alkoholismus, und das Einzige, was dir bleibt, ist das „Schießen“.

Das Fazit: Wir brauchen mehr Kreuzpeilungen

Was machen wir jetzt damit? Mit diesen 32 Minuten „Seemannsgarn“, wie Erik es nennt?

Es ist eine „Kreuzpeilung“, sagt er. Aus Hemingway, Philip (sein Bruder, der Geburtstag hat – Happy Birthday, unbekannterweise, hoffe, du hast keine nautischen Ambitionen), aus Cook, Thoreau und dem eigenen kleinen Leben auf der Ostsee.

Und vielleicht ist es genau das, was wir brauchen. 2026. In einer Welt, die komplett durchgeknallt ist, in der KI uns sagt, wie wir unsere Blogs strukturieren sollen, in der wir „Longevity“ essen und „Mindfulness“ atmen. Wir brauchen diese Logbücher des Scheiterns, des Wartens, des Frierens.

Wir brauchen die Erinnerung daran, dass es da draußen etwas gibt, das größer ist als wir. Den Ozean. Den „steinernen Mittelfinger“. Die Kälte.

Ich sitze hier, mein Kaffee ist kalt geworden (nicht so kalt wie Thoreaus Fluss, aber kalt genug), und ich denke über einen Winter in Palma nach. Oder darüber, mir eine Steckrübe zu kaufen. Wahrscheinlich wird es die Steckrübe. Das ist realistischer. Und ich brauche einen Stampfer. Dringend.

Erik bedankt sich für die Aufmerksamkeit. Er bittet darum, den Podcast weiterzuleiten, „organisch“ zu wachsen, weil er „kein Medienunternehmen“ hinter sich hat. Das ist der moderne Bettelbrief. Der digitale Hut, der herumgereicht wird. „Gib mir ein Manöverbier aus.“ Bei Ko-Fi. Oder abonniere mich bei Substack.

Ich werde ihm kein Bier ausgeben. Ich werde ihm eine Steckrübe schicken. Per Post. An ring2.de. Mit einem Zettel dran: „Der Rebellion wegen.“

Und dann werde ich mein eigenes Logbuch aufschlagen.

10. Januar 2026.

Position: Schreibtisch. Berlin.

Wetter: Drinnen 22 Grad, draußen egal.

Vorkommnisse: Habe einen Podcast gehört. Habe Hunger auf Brei. Fühle mich seltsam getröstet durch die Vorstellung von Männern in Unterhosen, die nachts Leinen checken.

Kurs: Unklar. Aber Hauptsache nicht auf Grund laufen.

Ende des Eintrags.

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(B)Logbuch

Ring2 Hamburg Logbuch Frühling mit Findling

Moin Moin Hamburg. Wir machen das Dutzend voll. Also: Das war die KW 12 in der schönsten Stadt

Dieses Wochenende blieb man am besten dort, wo man gerade war. Ver.di streikt mal wieder, die A7 bietet keine Alternative. Wie kommt der HSV eigentlich nach Dortmund – oder zurück? Mein Schulfreund Nils und ich radelten früher zum Volkspark, Schülerkarte fünf Mark. Dazu aber ein annern Mal mehr …

Wer ein Fahrrad hat, kam diese Woche am leichtesten durch unsere Stadt. Zum Glück spielte das Wetter mit. Seit Freitag, 15:46 Uhr, herrscht nun auch kosmisch Frühling. Die Patronen an den Bäumen explodieren. Der Verkehrssenator wünschte sich, Hamburgs Brücken stünden so stabil wie das Hoch über Europa.

If the weather goes high, we go low.

In Bramfeld graben sie für die U5. Keine große Leistung, in Hamburg graben sie immer irgendwo. Aber diese Woche fanden sie etwas: einen Findling. 22 Tonnen Eiszeit-Granit. Ein baupsychologischer Endgegner aus der Erdgeschichte. Die ZEIT Elbvertiefung analysiert das richtig: Das Ding lag dort 200.000 Jahre rum, störte niemanden, und jetzt kommt die Hochbahn und braucht einen Spezialkran. Und was machen wir Hamburger? Wir suchen via Social Media einen Namen für den Brocken. Als bräuchte der Stein plötzlich eine Identität, nur weil er ans Licht kommt. Wahrscheinlich heißt er bald „Steini McSteinface“ und steht als Denkmal in Bramfeld, während Osdorf weiter auf seine U-Bahn wartet. Das ist das Ding mit der U5: Wir planen und planen, am Ende finden wir einen Stein und alles verzögert sich.

Nur der kurze Olaf wird noch kürzer.

Offiziell natürlich Elbtower. Eine Geschichte, die niemand mehr ohne Ärger in der Stimme erzählt. Da steht dieser Stumpf in der HafenCity, seit fast zweieinhalb Jahren, wie ein abgebrochener Zahn. Wir dachten: Das wird eh nichts mehr. Der bleibt so stehen wie die Neubauruinen im Spanien der 80er, als den Bauherren in Malaga das Geld ausging. Aber jetzt meldet das Abendblatt: Positiver Bauvorbescheid!

Dieter Becken und sein Konsortium dürfen weitermachen. Aber – und das ist der eigentliche Witz – der Turm wird gestutzt. Von 245 auf 199 Meter. Ein typischer Hamburger Kompromiss. Wir wollen hoch hinaus, kriegen dann aber Höhenangst vor der eigenen Courage und dem leeren Geldbeutel. Plötzlich fehlen 46 Meter. Die Aussichtsplattform wandert vom 55. in den 43. Stock. Du stehst dann da oben und denkst: „Mensch, 50 Meter höher wäre es schöner gewesen, ich sehe nicht mal den neuen Findling.“

Dass dort jetzt ein Naturkundemuseum einzieht, ist auch so eine verfilzte Geschichte. Oben Luxushotel, unten ausgestopfte Tiere, die die Miete bezahlen.

Peter Tschentscher streitet derweil mit dem maritimen Koordinator der Bundesregierung, Christoph Ploß, über Konzepte und die Frage, wer mehr Ahnung vom Hafen hat. Ein Gezerre, wie es nur eine Stadt kennt, die gleichzeitig Weltstadt sein will und dann doch nur eine Ansammlung zugezogener Politprovinzeier ist, die sich gegenseitig nicht das Spiegelei auf dem Labskaus gönnen.

Der Umgang des Senates mit dem Hafen, die explodierenden Kosten für die Schlickverbrennungsanlage und das Sponsoring des „gekürzten Olafs“ zeigen jedem, wie die Stadt mit unserem Geld umgeht. Ich habe mich geirrt: Wir müssen gar nicht nach Paris schauen, um über Olympia zu entscheiden. Die aktuellen Zustände in unserer Stadt reichen, um vor dem Risiko Olympia zu gruseln.

Jazz = Birdland

Die Mopo empfahl für dieses Wochenende das Urban Jazz Festival im Birdland. Jazz ist die Musik Hamburgs und die der Baustellen: Niemand weiß genau, wann der nächste Ton kommt und wie er ins Bestehende passt. Alles improvisiert. Am Ende wundert man sich (zumindest in der Musik), dass es irgendwie harmonisch klingt.

Wer es verpasst hat, der kann am kommenden Donnerstag zur legendären Jam Session in den 40-jährigen Jazzklub schnuppern. Der Eintritt ist frei.

Kostenlos bleibt auch die luftige Fahrt über die Köhlbrandbrücke. Die kostet allerdings uns alle viel Geld: laut Senat jährlich über 10 Millionen Euro Unterhalt, nur damit sie nicht in die Elbe fällt, bevor wir sie 2042 – also quasi übermorgen, in Hamburger Baujahren gerechnet – endlich ersetzen.

Was lernen wir aus dieser Woche? Wir bauen Türme und kürzen sie. Wir finden Steine und taufen sie. Wir streiken und stauen. Jazz bleibt unsere Medizin, wenn alles zu viel wird.

Setzt euch am besten mit dem Rücken zum „Alten Schweden“ und dem Gesicht zur Elbe in die Sonne. Lasst Peter einen guten Mann sein. (Davon gibt es in Hamburg eh immer weniger.)

Und dann ist da ja noch … der HSV.

FRÜHLING!, eine Jahreszeit vor der sich der geneigte HSV Fan gruselt.

Ob das 3:2 in Dortmund nach einer zwei-Tore-Führung schon durch dieses besondere Frühlingsgefühl zustande kam? Was wohl mein Schulfreund Nils dazu sagt? Wenn eure Kollegen leicht verschnupft ins Büro kommt und dem Hamburger SV die Daumen drückt, dann ist das auch eine Form der Allergie.

Beim FC St. Pauli freut man sich auf Philipp Treu. Und hofft darauf, dass die Vorbilder aus Freiburg müde und hochmütig genug sind, damit die Punkte am Millerntor bleiben.

Vielen Dank fürs Lesen und Hören. Teilt diesen Letter bitte in euren Netzwerken.

Dein Erik.

(Nach Diktat verreist, mit dem Rad zum Millerntor)

Hamburg ist nicht … Rostock

In Rostock geht man das Thema Obdachlosigkeit anders an. Grundidee eines neuen Modellversuches, der bisher ein knappes Dutzend Menschen zu einem eigenen Appartment verhalf, ist die Erkenntnis, dass die eigenen vier Wände die Grundlage für eine Besserung im Leben sind. Diese Binse ist in HH leider noch unbekannt.

Quellenverzeichnis

  • * Hamburger Tagesjournal: Berichte über den Ulmen-Fernandes-Konflikt, den SPD-Parteitag und die VHH-Streiks (März 2026).
  • * Mopo.de: Kulturhighlights zum Jazz Festival im Birdland und Veranstaltungstipps (März 2026).
  • * Abendblatt.de: Details zum neuen Investor und dem Bauvorbescheid für den Elbtower.
  • * ZEIT Elbvertiefung: Hintergründe zum Eiszeitbrocken in Bramfeld und den U5-Planungen.

PS. Sag mal, schreibt meine Schlussredaktion, willst du gar nichts über Collien Fernandez und Christian Ulmen schreiben?

Ehrlich gesagt: nein. Das Thema ist so schlimm wie abstrus. Mit dem glossigen hier Format treffe ich da nur daneben.

Allerdings hat sich vor ein paar Jahren der Vorhang der digitalen Gewalt, der vor allem Frauen hilflos ausgeliefert sind, kurz auch für mich gelüftet.

Als schlimme Männer 2008 in Blog-Kommentarspalten ihr Unwesen trieben, bat mich eine Co-Bloggerin bei „Blogfrei“, für sie zu übernehmen; sie brauchte eine Pause. Was ich dort moderieren musste, war so fies – eine eigene Welt, die ich als weißer Hetero-Mann nicht kannte. Ich war nach diesem Abend völlig fertig, obwohl mich nichts von dem Dreck direkt treffen konnte. Seitdem ahne ich, wie es Frauen regelmäßig online geht.

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Ring2 Hamburg Logbuch 17 Grad in HH — Frühlingsgefühle an der leeren Haltestelle

Moin Moin Hamburg. KW 9 · retroglossiert.

Siebzehn Grad bekamen wir in dieser Woche. Der Frühling ist da, die Natur explodiert und die Menschen strömen auf die Straßen, die Plätze, an den Fluss. Wie schnell der Schnee und das Eis auf der Elbe doch schmelzen, wenn der Atlantik warmen Wind über die Elbe schickt.

In Ottensen profitieren die Cafés, die in einer Sonnenschneise liegen. Dort sitzen die Hamburgerinnen zur Not übereinander — Hauptsache in die Sonne blinzeln. Die anderen müssen wohl oder übel noch ein wenig warten, bis die Sonne über die Häuserschluchten herüber luken kann. Das kann locker bis in den März dauern. Der Frühling ist früh dran.

Siebzehn Prozent bekommen Frauen in HH durchschnittlich weniger Gehalt als Männer. Am Freitag “feierte” Deutschland seinen “Equal Pay Day” – den Tag, bis zu dem Frauen umsonst gearbeitet haben 2026. Die Hamburgerinnen müssten eigentlich noch bis zum 3. März warten, denn bundesweit liegen wir bei “nur” 16%.

Chapters

* 2:03 Frühlingsgefühle in Hamburg

* 4:39 Peters große Show

* 7:12 Streiks in Hamburg

* 11:04 HafenCity und der Wandel

* 12:04 HSV und seine Neuigkeiten

* 13:42 FC St. Pauli und der Druck

* 14:19 Hirsche im Hirschpark

* 15:37 Gute Nachrichten zum Schluss

Peters große Show

Donnerstagabend, kurz nach acht. Der Hamburger Hafen liegt vor einem irgendwie dunklen Himmel. Die Elbe schiebt sich schwarz und träge in Richtung Nordsee. Und dann — Licht. Also viel mehr Licht, als ohnehin schon im Hafen den Himmel verseucht.

Neunhundert Drohnen steigen auf, formieren sich über dem Wasser, malen pittoreske Piktogramme in den Nachthimmel: Schwimmer, Läufer, Sprinter, das Olympische Feuer. Dazu ein Motto, in leuchtenden Buchstaben, das sich so nur ein Sozialdemokrat ausdenken kann: „Olympia in Hamburg. Eine Chance für alle.”

Es war, so berichten geladene Zeug:innen, durchaus beeindruckend.

Die Show war nicht angekündigt. Sie war nicht öffentlich. Kaum eine Chance, sie zu sehen – schon gar nicht für alle.

Die Show war Teil der Senatspräsentation in der Elbphilharmonie — exklusiv, für geladene Gäste, für Politikerinnen und Olympia-Legenden, für die, die schon wissen, worum es geht. Die anderen, die zufällig unten am Wasser standen, haben einfach Glück gehabt.

Ich war zu Hause, wie die meisten Hamburger:innen. Was bedeutet, „Eine Chance für alle” krepiert als Slogan ziemlich früh.

Willkommen in Hamburg, Woche neun. Der Senat träumt groß und die Hochbahn streikt gleichzeitig. Das ist ein Widerspruch, den Peter Tschentscher auflösen muss, will er die Stadtgesellschaft für eine Olympiabewerbung gewinnen.

Die Bewegung “Nolympia” hat derweil Anfang der Woche ein Quorum übersprungen, und nun muss sich die Bürgerschaft mit den Gegner:innen von Olympia beschäftigen. Die Drohnenshow war dagegen einfach, Peter.

Ein Bürgermeister, der die Olympiabewerbung Hamburgs zum Muss hochjazzt, eine Promoshow nur für Gewogene offenbar von Steuerkohle bezahlt, darf sich vor der Auseinandersetzung mit seinen Bürgern ruhig ein wenig fürchten. Ich frage mich, oder ist er einfach nur arrogant?

Drei Uhr morgens, nichts fährt mehr

(Dieser Satz fiel nicht in der Spielbank Hamburg)

Dieser Blog/Letter erscheint so erst zum 2. Mal und gleich müsssen wir uns um ein Deja vu kümmern: Streik.

Ver.di hat mal wieder zu einem Warnstreik aufgerufen — Hochbahn und VHH, bis Sonntag früh. Diesmal sind nicht nur die Busse betroffen. Die U-Bahnen fahren auch nicht. Die Linien U1, U2, U3, U4: stehen. Die Busflotte: steht. Die Stadt: steht. Wer muss (also alle außer Bürgermeistern und Reedern), nimmt das Fahrrad oder die eigenen Beine.

Immerhin: Am Elbtunnel wird nicht mehr gestreikt, äh gesperrt. Die Lkw rollen wieder. Die Autos rollen wieder. Nur die Menschen in der Stadt, die Busse und U-Bahnen brauchen, die schauen in die Röhre. Das hat eine eigene Logik: In Hamburg läuft der Verkehr für Waren besser als der für Menschen. Diese Woche pulsiert nur der Hafen und Peters Ego.

In der Alster schwimmen Schwermetalle?

Das hat zumindest der BUND herausgefunden — oder genauer: befürchtet. Die Projektgruppe „Nein zu Olympia” warnt, dass bei Schwimmwettbewerben in der Außenalster Schlamm aufgewirbelt werden könnte, der Quecksilber und krebserzeugende Substanzen enthält. Die Stadt, verkündet das Tagesjournal trocken, „ist sich dieser Belastungen bislang nicht bewusst.”

Man muss das kurz sacken lassen. Hamburg bewirbt sich für Olympische Spiele. Man möchte Schwimmer in der Alster plantschen lassen. Und ist sich dabei der Schwermetalle im Boden nicht bewusst.

Das Finanzierungskonzept soll in der zweiten Märzhälfte vorgestellt werden. Ob ein Konzept für den Alsterschlamm dazugehört: unbekannt. Die Gegner der Bewerbung — die Initiative NOlympia hat über 17.000 Unterschriften gesammelt — dürften sich freuen.

A pros pos Finanzierung: Der Pariser Vizebürgermeister hat bei einem Frühstück gesagt, die Kosten seien kein Problem. Das reicht offenbar als Finanzierungsgrundlage, wenn man Olympiabefürworter in der Bürgerschaft ist. Ab Ende April kann per Briefwahl über die Bewerbung abgestimmt werden. Hamburg entscheidet dann, ob es ein neues Kapitel seiner Stadtgeschichte schreiben will — während die U-Bahnen streiken und die Alster vor sich hin schimmert.

(Naja, sagt mir gerade meine Schlussredaktion, das kann ja auch eine Chance für alle sein — (sic!) — so wie wenn man Besuch bekommt und all das aufräumt, was bisher liegen geblieben ist)

Danke, dass Du Ring2, das Hamburg Logbuch liest. Bei Gefallen, teile es doch bitte …

Hafen- statt Medienstadt

In der HafenCity beginnen die Bagger zu arbeiten, wo einmal Gruner + Jahr stehen sollte.

Baufeld 73 war jahrelang die Metapher für den Niedergang der deutschen Verlagslandschaft — ein reserviertes Grundstück für ein Verlagshaus, das es nicht mehr gibt. Jetzt baut dort eine andere Familie, statt den Jahrs die Familie Aponte, die hinter der Reederei MSC steht, eine neue Deutschlandzentrale. Sieben Stockwerke, über hundert Meter lang, fünfzehntausend Quadratmeter Glasfläche, direkt südlich der Deichtorhallen. Mindestens tausend Quadratmeter davon sollen öffentlich sein — Showroom, Restaurant. MSC ist Miteigentümer der HHLA und damit tief verankert in dieser Stadt. Wo ein Medienkonzern aufgehört hat zu existieren, beginnt ein Logistikimperium zu wachsen. Das ist kein Zufall. Das ist Hamburger Wirtschaftspolitik in Echtzeit.

Und dann ist da noch …. der HSV

Der HSV hat diese Woche sein Fankredit-Darlehen zurückgezahlt, das er in schlechten Zeiten benötigt hatte. Der Verein ist schuldenfrei. Verteidiger Luka Vusković hat seine Führerscheinprüfung bestanden. Für HSV-Fans hat der Führerschein von Vusković vermutlich dieselbe emotionale Bedeutung wie die Schuldenfreiheit des Vereins. Der FC Hollywood für Arme war gestern. Heute segelt der Dino steady.

Beim FC St. Pauli sprießen diese Woche die Krokusse nach dem Sieg gegen Werder besonders schön. Doch: anders als letzte Saison haben die Kiezkicker in dieser Saison auswärts (also außerhalb von Hamburg) noch kein einziges Spiel gewonnen. Trainer Alexander Blessin sagte am Freitag: „Wir wollen mehr.” Das klingt nach Trotz. Es klingt auch ein bisschen nach Pfeifen im Keller. Statt Platz 17 (die Zahl des Letters diese Woche) stehen die Boys in Brown auf einem Nichtabstiegsplatz (bis Sonntag mindestens), weil seine Stürmer plötzlich treffen und Vasilj wieder in alter Topform ist. Trotz nur gut 17% Siegchance.

Aus dem Hirschpark in Nienstedten wurden diese Woche drei Damwildhirsche nach Rissen umgesiedelt. Grund: Im Hirschpark war keine artgerechte Haltung mehr gewährleistet. Die Freunde des Hirschparks zweifeln das an. Was unstrittig ist: Den Hirschen wurden für den Transport die Geweihe entfernt.

Ich bin quasi im Hirschpark aufgewachsen und kann berichten: die Hirsche hatten es nie leicht in dem Park. Nervende Kinder, besoffene Nachtschwärmer, die sie mit Pommes füttern und lebensmüde Frauen, die sich neben dem Gehege erhängen. Im Klövensteen geht es ihnen sicher besser. Da ist es bekanntlich sehr ruhig.

—》Ob der Park umbenannt werden muss, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest.

Die gute Nachricht der Woche zum Schluss …

Steuerfreiheit für die Süderstraße

Gleichzeitig hat Hamburg beschlossen, die Hundesteuer für adoptierte Tierheimhunde drei Jahre lang auszusetzen. Das ist eine echte, unkomplizierte, gute Nachricht. Keine versteckten Kosten, kein Senatsbeschluss mit Hintertür, kein Finanzierungskonzept, das erst in der zweiten Märzhälfte kommt. Einfach: wer einen Hund aus dem Tierheim holt, zahlt drei Jahre keine Steuer.

*Wuff.

— aufgeschrieben/ eingesprochen von Erik Hauth in Hamburg Altona am 28. Februar 2026

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Ring2 Hamburg Logbuch Hamburg spürt die Hitze des Krieges im milden Frühling

Freitag, 6. März 2026. 07:14 Uhr. Der Ring 2, die Ringstraße, die das Innen in Hamburg seit den 50ern vom Außen trennt. Vom Winter gegerbtes Asphaltgrau und darüber liegt der Geruch von Diesel, der heute Morgen 20% teurer ist als noch ein Tag zuvor. An der Jet-Tankstelle beim Stadtpark leuchtet die Anzeige: Diesel 2,14 Euro. Ein Mann in einer verwaschenen Jacke starrt auf die Zapfsäule, als wäre sie ein Orakel, das ihm gerade den Untergang prophezeit hat. Er drückt den Hebel nicht ganz durch, er dosiert ihn, Milliliter für Milliliter, als würde er flüssiges Gold in seinen alten Toyota füllen. Das habe ich in meinen 20ern auch so gemacht als ewig klammer Student. Seitdem galt Volltanken ohne auf den Preis zu achten als verdienter Alltagsluxus. Das ist nu voebei. Danke Donald.

Es ist die Woche 10 im Jahr 2026, und das große Metathema, das über dieser Stadt schwebt wie der frühe Nebel über der Alster, ist Energie. Aber nicht nur die Energie, die wir in Kilowattstunden messen oder in Litern bezahlen. Es ist auch die soziale Energie, die Hitze des Krieges, die auch bei uns ankommt und die des Frühlings, die uns Hamburgerinnen auf die Straßen und Plätze treiben.

In dieser Woche fühlt sich Hamburg an wie ein Seismograph, dessen Nadel mit jedem Raketeneinschlag im fernen Nahen Osten erzittert. Wir blicken auf die Elbe und blinzeln in die schon starke Mittagssonne, aber vor Augen haben wir die Feuer im Persischen Golf. Das ist die Realität in dieser Woche: Die Geopolitik hat auch Hamburgs Öffentlichkeit erreicht.

Das Grollen im Osten: Hamburg als Exil und als Echoraum

Wenn man das „Hamburger Tagesjournal“ in diesen Tagen in der Inbox findet, grüßt Mathias Adler nicht mehr nur mit dem Wetter oder der neuesten Posse aus dem Rathaus. Es ist der „Irankrieg“, der die Zeilen füllt. Es ist kein Krieg mehr, den man wegscrollen kann. Er ist hier. In den Gesichtern der Menschen auf dem Steindamm, in der betäubenden Stille vor der Blauen Moschee, die immer noch wie selbstverständlich am Ufer der Außenalster steht.

Die iranische Community in Hamburg – mit rund 25.000 Menschen eine der größten in Europa – lebt in dieser Woche im Ausnahmezustand. Während die Nachrichten von Drohnenangriffen auf Isfahan und der Blockade der Straße von Hormus berichten, sitzen die Menschen im „Teheran“ am Steindamm vor ihren Telefonen. Es ist eine kinetische Energie, aus Sorgen gespeist und dieser euphorischen Hoffnung, das trotz Gewalt und Tod nun doch sich alles zum Guten wandelt. Irgendwie.

