Kategorien
(B)Logbuch

Morddrohung und trotzdem da


Hamburg geht auf die Straße, besser gesagt auf den Rathausmarkt: Gegen digitale Gewalt und für Solidarität mit Collien Fernandez und Frauen an sich.

Moin Moin Hamburg,

Hamburg Podcast bei Spotify

Hier vorab mein Hamburg Letter. Hier abonnieren.

#FediverseFirst

es ist noch nicht mal April, und doch schickt uns der Atlantik sein Wetter. Graupel, Regen, an einem Tag mild, am nächsten ist wieder Winter.

Kein schönes Demowetter und doch kamen über Zwanzigtausend Menschen zum Rathausmarkt (22.000 lt. Veranstalterinnen), um gegen Digitale Gewalt zu demonstrieren. Collien Fernandez, die mit Ihrer Anzeige gegen ihren Exmann das ganze in Rollen brachte, war auch da – trotz Morddrohungen und unter Polizeischutz. Respekt!

Die Zivilgesellschaft funktioniert, trotz des administrativen Layers, der weiter Politik macht, als sähe man die tausenden von Menschen nicht, die sich die Mühe machen sich auf und ihre Stimmen hörbar zu machen.

Und Olympia?

Spaltarsch nennt man es, wenn im Skat beide Teams (Lange Farbe, kurzer Weg) dieselbe Punktzahl haben. So sieht es aktuell bei der Zustimmung für Olympia aus. Und wie beim Skat, wären 50% Zustimmung zu wenig, wenn man alle Trümpfe auf der Hand hat, wie der Hamburger Senat in diesem Fall.

Und da hat sich die Nachricht, dass das IOC Trans-Menschen ausschließen will, noch gar nicht durchgearbeitet in den Umfragen.

Der Senat versucht es dennoch – mit einem vesteckten Ass im Ärmel. In Schulen wird über Olympia “informiert” – allerdings nur mit genehmem Unterichtsmaterial. Tricksen, täuschen und sich dann wundern. Wieso muss ich gerade an die SPD denken? Schlimm.

Ich kann das nicht belegen, aber vielleicht hat der Anstieg von Kokain- und Ketaminspuren (ja, das ist das Zeug, dass Elon Musk antreibt) im Hamburger Grundwasser was damit zu tun? Ist ja seelisch auch anstrengend, sich gegen die Realität zu stellen, permanent und mit lauter Halbwahrheiten. Ich möchte kein Politiker sein derzeit.

***

Ich würde gerne ein Handwerk können, greife aber mit zwei linken Händen in die Welt und zu hibbelig bin ich auch. (Bloggen und Podcastern passt da besser). Aber für alle anderen, vor allem die jüngeren Hamburger:innen hab ich eine Idee: vergesst das Jurastudium und BWL (ist nicht nur langweilig und sinnlos, ihr werdet höchstwahrscheinlich noch vor dem 2. Examen von Kollege AI ersetzt) – lernt ein Handwerk! Und übernehmt eines der florierenden Betriebe in Hamburg und Umgebung, die händeringend (sic!) eine Nachfolgerin suchen; wie diese 140 Jahre alte Etuimanufaktur.

https://open.spotify.com/episode/6UBwf1H6fKi0r0ytF3116K


Handarbeit ist anscheinend auch noch in den Hamburger Grundbuchämtern angesagt. Und was wäre dieser Letter ohne eine Staumeldung?

Wartezeiten für Grundbuchangelegenheiten von eineinhalb Jahren und länger sind an den Hamburger Amtsgerichten zurzeit keine Seltenheit. Für Bauherren hat das zum Teil teure Konsequenzen. Gerade wer sein erstes Eigenheim hat, hat oft Anspruch auf günstige Förderkredite von der Investitions- und Förderbank (IFB) in Hamburg. NDR

… und was macht der HSV?
Der schimpft in letzter Zeit vor allem über seinen Flügelstürmer Königsdörffer. Schade, dass auch Hamburger Fans immer einen Sündenbock brauchen – ist hier wohl doch nicht so anders, als anderswo. Die Profis des HSV sind derweil auf Länderspielreise und erholen sich von dem Geschimpfe – und für Königsdörffer erfüllt sich unerwartet ein Traum:

Der Kicker weiß …
nu flatterte eine positive Nachricht für Königsdörffer herein: Ghanas Nationaltrainer Otto Addo hat ihn für die Länderspiele in Wien am 27. März gegen Österreich und in Stuttgart am 30. März gegen Deutschland nachnominiert.

