Kategorien
500 Zeichen

Grünkohl in der Wassermühle Wedel

L: Wassermühle Wedel.

Ich hab von meinem Bruder schon gehört: der Grünkohl ist sehr gut. Und die Grützwurst auch. Beides gab es immer bei Omi.

Omi gibt’s nicht mehr, also … schaue ich heute Abend mal nach, ob es stimmt.

Ich bekomme die letzte Portion des Tages. Und die ist riesig.

Alberta nimmt die Grützwurst. Er kommt aus Köln, deswegen weiß er nicht, dass Rosinen darin verboten sind — sagt Omi.

Alles ist dennoch sehr lecker und das belgische Bier schmeckt nach Birne

Kategorien
500 Zeichen

Trutzburg Millerntor

Vor mehr als zehn Jahren erzählte mir mein guter Freund M. von einer Romanidee. Er skizzierte eine schwule Liebesgeschichte in einer fernen Zukunft.

Die bundesstaatliche Ordnung hat sich aufgelöst. Macht wird von multinationalen Verwaltungskonzernen organisiert, die allesamt einer Clique von Milliardären gehören.

Durch ländliche Gebiete marodieren faschistische Banden. Ganz Mecklenburg-Vorpommern ist ein Gefängnis, in dem die Menschen sich selbst und nackter Willkür überlassen werden (ich weiß noch, dass ich mir Snake Pliskens New York City in einer Art Rostocker Version vorstellte). Aus einem dieser Gefängnisse flieht sein Held. In die Freie Stadt Hamburg. Im Centrum gibt es eine Trutzburg, die früher einmal ein Fußballstadion war. Im Millerntor leben die Menschen frei und vielfältig, allerdings unter ständigen Angriffen der corporativen Ordnung.

Wir sprachen über die Liebe in Zeiten der Repression, wie sich die Liebenden verlieren, wiederfinden und wie weit weg uns das vorkommt.

Seit diesem Januar ist aus der fantastischen Romanidee etwas geworden, was bedrohlich reale Formen annimmt.

Ich muss ihn dringend anrufen und fragen, wie es weiter geht.
Ich hoffe, es geht am Ende gut aus.

Kategorien
500 Zeichen

Stummer Joseph

ICH HALTE ES NICHT MEHR AUS!
Die Kommunikation mit meinem Kumpel Joseph wird immer lauter.

Joseph ruft mich immer zwischen zehn und elf Uhr morgens an, meist bin ich dann in einem Call.

Wenn ich zurückrufe stelle ich mich seelisch auf Gebrüll ein.
Heute war es anders.
Joseph klang frustriert.

„Ich hab Angst“, sagte er leise.

Dann legte er auf.

Kategorien
500 Zeichen

Theresienstadt — das Lager mit dem schönsten Namen

Mein Opa der Nazi und wie er versuchte seinem jüdischen Schwager zu helfen

Gerade habe ich in einer Diskussion um Mitläufer wieder die traurige Familiengeschichte von meinem Opa erzählt, der versuchte, den Mann seiner Cousine aus der Haft „rauszuholen“; mithilfe seiner Uniform als Ortsgruppenleiter.

Mein Opa war Werftarbeiter und kein Kommunist oder Sozialdemokrat. Das hieß für ihn logischerweise – so hat er es mir später erzählt- in die andere Arbeiterpartei einzutreten. Die NSDAP.

Mein Opa war ein klassischer Mitläufer. Meine Familie wohnte damals in einem Vorortdorf von Hamburg, in dem er es bis zum stellvertretenden Ortsgruppenleiter brachte.

Soweit ich weiß, hat er keine schweren Verbrechen begangen. Es aber doch genossen, beim Bäcker und Schlachter regelmäßig vorgelassen zu werden.

Bis zum Frühjahr 1945 lief das alles ganz sutsche. Er war wichtiger Teil der Heimatfront auf einer Hamburger Werft. Das Leben ging seinen Gang, trotz Krieg und allem.

Seine Cousine hatte einen Juden geheiratet. Einen gewissen Levy. Superkriegsheld im 1. Weltkrieg mit Eisernem Kreuz erster Klasse mit Eichenlaub am Bande oder so.

Das beschützt ihn, hat er immer geglaubt. Während des Krieges wohnte er im Grindelviertel (nachdem ihre Villa in Nienstedten zwangsverkauft war) und wurde tatsächlich in Ruhe gelassen, weitestgehend.

Nur, so ist es überliefert, wollte er sich nicht vorschreiben lassen, wo er einzukaufen hatte. Bei einem seiner Besuche in einer arischen Schlachterei haben sie ihn verhaftet. Das war im Frühjahr 1945.

Mein Urgroßvater, Schreiner und Freimaurer, lag schon lange über Kreuz mit den Nazis und somit auch mit seinem Sohn.

Jetzt aber holte er ihn ab, um den Mann seiner Nichte Mithilfe des Amtes und der Uniform meines Opas rauszuholen. “Nu können wir mal sehen, wofür die Scheißuniform gut ist”, soll er gesagt haben, bevor sie nach Neuengamme fuhren — dorthin war Onkel Levy inzwischen gebracht worden

Das mit dem “Rausholen” hat nicht geklappt. Dafür durfte mein Opa das Lager aussuchen, in das Levy kommen sollte (quasi als Entgegenkommen, als maximalen Wirkertrag seiner Stelllung und Uniform).

Da er die Unterschiede zwischen den Lagern nicht kannte (das glaube ich ihm sogar), wählte er das mit dem schönsten Namen: Theresienstadt.

Mein Onkel Levy wurde kurz vor der Befreiung im Frühjahr 45 ermordet. Seine Frau, meine Großtante, und ihre Kinder sind in die USA migriert und haben nie wieder ein Wort mit meinem Teil der Familie gesprochen.