Die MOPO berichtet von spontanen Mahnwachen vor dem Generalkonsulat der Iranischen Republik an der Bebelallee. Es ist eine seltsame Mischung aus Hoffnung auf einen Sturz des Regimes und der nackten Sorge vor dem, was mit den Familien in der Heimat passiert. In Hamburg-Nord, wo viele Exil-Iraner der ersten Generation leben, ist die Stimmung bleiern. Die Stadt ist in dieser Woche ein Resonanzkörper für den Schmerz eines fernen Landes.

Vollmond und keine Streiks

Mitte der Woche war Vollmond. Der Mond hing über dem Hamburger Hafen wie eine überbelichtete Werbetafel. Fehlte nur noch, dass da groß “Eine Chance für alle” drauf zu lesen gewesen wäre.

Seit Wochen mal kein Streik. Obwohl ich persönlich die Sperrung der S-Bahn-Strecke von Altona über Sternschanze und Dammtor als ähnlich große Beeinträchtigung werte.

Hamburg baut. Und sucht Geld.

NDR 90,3 meldete am Donnerstag den neuesten Stand zum A7-Deckel in Altona. Es geht voran, aber im Schneckentempo. Die Stadt baut an ihrer Zukunft, während die Gegenwart ihr die Mittel entzieht. Die Kriegsflation, befeuert durch die Unsicherheit im Nahen Osten und die Lobbyisten im Bund, frisst sich durch die Hamburger Haushalte.

Bürgermeister Tschentscher wirkt in dieser Woche wie ein Kapitän, der versucht, ein Containerschiff durch ein Nadelöhr zu steuern. Während die Opposition im Rathaus über die Kosten der Unterbringung von Geflüchteten wettert – die Zahlen steigen wieder, vor allem durch Menschen, die vor den neuen Konflikten im Mittleren Osten fliehen –, versucht der Senat, Ruhe auszustrahlen. Doch die Ruhe ist brüchig. Das „Hamburger Tagesjournal“ merkte süffisant an, dass die „Hamburger Gelassenheit“ langsam in eine „Hamburger Starre“ übergeht.

Und dann ist da ja noch … der HSV:

So schnell kann das gehen. Da wähnst du dich nach einer starken Hinrunde, vor allem zu Hause im Volkspark, angekommen im Mittelfel der Bundesliga, die du als HSVer sowieso als dein angestammtes Spielfeld betrachtest. Und dann gibts zwei kraftlose Heimniederlagen.

Das kann mal passieren, aber doch nicht so. Es scheint, als hätte den HSV eine kollektive Frühjahrsmüdigkeit befallen. Am Samstag ging es zum vermeintlich blutleersten Team der Liga, den Konzernwölfen aus Wolfsburg.

HSV sorgt für vorzeitiges Verbrenneraus

Im dritten Spiel gegen eine Werkself in gut einer Woche hätte man auch gleich zum Elfmeterschießen übergehen können. Viel mehr Energie hatten beide nicht zu bieten. Immerhin: das Elfmeterschießen konnte der Hamburger SV für sich entscheiden. (Was lustigerweise auch die Fans des anderen HHer Klubs freuen dürfte)

Und der FC St. Pauli?

Am Millerntor bereitet man sich derweil auf das Spiel gegen Frankfurt vor. (Sonntag, 15:30 Uhr). Es ist die einzige Form von Eskapismus, die noch funktioniert: 90 Minuten lang so tun, als wäre die wichtigste Frage der Woche, ob Tomoya Andō wieder in der Startelf steht.

Der Puls der Fernwärme und das Versprechen von Morgen

Während die Welt am Persischen Golf brennt, graben wir in Hamburg den Boden auf. Hamburg Energie hat in dieser Woche den Startschuss für den massiven Fernwärmeausbau im Norden gegeben. 4,7 Kilometer neue Leitungen, eine Operation am offenen Herzen der Infrastruktur. Es ist die Ironie unserer Zeit: Wir planen die Klimaneutralität für 2045, bauen Wasserstoffnetze wie das „HH-WIN“, von dem Tschentscher und Fegebank träumen, während die Gegenwart uns mit der nackten Geopolitik ins Gesicht schlägt.

Die Schlussredaktion fragt, ob wir in HH unsere Fernwärme mit Gas oder Öl anfeuern? Das wäre dann ja auch irgendwie doof. Recherchen ergeben: Abwärme und Kohle heizen unseren Wasserdampf, der große Teile der Stadt wärmt (dieses Jahr noch, dann soll Wedel abgeschaltet werden). Das beruhigt auf eine merkwürdige Art.

In den Kneipen von Barmbek-Nord spricht niemand über den „Green Hydrogen Hub“ in Moorburg. Man spricht darüber, ob die Heizung im nächsten Winter noch bezahlbar ist, wenn die Straße von Hormus dicht bleibt und der Vermieter wegen der Merzschen Propaganda eine neue Gasheizung installiert.

Was war sonst noch?

* Kultur: In der Elbphilharmonie gab es ein Benefizkonzert für die Opfer im Iran. Die Hochkultur versucht, zu helfen, dem Chaos eine Struktur zu geben. Wenn Geigen gegen das Echo der Explosionen in Teheran anspielen, bleibt ein hilfloser Beigeschmack.

* Polizei: Erhöhte ihre Präsenz rund um die jüdischen Einrichtungen im Grindelviertel. Die Angst vor zusätzlichem Antisemitismus wächst mit jedem Tag, an dem der Konflikt im Osten eskaliert.

* Zeugen wider Willen: Rund 30.000 Deutsche sitzen derzeit in der Region fest, ein signifikanter Teil davon sind Hamburger Urlauber und Geschäftsleute (NDR Info, 02.03.2026). Was als luxuriöser Stopover oder Routine-Trip begann, ist für viele zum Albtraum geworden. Das „Hamburger Tagesjournal“ berichtet am Dienstag trocken, aber treffend von den „Zeugen mit Flugverbot“ (Tagesjournal, 03.03.2026).

Besonders dramatisch ist die Lage für jene, die auf den Kreuzfahrtschiffen von TUI Cruises festsitzen. Man muss sich das vorstellen: 2.500 Menschen an Bord, der Kapitän versichert, der Hafen sei „relativ safe“, während draußen die Lufträume von Dubai bis Oman dichtgemacht wurden (NDR Info, 02.03.2026).

Ottensen ist nicht Mailand

Gestern Abend schlendere ich durch Ottensen. Vor jedem Restaurant sitzen Menschen und genießen den lauen Spätwinterabend. Kaum klettert das Thermometer über 13 Grad, strömen die Hamburger aus ihren Altbauwohnungen und bevölkern die Straßen und Plätze. Nicht nur zum Protest, sondern auch um die Energie des Frühlings aufzunehmen, nach diesem langen frostigen Winter.

Junge Pinneberger trinken Cocktails vor der Rehbar in der Ottenser Hauptstraße, eine Freundin feiert ihren Geburtstag im Fischi. Es wird bis weit nach Sonnenuntergang draußen gebufft, gegrillt, gelacht und gestritten.

Der Iran ist derweil nicht weit weg. Er lebt mitten unter uns, in den Villen in Hochkamp, trinkt Tee mitten auf dem Steindamm, pendelt in der U3; er wartet in der Schlange beim Bäcker in Eppendorf und begegnet uns in den Schlagzeilen dieser Woche. Und sehr wahrscheinlich bleibt das auch nächste Woche so.

Moin und einen schönen Sonntag, euerErik

Anmerkungen der Schlussredaktion: “Sag mal, Erik, willst du gar nichts zum Saharastaub machen?”. Och nee, das ist mir zu boulevardesk, außerdem ist der ja nix Neues. Milchige Wärme, die in der Tagesschau das Prädikat “zu warm für die Jahreszeit” bekommt; wobei ich das irgendwie irreführend finde: wer weiß denn schon, was neuerdings “normal” ist?

Aber den internationalen feministischen Kampftag hätte ich beinahe verbaselt; typisch Mann. Nächste Woche findet für Interessierte bspw ein Female Maker Hub statt. Machen statt reden, finde ich gut. Reparieren statt Shoppen ist mal ne gute Idee.

PPS dieser Letter / Podcast erscheint wöchentlich am Sonntag und schaut auf die Woche in der schönsten Stadt. Er bleibt kostenlos und spamfrei. Wenn er Dir gefällt, teile ihn in deinen Sozialen Medien und spendiere dem Autor eine Galao oder ein Ratsherrn 0.0 via Ko-Fi…

Ich bedanke mich bei allen Spender:innen und Abonnenten. Werde doch auch eine:r:

Quellenverzeichnis: KW 10 (2026)

* Hamburger Tagesjournal (03.03.2026): Leitartikel von Mathias Adler zum „Wurmmond“ und der geopolitischen Lage.

* NDR 1 / 90,3 (05.03.2026): Bericht über die Bauverzögerungen an der A7 und die wirtschaftlichen Auswirkungen der Hafen-Unsicherheit.

* Hamburger Morgenpost (MOPO, 04.03.2026): „Angst um die Heimat“ – Reportage über die iranische Community in Hamburg und Mahnwachen in der Bebelallee.

* Hamburger Abendblatt (06.03.2026): Analyse der steigenden Energiepreise im Hamburger Stadtgebiet und der Reaktion des Senats auf die Flüchtlingszahlen.

* Polizeipressestelle Hamburg (07.03.2026): Meldung zur Sicherheitslage und dem Schutz religiöser Einrichtungen im Kontext der Nahost-Eskalation.

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Hamburg spürt die Hitze des Krieges im milden Frühling

Freitag, 6. März 2026. 07:14 Uhr. Der Ring 2, die Ringstraße, die das Innen in Hamburg seit den 50ern vom Außen trennt. Vom Winter gegerbtes Asphaltgrau und darüber liegt der Geruch von Diesel, der heute Morgen 20% teurer ist als noch ein Tag zuvor. An der Jet-Tankstelle beim Stadtpark leuchtet die Anzeige: Diesel 2,14 Euro. Ein Mann in einer verwaschenen Jacke starrt auf die Zapfsäule, als wäre sie ein Orakel, das ihm gerade den Untergang prophezeit hat. Er drückt den Hebel nicht ganz durch, er dosiert ihn, Milliliter für Milliliter, als würde er flüssiges Gold in seinen alten Toyota füllen. Das habe ich in meinen 20ern auch so gemacht als ewig klammer Student. Seitdem galt Volltanken ohne auf den Preis zu achten als verdienter Alltagsluxus. Das ist nu voebei. Danke Donald.

Es ist die Woche 10 im Jahr 2026, und das große Metathema, das über dieser Stadt schwebt wie der frühe Nebel über der Alster, ist Energie. Aber nicht nur die Energie, die wir in Kilowattstunden messen oder in Litern bezahlen. Es ist auch die soziale Energie, die Hitze des Krieges, die auch bei uns ankommt und die des Frühlings, die uns Hamburgerinnen auf die Straßen und Plätze treiben.

In dieser Woche fühlt sich Hamburg an wie ein Seismograph, dessen Nadel mit jedem Raketeneinschlag im fernen Nahen Osten erzittert. Wir blicken auf die Elbe und blinzeln in die schon starke Mittagssonne, aber vor Augen haben wir die Feuer im Persischen Golf. Das ist die Realität in dieser Woche: Die Geopolitik hat auch Hamburgs Öffentlichkeit erreicht.

Das Grollen im Osten: Hamburg als Exil und als Echoraum

Wenn man das „Hamburger Tagesjournal“ in diesen Tagen in der Inbox findet, grüßt Mathias Adler nicht mehr nur mit dem Wetter oder der neuesten Posse aus dem Rathaus. Es ist der „Irankrieg“, der die Zeilen füllt. Es ist kein Krieg mehr, den man wegscrollen kann. Er ist hier. In den Gesichtern der Menschen auf dem Steindamm, in der betäubenden Stille vor der Blauen Moschee, die immer noch wie selbstverständlich am Ufer der Außenalster steht.

Die iranische Community in Hamburg – mit rund 25.000 Menschen eine der größten in Europa – lebt in dieser Woche im Ausnahmezustand. Während die Nachrichten von Drohnenangriffen auf Isfahan und der Blockade der Straße von Hormus berichten, sitzen die Menschen im „Teheran“ am Steindamm vor ihren Telefonen. Es ist eine kinetische Energie, aus Sorgen gespeist und dieser euphorischen Hoffnung, das trotz Gewalt und Tod nun doch sich alles zum Guten wandelt. Irgendwie.

Die MOPO berichtet von spontanen Mahnwachen vor dem Generalkonsulat der Iranischen Republik an der Bebelallee. Es ist eine seltsame Mischung aus Hoffnung auf einen Sturz des Regimes und der nackten Sorge vor dem, was mit den Familien in der Heimat passiert. In Hamburg-Nord, wo viele Exil-Iraner der ersten Generation leben, ist die Stimmung bleiern. Die Stadt ist in dieser Woche ein Resonanzkörper für den Schmerz eines fernen Landes.

Vollmond und keine Streiks

Mitte der Woche war Vollmond. Der Mond hing über dem Hamburger Hafen wie eine überbelichtete Werbetafel. Fehlte nur noch, dass da groß “Eine Chance für alle” drauf zu lesen gewesen wäre.

Seit Wochen mal kein Streik. Obwohl ich persönlich die Sperrung der S-Bahn-Strecke von Altona über Sternschanze und Dammtor als ähnlich große Beeinträchtigung werte.

Hamburg baut. Und sucht Geld.

NDR 90,3 meldete am Donnerstag den neuesten Stand zum A7-Deckel in Altona. Es geht voran, aber im Schneckentempo. Die Stadt baut an ihrer Zukunft, während die Gegenwart ihr die Mittel entzieht. Die Kriegsflation, befeuert durch die Unsicherheit im Nahen Osten und die Lobbyisten im Bund, frisst sich durch die Hamburger Haushalte.

Bürgermeister Tschentscher wirkt in dieser Woche wie ein Kapitän, der versucht, ein Containerschiff durch ein Nadelöhr zu steuern. Während die Opposition im Rathaus über die Kosten der Unterbringung von Geflüchteten wettert – die Zahlen steigen wieder, vor allem durch Menschen, die vor den neuen Konflikten im Mittleren Osten fliehen –, versucht der Senat, Ruhe auszustrahlen. Doch die Ruhe ist brüchig. Das „Hamburger Tagesjournal“ merkte süffisant an, dass die „Hamburger Gelassenheit“ langsam in eine „Hamburger Starre“ übergeht.

Und dann ist da ja noch … der HSV:

So schnell kann das gehen. Da wähnst du dich nach einer starken Hinrunde, vor allem zu Hause im Volkspark, angekommen im Mittelfel der Bundesliga, die du als HSVer sowieso als dein angestammtes Spielfeld betrachtest. Und dann gibts zwei kraftlose Heimniederlagen.

Das kann mal passieren, aber doch nicht so. Es scheint, als hätte den HSV eine kollektive Frühjahrsmüdigkeit befallen. Am Samstag ging es zum vermeintlich blutleersten Team der Liga, den Konzernwölfen aus Wolfsburg.

HSV sorgt für vorzeitiges Verbrenneraus

Im dritten Spiel gegen eine Werkself in gut einer Woche hätte man auch gleich zum Elfmeterschießen übergehen können. Viel mehr Energie hatten beide nicht zu bieten. Immerhin: das Elfmeterschießen konnte der Hamburger SV für sich entscheiden. (Was lustigerweise auch die Fans des anderen HHer Klubs freuen dürfte)

Und der FC St. Pauli?

Am Millerntor bereitet man sich derweil auf das Spiel gegen Frankfurt vor. (Sonntag, 15:30 Uhr). Es ist die einzige Form von Eskapismus, die noch funktioniert: 90 Minuten lang so tun, als wäre die wichtigste Frage der Woche, ob Tomoya Andō wieder in der Startelf steht.

Der Puls der Fernwärme und das Versprechen von Morgen

Während die Welt am Persischen Golf brennt, graben wir in Hamburg den Boden auf. Hamburg Energie hat in dieser Woche den Startschuss für den massiven Fernwärmeausbau im Norden gegeben. 4,7 Kilometer neue Leitungen, eine Operation am offenen Herzen der Infrastruktur. Es ist die Ironie unserer Zeit: Wir planen die Klimaneutralität für 2045, bauen Wasserstoffnetze wie das „HH-WIN“, von dem Tschentscher und Fegebank träumen, während die Gegenwart uns mit der nackten Geopolitik ins Gesicht schlägt.

Die Schlussredaktion fragt, ob wir in HH unsere Fernwärme mit Gas oder Öl anfeuern? Das wäre dann ja auch irgendwie doof. Recherchen ergeben: Abwärme und Kohle heizen unseren Wasserdampf, der große Teile der Stadt wärmt (dieses Jahr noch, dann soll Wedel abgeschaltet werden). Das beruhigt auf eine merkwürdige Art.

In den Kneipen von Barmbek-Nord spricht niemand über den „Green Hydrogen Hub“ in Moorburg. Man spricht darüber, ob die Heizung im nächsten Winter noch bezahlbar ist, wenn die Straße von Hormus dicht bleibt und der Vermieter wegen der Merzschen Propaganda eine neue Gasheizung installiert.

Was war sonst noch?

* Kultur: In der Elbphilharmonie gab es ein Benefizkonzert für die Opfer im Iran. Die Hochkultur versucht, zu helfen, dem Chaos eine Struktur zu geben. Wenn Geigen gegen das Echo der Explosionen in Teheran anspielen, bleibt ein hilfloser Beigeschmack.

* Polizei: Erhöhte ihre Präsenz rund um die jüdischen Einrichtungen im Grindelviertel. Die Angst vor zusätzlichem Antisemitismus wächst mit jedem Tag, an dem der Konflikt im Osten eskaliert.

* Zeugen wider Willen: Rund 30.000 Deutsche sitzen derzeit in der Region fest, ein signifikanter Teil davon sind Hamburger Urlauber und Geschäftsleute (NDR Info, 02.03.2026). Was als luxuriöser Stopover oder Routine-Trip begann, ist für viele zum Albtraum geworden. Das „Hamburger Tagesjournal“ berichtet am Dienstag trocken, aber treffend von den „Zeugen mit Flugverbot“ (Tagesjournal, 03.03.2026).

Besonders dramatisch ist die Lage für jene, die auf den Kreuzfahrtschiffen von TUI Cruises festsitzen. Man muss sich das vorstellen: 2.500 Menschen an Bord, der Kapitän versichert, der Hafen sei „relativ safe“, während draußen die Lufträume von Dubai bis Oman dichtgemacht wurden (NDR Info, 02.03.2026).

Ottensen ist nicht Mailand

Gestern Abend schlendere ich durch Ottensen. Vor jedem Restaurant sitzen Menschen und genießen den lauen Spätwinterabend. Kaum klettert das Thermometer über 13 Grad, strömen die Hamburger aus ihren Altbauwohnungen und bevölkern die Straßen und Plätze. Nicht nur zum Protest, sondern auch um die Energie des Frühlings aufzunehmen, nach diesem langen frostigen Winter.

Junge Pinneberger trinken Cocktails vor der Rehbar in der Ottenser Hauptstraße, eine Freundin feiert ihren Geburtstag im Fischi. Es wird bis weit nach Sonnenuntergang draußen gebufft, gegrillt, gelacht und gestritten.

Der Iran ist derweil nicht weit weg. Er lebt mitten unter uns, in den Villen in Hochkamp, trinkt Tee mitten auf dem Steindamm, pendelt in der U3; er wartet in der Schlange beim Bäcker in Eppendorf und begegnet uns in den Schlagzeilen dieser Woche. Und sehr wahrscheinlich bleibt das auch nächste Woche so.

Moin und einen schönen Sonntag, euerErik

Anmerkungen der Schlussredaktion: “Sag mal, Erik, willst du gar nichts zum Saharastaub machen?”. Och nee, das ist mir zu boulevardesk, außerdem ist der ja nix Neues. Milchige Wärme, die in der Tagesschau das Prädikat “zu warm für die Jahreszeit” bekommt; wobei ich das irgendwie irreführend finde: wer weiß denn schon, was neuerdings “normal” ist?

Aber den internationalen feministischen Kampftag hätte ich beinahe verbaselt; typisch Mann. Nächste Woche findet für Interessierte bspw ein Female Maker Hub statt. Machen statt reden, finde ich gut. Reparieren statt Shoppen ist mal ne gute Idee.

PPS dieser Letter / Podcast erscheint wöchentlich am Sonntag und schaut auf die Woche in der schönsten Stadt. Er bleibt kostenlos und spamfrei. Wenn er Dir gefällt, teile ihn in deinen Sozialen Medien und spendiere dem Autor eine Galao oder ein Ratsherrn 0.0 via Ko-Fi…

Ich bedanke mich bei allen Spender:innen und Abonnenten. Werde doch auch eine:r:

Quellenverzeichnis: KW 10 (2026)

* Hamburger Tagesjournal (03.03.2026): Leitartikel von Mathias Adler zum „Wurmmond“ und der geopolitischen Lage.

* NDR 1 / 90,3 (05.03.2026): Bericht über die Bauverzögerungen an der A7 und die wirtschaftlichen Auswirkungen der Hafen-Unsicherheit.

* Hamburger Morgenpost (MOPO, 04.03.2026): „Angst um die Heimat“ – Reportage über die iranische Community in Hamburg und Mahnwachen in der Bebelallee.

* Hamburger Abendblatt (06.03.2026): Analyse der steigenden Energiepreise im Hamburger Stadtgebiet und der Reaktion des Senats auf die Flüchtlingszahlen.

* Polizeipressestelle Hamburg (07.03.2026): Meldung zur Sicherheitslage und dem Schutz religiöser Einrichtungen im Kontext der Nahost-Eskalation.

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17 Grad in HH — Frühlingsgefühle an der leeren Haltestelle

Moin Moin Hamburg. KW 9 · retroglossiert.

Siebzehn Grad bekamen wir in dieser Woche. Der Frühling ist da, die Natur explodiert und die Menschen strömen auf die Straßen, die Plätze, an den Fluss. Wie schnell der Schnee und das Eis auf der Elbe doch schmelzen, wenn der Atlantik warmen Wind über die Elbe schickt.

In Ottensen profitieren die Cafés, die in einer Sonnenschneise liegen. Dort sitzen die Hamburgerinnen zur Not übereinander — Hauptsache in die Sonne blinzeln. Die anderen müssen wohl oder übel noch ein wenig warten, bis die Sonne über die Häuserschluchten herüber luken kann. Das kann locker bis in den März dauern. Der Frühling ist früh dran.

Siebzehn Prozent bekommen Frauen in HH durchschnittlich weniger Gehalt als Männer. Am Freitag “feierte” Deutschland seinen “Equal Pay Day” – den Tag, bis zu dem Frauen umsonst gearbeitet haben 2026. Die Hamburgerinnen müssten eigentlich noch bis zum 3. März warten, denn bundesweit liegen wir bei “nur” 16%.

Chapters

* 2:03 Frühlingsgefühle in Hamburg

* 4:39 Peters große Show

* 7:12 Streiks in Hamburg

* 11:04 HafenCity und der Wandel

* 12:04 HSV und seine Neuigkeiten

* 13:42 FC St. Pauli und der Druck

* 14:19 Hirsche im Hirschpark

* 15:37 Gute Nachrichten zum Schluss

Peters große Show

Donnerstagabend, kurz nach acht. Der Hamburger Hafen liegt vor einem irgendwie dunklen Himmel. Die Elbe schiebt sich schwarz und träge in Richtung Nordsee. Und dann — Licht. Also viel mehr Licht, als ohnehin schon im Hafen den Himmel verseucht.

Neunhundert Drohnen steigen auf, formieren sich über dem Wasser, malen pittoreske Piktogramme in den Nachthimmel: Schwimmer, Läufer, Sprinter, das Olympische Feuer. Dazu ein Motto, in leuchtenden Buchstaben, das sich so nur ein Sozialdemokrat ausdenken kann: „Olympia in Hamburg. Eine Chance für alle.”

Es war, so berichten geladene Zeug:innen, durchaus beeindruckend.

Die Show war nicht angekündigt. Sie war nicht öffentlich. Kaum eine Chance, sie zu sehen – schon gar nicht für alle.

Die Show war Teil der Senatspräsentation in der Elbphilharmonie — exklusiv, für geladene Gäste, für Politikerinnen und Olympia-Legenden, für die, die schon wissen, worum es geht. Die anderen, die zufällig unten am Wasser standen, haben einfach Glück gehabt.