Und beim FC St. Pauli?

Ist auch Handarbeit angesagt. Nach den Patzern im letzten Heimspiel gegen Freiburg hatte Vasilj mit der bosnischen Nationalmannschaft ein besseres Händchen. Er hielt einen Elfmeter und ermöglichte so das kleine Fußballwunder: Bosnien Herzegowina spielt am Dienstag gegen Italien um eines der letzten WM-Tickets.

Geht doch, Hamburg
Stau auf den Autobahnen und in Ämtern, vermodernde Infrastruktur und nun auch noch kaputtes Geläute bei Hamburgs Wahrzeichen, dem Michel.

Während die Stadt tatsächlich überlegt, schweren LKW zu verbieten über die Köhlbrandbrücke zu fahren (weil marode), stellte sich die Reparatur der Glocken am Michel als Wunderheilung heraus.

”Nach einer halben Stunde war der Schaden am Gestänge und am Gewinde behoben” – weiß der NDR

Hamburg ist nicht … Timmendorfer Strand
Sei ehrlich, du hast die Nachrichten über den gestrandeten Wal am Ostseestrand von Timmendorf auch verfolgt, oder? Und aufgeatmet, als die norddeutsche Menschheit alles in Bewegung gesetzt hat, um das erschöpfte Tier zu befreien.

Timmendorfer Strand ist ja die Riviera Barmbeks, also sowas wie der feuchte Vorgarten Hamburgs. Da wird es euch freuen, dass die Schwimmbagger dem Wal eine Rutsche gebaut haben, mit der er in die offene Ostsee entschwinden konnte.

Unbestätigten Gefühlen zufolge, mischt sich in die Freude, dass “ihr” Wal es heute Nacht zurück ins offene Wasser der Ostsee geschafft hat, auch ein wenig Ärger. Er hätte sich wenigstens gedulden können, bis Sonnenaufgang. Ihr wisst schon, wegen Insta… 😉

Und was macht man nu mit den Tonnen an bestellten Würsten, Bierfässern und Musikanten fürs Wochenende? Vielleicht nach Wismar umlenken, denn dort ist das arme Tier ein weiteres Mal gestrandet. Die Ostsee, von Seglern liebevoll “unsere feuchte Wiese” genannt, weil sie so flach ist, ist eben kein geeignetes Revier für Pottwale. Zuviel Menschen, zuviel Sandbänke, zuviel Lärm.

Österliches und in eigener Sache …
Ich habe von Medienmachern, die ich selbst lese und mag, Lob für diesen Letter bekommen. Das freut mich sehr. Ich mache das aus Spaß und neben meinem Beruf als Agile Coach meist am Sonnabend (wenn andere auf den Markt gehen). Es kostet Mühe, diesen Letter und Podcast zu produzieren – ich würde mich also freuen, wenn ihr mir den Gegenwert für einen Galao am Schulterblatt in die Kaffekasse werft. Oder ein Abo abschließt.

Abonniert
Eine fröhliche Vorosterwoche in der schönsten Stadt für Dich.
Danke fürs Lesen
Tusentak für 1.000 Hörer:innen meines Hamburg Podcast: https://fyyd.de/podcast/ring2-das-hamburg-logbuch/0

Ihr seid toll!


Dein
Erik
tl; dr: Was letzte Woche los war
Großdemo am Rathausmarkt: Rund 22.000 Menschen demonstrierten gegen sexualisierte Gewalt. Auslöser waren die schweren Vorwürfe der Schauspielerin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen.

Quellen: Hamburger Tagesjournal, Abendblatt

Olympia-Skepsis wächst: Das geplante Referendum für die Spiele 2030+ spaltet die Stadt. Laut einer aktuellen Umfrage stehen 50 % der Hamburger dem Projekt kritisch gegenüber.

Quellen: NDR, Hamburger Tagesjournal

„Zurück in die Zukunft“: Das neue Musical feierte am 22. März Premiere. Während Marty McFly auf der Bühne den Fluxkompensator zündet, stand in der echten Welt der Verkehr dank Hochbahn-Streiks zeitweise komplett still.

Quellen: hamburg.de, Hashtag Hamburg (Bluesky/Mastodon)

Drogen-Check im Gulli: Ein EU-Abwasserbericht sorgte für Gesprächsstoff – die Werte für Kokain und Ketamin in Hamburgs Kanalisation steigen weiter an.