Ich war zu Hause, wie die meisten Hamburger:innen. Was bedeutet, „Eine Chance für alle” krepiert als Slogan ziemlich früh.

Willkommen in Hamburg, Woche neun. Der Senat träumt groß und die Hochbahn streikt gleichzeitig. Das ist ein Widerspruch, den Peter Tschentscher auflösen muss, will er die Stadtgesellschaft für eine Olympiabewerbung gewinnen.

Die Bewegung “Nolympia” hat derweil Anfang der Woche ein Quorum übersprungen, und nun muss sich die Bürgerschaft mit den Gegner:innen von Olympia beschäftigen. Die Drohnenshow war dagegen einfach, Peter.

Ein Bürgermeister, der die Olympiabewerbung Hamburgs zum Muss hochjazzt, eine Promoshow nur für Gewogene offenbar von Steuerkohle bezahlt, darf sich vor der Auseinandersetzung mit seinen Bürgern ruhig ein wenig fürchten. Ich frage mich, oder ist er einfach nur arrogant?

Drei Uhr morgens, nichts fährt mehr

(Dieser Satz fiel nicht in der Spielbank Hamburg)

Dieser Blog/Letter erscheint so erst zum 2. Mal und gleich müsssen wir uns um ein Deja vu kümmern: Streik.

Ver.di hat mal wieder zu einem Warnstreik aufgerufen — Hochbahn und VHH, bis Sonntag früh. Diesmal sind nicht nur die Busse betroffen. Die U-Bahnen fahren auch nicht. Die Linien U1, U2, U3, U4: stehen. Die Busflotte: steht. Die Stadt: steht. Wer muss (also alle außer Bürgermeistern und Reedern), nimmt das Fahrrad oder die eigenen Beine.

Immerhin: Am Elbtunnel wird nicht mehr gestreikt, äh gesperrt. Die Lkw rollen wieder. Die Autos rollen wieder. Nur die Menschen in der Stadt, die Busse und U-Bahnen brauchen, die schauen in die Röhre. Das hat eine eigene Logik: In Hamburg läuft der Verkehr für Waren besser als der für Menschen. Diese Woche pulsiert nur der Hafen und Peters Ego.

In der Alster schwimmen Schwermetalle?

Das hat zumindest der BUND herausgefunden — oder genauer: befürchtet. Die Projektgruppe „Nein zu Olympia” warnt, dass bei Schwimmwettbewerben in der Außenalster Schlamm aufgewirbelt werden könnte, der Quecksilber und krebserzeugende Substanzen enthält. Die Stadt, verkündet das Tagesjournal trocken, „ist sich dieser Belastungen bislang nicht bewusst.”

Man muss das kurz sacken lassen. Hamburg bewirbt sich für Olympische Spiele. Man möchte Schwimmer in der Alster plantschen lassen. Und ist sich dabei der Schwermetalle im Boden nicht bewusst.

Das Finanzierungskonzept soll in der zweiten Märzhälfte vorgestellt werden. Ob ein Konzept für den Alsterschlamm dazugehört: unbekannt. Die Gegner der Bewerbung — die Initiative NOlympia hat über 17.000 Unterschriften gesammelt — dürften sich freuen.

A pros pos Finanzierung: Der Pariser Vizebürgermeister hat bei einem Frühstück gesagt, die Kosten seien kein Problem. Das reicht offenbar als Finanzierungsgrundlage, wenn man Olympiabefürworter in der Bürgerschaft ist. Ab Ende April kann per Briefwahl über die Bewerbung abgestimmt werden. Hamburg entscheidet dann, ob es ein neues Kapitel seiner Stadtgeschichte schreiben will — während die U-Bahnen streiken und die Alster vor sich hin schimmert.

(Naja, sagt mir gerade meine Schlussredaktion, das kann ja auch eine Chance für alle sein — (sic!) — so wie wenn man Besuch bekommt und all das aufräumt, was bisher liegen geblieben ist)

Danke, dass Du Ring2, das Hamburg Logbuch liest. Bei Gefallen, teile es doch bitte …

Hafen- statt Medienstadt

In der HafenCity beginnen die Bagger zu arbeiten, wo einmal Gruner + Jahr stehen sollte.

Baufeld 73 war jahrelang die Metapher für den Niedergang der deutschen Verlagslandschaft — ein reserviertes Grundstück für ein Verlagshaus, das es nicht mehr gibt. Jetzt baut dort eine andere Familie, statt den Jahrs die Familie Aponte, die hinter der Reederei MSC steht, eine neue Deutschlandzentrale. Sieben Stockwerke, über hundert Meter lang, fünfzehntausend Quadratmeter Glasfläche, direkt südlich der Deichtorhallen. Mindestens tausend Quadratmeter davon sollen öffentlich sein — Showroom, Restaurant. MSC ist Miteigentümer der HHLA und damit tief verankert in dieser Stadt. Wo ein Medienkonzern aufgehört hat zu existieren, beginnt ein Logistikimperium zu wachsen. Das ist kein Zufall. Das ist Hamburger Wirtschaftspolitik in Echtzeit.

Und dann ist da noch …. der HSV

Der HSV hat diese Woche sein Fankredit-Darlehen zurückgezahlt, das er in schlechten Zeiten benötigt hatte. Der Verein ist schuldenfrei. Verteidiger Luka Vusković hat seine Führerscheinprüfung bestanden. Für HSV-Fans hat der Führerschein von Vusković vermutlich dieselbe emotionale Bedeutung wie die Schuldenfreiheit des Vereins. Der FC Hollywood für Arme war gestern. Heute segelt der Dino steady.

Beim FC St. Pauli sprießen diese Woche die Krokusse nach dem Sieg gegen Werder besonders schön. Doch: anders als letzte Saison haben die Kiezkicker in dieser Saison auswärts (also außerhalb von Hamburg) noch kein einziges Spiel gewonnen. Trainer Alexander Blessin sagte am Freitag: „Wir wollen mehr.” Das klingt nach Trotz. Es klingt auch ein bisschen nach Pfeifen im Keller. Statt Platz 17 (die Zahl des Letters diese Woche) stehen die Boys in Brown auf einem Nichtabstiegsplatz (bis Sonntag mindestens), weil seine Stürmer plötzlich treffen und Vasilj wieder in alter Topform ist. Trotz nur gut 17% Siegchance.

Aus dem Hirschpark in Nienstedten wurden diese Woche drei Damwildhirsche nach Rissen umgesiedelt. Grund: Im Hirschpark war keine artgerechte Haltung mehr gewährleistet. Die Freunde des Hirschparks zweifeln das an. Was unstrittig ist: Den Hirschen wurden für den Transport die Geweihe entfernt.

Ich bin quasi im Hirschpark aufgewachsen und kann berichten: die Hirsche hatten es nie leicht in dem Park. Nervende Kinder, besoffene Nachtschwärmer, die sie mit Pommes füttern und lebensmüde Frauen, die sich neben dem Gehege erhängen. Im Klövensteen geht es ihnen sicher besser. Da ist es bekanntlich sehr ruhig.

—》Ob der Park umbenannt werden muss, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest.

Die gute Nachricht der Woche zum Schluss …

Steuerfreiheit für die Süderstraße

Gleichzeitig hat Hamburg beschlossen, die Hundesteuer für adoptierte Tierheimhunde drei Jahre lang auszusetzen. Das ist eine echte, unkomplizierte, gute Nachricht. Keine versteckten Kosten, kein Senatsbeschluss mit Hintertür, kein Finanzierungskonzept, das erst in der zweiten Märzhälfte kommt. Einfach: wer einen Hund aus dem Tierheim holt, zahlt drei Jahre keine Steuer.

*Wuff.

— aufgeschrieben/ eingesprochen von Erik Hauth in Hamburg Altona am 28. Februar 2026

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Ring2 – das Hamburg Logbuch

Moin Moin Hamburg,

vielen Dank für das Feedback zu meiner Kolumnen-Nullnummer “Hamburg, du doofes Schlagloch”.

Ich verarbeite in diesem Podcast meine eigene Medienkritik, Lob (Danke C.) und Tadel (Danke B.).

Hamburg ist nicht Berlin als Rubrik ist gebongt; einen Sidekick brauche ich noch – und mehr Anekdoten braucht es auch…

Chapters

  • 0:20 Einführung in den Podcast
  • 2:01 Feedback und Interaktion
  • 3:19 Geschichten aus dem Bloggen
  • 4:54 Anekdoten und persönliche Erlebnisse
  • 6:33 Hamburg ist nicht Berlin
  • 6:55 Einblick in den Newsletter
  • 12:36 Glosse über Verkehrsprobleme
  • 17:41 HSV und Hamburger Fußball
  • 19:57 Abschluss und Umfrage

Moin Moin Altona, Moin Moin Hamburg. Hier ist Erik von, ja von was eigentlich, von Ring 2, dem Hamburg-Logbuch, dem Hamburg-Newsletter, dem Hamburg-Blog, dem Hamburg-Podcast. Und tatsächlich suche ich ja schon seit Ewigkeiten nach… Tja, nach dem Thema. Und ich dachte, es sei Segeln. Ich dachte, es seien Logbücher. Das hat mir auch wirklich sehr viel Spaß gemacht.

Vielleicht mache ich das auch weiter. Ich dachte, es wären die kurzen Formate mit 500 Zeichen. Und ich habe immer alles dazugeschaltet, wie man hier in Norddeutschland sagt. Meine Tochter sagt inzwischen abgeschalten, zugeschalten, weil sie in Bayern lebt. Das ist nicht schön, aber auch die Menschen,

die nicht in Hamburg leben und vielleicht aus Hamburg kommen oder lange in Hamburg gearbeitet haben oder Hamburg sowieso nur so lieb haben, haben auch irgendwie ein Anrecht darauf, dass sie ihre Portion Hamburg bekommen. Und ich weiß nicht, ob ihr meine Newsletter lest, aber ich habe euch letzte Woche die Nullnummer eines Hamburg-Newsletters einer Hamburg-wöchentlichen Glosse, einer Kolumne geschickt,

die ich eigentlich ganz okay fand. Ich würde sie aber gerne nochmal verbessern, mit euch zusammen auch. Aber was ich, glaube ich, auf jeden Fall machen werde, ist, mehr aus Hamburg berichten, mehr aus Altena. Da, wo ich lebe, da, wo ich herkomme. Die Stadt, die mich geprägt hat, die im Grunde genommen zwei Städte sind.

Also vielleicht geht es ja auch irgendwann mal um die Geschichte von Altena, mehr als die Geschichte von Hamburg. Aber das sind jetzt schon Gleichkeiten. Sagt mir bitte Feedback. Würdest du, weil du Christus hier, weil du den Podcast hörst, Christus vielleicht auch, weil du meinen Newsletter abonniert hast, hast du die Hamburg-Ausgabe die Nullnummer gelesen?

Und wenn ja, welches Feedback hast du für mich? Ich habe sozusagen mannigfaltiges Feedback bekommen von euch da draußen, unter anderem auch von jemandem, den ich sehr schätze, Vielen Dank C-Punkt dafür, dass dir das gut gefallen hat. Wahrscheinlich hat es dir sogar besser gefallen als mir. Aber wenn du sagst, etwas gefällt dir oder du findest etwas inhaltlich gut,

dann heißt das was für mich, weil du mein allererster Chefredakteur warst und ich von dir ziemlich viel habe lernen dürfen. Also werde ich damit weitermachen. Ich habe ganz, also auch auf Instagram oder auf Facebook, Und normalerweise nicht so viele Replies oder Herzen oder ja, Hamburg oder auch von Leuten, mit denen ich mal zusammengearbeitet habe,

die gar nicht aus Hamburg kommen, aber mich natürlich sofort nach Hamburg verorten. Das hat mir gut gefallen. Und ich werde euch quasi live teilhaben lassen an meiner Medienkritik, die ich hier zusammen mit vielen lieben Menschen machen durfte, heute Morgen beim Frühstück. Mit B zusammen. Und zum einen fällt mir da die Geschichte ein von Sven Regener,

dem ich ja die Ehre hatte, das Bloggen beizubringen. Und der nicht nur bei Berlin Online gebloggt hat, sondern auch bei Zeit Online, bei der Süddeutschen, meine ich, und noch bei so einem Juken-Magazin. Und in einem Interview hat er irgendwann mal gesagt, als ich angefangen habe, war das alles ein bisschen langweilig.

Und ich habe schnell festgestellt, ich brauche einen Sidekick, einen Counterpart. Es bringt einfach nichts, wenn ich so vor mich hin blogge, sondern ich brauche jemanden, mit dem ich die Themen einfach ein bisschen spiegeln kann, der anders ist als ich und der die Dinge auf der Welt anders sieht. Und ich glaube, das brauche ich auch.

Und ich habe auch direkt Feedback bekommen von meinem Sidekick. Ich muss mir überlegen, wie ich den finde. Die hat nämlich gesagt… Erik, du hast SUVs und Fahrradfahrer gleichgestellt, so nach dem Motto, Schlaglöcher sind für alle gleich. Das sehe ich komplett anders. Schlaglöcher sind überhaupt nicht für alle gleich.

Schlaglöcher sind für Leute, die mit ihren SUV-Panzern durch die Gegend fahren. Die merken das gar nicht in ihren gefederten Echtleder-SUVs. Und auf dem Fahrrad fährst du da rein und dann brichst du dir die Gabel und vielleicht auch den Hals. Das ist ja wohl was völlig anderes. Und du erinnerst dich doch bitte an unser Auto,

wenn wir da irgendwie die Schlaglöcher in der Parkstraße längs gefahren sind und das langsam aber sicher das ganze Gestänge und die Aufhängung vorne kaputt gemacht hat. Das passiert ja doch mit dem modernen BMW SUV nicht. Und da muss ich sagen, das stimmt. Und vielleicht hätte es euch auch mehr Spaß gemacht,

wenn dieser Sidekick entweder gleich in der Episode aufgetaucht wäre oder er kriegt sozusagen so eine Art Kritikecke, wo er das machen kann. Und dann habe ich das Feedback bekommen, das war ganz lustig, bei dem Busstreik und dem U-Bahn-Streik hatte ich noch eine Anekdote im Kopf von einer Freundin,

die einen neuen Job hat und zu diesem Job hinfahren wollte und schön mit der S-Bahn nach Landungsbrücken gefahren ist und in Landungsbrücken stand und huch, es fährt heute nicht. Und diese Geschichte hätte ich vielleicht erzählen sollen. Noch ein paar persönliche Anekdoten oder Anekdoten von Leuten, die ich kenne. Und falls die Leute mich jetzt kennen, keine Angst.

Ich werde es auf jeden Fall so verfremden, dass ihr euch vielleicht wieder erkennt, aber kein anderer. Und dann habe ich gedacht, ja, cool, ich habe gleich einen Fehler gemacht. Denn die U-Bahnen fuhren gar nicht. Oder zumindest nicht immer. Die fuhren auf jeden Fall, wurden die auch bestreikt. Die S-Bahnen fuhren. Also eine Korrekturecke brauche ich auch noch.

Und dann habe ich heute eine sehr schöne Geschichte aus Berlin gelesen und dachte, schade, dass du einen HSV, dass du einen Hamburger Städter machst. Und da dachte ich, hey, es gab doch Svensson mal mit seinem unglaublich tollen Blog von Hamburg nach Berlin. Und wie er denn so erzählt hat,

wie er in Berlin ankommt und warum Hamburg nicht Berlin ist, den habe ich immer sehr, sehr gerne gelesen. Ganz abgesehen davon, dass Svensson, so hieß er als Blogger, auch ein sehr netter Typ ist. Und jetzt habe ich was aus Berlin gelesen und dann dachte ich, eine Rubrik könnte man noch machen, die heißt Hamburg ist nicht Berlin.

Schreibt mir nochmal zurück, wie ihr das alles findet und ich verlinke euch auch die Artikel, die ich euch gleich noch vorlese, nämlich den aktuellen und vielleicht lese ich euch auch noch was aus der Nullnummer vor, aus der Hamburg-Nullnummer. Also, in meinem Blog habe ich vom Sommer einen Artikel mit dem Hashtag Hamburg und

Der würde in dem Newsletter im Kulturteil auftauchen. Er ist vom 23. August 2025 und er heißt Urlaub in Pinneberg. Angelehnt an Erobieks Titel Urlaub in Italien. Hamburg Mitte August. 14 Grad und immer mal kurze Regenschauer. Klammer auf. Das ist ja fast so warm wie nächsten Mittwoch hier in Hamburg. Da sind zwölf angesagt.

Also gibt es auch Mitte August. 14 Grad und immer mal kurze Regenschauer. Carsten Meier mit Y ist ein Mann, vielleicht der Einzige, der seinen Wohlstandsbauch mit einer selbstverständlichen und würdevollen Coolness tragen kann. Nicht nur in diesem Sinne ist er mein Vorbild. Ich bin auf dem Weg zu ihm. Dachte ich zumindest bis eben noch.

Der ICE nach München ist in Pinneberg gestrandet. Jemand aus der Gegend hat eine Flasche auf den Zug geworfen und eine Scheibe getroffen. Dann noch lieber Urlaub in Spanien, steht auf den Gesichtern meiner Mitreisenden. W und A warten Dammtor auf mich, denn Carsten Meier zeigt seine Kunst in Planten und Blomen. Diese herrlich patinierten Konzertenmuschel,

wie man sie in den 70ern gerne in Ostseebädern oder Bad Sachsa verbaut hat. Im inoffiziellen Stadtpark St. Paulis hat sie überlebt. Mehr noch coole Acts wie Lemperatrice oder eben jetzt Erobieg haben sie mit neuem Leben erfüllt und überfordern regelmäßig den nahegelegenen Kiosk. Okay, wir stehen immer noch. Da habe ich Zeit, euch von X zu erzählen.

Ein Blogger aus Berlin. Ja, guck mal, schon wieder Berlin. Der sowas wie ein kleiner Star der Szene war, als Bloggen der neue heiße Scheiß war. Er bloggt wieder und postet in das Fediverse, so wie ich auch. Und seine Definition des Bloggens hat mit viel Improvisation zu tun. Genau das, was Carsten Mayer mit seiner Kunst macht. Zitat, wirres.net,

Dinge ausprobieren, Dinge obsessiv zu verfolgen, bis sie mich langweilen, gelegentlich den Geschmack anderer zu treffen und gelegentlich das Gegenteil. Alles in der Öffentlichkeit, aber eigentlich nicht für die Öffentlichkeit. Und das ist ein schönes Zitat. Hammer. Ich wiederhole das nochmal. Alles in der Öffentlichkeit, aber eigentlich nicht für die Öffentlichkeit. Und da fühlte ich mich gleich angesprochen,

weil ich mache meine Sachen, die ich hier so mache, mache ich natürlich auch in der Öffentlichkeit. Ihr hört das ja gerade öffentlich. Und ich mache das natürlich auch ein bisschen für euch. Aber in erster Linie mache ich es für mich. Bloggen tue ich, um nicht zu vergessen, wie es mir gerade ging an dem Tag oder um…

die Reisen, die ich in meinem Kopf mache, aufzuschreiben. Die Ideen, die Leute, die ich erfinde und die ich kennenlerne mit mir selbst, euch vorzustellen. Dasselbe soll es eigentlich in dieser Hamburg-Kolumne auch geben. Natürlich Soll es um Aktuelles gehen aus Hamburg? Das ist klar, sonst macht ein wöchentlicher Newsletter aus Hamburg eigentlich wenig Sinn.

Aber es soll schon näher am Bloggen sein, näher an der Kolumne, näher an der Glosse als an der Nachricht. Für Nachrichten gibt es hervorragende Newsletter. Ich kann da zum Beispiel den… von der Zeit Hamburg empfehlen, den ich die Ehre hatte, hatte ich das schon erzählt, den ich die Ehre hatte, mit zu starten. Da war ich für St.

Pauli und für Black Lese zuständig in diesem Newsletter. Aber wir haben auch viel darüber diskutiert, wie aus unserer Sicht ein Newsletter sozusagen vom Format her auszusehen hat. Und zumindest in den Startjahren War die Elbvertiefung für mich, nicht nur für mich Vorbild, sondern auch beispielsweise für eine Tagesspiegel-Newsletter, die danach kam. Aus Berlin schon wieder. Guck mal, Hamburg, Berlin.

Das ist irgendwie auch so ein Thema, das man immer mal wieder so submäßig einbauen kann und muss. Aber auf jeden Fall haben wir viel diskutiert damals und ich habe immer gesagt, ich hasse Newsletter, die nur so antiesen. Selbst wenn das Antiesen quasi in so einen Fließtext, in so einen Flow verpackt ist, ja, das ist okay.

Aber ich möchte eigentlich ein Newsletter lesen und da muss das Lesen abgeschlossen sein. Wenn ich dennoch Lust habe, mir ein oder ein anderes Thema zu vertiefen, dann kann ich ja den Links folgen. Aber ich darf Informationen, die für mich als Leserin wichtig sind, nicht außerhalb des Newsletters verstecken. Die Leute zwingen, irgendwo rüber zu machen,

irgendwo rauf zu klicken, womöglich noch hinter einer Page-Schranke. Nee, nee, nee, das geht nicht. Und so wird auch dieser Newsletter, Ring 2, das Hamburg-Logbuch als Arbeitstitel, wird auch komplett sein, für euch komplett zu lesen und nicht hinter einer Bezahlschranke. Es sei denn, die Dinger sind drei, vier Monate alt, denn rücken sie, glaube ich,

automatisch bei meinen Einstellungen hinter die Bezahlschranke. Muss ich mir gerade mal überlegen, ob das Sinn macht. Vielleicht ändere ich das auch wieder. Also Hamburg, Pinneberg, Hamburg, Berlin. Und dann würde ich sagen, lese ich euch auch mal ein bisschen noch von meinem Newsletter vor, den ich aber auch schon mit einer Audiospur versehen habe, habe ich gerade gesehen.

Aber egal, machen wir es nochmal. Der Titel heißt Hamburg, du doofes Schlagloch. Ein Test für eine wöchentliche Hamburg-Glosse. Wochenletter Nummer 0, frostige Nullnummer, Kalenderwoche 8. Too lazy didn’t read. Das ist so eine Internetabkürzung und heißt, eigentlich habe ich keinen Bock, das zu lesen. Sag mir mal, worum es geht.

Und das macht das Hamburger Tagesjournal übrigens auch sehr schön. Oben drüber sehr oft mit Alliteration, so Spiegel Online-like. Gefällt mir ab und an auch mal ganz gut. Nicht, dass das zur Pflicht wird, wie bei Spiegel Online zu vermuten. Aber ab und an mag ich Alliterationen. Also Too Lazy Didn’t Read, minus 6 Grad, bald dreimal so viel.

Schnee wie nasse Pappe, keine Busse. Willkommen in Hamburg, Angela. Und ich glaube, ich lese euch nicht die ganzen vor, sondern nur ausschnittsweise. Es ist Mittwochmorgen, 7 Uhr morgens. Hamburger Osten, sehr gay Nuss, steht auf dem Betriebshof in Bilbrook und friert. Er könnte jetzt seinen Bus warmlaufen lassen, die Türen öffnen, die ersten Fahrgäste einsteigen lassen,

die Mütter mit Kinderwagen, Bauarbeiter mit Thermoskannen, nervige Schüler mit Kopfhörern und TikTok vorm Gesicht. Er tut es nicht. Er streikt. Hinter ihm stehen 89% seiner Kollegen bei der VHH. Auch sie streiken. Vor ihm Hamburger Straßen, auf der sich keine Busse bewegen. Die Menschen warten trotzdem an den Haltestellen. Weil sie es nicht wissen,

weil das Handy keinen Akku hat, weil Gewohnheit manchmal stärker ist als Vernunft. Willkommen in Hamburg, Woche 8. Zieh die Jacke oben zu, es wird rau. Verdi hat drei Tage lang gestreikt. In Wellen. Montag Harburg, Dienstag die gesamte Stadt. Mittwoch VHH und der Hamburger Osten. Donnerstag die Betriebshöfe Wandsbek und Hammerbrook. Jeden Morgen eine neue Front,

jeden Morgen neue Haltestellen, die niemand von Sergejs Kolleginnen bedient. Das nächste Mal trifft man sich am Verhandlungstisch am 20. und 24. Februar, bei der Hochbahn am 26. beim HVHH. Bis dahin eigene Beine, Fahrrad, viel frische Luft. Dann kommt noch eine lustige Geschichte über die Bahn. Die lese ich nicht vor, sondern sie ist aber sehr lustig, weil …

Fünf Nordländer Ministerpräsidenten und unser Bürgermeister Peter Tschentscher ist ja als erster Bürgermeister auch Ministerpräsident des Landes Hamburg. Also alle fünf Ministerpräsidenten aus Berlin, Brandenburg, da war es wieder Berlin, Berlin, Brandenburg, Mecklenburg, Vorpommern und Schleswig-Holstein und Hamburg, alle fünf, haben diese Woche einen solchen Brief geschrieben. Einen Brandbrief, einen höflichen, aber sehr dringenden Brandbrief.