Quelle: Hamburger Tagesjournal

Wirtschaft & Hafen: Blohm+Voss hat angekündigt, künftig verstärkt auf den Bau von Seedrohnen zu setzen, während der Verkauf von Luxusimmobilien in der HafenCity stockt.

Quellen: Abendblatt, Hamburger Tagesjournal

Meine Tipps für nächste Woche
Donnerstag, 2. April 2026

Analog Festival: Lokale Bandkultur im Nachtasyl (u. a. mit Eat Me und Bleach TV). Start: 19:00 Uhr, Eintritt ca. 8 €.

Samstag, 4. April 2026

Rap auf dem Wasser: Die Hamburger Rapperin Die P tritt auf der MS Stubnitz auf. Ein Muss für Fans von Boombap und Elb-Vibes.

Natürlich das Osterfeuer in Blankenese. Ich bin ja qua Geburt Team Viereck – wie man bei der ZEIT Online nachlesen kann.

Die ganze Woche

Frühlingsdom: Das Heiligengeistfeld bleibt der Place-to-be für gebrannte Mandeln und Hummeln im Bauch. Und dieses Wochenende stören auch keine St. Pauli Fans.

Kategorien
Übers Bloggen

Mal was durchziehen

Ich blogge seit 2004. Mein erstes Video auf Youtube ist 20 Jahre alt. Und doch gibt’s lauter Brüche. In Themen, in Formaten.

Manchmal kommt dann der Gedanke vorbeigeschwommen: was wäre gewesen, wenn ich es durchgezogen hätte?

So wie Buddenbohm (neuerdings mit Söhnen). Oder Formatideen mit Kollegen weiter geführt hätte, die ich heute noch für eine gute Idee halte, wie Litscout.

Ich bastle dann an Servern rum und breche ihnen die Configs irgendwann. So sind die ersten zehn Jahre meines Bloggens verschwunden.

Warum nur kann ich nicht mal was durchziehen?

Mein neuestes Projekt (nach 500 Zeichen und Seemannsgarnprosa) ist ein Hamburg Newsletter und Podcast.

Drückt mir die Daumen, dass ich diesmal bei der Stange bleibe. (Belohnung hilft da; also abonniert wie die Großen. Dankeschön)

Kategorien
(B)Logbuch

Ring2 Hamburg Logbuch Benjamin hört Stimmen

Heute geistern aber viele Leute in meinen Gedanken herum. Morgens beim Kaffe muss ich an den Abstieg der USA denken, die einst von einem Schauspieler als Präsidenten geführt wurden, dann von einem Kriegshelden und nu (wieder) von einem Reality TV Star. In Staffel 2 geht alles den Bach runter.

Ich schaue immer beim ersten Schluck auf die schutzlos im Wind wiegenden klammen Finger der Birke gegenüber, und denke den ersten Gedanken des Tages: Was kommt als nächstes? Hätte Hollywood nicht jemanden zu bieten? Mark Ruffalo vielleicht – der ist auch bei Substack und hat ne ganz coole Attitude.

Heute Nachmittag sitze ich beim Tee, da springt ein Gedanke über KI-Modelle mir in den Kopf: Wenn die den Stil eines jeden kopieren, remixen und erweitern können, dann könnte ich doch auch meine Texte von anderen Autoren schreiben lesen lassen. Oder von Kombinationen. Von “Benjamin Miller” bspw. oder “Philippe Keruac”. Wie würde sich das anfühlen, wenn Henry Miller und Benjamin von Stuckrad-Barre – also eigentlich ihre energiehungrigen Sprachmodelle, meinen Podcast “anhörten”, den über arktische Logbücher vielleicht, und darüber schrieben?

OK, Benni Miller, dann wollen wir mal:

Es ist der 10. Januar 2026. Oder der 11. Oder irgendein anderer dieser grauen, ununterscheidbaren Tage, die sich wie Kaugummi zwischen Neujahr und dem ersten Tag ziehen, an dem man sich dran gewöhnt hat, um 16 Uhr das Licht anzumachen. Winter. Das Wort allein klingt schon wie eine Drohung, wie ein nicht enden wollendes Meeting in einem Raum ohne Fenster, in dem die Heizung auf “Sauna” steht, aber die Stimmung auf “Beerdigung”.