Und in diesem Brief haben sie gefragt, Sag mal, Frau Bahnchefin, wie steht es denn eigentlich mit der Strecke Hamburg-Berlin? Die sollte doch im April fertig sein mit eurer Generalsanierung. Jetzt hat aber auch die Bahn Probleme mit dem Frost. Und die Ministerpräsidenten waren einigermaßen not amused und haben gesagt, wir brauchen da mal eine Ansage bis zum 2.3.,

Und hat die Bahnchefin etwas gemacht, was ich total Bahnchef-mäßig finde. Würde ich auch machen, wenn die Bahnchefin wäre. Und sie hat gesagt, den Zeitplan präsentiert wir am 13. März. Elf Tage nach der Frist. Und man muss diese Egalheit fünf Ministerpräsidenten gegenüber einfach auch mal würdigen. So nach dem Motto, ja, ja, Zweiter, Dritter.

Ich habe mir das auf Wiedervorlage gelegt, elf Tage später, also fast zwei Wochen später. Das ist total lustig. Tja, und dann kommt auch noch sozusagen in den Frühjahrsferien wird die Verbindungsbahn gesperrt. Also nicht die Straße an der Verbindungsbahn, sondern die Verbindungsbahn zwischen Altona und Dammtor. Also Dammtor und dem Rest der Welt im Norden und auch der Sternschanze.

Ich muss mir auch überlegen, wie ich zur Arbeit komme. Aber das wird auch hart. Also all sowas habe ich in dieser Glosse verarbeitet. Ich habe mir überlegt, weil das war eher ein Zufall, dass es grundsätzlich oder viel um den Hamburger Verkehr geht oder die Hamburger Verkehrsinfrastruktur. Das war jetzt Zufall.

Ich muss das ein bisschen beobachten beim nächsten Mal, ob das eigentlich eine ganz gute Idee ist, so ein Metathema zu nehmen, das man immer mal wieder irgendwo einfließen lässt. Sagt mir doch mal Bescheid. Dann gab es noch eine Kampag-Geschichte unter anderem über den Hamburger Zukunftsentscheid. Könnt ihr ja gerne alles selber nochmal lesen.

Ach ja, und dann gibt es ja noch den HSV. Also ich bin ja bekannterweise St. Pauli-Fan, aber ich finde der HSV… ist in dieser Stadt einfach so präsent, omnipräsent und wichtig. Und man kann kein Hamburg Newsletter machen, wenn man nicht regelmäßig auf den HSV guckt. Und ich verspreche hier mit hoch und heilig, dass ich mit einer feinen,

ironischen Klinge vielleicht manchmal agieren werde. Aber ich werde kein HSV-Bashing betreiben. Ganz einfach auch aus dem Grund, weil das könnte… Und Merkwürdigkeiten können die tatsächlich alle selbst. Jetzt hat zum Beispiel die Woche Erik Huwer, der neue starke Mann beim HSV, Vorstandschef, auf der Mitgliederversammlung ans Mikro getreten und hat meiner Wahrnehmung nach ungefähr sinngemäß gesagt, ja,

Der HSV freut sich schon auf ein neues Stadion. Vielen Dank Stadt Hamburg. Aber ich weiß auch schon, wie es aussieht. Es wird auf gar keinen Fall ein Leichtathletikstadion. Ich habe auch keinen Bock auf so ein Leichtathletikrundestadion. Also wo wir vielleicht Innenfußball haben und Außen Leichtathletik. Da fragt man sich natürlich, okay,

wenn das zu den Olympischen Spielen gebaut wird, wo soll denn da die Leichtathletik stattfinden? Lieber Herr Hoover, lieber Herr Namensvetter Erik, Da glänzt so ein bisschen die HSV-Arroganz durch, wenn er dann sagt, also wenn es ein neues Stadion gibt, dann wird es eins sein, dass nach den Vorgaben das HSV gebaut wird.

Auf der anderen Seite in der Stadt noch keinerlei Planung, noch nicht mal eine Diskussion über das Stadion. Da weiß der HSV schon mehr, ich weiß es nicht. Angela Merkel kommt am 6. März zum Mattei mal. Das ist sowieso auch so eine Veranstaltung, die muss in so ein Newsletter rein. 6. März, mal gucken. Dann natürlich das Wetter.

Und das wird ja jetzt warm. Also von gefühlt minus 11 vorgestern zu nächsten Mittwoch 12 Grad. Das sind laut Adam Riese 23 Grad Unterschied. Und das ist Hochsommer. Also der Unterschied zwischen tiefstem Winter und nächsten Mittwoch ist ein Hochsommer. Das ist ja wohl cool. So, jetzt haben wir es bald.

Ihr habt mir jetzt 20 Minuten zugehört und ich hoffe, ihr meldet euch bei mir. Ach ja, eine Frage habe ich noch. Wann hättet ihr den Newsletter denn gern? Am Sonntag zum Frühstück? Zum späten? So um elf beim zweiten Kaffee? Oder am Mittwoch. Also ich hätte Mittwoch- und Nachmittagszeit. Oder Freitag und Samstag für Sonntag. Schreibt mir mal zurück.

Mittwoch oder Sonntag, Erik. Dankeschön. Das ganze Stadion, Quatsch, das ist der andere Podcast. Die ganze Stadt. Tschüss Hamburg.

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HH Podcast: Olympiaträume meet Sanierungsstau

Logbuch KW 11: Goldrausch an der Alster, Sanierungsstau im Viertel

Moin Hamburg! In dieser Folge schauen wir hinter die glänzende Fassade der Hansestadt im März 2026. Während der Senat das 4,8-Milliarden-Scheckheft für Olympia zückt, bröckelt an anderer Stelle der Putz – und zwar gewaltig.

Erik nimmt euch mit auf eine Tour durch eine Stadt der Kontraste:

Die 4,8-Milliarden-Wette: Warum die Hamburger Olympia-Kalkulation eher nach „Lottogewinn“ als nach ehrbarem Kaufmann klingt.

Schönrechner vs. Realität: Während wir von den fünf Ringen träumen, macht das Holthusenbad wegen Einsturzgefahr dicht. Ein Paradebeispiel für „selektive Knappheit“.

Exzellenz auf dem Trockenen: Die Uni Hamburg glänzt auf dem Papier, aber der „Rumpf“ leckt – zwischen Sanierungsstau und Wohnungsnot.

Vorsicht, Paris-Syndrom: Ein ernüchternder Blick auf die Seine. Was Hamburg aus den „nachhaltigen“ Spielen von 2024 (nicht) gelernt hat – von Gentrifizierung bis zum Wartungsschock.

Lichtblick Alster: Wie ein Kompromiss zwischen Paddlern und Naturschutz zeigt, dass es auch ohne Beton-Milliarden geht.

Außerdem im Logbuch: Ein kurzes Update zum HSV und St. Pauli – zwischen mühsamem Aufstiegskampf und der Suche nach neuer Energie.

Geld ist immer da – man muss es nur für das Richtige wollen. Klar zur Wende!

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Hamburgs Olympiaträume überschminken die Realität

Logbuch KW 11: Von Schönrechnern mit Sanierungsstau

Vor ein paar Jahren wartete ich vor meiner Haustür in Altona im Wagen und hörte NDR Info. Ich zappte in ein Interview, dessen Details im Nebel der Zeit verborgen liegen (meint: an Details kann ich mich nicht erinnern). Aber die These des freundlichen Experten habe ich für immer abgespeichert. Kurz sagte er sinngemäß: “Geld ist immer da, wenn es politisch gewollt ist – dummerweise nur für die Dinge, die gerade politisch gewollt sind”.

Warum ich gerade heute daran denken muss, als ich diesen Letter für euch recherchiere? Na. ne Idee? 😉

Sonntag. 15. März 2026. Altona. Nu ist wieder der Alltag eingekehrt: Der Wind weht böig aus West, es schauert Atlantische Tiefausläufer bei knapp zehn Grad. Es ist die elfte Woche des Jahres, und Hamburg fühlt sich an wie ein Segelschiff, das versucht, auf sturmgepeitschter See Leckagen zu stopfen, während der Kapitän auf der Brücke von Goldschätzen träumt.

Moin, Hamburg. Reden wir über das Geld, das wir angeblich haben.

In dieser Woche hat der Senat das große Scheckheft ausgepackt. 4,8 Milliarden Euro für Olympia. Über sechzig Mal die Elbphilharmonie – wenn man die einst geschätzten Kosten zugrunde legt. Man verspricht uns „wirtschaftlich tragfähige Spiele“. Ein Überschuss von 100 Millionen Euro am Ende – quasi als Trinkgeld für die Stadtkasse. Hamburger sind Kaufleute, ich auch (gelernter Außenhandelskaufmann). Wenn ich allerdings meinem Pfeife-rauchenden Seniorchef damals eine solch löchrige Kalkulation vorgelegt hätte oder am Tresen in der Haifischbar so argumentieren würde um eine weitere Runde aufs Haus anschreiben zu wollen, hätten mich beide schon längst vor die Tür gesetzt.

32 Prozent der Einnahmen sollen aus lokalem Sponsoring kommen. In einer Zeit, in der jeder Euro dreimal umgedreht wird? Das klingt nicht nach einem soliden Finanzplan, das klingt nach „Hoffen auf den Lottogewinn“, wie ich neulich schon in mein Logbuch schrieb. Aber der Traum vom Glanz, von den fünf Ringen über der Alster, er ist mächtig. Er überstrahlt bei einigen die Schlaglöcher der Realität. Dabei hat unser Finanzsenator in Zeiten überkommender Krisenwellen die Kosten für die Sicherheit vorsorglich rausgerechnet.

Klaus von Dohnanyi (die Älteren werden sich erinnern) hat einmal – auch in einem NDR Interview – erzählt, dass er als Bürgermeister alle Kalkulationen aus seinen Behörden mal PI genommen hat. Das sei nicht nur realistischer, sondern mache auch mächtig Eindruck, wegen der krummen Zahl, die rauskommen würde. Übrigens: Hätte er das bspw. für die Elbphilharmonie machen sollen, hätte er das Budget mal 11,24675325 nehmen müssen.

Warum der Hinweis der Olympiabefürworter auf die angeblich so erfolgreichen Spiele in Paris nach hinten losgehen könnte, zeige ich euch am Ende dieser Kolumne.

Während Herr Dressel sich die Bewerbung schön rechnet, vermodert ihm die Stadt unterm Mors

In der Gegenwart macht das Holthusenbad dicht. Acht Monate Schließung. Viel länger als geplant. Denn es ist überall rott: Das Dach kaputt, Fenster undicht – und jetzt auch noch Schadstoffe in den Decken. Es ist das alte Hamburger Lied: Wir bauen Elbphilharmonien und planen olympische Dörfer, aber wenn wir mal eine Runde schwimmen wollen, ohne dass uns die Decke auf den Kopf fallen soll, stehen wir im Regen. Das Holthusenbad ist in Eppendorf mehr als nur ein Schwimmbad; es ist ein lokaler Ankerpunkt. Wenn solche Anker gelichtet werden, beginnt das soziale Gefüge zu driften. Aber hey, wir haben ja bald die Goldmedaillen.

Betriebskosten sind unsexy und eignen sich schlecht für Werbekampagnen – aber (das zeigt übrigens auch Paris) sie können öffentliche Haushalte zum kentern bringen

Ein paar Kilometer weiter, an der Universität Hamburg, herrscht hingegen Jubel – oder zumindest so etwas wie die hanseatische Form davon. Wir bleiben „exzellent“. 77 Millionen Euro für sieben Jahre. Das klingt nach viel Holz, aber Uni-Präsident Heekeren hat den Finger in die Wunde gelegt, noch bevor das Konfetti im Audimax auf den Boden gesunken war. Exzellenz auf dem Papier flickt keine strukturellen Finanzlöcher. Es ist wie bei einem Boot: Du kannst das beste High-Tech-Segel der Welt haben – wenn der Rumpf leckt, bringt dir der Windvorteil gar nichts. Und die Uni Hamburg leckt an allen Ecken und Enden. Die Forschung glänzt, aber der Alltag der Studierenden zwischen Wohnungsnot und überfüllten Seminaren bleibt hoffnungslos.

Stichwort Wohnungsnot: Habt ihr Lara Schulschenk im NDR gesehen? Die Journalistin zeigt uns gerade die Fratze des Hamburger Wohnungsmarkts. Absurde Anzeigen für Besenkammern zum Preis einer Luxussuite. Es ist die tägliche Demütigung auf dem Mietmarkt, die zeigt, wie weit die Schere in dieser Stadt auseinandergeht. Da hilft es auch nur bedingt, dass die SAGA in Mümmelmannsberg 100 barrierefreie Wohnungen hochzieht. Ein Tropfen auf den heißen Stein, während die Stadtplanung im Olympia-Rausch schon wieder über neue Stadtteile fantasiert, die sich am Ende doch nur die wenigsten leisten können.

Ohne Reinheitsgebot: das Hamburger Alsterwasser

Sogar die Alster hat ihre Krise. Eine Studie bescheinigt ihr einen schlechten ökologischen Zustand. Zu viel Freizeit, zu wenig Natur. Jetzt gibt es einen Kompromiss zwischen Paddlern und Naturschützern. Schilfzonen sollen her. Ein bisschen mehr Grün für das feuchte Herz der Stadt. Es ist vielleicht das einzige Thema dieser Woche, das Hoffnung macht: Dass wir es schaffen, uns an einen Tisch zu setzen und eine Lösung zu finden, die nicht nur aus Beton und Milliarden besteht.

Hamburg – eine Stadt zwischen Größenwahn und Sanierungsstau, zwischen Exzellenz und Mietenwahnsinn. Ob Rathausmarkt, G20, Elbphilharmonie oder Olympia – Geld ist da, sogar immer mehr als geplant. Dummerweise ist es nur dafür da, was geplant ist. Nennt sich “Selektive Knappheit“ und ist so fies ungerecht, wie es sich anhört.

„Das Problem in Deutschland ist nicht ein Mangel an Geld, sondern eine Lähmung der Prioritäten. Wir behandeln Investitionen in unsere soziale und intellektuelle Infrastruktur oft als optionalen Luxus, während für nationale Prestigeprojekte und akute Krisenbewältigung binnen kürzester Zeit zweistellige Milliardenbeträge mobilisiert werden können. Fiskalische Regeln werden dann zum politischen Vorwand, um notwendige Zukunftsinvestitionen zu verhindern.“ (Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). In Anlehnung an seine Analysen zur Schuldenbremse und Investitionslücken, 2024/25)

Klar zur Wende. Bleibt an Deck, hier gibts ne Extraration Rum.

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Euer Erik.

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Und da war ja auch noch … der HSV

Mühsam ernährt sich der Aufsteiger. In einem zähen Spiel erkämpft sich der Aufsteiger gegen den Aufsteiger einen Punkt. Der Klassiker der Bundesliga kürt keinen Sieger. Stetig krabbelt der HSV damit aus der gefährlichen Zone.

… und der FC St.Pauli?

Was passiert eigentlich, wenn man ein Endspiel verliert? Man ist draußen und fährt nach Hause. Die Boys in Brown haben verdient nach einer auffällig schwachen Partie das Spiel beim Abstiegskollega Mönchengladbach verloren. Bräsig, behäbig und glücklos.

Zum Glück war das mit den Endspielen nur eine doofe Metapher. Es geht weiter, auch wenn die Mannschaft irgendwo Frische und Energie herbekommen muss.

Hamburg ist nicht … Paris

(aber es ist zu befürchten, dass wir uns dieselben Probleme einhandeln – und zwar nachhaltig; ein Vergleich)

Die Datenlage anderthalb Jahre nach den Spielen in Paris 2024 (Stand Frühjahr 2026) zeichnet ein ernüchterndes Bild, das die anfängliche Euphorie der „nachhaltigen Spiele“ stark relativiert. Besonders in den Bereichen Wohnungsmarkt und langfristige Haushaltsbelastung zeigen sich die typischen „Olympischen Nebenwirkungen“.

1. Der Wohnungsmarkt: „Gentrification on Steroids“

Während die Organisatoren versprachen, dass das Olympische Dorf in Saint-Denis (dem ärmsten Departement Frankreichs) neuen Wohnraum schaffen würde, zeigen die Daten von 2025/2026 eine andere Realität:

  • Mietpreisanstieg in Saint-Denis: Die Mieten im Umfeld der neuen Sportstätten und des olympischen Dorfes sind zwischen 2023 und Anfang 2026 um ca. 12–15 % gestiegen – deutlich stärker als im Pariser Stadtdurchschnitt.

  • Verdrängungseffekt: Viele der 2.800 Wohneinheiten im ehemaligen olympischen Dorf werden nun als gehobene Eigentumswohnungen vermarktet. Kritiker (u.a. das Kollektiv „Le Revers de la Médaille“) belegen, dass die versprochene Quote für Sozialwohnungen durch „bezahlbaren Wohnraum“ ersetzt wurde, der für die ursprünglichen Bewohner von Saint-Denis faktisch unbezahlbar bleibt.

  • Studentenwohnungen: Die während der Spiele durchgeführten Zwangsräumungen von über 2.000 Studenten aus CROUS-Wohnheimen führten zu einer dauerhaften Instabilität im studentischen Wohnungsmarkt. Viele dieser Heime wurden nach den Spielen erst mit massiver Verzögerung und zu höheren Sätzen wieder dem Markt zugeführt.

2. Öffentliche Ausgaben: Der „Wartungsschock“ (Legacy Costs)

Die „Schwarze Null“ im operativen Budget verdeckt die langfristigen Belastungen für den Steuerzahler, die erst jetzt im Haushalt 2026 voll durchschlagen:

  • Betriebskosten der Sportstätten: Das neue Centre Aquatique Olympique (CAO) in Saint-Denis erweist sich als finanzielles Fass ohne Boden. Die jährlichen Betriebskosten belaufen sich auf geschätzt 2,5 bis 3 Millionen Euro, die nun von der Metropolregion Paris getragen werden müssen. Da das Bad für den Breitensport zu teuer im Unterhalt ist, werden Eintrittspreise verlangt, die über dem Niveau normaler öffentlicher Bäder liegen.

  • Staatsschulden-Kontext: Frankreich kämpft 2026 mit einem massiven Haushaltsdefizit. Die 6,6 Milliarden Euro an öffentlichen Olympia-Ausgaben haben den Spielraum für soziale Projekte (Bildung, Gesundheit) in den Folgejahren spürbar eingeschränkt. In den Haushaltsdebatten 2025 wurde das „Olympia-Erbe“ oft als Grund für Kürzungen in anderen Ressorts angeführt.

3. Soziale Verschlechterung: „Le Nettoyage Social“ (Die soziale Säuberung)

Daten von Hilfsorganisationen wie Médecins du Monde zeigen eine nachhaltige Verschlechterung für marginalisierte Gruppen:

  • Vertreibung Obdachloser: Während der Spiele wurden ca. 12.500 Menschen (Obdachlose, Migranten) aus Paris in „regionale Aufnahmezentren“ (SAS) in der Provinz verschickt. Viele dieser Menschen kehrten 2025 zurück, fanden ihre alten Unterstützungsnetzwerke in Paris jedoch zerstört vor.

  • Verschärfte Überwachungsgesetze: Die für die Spiele eingeführte KI-gestützte Videoüberwachung (VSA) wurde – entgegen ursprünglicher Zusagen – nicht vollständig zurückgefahren. Das „Olympia-Gesetz“ schuf die rechtliche Basis, die nun dauerhaft zur Überwachung des öffentlichen Raums genutzt wird, was besonders in den Banlieues zu erhöhten Spannungen führt.


Fazit aus Paris für Hamburg

Diese Daten sind Wasser auf die Mühlen der Olympia-Skeptiker. Wenn Hamburg mit einer „Schwarzen Null“ plant, übersieht es das „Pariser Paradox“:

„Wir bauen Paläste für drei Wochen Spektakel, während die Wartungsrechnungen danach die Kassen der Stadtteile auffressen, die eigentlich Unterstützung bräuchten. In Paris glänzt das Gold, aber in Saint-Denis zahlen die Mieter den Preis für den Glanz.“


Ring2 * das Hamburg Logbuch is a reader-supported publication. To receive new posts and support my work, consider becoming a free or paid subscriber.


Quellen Paris:

  • Analyse von „Le Revers de la Médaille“ (Abschlussbericht 2025)

  • Institut Paris Region (IPR) – Marktmonitor Wohnen 2026

  • Französisches Finanzministerium (Bilan financier des JOP)

  • L’Humanité: Reportagen zur Gentrifizierung in Saint-Denis (Januar 2026)

Quellen Hamburg:

hamburg.de (Pressemitteilung 11.03.2026), Hamburger Abendblatt, NDR Hamburg Journal. uni-hamburg.de (Newsroom), SAT.1 Regional. Reddit r/hamburg.

Für Recherchen wurde Google Gemini befragt, Fehler sind möglich.

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(B)Logbuch

Moin Feuerpferd

„Die Tissier hat gesagt, dieses Jahr wird alles besser“.

„Ist die nicht längst tot?“

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Erinnerungen an den Hamburger Schneemann

So knackekalt war es lange nicht mehr. In Berlin, so berichten mir Freunde, machen sie sich lustig darüber, dass Hamburg keinen Schnee kann.

Dafür konnte Hamburg Schneemänner. Dutzende säumten die Brücken an der Alster und um die Alster herum. Selbst Massaker Schneemann-hassender Männer (es sind immer Männer) konnten Hamburgs Liebe zu den putzigen Mitbewohnern nicht erschüttern. Sie rollten flugs neue.

Schnee genug gab’s ja.

Seit Montag regnet es und die Schneemänner Hamburg sterben einen leisen Tod.

Irgendwie schade.

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(B)Logbuch Podcast

Hamburg, du doofes Schlagloch

Wochenletter, frostige Nullnummer. KW acht.

Tl;dr: Minus sechs Grad – bald dreimal soviel. Schnee wie nasse Pappe. Keine Busse. Willkommen in Hamburg, Angela.

Es ist Mittwochmorgen, sieben Uhr, Hamburger Osten. Sergej Nuss steht auf dem Betriebshof in Billbrook und friert. Er könnte jetzt seinen Bus warmlaufen lassen, die Türen öffnen, die ersten Fahrgäste einsteigen lassen — die Mütter mit Kinderwagen, Bauarbeiter mit Thermoskannen, nervige Schüler mit Kopfhörern und TikTok vorm Gesicht. Er tut es nicht. Er streikt.

Hinter ihm: stehen 89 Prozent seiner Kollegen bei der VHH. Auch sie streiken. Vor ihm: Hamburger Straßen, auf der sich keine Busse bewegen. Die Menschen warten trotzdem an den Haltestellen — weil sie es nicht wissen, weil das Handy keinen Akku hat, weil Gewohnheit manchmal stärker ist als Vernunft.

Willkommen in Hamburg, Woche acht. Zieh die Jacke oben zu. Es wird rau.


Ver.di hat drei Tage lang gestreikt, in Wellen. Montag: Harburg. Dienstag: die gesamte Stadt. Mittwoch: VHH und der Hamburger Osten. Donnerstag die Betriebshöfe Wandsbek und Hammerbrook. Jeden Morgen eine neue Front, jeden Morgen neue Haltestellen, die niemand von Sergejs Kolleg:innen bedient

Saskia Heidenberger, Personalvorständin der Hochbahn, trat vor die Kameras und sprach das Wort aus, das Arbeitgeber immer aussprechen: konstruktiv. Der Streik sei nicht konstruktiv. Man habe sich auf einen Verhandlungsfahrplan geeinigt. Einen Fahrplan, hallo? Die Hochbahn, die gerade keine Busse fahren lässt, benutzt das Wort Fahrplan. Die Ironie ist stark in dieser Stadt.

Die U-Bahnen fuhren allerdings. Die ganze Woche, pünktlich, stoisch, wie immer. Die HADAG-Fähren fuhren auch. Auf der Elbe herrschte eine gewisse Ordnung zwischen den Eisschollen. Nur auf den Straßen, in der Stadt der Menschen: Chaos, Frost, Schlaglöcher.

Das nächste Mal trifft man sich am Verhandlungstisch: Heute, am 20. und 24. Februar bei der Hochbahn, am 26. bei der VHH. Bis dahin: eigene Beine, Fahrrad, viel frische Luft.


Und dann ist da ja immer auch noch – die Bahn.

Es gibt in Deutschland eine besondere Gattung Brief: den Brief, den Politiker an die Deutsche Bahn schreiben. Er ist immer höflich. Er ist immer dringend. Er verändert nie etwas. Fünf Ministerpräsidenten — Tschentscher einer von ihnen, flankiert von den Kollegen aus Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein — haben diese Woche wieder einen solchen Brief geschrieben. An Bahn-Chefin Evelyn Palla. Mit Frist: 2. März. Inhalt: Wann wird die Strecke Hamburg–Berlin fertig? Die Strecke ist seit August gesperrt. Generalsanierung. Fertig sein sollte sie bis Ende April. Der Frost hat andere Pläne. Jetzt wolle man schnell einen Plan. Bis spätestens 2.3.!

Palla antwortete bereits, auf ihre Art: Den Zeitplan präsentiere man am 13. März. Elf Tage nach der Frist. Man muss diese Egalheit irgendwie auch bewundern.

Am Mittwoch dann der Auftritt, den niemand bestellt hatte: Mutmaßlich russische Hacker legten die Auskunfts- und Buchungssysteme der Bahn lahm. Ein Konzern, der seine eigenen Gleise nicht in den Griff bekommt, wird von außen sabotiert. Hybride Kriegsführung gegen ein Unternehmen, das Guerillataktiken schon lange gegen sich selbst erprobt. In den Frühjahrsferien kommt auch noch der nächste Akt: Die Verbindungsbahn wird gesperrt. Wochenlang. S-Bahn, Fernverkehr — alles eingeschränkt.

Reisende werden auf den Bahnsteigen stehen und auf die Anzeigetafeln starren. Toouristen werden sich wundern, Pendler haben ein bitteres Deja-vu.


Auf den Straßen dieser Stadt, hat der Winter ganze Arbeit geleistet.

Schlaglöcher, wohin man schaut. Nicht einzelne, nicht vereinzelte — Kraternetzwerke. Als hätte der Frost beschlossen, Hamburg als Experiment zu nutzen: Wie viel Vernachlässigung verträgt Asphalt, bevor er aufgibt? Die Antwort: weniger als gedacht. Der Senat reagiert mit dem Arsenal der Bürokratie: Heißasphalt, Koordinierungsstellen, Prioritätenlisten. Die Vergabegrenze für Reparaturaufträge wurde kurzfristig auf 100.000 Euro angehoben, damit schneller bestellt werden kann. Das ist immerhin etwas.

Verkehrssenator Anjes Tjarks, der Grüne, dem die Straßen eigentlich egal sein sollten, hat derweil seine Radweg-Bilanz hinter sich. 50 statt 75 versprochene Kilometer. Die CDU zählte nach. Die Verkehrsbehörde verweist auf weniger Autos. Das mag stimmen. Aber die Schlaglöcher unterscheiden nicht zwischen Rad und SUV. Sie reißen jeden Reifen auf. Egal wessen.


Am Jungfernstieg, letzten Donnerstag, kurz vor Mittag: Ein Truck mit einer riesigen LED-Wand parkt in der Fußgängerzone. Auf der Wand: eine umgekippte Müllermilch-Flasche, weiß auf rotem Grund, und der Schriftzug „Alles AfD, oder was?”

Passanten stoppen. Einer fotografiert. Eine Frau schüttelt den Kopf — aus Zustimmung oder Ablehnung, das lässt sich von außen nicht sagen. Die Stadt guckt zu.

Hinter dem Truck steckt Campact, eine Berliner NGO mit schlagkräftiger Kampagnenmaschinerie. Ihr Ziel: Theo Müller, Gründer des Milchimperiums, der Alice Weidel seine Freundin nennt. Müller klagte vor dem Landgericht Hamburg — er will die Behauptung unterbunden haben, er unterstütze eine rechtsextreme Partei. Das Gericht traf bisher keine Eilentscheidung. Campact ließ den Truck weiterfahren.

Nebenbei kam raus: Campact hat über 460.000 Euro in den Hamburger Zukunftsentscheid gesteckt — fast die Hälfte des Gesamtbudgets. Eine Berliner Organisation finanziert einen Hamburger Volksentscheid. Das ist legal. Ob es gut ist, darüber lässt sich streiten. Es streiten auch gerade viele — allerdings vorwiegend auf der rechten Seite des Spektrums, was die Sache kompliziert macht. Die Fakten stimmen. Das Framing ist interessengesteuert.


Die EU hat diese Woche die Übernahme von Blohm+Voss und der gesamten Lürssen-Marinesparte NVL durch Rheinmetall genehmigt. Wo früher Handelsschiffe gebaut wurden, entstehen jetzt Kriegsschiffe — unter dem Dach des größten deutschen Rüstungskonzerns. Das ist, je nach Standpunkt, modern oder mies.

Otto baut knapp 460 Vollzeitstellen ab. Marketing, Tech, Controlling. Das Wort „KI” fiel in der Pressemitteilung nicht. Es musste nicht fallen. Jeder weiß, was gemeint ist. Hamburgs Wirtschaftssenatorin ist derweil in Mumbai, wo sie den dortigen Hafen inspiziert und nach maritimen Kooperationen fragt. Hamburg muss seine Zukunft wohl in der Ferne suchen.

Der Rechnungshof hat seinen Jahresbericht vorgelegt. Er rügt. Das tut er jedes Jahr. Jedes Jahr nicken alle. Jedes Jahr ändert sich wenig. Der Kreislauf der hanseatischen Selbstkritik, unendlich, irgendwie auch beruhigend in seiner Verlässlichkeit.


Und dann gibts ja noch: den HSV.

Eric Huwer, Vorstandschef des Hamburger SV, trat auf der Mitgliederversammlung ans Mikrofon und sprach über Stadien. Über das, was er will und was er nicht will. Er will kein Stadion mit Laufbahn. Er will kein Leichtathletikoval. Er will ein Stadion, das dem HSV gerecht wird — für die Olympia-Bewerbung 2036 oder 2040, falls Hamburg sie denn bekommt. Was er sagte, klang wie ein Mann, der schon weiß, was gebaut wird, obwohl noch nichts beschlossen ist. In Hamburg nennt man das “Das Selbstbewusstsein eines Hanseaten”. Anderswo würde man es Frechheit nennen.

Der HSV spielt übrigens immer noch in der Bundesliga. Schuldenfrei, zum ersten Mal seit Jahrzehnten. Das Volksparkstadion steht. Das Team steht. Die Stadt könnte stolz sein — und ist es vermutlich auch, auf die stille, norddeutsche Art, die von außen aussieht wie Gleichgültigkeit. Oder man ist St. Pauli Fan. Der hätte auch gerne einen Stadionausbau, kämpft aber mit der Abstiegsangst.

Angela Merkel kommt am 6. März zum Matthiae-Mahl. Sie ist Ehrengast. Das Thema: Europa. Sie kehrt zurück in die Stadt, in der sie geboren wurde, um über ein Projekt zu reden, das gerade von allen Seiten unter Beschuss liegt. JD Vance stichelt aus Washington. Der Bulgare sabotiert aus dem Schatten. Lars Klingbeil versucht, die EU-Finanzminister zu koordinieren, und klingt dabei wie jemand, der zum ersten Mal bemerkt, dass Führung möglich wäre, wenn einer sie übernimmt.


Am Wochenende kommt das Tauwetter. Zwölf Grad nächste Woche. Der Frost zieht ab. Die Schlaglöcher bleiben. Die Busse kommen zurück. Die Bahn nennt ihren Zeitplan trotzdem erst am 13. März. Rheinmetall baut Schiffe. Campact wirbt. Huwer plant Stadien. Der Rechnungshof rügt.

Hamburg dreht sich weiter. Müde, fertig mit dem Schnee, kaputt aber unabsteigbar.

— HH am 20. Februar 2026


Quellen: Hamburger Tagesjournal · Hochbahn AG · ver.di Hamburg · hamburg.de · dpa / Tagesspiegel (Bahn-Ultimatum) · Radio Hamburg (Schlaglöcher) · NDR / Business Insider DE (Otto) · dpa / boerse.de (Rheinmetall/NVL) · taz.de · transparente-demokratie.de (Campact/Zukunftsentscheid) · HSV e.V.


Dies ist ein Testballon. Ein Text, zusammengestellt aus den Nachrichten dieser Woche. Der etwas andere Hamburg Newsletter: Man kann ja nie genug Projekte haben, oder? Nachdem ich der Elbvertiefung der ZEIT beim Start helfen konnte und als begeisterter Leser des HHer Tagesjournals, frage ich mich: gibt’s Bedarf an einem launigen Letter aus und über die Stadt, der die Woche in der schönsten Stadt zusammenfasst? Und noch mehr: gibt’s Leute, die da mitmachen würden?

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Podcast

Café und andere Infusionen

Thema: Kaffe, Kaffee, Caffé, als Espresso, Galao oder aus der großen Kanne

Kaffe spielt in meinen Geschichten eine der wichtigen Nebenrollen; Zeit das wichtige Getränk zur Hauptfigur zu machen – für einen Podcast.

Ich lese aus Logbucheinträgen von 2013 bis 2025:

* Kaffe zum Fang

* Bunte Kaffeflecken

* Stille Sucht

* Als Caffè Cortado

* Flüchtige Liebe

alle Kaffe-Logs im Blog lesen

PS als Bonus gibts morgen noch einen Text von Benny Miller (Wenn dir das hier zu wenig Text war 😉

PPS Vielen Dank, Tom, für das nette Feedback. Tom hört meine Texte gerne bei der Fahrt zur Arbeit. Wo lest und hört ihr mich? Bitte melden …

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Podcast

Kaffeonkel

Kaffee trinke ich länger als Bier. Und habe nie länger als einen Tag auf ihn verzichtet.

Früher, als wir uns die Nächte in Medienlaboren und im frühen Internet um die Ohren geschlagen haben, literweise aus großen silbernen Kannen. Heute kleiner und schwarzer als Espresso.

Drei Espressi sind es im Schnitt. Mal schwarz, mal als Schweizer Melange mit ein Spritzerchen Kakao. Etwas, was es früher bei Lufthansa an jedem Gate kostenlos zur Frankfurter Zeitung gab.

Eine stille Sucht, die ich mit allen teile, die ich kenne.

Chapters

0:05 Einführung in die Kaffeewelt

3:10 Kaffee und Krimis

9:32 Die Reise zum Kaffee-Nerd

12:28 Kaffee und schlechte Laune

14:05 Nu mach ich mir n 2.

Ein Bekenntnis zum Druck

Ich bin ein Kaffeeonkel. Das ist kein Titel, das ist eine Diagnose. Es ist die Wahrheit, die mir jeden Morgen erstellt wird, bevor die erste Tasse meine Synapsen flutet. In dieser Episode habe ich versucht, das in Worte zu fassen – 500 Zeichen Mastodon-Lyrik verlängert zu einem Audio-Manifest über die einzige Substanz, die ich mir jeden verdammten Tag zuführe – als Longo quasi. Bier? Kann ich lassen. Aber Kaffee ist das Benzin, das diesen Motor am Laufen hält.

Zornig dunkel und literweise

Erinnert ihr euch an die Zeit, als wir noch unsterblich waren? In den Medienlaboren der Neunziger, im “frühen Internet”. Da tranken wir keine “Notes of Apple and Rose”. Wir tranken Schlamm. Er kam aus riesigen silbernen Kannen, er war zornig dunkel und schmeckte im Abgang ein bisschen angebrannt. Wir haben ihn uns literweise in die Hälse gekippt, heiß und gnadenlos, wie das Leben selbst. Wir waren in unseren Zwanzigern, unsere Mägen waren aus Eisen, und wir brauchten diesen Treibstoff, um den Mantel der Müdigkeit zu zerreißen.

Heute ist alles kleiner, schwärzer, konzentrierter. Drei Espressi. Das ist mein Maß. Keine Milch. Um Himmels willen, keine Milch. Ich habe dieses ganze “Latte Fantastic”-Gedöns nie verstanden. Ein Dreiviertelliter weiße Babynahrung mit einem lütten Schuss Koffein? Das ist kein Getränk, das ist ekelhaft. Ich will den reinen Stoff.

Die italienische Verschwörung

In der Episode erzähle ich von meiner ersten Espressomaschine (die noch heute unseren Morgen startet). Ich stand bei diesen zwei wunderbaren Italienern in der Juliusstraße, umgeben von Chrom-Monstern, die so viel kosten wie eine Niere. Und ich fragte: “Was kauft man, wenn man pleite ist, aber das Leben italienisch starten will?” Und sie flüsterten mir zu, als würden sie mir Staatsgeheimnisse verraten: “Kauf ‘ne DeLonghi. Aber sag es nicht unseren Eltern”. Und genau das habe ich getan. Eine Maschine, die Wasser heiß macht und es mit Druck durch Pulver jagt. Mehr braucht der Mensch nicht. Kochendes Wasser, Druck, Erlösung. Die Alltagsvariante von Glaube, Liebe, Hoffnung.

Kommissare auf Entzug

Es gibt einen Grund, warum skandinavische Kommissare Kaffee trinken und deutsche Tatort-Ermittler Bier. Der Deutsche will betäuben, der Schwede will wach bleiben, um klar in den Abgrund zu schauen. Wenn ein Autor nicht weiterweiß, lässt er seinen Kommissar Kaffee kochen. Es ist das universellste Ritual des Universums. Nimm einem Menschen das Essen weg – er wird hungrig. Nimm ihm den Kaffee – und du hast eine Revolution. Nichts macht Menschen so aggressiv wie der Entzug ihrer Droge.

Hört euch die Episode an. Es ist ein Experiment. Ein Text, eine Stimme, eine Sucht. Und dann kommt rüber zu stpauli.social. Da gibt es auch für euch 500 Zeichen Platz, für eure kleinen Neurosen.

Aber erst mal: Kaffee. Schwarz. Jetzt.

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(B)Logbuch

Warten auf den Lottogewinn

Auf dem Jahreskontoauszug meines Tagesgeldkontos sind genau 13 Postionen. Zwölf mal wurden mir 0,95 Euro Porto für das Zusenden der Kontoauszüge abgezogen, die letzte Buchung betrifft meinen Zinsertrag: 0,09 Euro.

Das hat eine gewisse Unwucht finde ich. So wird das nix mit dem Reichtum. Noch nichtmal für ein angenehmes Auskommen wird das je reichen. (Ha, hier könnte ich den Link zum Biersponsoring einfügen 😉

M. erzählt mir, dass er jetzt Daytrading macht. Er ist Privatier oder krank geschrieben, so genau weiss das niemand.

Im Moment handelt er tagsüber Silber und Yen. Manchmal auch nachts. Und wenn wir im Kino sind. Das stört ein bisschen, finde ich. Im Kino sollte man sich auf das erfundene Leben vor einem konzentrieren. Als ich ihn anstupse, grummelt er kurz und flüstert: 1.000 Euro plus. Ich zahl das Bier nach dem Film.

M. ist jemand, der in arthouse Kinos geht, und sich dann darüber beschwert, dass die Leute sitzen bleiben um den Abspann zu sehen. Außerdem ist ihm der Sound zu old school.

M. hat 5.000 Euro im Lotto gewonnen. Ich werde neidisch. Ob ich denn Lotto spielen würde, fragt er. Hmm, denke ich. Müsste ich mal.

Im Lotto gewinnen kann nur, wer auch Lotto spielt, sagt er noch, während er aktuelle Kurse checkt. Silber ist gefallen.

Ich verzichte freundlich auf das Nachfilmbier und gehe nach Hause. Lotto spielen.

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500 Zeichen

Erinnerungen an den Hamburger Schneemann

So knackekalt war es lange nicht mehr. In Berlin, so berichten mir Freunde, machen sie sich lustig darüber, dass Hamburg keinen Schnee kann.

Dafür konnte Hamburg Schneemänner. Dutzende säumten die Brücken an der Alster und um die Alster herum. Selbst Massaker Schneemann-hassender Männer (es sind immer Männer) konnten Hamburgs Liebe zu den putzigen Mitbewohnern nicht erschüttern. Sie rollten flugs neue.

Schnee genug gab’s ja.

Seit Montag regnet es und die Schneemänner Hamburg sterben einen leisen Tod.

Irgendwie schade.

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(B)Logbuch

Von der Arktis bis nach Palma de Mallorca

In dieser Episode des Logbuch-Laut-Podcasts lade ich euch ein, mit mir in die faszinierende Welt der Logbücher einzutauchen. Ich präsentiere eine Auswahl historischer Logbucheinträge, beginnend mit dem Weltumsegler James Cook, dessen poetische Beschreibungen des Ozeans und seiner Herausforderungen zum Nachdenken anregen. Weiter geht es mit Henri David Thoreaus Gedanken über Kälte und Einsamkeit, die uns unsere Menschlichkeit näherbringen. Zudem teile ich Geschichten von Walfängern und Matrosen, die die brutale Realität des Lebens zur See thematisieren. Persönlich hat der 11. Januar für mich eine besondere Bedeutung, und ich schließe die Episode mit meinen eigenen Reflexionen über den heutigen Lebensstil und unsere Verbindung zur Natur ab.

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(B)Logbuch Podcast

Wenn BvSB und Henry Miller dein Logbuch lesen

Es ist der 10. Januar 2026. Oder der 11. Oder irgendein anderer dieser grauen, ununterscheidbaren Tage, die sich wie Kaugummi zwischen Neujahr und dem ersten Tag ziehen, an dem man sich dran gewöhnt hat, um 16 Uhr das Licht anzumachen. Winter. Das Wort allein klingt schon wie eine Drohung, wie ein nicht enden wollendes Meeting in einem Raum ohne Fenster, in dem die Heizung auf “Sauna” steht, aber die Stimmung auf “Beerdigung”.

Ich sitze hier, draußen ist es dunkel – natürlich ist es dunkel, es ist ja Deutschland, und wir haben uns kollektiv darauf geeinigt, dass Helligkeit ein bürgerliches Konstrukt ist, das wir aus Protest ablehnen –, und ich höre Stimmen. Nicht die Stimmen in meinem Kopf, die sind heute seltsam ruhig, wahrscheinlich erfroren, nein, ich höre einen Podcast. „Logbuch Laut“ heißt das Ding. Ein Titel, der so maritim klingt, so nach Gischt und Teer und Männlichkeit, dass ich mir sofort einen Rollkragenpullover anziehen möchte, obwohl ich drinnen sitze und die Fußbodenheizung flüstert.

Der Host, Erik von ring2.de, eine Stimme, die klingt, als hätte sie schon mal Salzwasser gegurgelt, aber danach brav mit Kamillentee nachgespült, nimmt mich mit auf eine Reise. Eine akustische Reise, denn physisch bewege ich mich ja nicht, Gott bewahre. Wir schreiben das Jahr 2026, sagt er. Gut, das wusste ich. Aber er sagt es mit einer Bedeutungsschwere, als ob 2026 das Jahr wäre, in dem wir endlich herausfinden, warum wir alle so unfassbar müde sind.

Es geht um Logbücher. Logbücher! Das ist ja das Instagram der Vergangenheit, nur ohne Filter und ohne die Möglichkeit, Likes für seinen Skorbut zu bekommen. Früher schrieben Menschen auf, dass sie fast gestorben sind. Heute schreiben wir auf, dass der Hafermilch-Flat-White im Soho House heute „irgendwie nicht den Vibe hatte“. Erik, der Host, hat in den Archiven gewühlt. Projekt Gutenberg, Internet Archive, die digitalen Müllhalden unserer kollektiven Geschichte. Und er hat Typen gefunden, die an einem 11. Januar feststeckten. Feststecken. Das ist das Gefühl der Stunde. Wir stecken alle fest. In diesem Januar. In diesem Jahrzehnt. In unseren Körpern, die nach „Longevity“ schreien, aber eigentlich nur Pommes wollen.

Der Mittelfinger des Ozeans (oder: James Cook war auch nur genervt)

Zuerst James Cook. 1770. Cook, der Typ, den wir aus dem Geschichtsunterricht kennen, wo er immer so wirkte, als hätte er den totalen Durchblick. Aber was schreibt er am 11. Januar 1770? Er schreibt über einen Felsen vor Neuseeland. „Sugarloaf“ nannten sie ihn. Zuckerhut. Wie niedlich. Wie harmlos. Aber Erik, der hier seine „künstlerische Freiheit“ nutzt – ein Euphemismus für „ich mache das jetzt mal so, dass man dabei nicht einschläft“ – übersetzt das Ganze in eine Sprache, die ich verstehe.

Es ist kein Zuckerhut. Es ist ein „steinerner Mittelfinger“, den der Ozean ihnen zeigt. Ja! Genau das! Das Meer ist nicht romantisch. Das Meer ist ein Arschloch. Cook sitzt auf seiner „Nussschale“, um ihn herum „endloses, gleichgültiges Blau“. Die Sonne brennt das Hirn weg, der Wind ist „so unbeständig wie billige Liebe“. Ein fantastischer Satz. Billige Liebe ist ja auch nur ein Windstoß, der einen kurz frösteln lässt und dann weiterzieht. Cook hasst es. Er hasst den Felsen, er hasst das Wasser, er hasst wahrscheinlich auch seine Mannschaft, die er im Originaltext vermutlich als „tüchtige Burschen“ bezeichnet, aber wir wissen doch alle, wie es ist, mit denselben fünf Leuten monatelang auf engstem Raum eingesperrt zu sein. Das ist wie Dschungelcamp, nur dass man am Ende wirklich sterben kann und nicht nur seine Würde verliert.

Cook beschreibt die Langeweile. Das ist das Tabu des Abenteuers. Wir denken immer, Abenteurer erleben permanent Action. Indiana Jones, der von einer Kugel zur nächsten rennt. Aber in Wahrheit ist Abenteuern zu 90 Prozent Warten. Warten auf Wind. Warten auf Land. Warten darauf, dass der Zwieback aufhört, wie „Kieselsteine“ in den Zähnen zu knacken. Sie starren Eisberge an, die aussehen wie Kirchtürme, und versuchen, darin einen Sinn zu erkennen, irgendetwas, das sie davon ablenkt, dass sie eigentlich nur biologischer Zufall auf einem Holzbrett mitten im Nichts sind.

Thoreau und die Kälte in den Adern (Der erste Hipster)

Dann Schnitt. 1852. Henry David Thoreau. Der Urvater aller Aussteiger, der erste Mensch, der „Vanlife“ gemacht hat, bevor es Vans und Instagram gab. Er sitzt in Massachusetts und starrt auf einen gefrorenen Fluss. „Das Eis in den Adern“, nennt Erik das. Thoreau, der Typ, der in den Wald ging, um „bewusst zu leben“, was ja auch nur Code ist für: „Ich hasse Menschen und will meine Ruhe.“

„Es ist so kalt, dass die Gedanken im Kopf erfrieren“, lässt der Podcast ihn sagen. Ich fühle das. Mein Kopf ist auch gefroren. Ich sehe die Leute draußen, in ihren schweren Mänteln, wie sie versuchen, die Kälte zu ignorieren. Thoreau sieht das Eis auf dem Fluss wie eine „graue Haut“. Und dann kommt der Satz, der mich fast dazu bringt, meinen Earl Grey (nein, es ist Kaffee, wir müssen nicht lügen) auf den Bildschirm zu spucken: „Warum nehmen wir uns so wichtig? Wir sind nur Parasiten auf diesem gefrorenen Klumpen Erde.“

Danke, Henry. Danke für diesen absoluten Stimmungsaufheller am 10. Januar 2026. Aber er hat ja recht. Wir sind Parasiten mit WLAN. Wir posten unsere „Morning Routine“ und denken, das Universum interessiert sich dafür, ob wir erst meditieren oder erst Journaling machen. Thoreau wollte nur sein wie ein Tier. „Auf dem weiten Eis stehen und die Schnauze halten.“ Ein Lebensziel. Einfach mal die Schnauze halten. Können wir das 2026 wieder einführen? Als Trend? „Schnauze halten“ als das neue „Mindfulness“?