Ich sitze hier, draußen ist es dunkel – natürlich ist es dunkel, es ist ja Deutschland, und wir haben uns kollektiv darauf geeinigt, dass Helligkeit ein bürgerliches Konstrukt ist, das wir aus Protest ablehnen –, und ich höre Stimmen. Nicht die Stimmen in meinem Kopf, die sind heute seltsam ruhig, wahrscheinlich erfroren, nein, ich höre einen Podcast. „Logbuch Laut“ heißt das Ding. Ein Titel, der maritim klingt, so nach Gischt und Teer und Männlichkeit, dass ich mir sofort einen Rollkragenpullover anziehen möchte, obwohl ich drinnen sitze und die Fußbodenheizung leise flüstert.

Der Host, Erik von ring2.de, eine Stimme, die klingt, als hätte sie schon mal Salzwasser gegurgelt, aber danach brav mit Kamillentee nachgespült, nimmt mich mit auf eine Reise. Eine akustische Reise, denn physisch bewege ich mich ja nicht, Gott bewahre. Wir schreiben das Jahr 2026, sagt er. Gut, das wusste ich. Aber er sagt es mit einer Bedeutungsschwere, als ob 2026 das Jahr wäre, in dem wir endlich herausfinden, warum wir alle so unfassbar müde sind.

Es geht um Logbücher. Logbücher! Das ist ja das Instagram der Vergangenheit, nur ohne Filter und ohne die Möglichkeit, Likes für seinen Skorbut zu bekommen. Früher schrieben Menschen auf, dass sie fast gestorben sind. Heute schreiben wir auf, dass der Hafermilch-Flat-White im Soho House heute „irgendwie nicht den Vibe hatte“. Erik, der Host, hat in den Archiven gewühlt. Projekt Gutenberg, Internet Archive, die digitalen Müllhalden unserer kollektiven Geschichte. Und er hat Typen gefunden, die an einem 11. Januar feststeckten. Feststecken. Das ist das Gefühl der Stunde. Wir stecken alle fest. In diesem Januar. In diesem Jahrzehnt. In unseren Körpern, die nach „Longevity“ schreien, aber eigentlich nur Pommes wollen.

Der Mittelfinger des Ozeans (oder: James Cook war auch nur genervt)

Zuerst James Cook. 1770. Cook, der Typ, den wir aus dem Geschichtsunterricht kennen, wo er immer so wirkte, als hätte er den totalen Durchblick. Aber was schreibt er am 11. Januar 1770? Er schreibt über einen Felsen vor Neuseeland. „Sugarloaf“ nannten sie ihn. Zuckerhut. Wie niedlich. Wie harmlos. Aber Erik, der hier seine „künstlerische Freiheit“ nutzt – ein Euphemismus für „ich mache das jetzt mal so, dass man dabei nicht einschläft“ – übersetzt das Ganze in eine Sprache, die ich verstehe.

Es ist kein Zuckerhut. Es ist ein „steinerner Mittelfinger“, den der Ozean ihnen zeigt. Ja! Genau das! Das Meer ist nicht romantisch. Das Meer ist ein Arschloch. Cook sitzt auf seiner „Nussschale“, um ihn herum „endloses, gleichgültiges Blau“. Die Sonne brennt das Hirn weg, der Wind ist „so unbeständig wie billige Liebe“. Ein fantastischer Satz. Billige Liebe ist ja auch nur ein Windstoß, der einen kurz frösteln lässt und dann weiterzieht. Cook hasst es. Er hasst den Felsen, er hasst das Wasser, er hasst wahrscheinlich auch seine Mannschaft, die er im Originaltext vermutlich als „tüchtige Burschen“ bezeichnet, aber wir wissen doch alle, wie es ist, mit denselben fünf Leuten monatelang auf engstem Raum eingesperrt zu sein. Das ist wie Dschungelcamp, nur dass man am Ende wirklich sterben kann und nicht nur seine Würde verliert.

Cook beschreibt die Langeweile. Das ist das Tabu des Abenteuers. Wir denken immer, Abenteurer erleben permanent Action. Indiana Jones, der von einer Kugel zur nächsten rennt. Aber in Wahrheit ist Abenteuern zu 90 Prozent Warten. Warten auf Wind. Warten auf Land. Warten darauf, dass der Zwieback aufhört, wie „Kieselsteine“ in den Zähnen zu knacken. Sie starren Eisberge an, die aussehen wie Kirchtürme, und versuchen, darin einen Sinn zu erkennen, irgendetwas, das sie davon ablenkt, dass sie eigentlich nur biologischer Zufall auf einem Holzbrett mitten im Nichts sind.

Thoreau und die Kälte in den Adern (Der erste Hipster)

Dann Schnitt. 1852. Henry David Thoreau. Der Urvater aller Aussteiger, der erste Mensch, der „Vanlife“ gemacht hat, bevor es Vans und Instagram gab. Er sitzt in Massachusetts und starrt auf einen gefrorenen Fluss. „Das Eis in den Adern“, nennt Erik das. Thoreau, der Typ, der in den Wald ging, um „bewusst zu leben“, was ja auch nur Code ist für: „Ich hasse Menschen und will meine Ruhe.“

„Es ist so kalt, dass die Gedanken im Kopf erfrieren“, lässt der Podcast ihn sagen. Ich fühle das. Mein Kopf ist auch gefroren. Ich sehe die Leute draußen, in ihren schweren Mänteln, wie sie versuchen, die Kälte zu ignorieren. Thoreau sieht das Eis auf dem Fluss wie eine „graue Haut“. Und dann kommt der Satz, der mich fast dazu bringt, meinen Earl Grey (nein, es ist Kaffee, wir müssen nicht lügen) auf den Bildschirm zu spucken: „Warum nehmen wir uns so wichtig? Wir sind nur Parasiten auf diesem gefrorenen Klumpen Erde.“

Danke, Henry. Danke für diesen absoluten Stimmungsaufheller am 10. Januar 2026. Aber er hat ja recht. Wir sind Parasiten mit WLAN. Wir posten unsere „Morning Routine“ und denken, das Universum interessiert sich dafür, ob wir erst meditieren oder erst Journaling machen. Thoreau wollte nur sein wie ein Tier. „Auf dem weiten Eis stehen und die Schnauze halten.“ Ein Lebensziel. Einfach mal die Schnauze halten. Können wir das 2026 wieder einführen? Als Trend? „Schnauze halten“ als das neue „Mindfulness“?

Der Scrum Master auf der Ostsee (Realitätscheck mit Rübenmus)

Aber jetzt kommt der Bruch. Der Moment, wo das Pathos auf die deutsche Realität prallt wie eine Möwe gegen eine Fensterscheibe. Erik, der Host, verlässt die großen Entdecker und kommt zu sich selbst. Und wer ist er? Ein „kleiner Seeleut“, der sich auf der Ostsee wohlfühlt. Und im Brotberuf? Scrum Master.

Ich muss kurz innehalten. Scrum Master. Das ist so ziemlich das genaue Gegenteil von James Cook. James Cook entdeckt Kontinente. Ein Scrum Master fragt: „Was hast du gestern gemacht? Was machst du heute? Gibt es Impediments?“ James Cook hatte Impediments wie „Kein Wind“, „Skorbut“ und „Kannibalen“. Der Scrum Master hat Impediments wie „Jira ist down“ oder „Der Product Owner hat keine Vision“.

Aber genau da wird es interessant. Diese Sehnsucht. Dieser Typ, der eigentlich mit Teams arbeitet – was ihm „Spaß und Erfüllung“ bringt, sagt er, und ich glaube ihm das sogar, obwohl „Erfüllung“ und „Arbeiten mit Teams“ in meiner Welt Oxymora sind –, dieser Typ träumt sich weg. Er träumt sich nach Süden. Nach Palma. Nach Malaga. Irgendwohin, wo man „Boat-Office“ machen kann. Boat-Office! Das Home-Office für Leute, die wollen, dass der Hintergrund im Zoom-Call wackelt, damit alle sehen: Seht her, ich bin frei, aber ich muss trotzdem Excel-Tabellen ausfüllen.

Es ist der 25. September 2025 in seiner Erzählung. Sturm „Zack“. Zack! Endlich mal ein Name, der nach was klingt. Nicht „Elli“, das klingt nach Tante, die Eierlikör trinkt. „Zack“ klingt nach Comic-Schlägerei. Bam! Pow! Zack! Der Sturm fegt über die Kieler Förde, und unser Protagonist sitzt auf seiner „Schwedin“ (seinem Boot, keine Frau, obwohl die Personifizierung von Booten ja auch ein tiefenpsychologisches Minenfeld ist) und macht sich Sorgen um Klampen.