Der Scrum Master auf der Ostsee (Realitätscheck mit Rübenmus)

Aber jetzt kommt der Bruch. Der Moment, wo das Pathos auf die deutsche Realität prallt wie eine Möwe gegen eine Fensterscheibe. Erik, der Host, verlässt die großen Entdecker und kommt zu sich selbst. Und wer ist er? Ein „kleiner Seeleut“, der sich auf der Ostsee wohlfühlt. Und im Brotberuf? Scrum Master.

Ich muss kurz innehalten. Scrum Master. Das ist so ziemlich das genaue Gegenteil von James Cook. James Cook entdeckt Kontinente. Ein Scrum Master fragt: „Was hast du gestern gemacht? Was machst du heute? Gibt es Impediments?“ James Cook hatte Impediments wie „Kein Wind“, „Skorbut“ und „Kannibalen“. Der Scrum Master hat Impediments wie „Jira ist down“ oder „Der Product Owner hat keine Vision“.

Aber genau da wird es interessant. Diese Sehnsucht. Dieser Typ, der eigentlich mit Teams arbeitet – was ihm „Spaß und Erfüllung“ bringt, sagt er, und ich glaube ihm das sogar, obwohl „Erfüllung“ und „Arbeiten mit Teams“ in meiner Welt Oxymora sind –, dieser Typ träumt sich weg. Er träumt sich nach Süden. Nach Palma. Nach Malaga. Irgendwohin, wo man „Boat-Office“ machen kann. Boat-Office! Das Home-Office für Leute, die wollen, dass der Hintergrund im Zoom-Call wackelt, damit alle sehen: Seht her, ich bin frei, aber ich muss trotzdem Excel-Tabellen ausfüllen.

Es ist der 25. September 2025 in seiner Erzählung. Sturm „Zack“. Zack! Endlich mal ein Name, der nach was klingt. Nicht „Elli“, das klingt nach Tante, die Eierlikör trinkt. „Zack“ klingt nach Comic-Schlägerei. Bam! Pow! Zack! Der Sturm fegt über die Kieler Förde, und unser Protagonist sitzt auf seiner „Schwedin“ (seinem Boot, keine Frau, obwohl die Personifizierung von Booten ja auch ein tiefenpsychologisches Minenfeld ist) und macht sich Sorgen um Klampen.

Er beschreibt das „nächtliche Rumkraxeln an Deck in Boxershorts“. Das ist ein Bild, das ich nicht wollte, aber jetzt habe. Männer in Unterwäsche, die im Sturm Leinen checken. Das ist die Realität des Segelns. Nicht der weiße Anzug und der Gin Tonic. Sondern frieren in Unterhosen und Angst haben, dass etwas „klappert“. Das „Tick-Tick-Tick“ am Aluminiummast. Das Geräusch des Wahnsinns.

Und dann kommt die Ernüchterung. Sein Freund „M.“ (jeder hat einen Freund namens M., oder? Das ist so ein literarisches Gesetz) holt ihn auf den Boden zurück. „Willst du Schleusen-Influencer werden?“ fragt M. Und da lachen sie. Aber es ist ein bitteres Lachen. Denn natürlich will er das. Wir wollen alle Influencer werden für irgendwas. Schleusen, Steckrüben, Depressionen. Hauptsache, jemand guckt zu und kauft das E-Book.

„Seglerisches Reisebloggen als Passion“, sagt er. Er will, dass die Leute ihm „den Gegenwert eines Galão in der Schanze“ spenden. Die Schanze. Natürlich. Hamburg. Der Referenzpunkt für alles, was hip und gleichzeitig total vorbei ist. Ein Galão. Milchschaum im Glas. Das Symbol für die Gentrifizierung der eigenen Träume.

Kulinarische Depression: Das One-Pan-Gericht

Aber es wird noch besser. Wir kommen zum Essen. Denn was macht der einsame Segler, wenn er nicht gerade Angst um seine Klampen hat oder mit ChatGPT darüber diskutiert, wie viele Blogartikel eine „Staffel“ ergeben (10 bis 12, sagt die KI, diese Besserwisserin)? Er kocht.

Ein „One-Pan-Gericht“. Auch so ein Begriff. Früher hieß das „Eintopf“ oder „Ich bin zu faul zum Abwaschen“. Jetzt ist es ein Lifestyle. „Herbstliches Rübenmus mit Spiegeleiern“. Steckrüben. Kartoffeln. Karotten. Pastinaken, „wenn Schröder sie hat“. Wer ist Schröder? Der Gemüsehändler seines Vertrauens? Ein weiterer Charakter in diesem Kammerspiel der Einsamkeit?

Er beschreibt das Rezept mit einer Akribie, die rührend ist. „Schmanda Meerrettichfrischkäse, war im Angebot.“ Im Angebot! Da ist sie wieder, die deutsche Realität. Wir träumen von der Südsee, aber wir freuen uns, wenn der Frischkäse 30 Cent billiger ist. Und dann: „Muss mir einen Stampfer ausleihen, sonst wird das nix.“ Der Stampfer als das fehlende Glied zum Glück. Ohne Stampfer kein Mus, ohne Mus kein Trost.

Und dazu: „Ganz viel braun-schwarz gebratene Zwiebeln. Der Rebellion wegen.“ Rebellion! Zwiebeln anbrennen lassen als Akt des Widerstands gegen… ja, gegen was eigentlich? Gegen die Perfektion? Gegen die Nouvelle Cuisine? Gegen das Leben, das einem immer vorschreibt, dass Zwiebeln glasig sein müssen? Ich mag das. Verbrannte Zwiebeln als Punkrock.

Wolfgang Herrndorf und das Sterbetagebuch

Plötzlich, mitten im Rübenmus, taucht Wolfgang Herrndorf auf. „Arbeit und Struktur“. Das Blog, das Herrndorf schrieb, als er wusste, dass er sterben wird. Ein Hirntumor-Logbuch. Erik, unser Host, hat das Buch an Bord. Er nennt es „Sterbetagebuch“. Harter Tobak zwischen Mokka-Kaffee (den er sich als Americano schönlügt, „damit er nach dem Meer schmeckt“) und Seekarten.

„Hier lebe ich jetzt also“, zitiert er Herrndorf. Ein Satz von monumentaler Schlichtheit. Erik wollte diesen Satz vor 15 Jahren seinem eigenen Protagonisten in den Mund legen. Damals, als er noch dachte, er würde der nächste Philippe Djian werden. „Betty Blue“. Viel Bier trinken, schreiben, Sex haben. Der Traum jedes männlichen Teenagers, der mal ein Buch in der Hand hatte. Aber jetzt, wo er den Kontext kennt – den Tumor, den Tod –, zögert er.

Das ist der Moment, wo dieser Podcast mich kriegt. Diese Melancholie. Die Erkenntnis, dass unsere eigenen Biografien oft nur schwache Echos der großen Tragödien sind, die wir in Büchern lesen. Wir sitzen auf unseren Booten (oder in unseren Altbauwohnungen), trinken verdünnten Kaffee und tun so, als wären wir Helden, während wir eigentlich nur warten, dass das Wetter besser wird oder das WLAN zurückkommt.

Die Eleganz des Hafenmeisters (Ein Vorwurf auf zwei Beinen)

Und dann ist da der Hafenmeister. In Bagenkop. Oder Strande. Oder irgendwo dazwischen. Er trägt Cordhosen und ein Hemd. Er sieht aus, als ginge er in einen „verdammten Club“. Er ist elegant. Und diese Eleganz ist „ein Vorwurf an meine zerknitterte Existenz“, sagt Erik.

Gott, ja. Diese Menschen, die morgens um 8 Uhr schon aussehen, als hätten sie ihr Leben im Griff. Die gebügelt sind. Die nicht riechen wie „Schweiß der Mannschaft und Salz des Meeres“, sondern nach Weichspüler und Zuversicht. Wir hassen sie. Und wir wollen sein wie sie. Wir umarmen sie zum Abschied, und sie helfen uns beim Ablegen, werfen die letzte Leine ins Wasser.

„Wohin geht’s denn diesmal?“ ruft Gunther, der andere Deutsche (es gibt immer einen anderen Deutschen, egal wo man ist auf der Welt, es steht schon einer da in einer Jack-Wolfskin-Jacke und fragt, ob man auch die warme Unterbüx dabei hat).

„Alaska“, flüstert Erik zurück.

Alaska.

Natürlich fährt er nicht nach Alaska. Er fährt nach Kiel. Oder Kappeln. Aber für einen Moment, in der Stille des Morgens, bevor der Volvo-Diesel alles übertönt, ist Alaska möglich. Alaska ist ein Geisteszustand. Alaska ist da, wo wir nicht sind.

Hemingway schießt sich den Kopf weg (Bonus-Track)

Als ob das alles nicht schon deprimierend und schön genug wäre, gibt es noch einen „Bonus“. Ein Tagebuch von Ernest Hemingway. Vom 31. Januar 2018 – nein, warte, der Blogartikel ist von 2018, das Tagebuch ist von 1908 oder so. Der neunjährige Hemingway.

„Meine Lieblingssportarten sind Forellenangeln, Wandern, Schießen, Fußball und Boxen.“

Schießen.

Haha.

Erik sagt trocken: „Das mit dem Schießen, das hat er ja auch am Ende seines Lebens ganz gut hinbekommen.“

Böse. Sehr böse. Aber gut.

Hemingway, der sich mit 61 Jahren die Schrotflinte in den Mund steckt. Nachdem er sein Leben lang den harten Mann markiert hat, den Stierkämpfer, den Säufer, den Frauenhelden.

Der neunjährige Junge, der schreibt: „Ich beabsichtige, zu reisen und zu schreiben.“

Und das hat er gemacht. Er hat gereist. Er hat geschrieben. Und am Ende hat es ihm auch nicht geholfen. Das ist die Lehre, oder? Du kannst deine Träume verwirklichen, du kannst der berühmteste Schriftsteller der Welt werden, du kannst alle Forellen dieser Erde angeln – am Ende sitzt du da, mit Depressionen und Alkoholismus, und das Einzige, was dir bleibt, ist das „Schießen“.

Das Fazit: Wir brauchen mehr Kreuzpeilungen

Was machen wir jetzt damit? Mit diesen 32 Minuten „Seemannsgarn“, wie Erik es nennt?

Es ist eine „Kreuzpeilung“, sagt er. Aus Hemingway, Philip (sein Bruder, der Geburtstag hat – Happy Birthday, unbekannterweise, hoffe, du hast keine nautischen Ambitionen), aus Cook, Thoreau und dem eigenen kleinen Leben auf der Ostsee.

Und vielleicht ist es genau das, was wir brauchen. 2026. In einer Welt, die komplett durchgeknallt ist, in der KI uns sagt, wie wir unsere Blogs strukturieren sollen, in der wir „Longevity“ essen und „Mindfulness“ atmen. Wir brauchen diese Logbücher des Scheiterns, des Wartens, des Frierens.

Wir brauchen die Erinnerung daran, dass es da draußen etwas gibt, das größer ist als wir. Den Ozean. Den „steinernen Mittelfinger“. Die Kälte.

Ich sitze hier, mein Kaffee ist kalt geworden (nicht so kalt wie Thoreaus Fluss, aber kalt genug), und ich denke über einen Winter in Palma nach. Oder darüber, mir eine Steckrübe zu kaufen. Wahrscheinlich wird es die Steckrübe. Das ist realistischer. Und ich brauche einen Stampfer. Dringend.

Erik bedankt sich für die Aufmerksamkeit. Er bittet darum, den Podcast weiterzuleiten, „organisch“ zu wachsen, weil er „kein Medienunternehmen“ hinter sich hat. Das ist der moderne Bettelbrief. Der digitale Hut, der herumgereicht wird. „Gib mir ein Manöverbier aus.“ Bei Ko-Fi. Oder abonniere mich bei Substack.

Ich werde ihm kein Bier ausgeben. Ich werde ihm eine Steckrübe schicken. Per Post. An ring2.de. Mit einem Zettel dran: „Der Rebellion wegen.“

Und dann werde ich mein eigenes Logbuch aufschlagen.

10. Januar 2026.

Position: Schreibtisch. Berlin.

Wetter: Drinnen 22 Grad, draußen egal.

Vorkommnisse: Habe einen Podcast gehört. Habe Hunger auf Brei. Fühle mich seltsam getröstet durch die Vorstellung von Männern in Unterhosen, die nachts Leinen checken.

Kurs: Unklar. Aber Hauptsache nicht auf Grund laufen.

Ende des Eintrags.


(Hinweis: Dieser Text ist eine stilistische Imitation, teilweise KI-unterstützt und basiert inhaltlich vollständig auf dem Transkript des Podcasts “Logbuch Laut”.)

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(B)Logbuch

Der Geschmack von Salz

Aus Logbüchern kann man viel lernen. Statistisches, wie die Windrichtung, das Wetter und was der Smutje als Essen verkauft an diesem Tag in der Geschichte. Ich vergesse die Jahreszahlen, will den Schweiß der Mannschaft und das Salz des Meeres riechen, von Menschen, Matrosen die vor uns da waren. Ich will wissen, wie sich das Leben anfühlte, bevor wir alles mit Plastik und Algorithmen überzogen haben.

Der 11. Januar ist kein besonderer Tag (wie 03:30 Uhr morgens in einer schlaflosen Nacht keine besondere Stunde ist). Ein Tag, an dem die Welt wieder Schwung nimmt. Zwischen dem Rausch der Silvesternacht und dem Erwachen im langen Rest vom Winter.

Ich bin durch das *Project Gutenberg* und das *Internet Archive* gewandert und habe drei Männer gefunden, die an einem 11. Januar feststeckten.

James Cook: Der steinerne Mittelfinger (1770)

Cook war draußen vor Neuseeland. Er hatte nur diese Nussschale, und um ihn herum nur endloses, gleichgültiges Blau. Er schreibt im Logbuch des 11.1. über einen Felsen, den sie „Sugar Loaf“ nannten.

> „Die Sonne brennt dir das Hirn weg, und der Wind ist so unbeständig wie billige Liebe. Um sieben Uhr abends tauchte dieser Felsen auf – eine einsame, gottverlassene Nadel, die aus dem Wasser ragt. Zuckerbrot? Von wegen. Es ist ein steinerner Mittelfinger, den uns der Ozean zeigt, während wir weiter in die Leere segeln.“

Henry David Thoreau: Das Eis in den Adern (1852)

In Massachusetts saß Thoreau und starrte auf einen gefrorenen Fluss. Er war weißgott kein Heiliger, er war ein Kerl, der die Nase voll hatte von allem: ein Mann, eine Hütte, kein Bullshit.

> „Es ist so kalt, dass die Gedanken im Kopf erfrieren. Ich sehe die Leute in schweren Mänteln, wie sie versuchen, die beißende Kälte zu ignorieren. Das Eis auf dem Fluss ist wie eine graue Haut. Warum nehmen wir uns so wichtig? Wir sind nur Parasiten auf diesem gefrorenen Klumpen Erde. Ich möchte einfach nur sein. Wie ein Tier. Auf dem weiten Eis stehen und die Schnauze halten.“

Der namenlose Matrose: Blau bis zum Sterben (Mitte 19. Jhd.)

Und dann sind da die Logbücher der Walfänger. Männer, die monatelang kein Land sahen, nur Blut, Speck und Einsamkeit.

> „Nichts als Blau. Blau, bis du sterben willst. Seit Wochen kein Wal, nur dieser Zwieback, der in den Zähnen knackt wie Kieselsteine. Wir starren uns an und überlegen, wer zuerst den Verstand verliert. Der Kapitän führt Selbstgespräche mit irgendeinem Gott. Um Mitternacht habe ich über die Reling gepinkelt und die Sterne gezählt. Ein Fleck im Schoß des Universums, auf dem Weg ins Nirgendwo.“

PS Ich habe die Logbücher umgeschrieben, damit die Essenz des Tages für mich deutlicher wird.

PPS Gefallen Dir diese umgeschriebenen Zeitzeugnisse? Dann gib mir bitte Feedback…

Natürlich ist der 11.1. kein Tag wie jeder andere; für mich ist er sogar besonders, denn heute hat mein „kleiner“ Bruder Geburtstag.

Happy Birthday, Philip.

***

Hier sind die direkten Links zu den Originalquellen in den Archiven.

1. James Cook: Das Logbuch der Endeavour

  • Quelle: Captain Cook’s Journal During the First Voyage Round the World
  • Eintrag vom 11. Januar 1770: Cook beschreibt die Sichtung der „Sugar Loaf“ Inseln vor der Küste Neuseelands.
  • Link: Project Gutenberg – James Cook Journal (EBook #8106) (Suche auf der Seite nach „11th“ oder „Sugar Loaf“, um die Stelle direkt zu finden.)

2. Henry David Thoreau: Die Journale

3. Samuel Pepys: Das berühmteste Tagebuch der Geschichte

  • Quelle: The Diary of Samuel Pepys
  • Eintrag vom 1. Januar 1660/61: Über das Leben im Dachgeschoss und den verbrannten Truthahn.
  • Link: Project Gutenberg – Diary of Samuel Pepys (Complete) (Pepys’ Tagebücher sind dort in mehreren Bänden oder als Gesamtausgabe verfügbar.)

4. Harry McNeish: Das Ende der Endurance

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500 Zeichen

Stranges Ende

Von Stranger Things.

Ok. Nu hab ich auch Stranger Things zuende geschaut. Die letzten 20 Minuten hätte man sich gerne sparen können. Nach der schönen Szene auf der Abschlussfeier mit Rage against the Maschine ab … „Fuck you, I won’t do what you tell me…“

Stattdessen: Kleinstadtidylle mit Hochzeitsantrag, Kinderwunsch und Businessoutfit mit Schulterpolster, Studierendenkredite und Kleinstadt-Baseball.

Hej; nix von Breakfast Club gelernt?

Prince dagegen als Countdown-Vinyl zum Ende der Welt. Das hätte ihm gefallen.

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(B)Logbuch

Früher (c)

Im Winter versammelt man sich am Kaminfeuer und lauscht den Geschichten von Opa (oder von Frederik, der die gesammelten Sonnenstrahlen in den Winter gerettet hat und nun an uns Bedürftige verteilt). Im Web versammelte man sich in Communities. Die Feuer brannten, ohne Wärme zu erzeugen – Reibung, ja – Wärme, selten.

Orientierung gab die Kälte draußen. Heute starren ausgebrannte Menschen auf ihre Timeline. Von Algorithmen bald zu Tode gehetzt, suchen auch sie nach Orientierung. Gefangen in Silos, abhängig vom nächsten Dopaminkick, klicken sie herum, zwischen Kalendersprüchen und Teeniegurus, die kaum genug Lebenserfahrung haben, um anständig Auto zu fahren.

Manchmal erinnern sie sich dann daran, dass es eine Generation gibt, die beides weiß: was digitales Leben heißt (Ok, Boomer ;) und analoges Zusammensein.

Die Hörer:innen unseres St. Pauli Podcast sind mehrheitlich (60%) jünger als wir Hosts – zwischen 25 und 45 Jahre alt (RTLs Vermarkter hätte vor 20 Jahren feuchte Augen bekommen: Kernzielgruppe!). Immer häufiger erhalte ich die Rückmeldung, dass ich das, was im Stadtteil oder im FC St. Pauli passiert doch bitte in Relation setzen soll. Zu dem wie es „früher (c)“ einmal war. Ich bin dann immer ein wenig baff.

Erik, erzähl mal von früher

Kennt ihr diese Bücher, in denen man mit Opa oder Oma ihr Leben aufschreibt, bevor alles ins Vergessen rutscht? Da stehen dann so Fragen drin wie: **“Wie war Dein erstes Mal am Millerntor?“** Quatsch. 😉

Ich glaube aber, da gibts Bedarf.

Meine liebe Kollegin und Freundin Simone hat vor vielen Jahren eine Akademie gegründet, die Werbern das Internet erklären sollte – eine echte Marktlücke, wenn ihr mich fragt – auch heute noch.

Sie fragte mich (und viele andere aus der Branche), ob ich im ersten (und schwierigsten) Jahr ihrer Akademie einen Kurs halten könne. Da ich in ihren Augen damals schon wie das personifizierte „Urgestein des Internets“ aussah, schlug sie mir vor, „früher (c)“ als Thema zu nehmen.

Ich entwickelte eine Lehrstunde über Konzepte, die seit Mitte der 90er im Internet kamen und gingen, sich veränderten und doch irgendwie gleich blieben. Games, KI-Spiele, Communities wie „Six-degrees“ oder auch der VH-1 Chat als Vorläufer von Facebook und Co.

Ich erinnere mich noch gut an die Diskussionen danach – und wenn ich Glück hatte, dann war hängen geblieben, dass sich Moden ändern – die grundsätzlichen Regeln in Digitalien aber nicht.

Trolle gibts schon, seitdem es das Usenet gibt. Und das Bedürfnis – ich komme zurück zum Kaminfeuer – sich digital über physische Grenzen hinweg zu vernetzen und sich schöne oder schaurige Geschichten zu erzählen (nicht nur nerdig über Star Trek ;).

Eben erwähnte jemand bei Substack (seit Weihnachten der neue alte heiße Schiet in Sachen Community) die längst vergessene Community rund um das Gruner und Jahr Magazin NEON. Eine große, funktionierende Community war das, in der Autoren, Expertinnen und Leser miteinander zu allerlei Lebensthemen diskutierten. Inhaltlich Äonen vom weichgespülten Instagram-Strom entfernt.

Es mag meiner persönlichen Präferenz geschuldet zu sein – aber ich sehe eine neue Art von Communities aufkommen, die vielleicht die Oligarchensilos ablösen (auch wenn einige auch aus dem Silicon Valley kommen): Substack, wo auch dieser Artikel erscheint, Bluesky und vor allen das Fediverse versammeln Menschen am digitalen Lagerfeuer – und irgendjemand kommt immer und fragt: Opa, erzähl mal von früher (c). 🙂

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Blogmarksammlung

In meiner Brust schlagen zwei Herzen, das eines freiheitsliebenden Tagträumers und das eines ordnungsliebenden Nerds, der als Kind ganze Spielzeiten der damals zweiten Bundesliga auf Kneipenblöcken (den mit dem beschichteten Papier) und in seinem Kopf durchgespielt hat. Komischerweise hat oft Eintracht Braunschweig die Saison gewonnen. Das wird Wolfgang freuen.

Ich habe spaßeshalber mal in meine Bookmarksammlung geguckt und musste lachen, was ich alles noch lesen muss, meiner vergangenen Ansicht nach. Bookmarks sind der verzweifelte Versuch, Ordnung ins Surfen zu bringen. Texte, Webseiten, Themen haken sich kurz ein in unseren ewig währenden Spaziergang durch die digitale Wüste. „Das lese ich später“, ist wohl eine der häufigsten Lügen, die wir uns erzählen. Am Ende verbringen wir viel Zeit damit, Aufmerksamkeitsleichen auch noch zu ordnen und zu kategorisieren. Anders als beim Kopffußball gibt’s da aber keinen Meistertitel zu gewinnen.

Habe neulich – also dieses Jahr schon – einen Newsletter gelesen. Von wem der war, habe ich vergessen. Ich wollte mir den doch merken und später nochmal in Ruhe lesen. Ach, egal.

Auf jeden Fall ist doch etwas backen geblieben. Die Autorin, nennen wir sie Vero, war ähnliches aufgefallen: ihre „Read Later“ Liste wurde immer größer, ihr schlechtes Gewissen auch. Da suchte sie nach einem Ausweg und kam auf eine Idee, die nun schon 25 Jahre alt ist – und ein wenig aus der Mode: Bloggen. Ausgerechnet.

Sie nimmt sich jeden Tag eine Seite, eine Page, einen digitalen Notizzettel und schreibt ihre Eindrücke vom Tag auf; eine 24h-Sammlung der Dinge, die haken bleiben im vorüberziehenden Strom. Allerdings speichert sie sie nicht. Das wäre ja nur eine weitere Art des Bookmarkens. Sie schreibt auf, was sie aus dem Text, dem Video, dem Posting gelernt hat. In einem täglichen Journal.

Am Ende des Monats schaut sie sich das wieder an. Was dann passiert, habe ich vergessen.