Er beschreibt das „nächtliche Rumkraxeln an Deck in Boxershorts“. Das ist ein Bild, das ich nicht wollte, aber jetzt habe. Männer in Unterwäsche, die im Sturm Leinen checken. Das ist die Realität des Segelns. Nicht der weiße Anzug und der Gin Tonic. Sondern frieren in Unterhosen und Angst haben, dass etwas „klappert“. Das „Tick-Tick-Tick“ am Aluminiummast. Das Geräusch des Wahnsinns.

Und dann kommt die Ernüchterung. Sein Freund „M.“ (jeder hat einen Freund namens M., oder? Das ist so ein literarisches Gesetz) holt ihn auf den Boden zurück. „Willst du Schleusen-Influencer werden?“ fragt M. Und da lachen sie. Aber es ist ein bitteres Lachen. Denn natürlich will er das. Wir wollen alle Influencer werden für irgendwas. Schleusen, Steckrüben, Depressionen. Hauptsache, jemand guckt zu und kauft das E-Book.

„Seglerisches Reisebloggen als Passion“, sagt er. Er will, dass die Leute ihm „den Gegenwert eines Galão in der Schanze“ spenden. Die Schanze. Natürlich. Hamburg. Der Referenzpunkt für alles, was hip und gleichzeitig total vorbei ist. Ein Galão. Milchschaum im Glas. Das Symbol für die Gentrifizierung der eigenen Träume.

Kulinarische Depression: Das One-Pan-Gericht

Aber es wird noch besser. Wir kommen zum Essen. Denn was macht der einsame Segler, wenn er nicht gerade Angst um seine Klampen hat oder mit ChatGPT darüber diskutiert, wie viele Blogartikel eine „Staffel“ ergeben (10 bis 12, sagt die KI, diese Besserwisserin)? Er kocht.

Ein „One-Pan-Gericht“. Auch so ein Begriff. Früher hieß das „Eintopf“ oder „Ich bin zu faul zum Abwaschen“. Jetzt ist es ein Lifestyle. „Herbstliches Rübenmus mit Spiegeleiern“. Steckrüben. Kartoffeln. Karotten. Pastinaken, „wenn Schröder sie hat“. Wer ist Schröder? Der Gemüsehändler seines Vertrauens? Ein weiterer Charakter in diesem Kammerspiel der Einsamkeit?

Er beschreibt das Rezept mit einer Akribie, die rührend ist. „Schmanda Meerrettichfrischkäse, war im Angebot.“ Im Angebot! Da ist sie wieder, die deutsche Realität. Wir träumen von der Südsee, aber wir freuen uns, wenn der Frischkäse 30 Cent billiger ist. Und dann: „Muss mir einen Stampfer ausleihen, sonst wird das nix.“ Der Stampfer als das fehlende Glied zum Glück. Ohne Stampfer kein Mus, ohne Mus kein Trost.

Und dazu: „Ganz viel braun-schwarz gebratene Zwiebeln. Der Rebellion wegen.“ Rebellion! Zwiebeln anbrennen lassen als Akt des Widerstands gegen… ja, gegen was eigentlich? Gegen die Perfektion? Gegen die Nouvelle Cuisine? Gegen das Leben, das einem immer vorschreibt, dass Zwiebeln glasig sein müssen? Ich mag das. Verbrannte Zwiebeln als Punkrock.

Wolfgang Herrndorf und das Sterbetagebuch

Plötzlich, mitten im Rübenmus, taucht Wolfgang Herrndorf auf. „Arbeit und Struktur“. Das Blog, das Herrndorf schrieb, als er wusste, dass er sterben wird. Ein Hirntumor-Logbuch. Erik, unser Host, hat das Buch an Bord. Er nennt es „Sterbetagebuch“. Harter Tobak zwischen Mokka-Kaffee (den er sich als Americano schönlügt, „damit er nach dem Meer schmeckt“) und Seekarten.

„Hier lebe ich jetzt also“, zitiert er Herrndorf. Ein Satz von monumentaler Schlichtheit. Erik wollte diesen Satz vor 15 Jahren seinem eigenen Protagonisten in den Mund legen. Damals, als er noch dachte, er würde der nächste Philippe Djian werden. „Betty Blue“. Viel Bier trinken, schreiben, Sex haben. Der Traum jedes männlichen Teenagers, der mal ein Buch in der Hand hatte. Aber jetzt, wo er den Kontext kennt – den Tumor, den Tod –, zögert er.

Das ist der Moment, wo dieser Podcast mich kriegt. Diese Melancholie. Die Erkenntnis, dass unsere eigenen Biografien oft nur schwache Echos der großen Tragödien sind, die wir in Büchern lesen. Wir sitzen auf unseren Booten (oder in unseren Altbauwohnungen), trinken verdünnten Kaffee und tun so, als wären wir Helden, während wir eigentlich nur warten, dass das Wetter besser wird oder das WLAN zurückkommt.

Die Eleganz des Hafenmeisters (Ein Vorwurf auf zwei Beinen)

Und dann ist da der Hafenmeister. In Bagenkop. Oder Strande. Oder irgendwo dazwischen. Er trägt Cordhosen und ein Hemd. Er sieht aus, als ginge er in einen „verdammten Club“. Er ist elegant. Und diese Eleganz ist „ein Vorwurf an meine zerknitterte Existenz“, sagt Erik.

Gott, ja. Diese Menschen, die morgens um 8 Uhr schon aussehen, als hätten sie ihr Leben im Griff. Die gebügelt sind. Die nicht riechen wie „Schweiß der Mannschaft und Salz des Meeres“, sondern nach Weichspüler und Zuversicht. Wir hassen sie. Und wir wollen sein wie sie. Wir umarmen sie zum Abschied, und sie helfen uns beim Ablegen, werfen die letzte Leine ins Wasser.

„Wohin geht’s denn diesmal?“ ruft Gunther, der andere Deutsche (es gibt immer einen anderen Deutschen, egal wo man ist auf der Welt, es steht schon einer da in einer Jack-Wolfskin-Jacke und fragt, ob man auch die warme Unterbüx dabei hat).

„Alaska“, flüstert Erik zurück.

Alaska.

Natürlich fährt er nicht nach Alaska. Er fährt nach Kiel. Oder Kappeln. Aber für einen Moment, in der Stille des Morgens, bevor der Volvo-Diesel alles übertönt, ist Alaska möglich. Alaska ist ein Geisteszustand. Alaska ist da, wo wir nicht sind.

Hemingway schießt sich den Kopf weg (Bonus-Track)

Als ob das alles nicht schon deprimierend und schön genug wäre, gibt es noch einen „Bonus“. Ein Tagebuch von Ernest Hemingway. Vom 31. Januar 2018 – nein, warte, der Blogartikel ist von 2018, das Tagebuch ist von 1908 oder so. Der neunjährige Hemingway.

„Meine Lieblingssportarten sind Forellenangeln, Wandern, Schießen, Fußball und Boxen.“

Schießen.

Haha.

Erik sagt trocken: „Das mit dem Schießen, das hat er ja auch am Ende seines Lebens ganz gut hinbekommen.“

Böse. Sehr böse. Aber gut.

Hemingway, der sich mit 61 Jahren die Schrotflinte in den Mund steckt. Nachdem er sein Leben lang den harten Mann markiert hat, den Stierkämpfer, den Säufer, den Frauenhelden.

Der neunjährige Junge, der schreibt: „Ich beabsichtige, zu reisen und zu schreiben.“

Und das hat er gemacht. Er hat gereist. Er hat geschrieben. Und am Ende hat es ihm auch nicht geholfen. Das ist die Lehre, oder? Du kannst deine Träume verwirklichen, du kannst der berühmteste Schriftsteller der Welt werden, du kannst alle Forellen dieser Erde angeln – am Ende sitzt du da, mit Depressionen und Alkoholismus, und das Einzige, was dir bleibt, ist das „Schießen“.

Das Fazit: Wir brauchen mehr Kreuzpeilungen

Was machen wir jetzt damit? Mit diesen 32 Minuten „Seemannsgarn“, wie Erik es nennt?

Es ist eine „Kreuzpeilung“, sagt er. Aus Hemingway, Philip (sein Bruder, der Geburtstag hat – Happy Birthday, unbekannterweise, hoffe, du hast keine nautischen Ambitionen), aus Cook, Thoreau und dem eigenen kleinen Leben auf der Ostsee.

Und vielleicht ist es genau das, was wir brauchen. 2026. In einer Welt, die komplett durchgeknallt ist, in der KI uns sagt, wie wir unsere Blogs strukturieren sollen, in der wir „Longevity“ essen und „Mindfulness“ atmen. Wir brauchen diese Logbücher des Scheiterns, des Wartens, des Frierens.