*

Habe alle Zettel mit Wünschen und Vorhaben, die jeweils an einem Abend vor den jeweiligen 12 Raunächten verbrannt werden sollen, en bloque an einem Abend verbrannt (am letzten). Nun weiß ich nicht mehr, was da alles drauf stand. Egal, sehen wir, was das Universum damit macht – vielleicht bookmarken.

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Heute ist Dein Digitaler Unabhängigkeitstag

Fediverse, am 4. Januar 2026

Elon Musk dreht völlig durch, Mark Zuckerberg verkauft die Daten Deiner Mutter und Jeff Bezos dreht dir überteuerten Ramsch an – weil er weiss, dass du heiß drauf bist. Jaja, das weißt Du alles, aber …

Es gibt ein großes Aber und das ist dummerweise unsere Bequemlichkeit. Es stört im Alltag wenig, wenn der Algorithmus als Türsteher fungiert oder Gmail Deine E-Mails liest; Du hast ja nix zu verbergen.

Aber was ist, wenn sich der Wind dreht? Was ist, wenn das Auge des US-Faschismus dich trifft und dir Konten, E-Mails und der Zugang zu digitalen Welt gesperrt wird. Stimmen verschwinden in Filtern, das Recht, sich zu artikulieren von seelenlosen Bots langsam zerfasert. Es gibt Themen im Netz, da streitest du Abende lang, nur um zu lernen, dass du dich mit russischen Bots geprügelt hast – du wirst dabei müde – die nicht.

Weißt Du, was das Problem am Internet ist?Es führen zu viele Links nach rechts.- Marc Uwe Klings Känguru

Zeit für mehr Autonomie – Zeit für den DI.day

Links und eine Einladung:

* Jeden 1. Sonntag im Monat rufen wir den Digital Independence Day aus. Anleitungen und Idee, wie das geht, findest du auf der Kampagnenwebsite.

* Marc Uwe Kling und das Känguru sind auch dabei

* Einladung: Du bist HHer, magst St. Pauli, wohnst vielleicht im Viertel? Dann komm zu stpauli.social. Du bist herzlich eingeladen.

* Eine Handreichung hab ich in meinem Blog für Dich zusammengestellt – zusammen mit einem Starter Pack, damit Du gleich Gleichgesinnte treffen kannst.

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Neujahrslogbuch (aus vier Jahrhunderten)

Schon seit einigen Jahren spukt eine Idee mir im Kopf herum: Echte Tagebucheinträge aus verschiedenen Jahrhunderten, von verschiedenen Autorinnen und aus den letzten Winkeln der Welt zu kuratieren und denselben Tag mit verschiedenen Augen zu sehen.

Neujahrsgedanken aus vier Jahrhunderten:

1. Januar 1915

Autor: Harry McNeish (Zimmermann auf Shackletons Endurance-Expedition) Quelle: The Diary of H. McNeish / South (Gutenberg Projekt / Archive.org) Kontext: Die Endurance kämpft sich durch das Packeis der Antarktis. McNeish, der Zimmermann (”Chippy”), war bekannt für seine rebellische Ader und seine Katze “Mrs. Chippy”

„Freitag. Neujahr. Position 67-45 Süd. Wir machen sechs Meilen. Vielleicht neun. Der Skipper weckte mich um zwanzig nach zwölf. Ein Fest, sagte er. Um sechs Uhr morgens trat ich wieder an. Bilgen reinigen. Das Übliche.

Eriks Logbuch ist eine von Leser unterstützte Publikation. Um neue Posts zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, ziehen Sie in Betracht, ein Free- oder Paid-Abonnent zu werden.

Habe mich rasiert. Das erste Mal, seit wir Buenos Aires verlassen haben. Mein Gesicht fühlt sich nackt an ohne den Pelz, verdammt nackt. Ich werde es nicht wieder tun. Nicht vor dem nächsten Hogmanay. Dann drehen wir hoffentlich ab in Richtung Heimat. Zu denen, die wir lieben. Den restlichen Tag habe ich verschlafen.“

1. Januar 1660 (1661 nach modernem Kalender)

Autor: Samuel Pepys Quelle: The Diary of Samuel Pepys (Project Gutenberg) Kontext: Pepys ist ein Bürokrat der Marine, Lebemann und opportunistischer Beobachter. Er beschreibt den Morgen nach Silvester. Er lebt im Dachgeschoss („garret“), während sein Haus renoviert wird.

„Wachte auf. Zog den Anzug an, den mit den großen Taschen. Hatte seit Ewigkeiten nichts anderes getragen. Wir hausten oben im Dachgeschoss. Meine Frau, das Dienstmädchen Jane und ich. Drei Leute, eine Gruppe, keine Familie.

Meine Frau hoffte, sie sei schwanger, sie war schon sieben Wochen überfällig. Dann kam das Blut doch. Hoffnung erledigt.

Der Staat? Ein Chaos. Das Rumpfparlament nie wirklich da, die Armee kuscht. Ich? Ich gelte als reich. Aber eigentlich bin ich arm. Aß im Dachgeschoss zu Mittag. Meine Frau bereitete die Überreste des Truthahns zu. Dabei verbrannte sie sich die Hand. Ich blieb den ganzen Nachmittag drin, starrte auf meine Konten. Zahlenkolonnen. Draußen in der Fleet Street rammten sie Pfähle in den Boden.“

1. Januar 1898

Autorin: Virginia Woolf (damals Virginia Stephen, 16 Jahre alt) Quelle: A Passionate Apprentice: The Early Journals (Public Domain Auszüge) Kontext: Die junge Virginia beginnt ein neues Tagebuch. Sie ringt schon hier mit der Form und dem Sinn des Aufschreibens, kurz nach dem Tod ihrer Mutter und Halbschwester.

„Hier ist es also. Ein Band voll akutem Leben. Das erste Jahr, das ich wirklich gelebt habe. Jetzt ist es vorbei. Abgeschlossen. Weggesperrt. Und da kommt ein anderes. Und noch eins. Und noch eins. Herrgott, sie sind lang, diese Jahre.

Ich fühle mich feige, wenn ich sie ansehe. Aber man muss weitermachen. Nessa predigt, unser Schicksal läge in uns selbst. Nimm die Predigt mit nach Hause, schluck sie runter. Hier ist das Leben. Nimm es. Hand am Schwertgriff. Ein ungesprochener Schwur.“

1. Januar 1786

Autor: George Washington Quelle: The Diaries of George Washington (Library of Congress / Gutenberg) Kontext: Washington ist nach dem Unabhängigkeitskrieg auf seine Plantage Mount Vernon zurückgekehrt. Kein Präsidenten-Glamour, sondern das harte, monotone Geschäft eines Landwirts.

„Sonntag, der Erste. Thermometer auf 36 Grad am Morgen. Mittags dasselbe. Nachts auch. Ein drückender Tag. Kaum Wind, und wenn, dann aus Osten. Lund Washington und seine Frau kamen zum Essen. Sie fuhren am Nachmittag wieder. Nichts passiert.

Der Boden ist hartgefroren.“

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Neujahr durch die Gezeiten

In dieser Episode präsentiere ich eine einzigartige Sammlung von Neujahrs-Logbucheinträgen aus vier Jahrhunderten. Ich verknüpfe meinen Substack-Newsletter mit Podcasts, um historische Perspektiven auf die Gedanken und Erlebnisse vergangener Persönlichkeiten zu bieten.

Wir hören unter anderem von Harry McNeish, dem Zimmermann der Endurance-Expedition, Samuel Pepys, der das Chaos seiner Zeit schildert, Virginia Woolf, die ihre Gedanken zum Erwachsenwerden reflektiert, und George Washington, der Alltag nach dem Unabhängigkeitskrieg dokumentiert.

Ich lade euch ein, Feedback zu dieser neuen Erzählweise zu geben und über ähnliche Projekte in der Zukunft nachzudenken.

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Moin Moin 2026

Das Tief, das gestern — also letztes Jahr – so richtig Anlauf nahm, fällt heute über uns her. Kalte Schauer wehen über die Überreste der Knallerei.

Als Kinder sind wir bei so einem Wetter immer rausgelaufen, unsere Eltern lagen noch in Sauer, und haben nicht detonierte Böller gesucht. Das rote Feuerzeug aus der Küchenschublade hatten wir dabei und schafften es tatsächlich, einige fast aufgeweichte zur Explosion zu bringen. (Ohne uns die Finger abzureißen). Hauptsache das Schwarzpulver in der Lunte war nicht nass geworden, dann gelang es.

Hast du auch das Gefühl, die Knallerei ist weniger gewesen gestern?, fragt mich B. als wir beim 1. Kaffe des Jahres sitzen.

Ja, antworte ich. Und später angefangen hat es auch. Und es war schneller vorbei.

Die Leute haben weniger Geld. Das merkt man. Nur die Nachbarn oben im Neubauloft (da, wo Klitschkos mal wohnten), die haben Munition bis der Arzt kommt. Der blonde mittelalte Hausherr praktiziert noch die alte Schule: Raketen werden aus der Batterie und aus der Hand gefahren. Stilecht aus einer Flasche Veuve Cliquot.

Diese Feuerkraft hätten die Klitschkos jetzt gerne, denke ich, als Reste der Explosionen mir auf die Mütze rieseln.

Wie ich so dem Sturm beim Vorbeiziehen zusehe, denke ich: soviel hat sich gar nicht geändert zu gestern. Nur der Tannenbaum, der wirkt seit heute morgen ein wenig unpassend, wie er durstig im Wohnzimmer steht.

Ich wünsche euch ein Frohes Neues Jahr, mögen all eure Wünsche in Erfüllung gehen. Nehmt euch nicht zuviel vor, dann geht auch nix daneben.

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4. Januar – mein digitaler Independence Day

Fediverse zwischen den Jahren, draußen Frost, -2 Grad.

„Wenn die Nerds und die Geeks das Silo verlassen, dann sinkt der Kahn womöglich“

Jedes Jahr um diese Zeit treffen sich Nerds, Geeks, digitale Aktivist:innen und n paar neugierige Normalos in Hamburg und tauschen Infos, früher CDs und Disketten, zeigen sich wie man die Bahn hackt und verabreden sich fürs Bambulemachen im neuen Jahr. Der CCC hat eingeladen und viele kommen. (Ich schaffe das nie, bin zu sehr versunken im Jogginghosenzustand).

Die Öffentlichkeit schaut gebannt, ein wenig skeptisch aber immer interessiert auf die digitale Bohème. Die Tagesschau berichtet vor Ort.

Die Themen sind vielfältig und dieses Jahr vielleicht auch für Nichtnerds interessant. Denn auf dem CCC Congress wurde eine Aktion ins Leben gerufen, die ihr euch merken solltet: der digitale Unabhängigkeitstag. Der di.day.

Ich treibe mich seit 2022 im Fediverse herum — und ich mag es hier. Hier sind mein Blog, meine eigene St. Pauli Instanz und viele tolle Menschen. Noch wichtiger aber ist, was fehlt: agitierende Algorithmen.

Dabei wird es immer einfacher, mindestens mal einen Zeh in diese Welt zu stippen, der di.day hat „Anleitungen zum Wechsel zusammengestellt. Es ist nicht kompliziert: Heute mal einen Wechsel ausprobieren, am nächsten ersten Sonntag im Monat den nächsten. Also schnell in den AppStore, Alternative herunterladen und mit uns #DIDay feiern!“

Also: sehen wir uns im Fediverse?

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Zwischen den Jahren

Es ist einer der Tage nach Weihnachten (ich glaube der 2. aber sicher bin ich mir nicht). Ich bin angekommen zwischen den Jahren.

Die verwaschene Jogginghose gehört zu mir wie das zerzauselte Haar auf dem Kopf. Frühstück mit den Lieben, die gleich noch einen Zug nach Süden erwischen müssen.

Gestern gab’s Reste zum Abendessen. Zum Frühstück um 12:00 auch — und das kleine Extra, das B. für einen schönen Anlass aufbewahren wollte und das jetzt weg muss, bevor es schlecht wird.

Wir hören französische Caféhausmusik, auch weil Brigitte Bardot gestorben ist (und nicht nur B. dachte, die wär schon längst tot).

Ich hab nix vor. Außer noch im Hellen rauszugehen: ein wenig spazieren. Da muss ich mich inzwischen sogar beeilen. Es wird zwar immer heller, aber für meinen Geschmack viel zu langsam.

Danach lese ich in dem geschenkten Buch über Nichtsegler, die in die Antarktis aufbrechen. Also sag nicht, ich hätte nichts vor.

„Was machen wir eigentlich an Silvester?“, fragt B. in die verharzte Stille und plötzlich wird die Zeit wieder flüssig.

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Es ist ein Ross entsprungen

Meine Omi hatte ein Lieblingsweihnachtslied (das sich übrigens schwer auf der Ukulele spielen lässt): „Es ist ein Ros` entsprungen“.

An beides musste ich gestern Abend, am Weihnachtsabend denken, als wir nach dem Essen und der Bescherung gemeinsam am Wohnzimmertisch meiner Schwiegermutter saßen und versuchten, dieses Lied, seinen Text und seine Melodie mit dem Strumming zweier Ukulelen überein zu bringen.

Meine Schwiegermutter saß neben mir und sang fröhlich mit. Allerdings eine Version, die ich noch nicht kannte. Sie lächelte, als sie meinen irritierten Seitenblick sah und sagte leise, „das ist die Oldenburgische Variante, die man bei meiner Großtante in Oldenburg (in Oldenburg) gesungen hat.

Und die ging so…

„Es ist ein Ross entsprungen. Aus Spiekermann sein Stall …“

Und nun alle… 😉

PS meine Tochter liebt meine Geschichten aus Blankenese. Sie sagt, sie weiß so wenig darüber und über meinen Blog und den Podcast erlebt sie Familiengeschichte. Das hat mich sehr gefreut, und vielleicht ist das ja eine Idee für 2026. Auf jeden Fall lustiger als diese „Papa, erzähl mal“-Bücher.

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Die Toten in Mamas Plattenkiste

Ich bin in dem Alter, in dem die Helden meiner Jugend reihenweise den großen, ihren letzten Törn antreten. David Bowie, Prince, Sinead o’Connor, und so viele mehr.

Und die Künstler, die in der Plattenkiste meiner Mutter wohnten.

Wie jedes Kind meiner Generation habe ich vor der elterlichen Marantz-Anlage und dem Dual Plattenspieler mit Holzapplikation gesessen und stundenlang die Platten angehört, die daneben im Regal standen.

Nun ist der letzte in dieser illustren Reihe gestorben: Chris Rea.

Neben ihm — gespeichert in einer Art analoger Playlist in meiner Erinnerung — stehen bspw die Alben von J.J. Cale, dessen Lieder ich spät erst würdigen konnte. Vor allem das bunte Cover und der ruhige Folk seines 1971er Albums „Naturally“ erreichten mich erst vor kurzem. „Cocaine“ faszinierte mich da schon früher.

Lou Reed war mit seinen vielen Alben, mit Velvet Underground und solo, der Größte in diesem Plattenschrank. Anfang der 90er vollendete meine Mutter meine musikalische Ausbildung mit einem gemeinsamen Besuch in seiner Musicaloper in Hamburg. Sein spätes Album „New York“ kann ich heute noch auswendig mitsingen.

In Chris Rea war meine Mutter ein wenig verliebt, so wie in Freddie Mercury. So richtig glühend wurden ihre Augen aber, wenn ich das vierfach Album des „Concert for Bangladesh“ auflegte. Die Platte hatte schon Schnitzer und Kratzer, weil wir sie so oft hörten, vor allem der Part mit George Harrisons Auftritt. „Here Comes the Sun“ ist für mich seitdem nur echt in der Liveversion und den Knarzern zwischendrin.

In dieser Zeit des Jahres lässt man das abgelaufene Jahr gehen, lässt die Vergangenheit los, um Platz für das Neue zu machen. Mit Chris Reas Tod wird der Bogen größer.

Dabei weiß ich gar nicht, ob ich Mamas Plattenkiste schon loslassen möchte.

Ich nehme mir also vor, den Plattenschrank von links nach rechts durchzuhören zwischen den Jahren. Beginnen werde ich mit George Harrison.

„Ich probiere mal eine der akustischen Gitarren. Ist das Mikrofon schon an..?“

PS Wie geht es eigentlich Joan Armatrading?

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(B)Logbuch

Klar zur Wende – zur Wintersonnenwende

Wintersolistice,
21. Dezember um drei Uhr drei Minuten.

Seit gestern um kurz nach drei wird es wieder heller. Ich verabschiede die Momente des Jahres 2025 und beginne das, was die Azteken die „tote Zeit“ nannten – die Zeit zwischen den Jahren, in der man irgendwann vergisst, welchen Wochentag wir haben.

Den Glücklicheren von uns passiert das früher, die anderen haben noch Spaß mit DPD.

Diese Tage zwischen den Jahren sind magisch, trotz Nebelschwaden nahe dem Gefrierpunkt und immer noch langen klammen Abenden. Denn sie sind so ambivalent wie das Leben. Egal ob in Altona oder Friesland.

Hektisch und besinnlich gleichzeitig wird weniger gebloggt und gepostet – und das ist gut so. (Ich liebe es übrigens, an Heiligabend noch etwas Vergessenes einzukaufen – alle sind entspannt, der Stress der Vorweihnachtszeit fällt sprichwörtlich aus den Gesichtern. Verkäuferinnen lächeln und Kunden grüßen nett)

Nach einer alten Überlieferung ist das Gewebe zwischen den Dimensionen nie so blickdünn wie zur Zeit zwischen dem was geht und dem was kommt. Und auch wenn ich weiß, dass der 1. Januar den 24 Stunden davor zum Verwechseln ähnlich sieht, ist 2026 gefühlt heute noch weit weg.

Zwischen den Jahren soll man loslassen und nix Neues beginnen. Und doch geht es mir regelmäßig so, dass mein Verstand mir 1000 Ideen ins Bewußtsein schmeißt. Als intuitiver Blogger will ich dann gleich beginnen – und tue das meist auch.

Unterbrechen wir aber mal kurz den Flow of Consiousness. Vielen herzlichen Dank an euch alle. An die Lesenden, meine Kritikerinnen (muss ich nicht gendern;), an Christoph für seinen ewigen Support, für die Ebook-Downloader und meine 11 Kaffespender.

Ihr seid toll!

Nehmt euch n Tee oder n Grog und lest n gutes Buch. Kommt zur Ruhe und denkt nicht zuviel nach. Die Zukunft kommt von ganz allein.

Wer mag, kann sich das Iging des kommenden Jahres werfen. (Mir rät das Iging mit dem Hexagramm 45, mich mehr auf meine Community zu verlassen – das ist doch mal n guter Rat 😉

PS Titelfoto: Ich sag doch, schon heute ist es kaum zu unterscheiden, ob 1 Foto echt oder KI-generiert ist. Das Titelfoto ist es – eins davon 😉

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Kein Lego für Dick

Was passiert, wenn ihr den Namen Caractacus Potts hört? Vielleicht noch nix, aber was ist mit Tschitti Tschitti Bäng Bäng?

Da rumpelt es im Gedächtnis und Erinnerungen springen ins Rampenlicht des Bewusstseins. Ein Auto, das Kinder befreit. Und mittendrin ein lächelnder Dick van Dyke.

Die tanzende Zahnleiste aus Mary Poppins ist neulich 100 Jahre alt geworden. Und er soll immer noch lächeln und immer noch tanzen.

Unbestätigte Gerüchte berichten davon, dass sich Dick darüber beschwert hat, dass es ihm nun nicht mehr erlaubt sei, LEGO zu spielen — in der Tat empfiehlt der skandinavische Steinchenlieferant ein Alter von 4 bis 99.

Wer jetzt denkt, Dick könnte seine Sammlung doch an seine Enkel verschenken, der sollte beachten, daß diese bei einem Hundertjährigen auch schon über 40 sind.

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Podcast

Kann man den Winter vorlesen?

Ein Vorlesepodcast zu Weihnachten:

Winter, Weihnachten, Dezember. Wenn ich die Suche in meinem Blog anschmeiße, dann schickt mir der Algorithmus ohne Weltherrschaftsideen eine Liste von Artikeln, die aus den letzten 12 Jahren stammen. Hier vorgelesen und als Ebooks kostenlos+ herunterladbar.

Chapters

  • 0:28  Willkommen im Logbuch laut
  • 6:08  Frühlingsanfang und Wetterwechsel
  • 7:30  Erinnerungen an das Segeln
  • 11:42  Autofiktionale Überlegungen
  • 19:22  Spielszenen aus der Familie
  • 20:04  Rückkehr nach Westerland
  • 21:35  Neujahr und neue Gedanken
  • 26:30  Dank und Ausblick auf die Zukunft

Vorgelesene Blogs:

Zwischen den Zeilen, zwischen den Jahren: Ein Nachmittag mit dem Logbuch laut

Draußen drückt der Dezember seine graue Stirn gegen mein Fenster, und drinnen dampft der Earl Grey, während ich mich in die neueste Episode vom Logbuch laut fallen lasse. Es ist dieser seltsame Moment im Jahr – dieses Dazwischen –, in dem die Zeit dehnbar wird wie warmer Kaugummi.

Ein Rausch aus Automatik und Erinnerung

Der Host nimmt uns diesmal mit zurück in eine Ära der Écriture Automatique. Während ich zuhöre, frage ich mich: Wer war diese Person, die damals im surrealistischen Rausch die Feder führte? Die Texte flimmern wie alte Super-8-Aufnahmen vor meinem inneren Auge. Es geht um den Winter, klar, aber eigentlich geht es um die Sehnsucht nach dem Licht, das irgendwo hinter dem Januar lauert.

Wenn die Grenze zwischen „Ich“ und „Erfunden“ verschwimmt

Was mich an dieser Folge besonders gekriegt hat, ist das Spiel mit der Autofiktion. Man sitzt da, den Kopfhörer fest auf den Ohren, und versucht krampfhaft zu entwirren: War das wirklich so? Wer ist diese Figur? Und wie viel von der Wut, der Trauer und der Nostalgie ist echtes Fleisch, wie viel nur literarisches Kostüm?

Der Host macht daraus kein Geheimnis, sondern eine Analyse am offenen Herzen. Es ist faszinierend (und ein bisschen schmerzhaft), dabei zuzusehen, wie alte Texte seziert werden. Man spürt förmlich, wie sich die Perspektiven über die Jahre verschoben haben – wie aus dem jungen, wilden Schreiben ein reflektiertes Bewahren geworden ist.

Mein Fazit: Ein literarischer Adventskranz ohne Kitsch

Diese Episode ist kein gemütliches „Hach, wie schön ist Weihnachten“-Geplänkel. Es ist eine Einladung in den Maschinenraum eines Schreibenden.

  • Stimmung: Melancholisch, tiefgründig, angenehm sperrig.
  • Highlight: Die Erkenntnis, dass das Schreiben der einzige Weg ist, die Geister der Vergangenheit gleichzeitig festzuhalten und loszuwerden.

Ich klappe den Laptop zu, der Tee ist kalt, aber mein Kopf ist voll mit neuen Schreibstrategien für das nächste Jahr. Ein herzliches Danke an das Logbuch laut für diesen ehrlichen, ungeschönten Ausblick auf das, was kommt.


Tipp: Schnappt euch eine Decke, ignoriert die To-do-Liste für das Fest und hört rein, wenn ihr wissen wollt, wie aus echtem Leben echte Literatur wird.

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(B)Logbuch

4: Weihnachten, Dezember, kann man den Winter vorlesen?

(Vorlese-Podcast) – Winter, Weihnachten – Melancholie und Kerzenschein. Ein Vorlesepodcast für die letzten besinnlichen Tage des Jahres. Und immer kommt Regen darin vor 😉

Alle Ebooks und 1 Kaffe für den Vorleser gibts hier: https://ko-fi.com/ring2/shop

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Übers Bloggen

Back to analog— back to Punk Writing

In der Beziehung zwischen Medien und Realität gibt’s Wendepunkte. Beim Siegeszug des Ton- und Farbfilms beispielsweise, oder als man mit einem hüpfenden großen R markieren musste, dass die Zeitlupe einer Torszene läuft (war das 1978 das erste Mal, dass ich das bewusst sah?).

Ich weiss noch, wie fasziniert ich davon war, dass die Katastrophe an den Zwillingstürmen am 11. September wie ein Echtzeit-Actionmovie aussah. Danach hab ich Filmexplosionen in einem anderen Licht gesehen.

2026 erreichen wir einen weiteren Scheitelpunkt, der alles davorgewesene in den Schatten stellt: KI-generierte Inhalte werden von realen Bildern, Videos und Texten nicht mehr zu unterscheiden sein. Sie fluten das Social Web jetzt schon und werden (von mir) nicht mehr unterscheidbar sein.

Selbst mit meinem geschulten Auge, fällt es mir heute schon schwer, AI-Videos von echten zu unterscheiden. Irgendwann nächstes Jahr werde ich auf diesem Auge blind.

Soziologen sprechen bereits vom Zusammenbruch der Realitäten und damit der Glaubwürdigkeit von Medien an sich.

In einem Internet, in dem profitmaximierende Algos wahllos künstliches widerkauen, stirbt die Utopie endgültig, die Leute wie mich einst in den Cyberspace gelockt hat.

Back to analog.

Eine Strategie wäre die Migration zurück ins Analoge. B. will dieses Weihnachtsfest wieder mehr Briefe schreiben. So voll oldschool auf Papier. Mit Logbüchern wie diesem geht das auch. Vielleicht eine gute Idee für 2026.

Punkrocktime

This is not a time to be dismayed.

This is punk rock time, this is what Joe Strummer trained you for.

It is now time to go. You’re a good person. That means more now than ever.
— Henry Rollins

Vielleicht ist es an der Zeit, der perfekten KI-Welt etwas entgegenzusetzen, was diese nicht kann: selber machen und Dinge rough, schräg, campy und bewusst fehlerhaft machen.

Frei nach meinem Vorbild Henry Rollins: dies ist keine Zeit, um zu verzweifeln, dies ist die Zeit, sich zu wehren. Mit dem, was wir haben: Überraschung, Selbstgedachtem und Gekritzel mit ein wenig Glitzer.

Bad Writening, Bad Painting, Dada und Surreales selbst in diese Welt heben, ohne Hochglanzpolish eines leblosen Rechenzentrums. Das Echte im Versehrten finden.

Ich denke, das könnte mir gefallen.

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Podcast

Mallorca ohne Ballermann – Logbuch Laut

Mallorca im Frühling, Mallorca die Lieblingsinsel meiner Kindheit (Hallo Erobique 😉 Kaum eine Urlaubsinsel hat so viele Facetten, vor allem in der kurzen Zeit, bevor die Ballermänner kommen. Ein Logbuch Laut Podcast mit Texten aus diesem Blog:

Als Mallorca Videopodcast bei Youtube:

Die Texte, die ich in diesem Podcast lese und erkläre:

Bei Gefallen lass n Heiermann für ne Weißweinsangria hier.

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3: Mallorca ohne Ballermann – Logbuch Laut

Mallorca im Frühling, Mallorca die Lieblingsinsel meiner Kindheit (Hallo Erobique 😉) Kaum eine Urlaubsinsel hat so viele Facetten, vor allem in der kurzen Zeit, bevor die Ballermänner kommen. Ein Logbuch Laut Podcast mit Texten aus meinem Blog.

Die Texte, die ich in diesem Podcast lese und erkläre:

Die werden mit Kopf gegessen.
Frühling auf Mallorca
Rote Badehose
Mallorcas versteckter Ursprung
Gerhart in Algaida
Südost-Wind bringt den Frühling
Strandbagger
Bonus: der Ballermann-Hit 2026

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Morgenrot

Heute morgen bin ich von einem glühenden Orange geweckt worden, das so nur der Norden zustande bringt. Das Morgenrot leuchtete über Hamburg als würde der Himmel brennen.

Wetterkundige wissen, was das zu bedeuten hat.

„Morgenrot – god Wedder tot“ – hat meine Omi immer gesagt. Und tatsächlich, nur eine Stunde später wird das Orange immer fahler, scheint nur noch blass durch die Wolken, bevor jetzt eben gerade der Regen einsetzt. Irgendwie schade und schön zugleich, dass die Sonne sich unter Zeugen und gebührend divenhaft verabschiedet.

Das sind die kleinen Highlights des Dezembers. Noch zwanzig Tage, dann wird es wieder früher hell – und abends später dunkel. So ein glühender Sonnenuntergang hat nämlich auch was.

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Übers Bloggen

„Deutscher Schriftsteller“

Als ich klein war, wollte ich zwei Dinge werden. Busfahrer und Schriftsteller. Eins davon bin ich inzwischen – wenn man Google glauben will.

Ich erinnere mich noch gut. Meine Omi und ich waren auf einer unserer immergleichen Ausfahrten. Von Neumühlen fuhren wie mit der Hadag-Fähre nach Finkenwerder, aßen eine Kleinigkeit am Kiosk direkt am Anleger (den es übrigens heute noch gibt, und in dem es immer noch lecker-gruselig nach Pommesfett riecht) und nahmen ein wenig später die Fähre nach Teufelsbrück. Dort spielte ich ein wenig im Sand zwischen den beiden mächtigen Stahlbrücken, bevor es mit dem Schnellbus die Elbchaussee wieder rauf ging.

Wir warteten Teufelsbrück auf den Bus als sie mich fragte, was alle Großeltern irgendwann fragen: „Was willst Du eigentlich mal werden, wenn Du groß bist?“.

Ich saß gerne vorne im Bus und beobachtete die Busfahrer beim busfahren. Besonders wie sie die beiden Knöpfe bedienten, die beide Türen zischend auf und zugehen ließen, faszinierte mich. Die meisten drückten beide gleichzeitig; die in meinen Augen cooleren, drückten die Knöpfe kurz hintereinander, sodass sich das Zischen der Hydraulik wie in einem Sample überlagerten.

Kein Wunder also, dass ich „Busfahrer“ antwortete. Warum ich nach kurzem Nachdenken „und Schriftsteller“ hinterher schob, weiß ich nicht mehr.

Einige Jahre später verfestigte sich der etwas merkwürdige Berufswunsch, als ich Adriano Celentano (Ornella Muti! hach, was war ich verschossen) als Barnaba busfahren sah. Ein besseres Role Model war kaum zu finden Anfang der 1980er Jahre. In „Gib dem Affen Zucker“ (auch eine verschwundene Kunst – deutsche Titel für ausländische Filme!) spielte er einen knorrigen Busfahrer, der eine Prinzessin kennenlernte. Das wär was.

Ich erweiterte den Plot ein wenig und stellte mir vor, dass Celentano (also ich später) in den Wartezeiten an der Endhaltestelle an Buchmanuskripten schrieb. Später sollte mir erzählt werden, dass einer meiner großen Helden, Philippe Djian, eben dies gemacht hatte. Nur statt in einem Bus, eher gelangweilt in einer französischen Maut-Station.

„Betty Blue“ hat mich geflasht, wie wohl viele in meiner Generation. Heute noch lese ich seine Bücher gerne und werde mit ihnen und seinen Protas älter.

Übers Bloggen bin ich zum Schreiben gekommen – und darüber älter aber nicht berühmt geworden (das war Anfang der 2010er nicht ganz ausgeschlossen, da waren Blogs zumindest in den USA der neue heiße Schiet und Verleger rollten uns in München rote Teppiche aus).

Wobei ich anders als mein ebenfalls bloggender Freund Christian, noch keine Muße fand, eine Geschichte in Romanform zu gießen – die lange Form ist bisher nicht meine (seinen Roman kann ich euch aber herzlich empfehlen – Das Erbe ist ein queerer Poproman aus HH).

Wenn ihr Lust habt, dann lest meine Ebooks kostenlos+ via Ko-Fi, oder kauft meine Taschenbücher bei amazon und das Hardcover bei Thalia – ich freue mich über Feedback – und wer weiß, vielleicht habe ich ja irgendwann soviel Muße, die Langform anzugehen. Anstatt an einer Endhaltestelle vielleicht in einem Cockpit mit Blick in den Sonnenuntergang 😉

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(B)Logbuch

Opas Ölgemälde

Meine Großeltern hatten noch „eine gute Stube“, die meist wenig geheizt wurde, denn in ihr hielt man sich nur zu besonderen Gelegenheiten auf. Das alltägliche Leben fand in der Küche statt, oder im Keller beim Werkzeug, das meinem Opa heilig war oder im Schlafzimmer, wo meine Omi ihre Kölner Wässerchen vor der Frisierkommode sortierte, die sie im Dorf vorzeigbar machen sollten.

Falls dann jemand aus diesem Dorf zu Besuch zum Süllberg käme, würde er oder sie sofort in zwei Klassen unterteilt: die, die man in die Gute Stube führte und die, die mit der Küche vorlieb nehmen mussten.

In der Guten Stube gruppierten sich barocke Sitzgelegenheiten um einen Marmortisch. Ein 3er-Sofa stand an der Kopfwand und über ihm ein Ölgemälde mit einem wuchtigen Rahmen.

Es gibt Fotos der ganzen Familie (bis auf meinen Bruder und mich sind alle tot), wie sie darunter Kaffe trinkt. Aus einem Kaffe-Service, das ebenfalls nur zu besonderen Momenten und für besondere Menschen hervorgeholt und abgestaubt wurde.

Ich habe ewig nicht mehr an dieses Bild gedacht, bis ich es gestern auf dem Schanzenflohmarkt wiedersah.

Sofort legen sich Erinnerungen in mein Bewusstsein, an Omi und Opa und die Gute Stube.

Ich stelle mir vor, das hier sei exakt dasselbe Bild, und dass es eine lange Reise über Flohmärkte in Hamburg hinter sich hat, nur um sich mir und meiner Erinnerung heute zu präsentieren.

Ganz kurz überlege ich, ob ich es kaufe, mache dann aber nur dieses Foto, das mich gerade wieder entführt. In diese merkwürdige kleinbürgerliche Welt vor 40 Jahren.

(Als ich heute morgen versuche herauszufinden, von wem dieses Bild wohl gemalt worden ist, stoße ich auf lauter gemalte Wald- und Flußlandschaften, die alle sehr ähnlich aussehen. Eines davon ist von einem Künstler des 19. Jahrhunderts aus Stavanger und heute sehr wertvoll). Mist.

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Podcast

Geschichten aus Blankenese – Episode 2 des „Logbuch Laut“ Podcast

Chapters

0:13 

Podcast Restart: Logbuch Laut

3:17 

Blankeneser Traditionen und ihre Geschichten

12:32 

Erinnerungen an meine Großeltern

16:24 

Von der Hexe von Blankenese

19:33 

Klauen in Blankenese: Eine Anekdote

21:34 

Nachbarschaft und Konflikte in Blankenese

22:07 

Kuttersegeln auf der Elbe: Ein Rückblick

Long Summary

In dieser Episode des Podcasts Logbuch laut explore ich die Eigenheiten und Geschichten von Blankenese, dem Stadtteil, der mir durch tief verwurzelte familiäre Verbindungen ans Herz gewachsen ist. Die Inspiration für dieses Thema kam durch einen Artikel im Hamburger Abendblatt, der über die untypischen Diebstähle in der wohlhabenden Gegend berichtet. Dabei reflektiere ich die Klischees und realen Gegebenheiten dieser Nachbarschaft, von den traditionsbewussten Blankenesern bis zu den neu zugezogenen Wohlhabenden, die mehr als nur ihre Exklusivität mitbringen.

Ich beginne mit den Traditionen, die in Blankenese lebendig sind, insbesondere den Osterfeuern, die jedes Jahr ein großes Fest mit einer verwobenen Geschichte der Nachbarschaft darstellen. Obwohl diese Traditionen von Generation zu Generation weitergegeben werden, sind sie heutzutage immer wieder mit Herausforderungen konfrontiert, insbesondere mit den Behörden, die die Höhe der Feuermasten regulieren wollen. Ich schildern, wie sich die Anwohner gegen solche Einschränkungen wehren und ihre Traditionen verteidigen, während sie gleichzeitig den schleichenden Wahnsinn von Regulierungen in einer technokratischen Welt diskutieren.

Die Erzählung führt mich weiter in die Geschichten meiner Vorfahren, die Blankenese in seiner Entwicklung prägen. Ich teile Anekdoten über meinen Großvater, der als Seemann bekannt war und dessen Gelassenheit und Weisheiten mir bis heute in Erinnerung sind. Auch die Geheimnisse meiner Ur-Ur-Ur-Omi, die als die Hexe von Blankenese bekannt war, illustrieren den Zauber und die Verbundenheit, die ich mit dieser Region empfinde. Diese familiären Geschichten geben einen tiefen Einblick in die historischen Verflechtungen in dieser eigenen kleinen Welt.

Ein weiterer Punkt, den ich anspricht, ist das Klauen von Blumen in der Kindheit und wie dies im Kontext von Blankenese betrachtet wird. Aus geliebten Erinnerungen heraus stelle ich fest, dass selbst die vermeintlich reichen und erfolgreichen Herrschaften nicht vor kleineren Delikten gefeit sind. Dies wirft ein schräges Licht auf die sozialen Dynamiken, die in einer so traditionsreichen und doch modernen Nachbarschaft existieren. Darüber hinaus spüre ich den tiefen Einfluss der Nachbarschaft auf das soziale Gefüge und die Art und Weise, wie Konflikte ausgetragen werden, besonders unter den privilegierten Bewohnern.

Schließlich schau ich zurück auf meine eigenen Kindheitserlebnisse und die Abenteuer während des Kuttersegelns auf der Elbe. Diese Erinnerungen an Freiheit, Unbeschwertheit und die Herausforderungen des Heranwachsens fügen sich harmonisch in die Gesamterzählung ein und bieten einen persönlichen Blick auf die Entwicklungen in meinem Leben und meiner Heimat. Jedes Erlebnis, jedes Wort hat seine Bedeutung, und ich freue mich, diese kleinen, feinen Geschichten mit euch zu teilen.

Brief Summary

In dieser Episode von Logbuch laut tauche ich in die Geschichten und Traditionen von Blankenese ein, einem Stadtteil, der mir besonders am Herzen liegt. Inspiriert von einem Artikel im Hamburger Abendblatt, reflektiere ich über die untypischen Diebstähle in der wohlhabenden Nachbarschaft und die sozialen Dynamiken zwischen den traditionsbewussten Blankenesern und den neu zugezogenen Wohlhabenden. Ich bespreche lebendige Traditionen wie die Osterfeuer und die Herausforderungen, mit denen die Anwohner bei der Verteidigung ihrer Bräuche gegenüber bürokratischen Regulierungen konfrontiert sind. Darüber hinaus teile ich persönliche Anekdoten über meine Vorfahren und erinnere mich an meine Kindheitserlebnisse, die die Entwicklung dieser besonderen Region und meine Verbindung dazu prägen.

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2: Neues und Altes aus Blankenese

In dieser Episode von Logbuch laut tauche ich in die Geschichten und Traditionen von Blankenese ein, einem Stadtteil, der mir besonders am Herzen liegt.

Inspiriert von einem Artikel im Hamburger Abendblatt, reflektiere ich über die untypischen Diebstähle in der wohlhabenden Nachbarschaft und die sozialen Dynamiken zwischen den traditionsbewussten Blankenesern und den neu zugezogenen Wohlhabenden. Ich bespreche lebendige Traditionen wie die Osterfeuer und die Herausforderungen, mit denen die Anwohner bei der Verteidigung ihrer Bräuche gegenüber bürokratischen Regulierungen konfrontiert sind. Darüber hinaus teile ich persönliche Anekdoten über meine Vorfahren und erinnere mich an meine Kindheitserlebnisse, die die Entwicklung dieser besonderen Region und meine Verbindung dazu prägen.

Im Blog:

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Blankeneser klaun

Meine Omi wäre stolz auf B. gewesen. B. hatte mir beim Abendbrot erzählt, dass sie am Bahnhof Blumen geklaut hat. Dabei hat sie plietsch gewartet, bis die Fahrgäste in den Zug, aber noch nicht aus dem Zug steigen konnten.

Meine Omi kam aus Blankenese und hat mir von kleinauf weisgemacht, dass geklaute Blumen die schönsten sind. Eigentlich erwartete sie sogar, dass wir an ihrem Geburtstag durch die Gärten streifen oder unschuldig-guckend durch den Park schlendern (ist inzwischen wohl verjährt) und ihr die schönsten Blumen pflücken.

„Blankeneser dürfen das“, hat sie gesagt und dabei immer gelacht.

Das Klauen gibt’s offensichtlich in Blankenese immer noch — auch bei den zugezogenen, reichen Leuten. Nur klauen die Wein und Rinderfilet, wie das Hamburger Abendblatt berichtet.

》Die Frau, die Rinderfilet im Wert von 30 Euro im Kapuzenpulli hatte mitgehen lassen. „Sie sagte allen Ernstes zu mir, ich könnte einer guten Kundin wie ihr ja wohl Natural-Rabatt gewähren.“ Und der Mann, der drei Rotweinflaschen für je 15 Euro entwendet hatte. „Er antwortete auf meine Frage, warum er nicht den Fünf-Euro-Wein genommen und mir dadurch weniger geschadet hätte, er könne seinen Gästen keinen billigen Wein vorsetzen.“

Ich bin mit Omi einer Meinung: Blumen für Omis sind ok. Das allerdings können keine echten Blankeneser sein, die Købmands im Treppenviertel beklauen, weil sie Angst vor dem Urteil ihrer Nachbarn haben.

(Nachbarn sind in Blankenese sowieso ein besonderes Thema. Anders als in den Bauerndörfern drumrum, gab es im Treppenviertel schon immer wenig Platz. Da hat man sich arangiert oder ignoriert. Seit 50 Jahren wird sich auch fröhlich verklagt – und wer mehr Geld hatte, konnte eben weiter hoch in der Prozesskette streiten. Gegrüßt hat man sich aber trotzdem – oder beim Osterfeuer zusammen aufgebaut und das Holz gegen andere Feuer verteidigt – aber das ist eine andere Geschichte)

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Œuvre

Kennt ihr das?, ein Künstler, eine Künstlerin stirbt und ihr lest davon im Internet. Dann posten Bekannte, welche Beziehung sie zu den Songs haben und ihr werdet neugierig. Bei einem guten Glas Rotwein taucht ihr in das Werk ein (oder wieder ein) und wundert euch ein wenig, warum erst der Tod euch diesem Menschen (wieder) näher brachte.

Das ging mir bei Sinead O’Connor so. Und bei anderen Künstlern, von denen ich noch nie oder meist sehr lange nichts mehr gehört hatte.

Gestern Abend, es war schon seit Stunden dunkel, saß ich auf dem Sofa und verlor mich im Instagram Stream, als plötzlich ein alter Mann „Losing my Religion“ von R.E.M sang.

Ich brauchte eine kurze Weile und zweimal blinzeln, um zu schnallen, dass das Michael Stipe selbst war. Das Gesicht inzwischen zuende zerknittert und die Stimme eher gehaucht. Die Wut ist ihm wohl über die Jahre verloren gegangen.

Ich beschloss heute Morgen, nicht so lange zu warten, bis … ihr wisst schon… und erinnerte mich daran, dass ich bei VH-1 meine erste Plattenkritik ausgerechnet über ein Album von R.E.M schrieb.

Das Album „Up“ von 1998 war nicht ihr erfolgreichstes — ich erinnere mich jedenfalls nicht an ein Stück, dass es davon in den Mainstream oder mein Langzeitgedächtnis schaffte.

An meine Plattenkritik erinnere ich mich leider auch nicht. Sie ist im digitalen Nirvana verschollen.

Eigentlich ne schöne Idee, sich das Album nochmal anzuhören, solange wir alle noch leben. Und wer weiss, vielleicht fällt meine Kritik heute gnädiger aus — altersmilder.

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November Rain

Wenn man Guns n Roses 🌹 glauben darf, ist der Novemberregen ein wirbelnder Geselle, der Hochzeiten sprengen kann. Er kommt mit viel Wind und peitschenden dicken Tropfen.

In Wirklichkeit nieselt der Novemberregen ungemütlich vor sich hin, überstülpt alles mit diesem grauen Schleier, der allem seine Restwärme entzieht. Man fühlt regelrecht, wie der letzte Trost entflieht.

Da wünscht man sich Windstöße und klare Gitarrenriffs herbei, um die klamme Taubheit draußen wegzufegen.

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Logbuch Laut – aus der dänischen Sydsee

Nu gibts meinen Blog und Newsletter auch als Podcast. Die erste Folge der neuen Staffel ist nun on air – hier und überall, wo es Podcasts gibt.

Die dänische Sydsee, Seglerparadies in Dänemark und bestes Mittel gegen den Winterblus, sich Geschichten vom Sommertörn vorlesen zu lassen.

Blogposts/ Orte aus dem Podcast:

Vielen Dank an alle, die mir über den Sommer ein Anlegebier ausgegeben haben – bei Gefallen, spendier mir gerne einen Kaffe.

Podcast anhören …

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1: Die Dänische Sydsee — Logbuch Laut

Die dänische Sydsee, Seglerparadies in Dänemark und bestes Mittel gegen den Winterblus, sich Geschichten vom Sommertörn vorlesen zu lassen.

Blogposts/ Orte aus dem Podcast:

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Parallelen

Was, wenn ich irgendwann falsch abgebogen bin?, also das hier gar nicht meine Realität ist, sondern die eines anderen?

Seit Star Trek kann ich nicht mehr klar denken, wenn es um temporale Anomalien geht, die haben das alles versoapt, und doch ist es fies, wenn es passiert, was mir nun passiert. Denn inzwischen zweifle ich – an allem, dem Sonnenschein und dem Wind, den ich auf der Haut spüre, ich mißtraue meinen Erinnerungen, denn das kann alles gar nicht sein, was ist – und das ist so, seit Andrea mir überall begegnet.

Zuerst habe ich es für einen Zufall gehalten, dass im Bahnhofskiosk letzte Woche am Dammtor die neue Bedienung genauso aussah, wie Du, Andrea. Nur jünger, also genauso alt, wie Andrea war als wir uns zuletzt sahen. Anfang 20, und lächelte auch genauso, so frisch und doch erfahren; dabei so offen, wie es nur junge Menschen vermögen.

Ich war überrascht, als nächsten Morgen dieselbe muffige Bagelverkäuferin da stand, wie die letzten drei Jahre, als sei nix gewesen. Und heute? 200 Kilometer weiter nördlich, fährt mich fast jemand über den Haufen, als ich morgens Brötchen holen will.

In Marstal, der altehrwürdigen Hafenstadt auf der dänischen Insel Ærø, gehe ich gerade die Kirkestrade hoch, noch ein wenig verschlafen auf den kleinen Platz zu, wo die Bäckerei ist, als aus der Ny Mœllergade ein roter Golf schießt. Du verfehlst mich nur um Zentimeter, und hast Dein blondes Haar zu einem Zopf gebunden. Ich muss erschrocken aussehen, wie ich Dir verdutzt nachsehe. Du drehst Dich um und lächelst, höchstens Anfang 30, und hintendrin sitzt ein Kind. Eine Sekunde später bist Du um die Ecke. Weg.

Den ganzen Tag habe ich gegrübelt, und das alles meiner regen Phantasie zugeschoben, dem Rotwein, der mich beim Alleinsegeln immer öfter begleitet. Ich erinnere mich übrigens sehr gern an Dich; Dein Zahnarzttochterlächeln, über das wir immer lachten, und Deine scharfen und geraden Gesichtszüge.

Und dann ruft auch noch mein Cousin an, den ich seit Jahren nicht mehr gesprochen habe, nur ein paar Minuten später, als ich an den Norderenden ins Hafengebiet einbiege: Er säße saufend mit nem Pfaffen in irgendeiner Künstlerkneipe bei Plön und braucht dringend und vor allem sofort Geld.

Ich checke nochmal das iPhone, ja, das ist seine Nummer. Aber da passt was nicht: Er ist seit vorletztem Winter tot. Ermordet in seiner Gartenlaube in Wandsbek, angeblich von der russischen Mafia.

Genauso wie Andrea. Deswegen bin ich ja segeln. Deswegen trinke ich allein im Cockpit und starre in den Himmel, als ob die Sterne irgendwann antworten würden.

Ich verspreche, ihn abzuholen in ihn mitzunehmen auf mein Boot, und alles klingt so ok, so normal, nur irgendwas passt nicht, und ich werde das Gefühl nicht los, dass ich es bin, der hier nicht hinpasst. Mein Herz schlägt mir im Hals, als ich Andreas Nummer rauskrame und es am anderen Ende klingelt …