Wir brauchen die Erinnerung daran, dass es da draußen etwas gibt, das größer ist als wir. Den Ozean. Den „steinernen Mittelfinger“. Die Kälte.

Ich sitze hier, mein Kaffee ist kalt geworden (nicht so kalt wie Thoreaus Fluss, aber kalt genug), und ich denke über einen Winter in Palma nach. Oder darüber, mir eine Steckrübe zu kaufen. Wahrscheinlich wird es die Steckrübe. Das ist realistischer. Und ich brauche einen Stampfer. Dringend.

Erik bedankt sich für die Aufmerksamkeit. Er bittet darum, den Podcast weiterzuleiten, „organisch“ zu wachsen, weil er „kein Medienunternehmen“ hinter sich hat. Das ist der moderne Bettelbrief. Der digitale Hut, der herumgereicht wird. „Gib mir ein Manöverbier aus.“ Bei Ko-Fi. Oder abonniere mich bei Substack.

Ich werde ihm kein Bier ausgeben. Ich werde ihm eine Steckrübe schicken. Per Post. An ring2.de. Mit einem Zettel dran: „Der Rebellion wegen.“

Und dann werde ich mein eigenes Logbuch aufschlagen.

10. Januar 2026.

Position: Schreibtisch. Berlin.

Wetter: Drinnen 22 Grad, draußen egal.

Vorkommnisse: Habe einen Podcast gehört. Habe Hunger auf Brei. Fühle mich seltsam getröstet durch die Vorstellung von Männern in Unterhosen, die nachts Leinen checken.

Kurs: Unklar. Aber Hauptsache nicht auf Grund laufen.

Ende des Eintrags.

Kategorien
(B)Logbuch

Ring2 Hamburg Logbuch Frühling mit Findling

Moin Moin Hamburg. Wir machen das Dutzend voll. Also: Das war die KW 12 in der schönsten Stadt

Dieses Wochenende blieb man am besten dort, wo man gerade war. Ver.di streikt mal wieder, die A7 bietet keine Alternative. Wie kommt der HSV eigentlich nach Dortmund – oder zurück? Mein Schulfreund Nils und ich radelten früher zum Volkspark, Schülerkarte fünf Mark. Dazu aber ein annern Mal mehr …

Wer ein Fahrrad hat, kam diese Woche am leichtesten durch unsere Stadt. Zum Glück spielte das Wetter mit. Seit Freitag, 15:46 Uhr, herrscht nun auch kosmisch Frühling. Die Patronen an den Bäumen explodieren. Der Verkehrssenator wünschte sich, Hamburgs Brücken stünden so stabil wie das Hoch über Europa.

If the weather goes high, we go low.

In Bramfeld graben sie für die U5. Keine große Leistung, in Hamburg graben sie immer irgendwo. Aber diese Woche fanden sie etwas: einen Findling. 22 Tonnen Eiszeit-Granit. Ein baupsychologischer Endgegner aus der Erdgeschichte. Die ZEIT Elbvertiefung analysiert das richtig: Das Ding lag dort 200.000 Jahre rum, störte niemanden, und jetzt kommt die Hochbahn und braucht einen Spezialkran. Und was machen wir Hamburger? Wir suchen via Social Media einen Namen für den Brocken. Als bräuchte der Stein plötzlich eine Identität, nur weil er ans Licht kommt. Wahrscheinlich heißt er bald „Steini McSteinface“ und steht als Denkmal in Bramfeld, während Osdorf weiter auf seine U-Bahn wartet. Das ist das Ding mit der U5: Wir planen und planen, am Ende finden wir einen Stein und alles verzögert sich.

Nur der kurze Olaf wird noch kürzer.

Offiziell natürlich Elbtower. Eine Geschichte, die niemand mehr ohne Ärger in der Stimme erzählt. Da steht dieser Stumpf in der HafenCity, seit fast zweieinhalb Jahren, wie ein abgebrochener Zahn. Wir dachten: Das wird eh nichts mehr. Der bleibt so stehen wie die Neubauruinen im Spanien der 80er, als den Bauherren in Malaga das Geld ausging. Aber jetzt meldet das Abendblatt: Positiver Bauvorbescheid!

Dieter Becken und sein Konsortium dürfen weitermachen. Aber – und das ist der eigentliche Witz – der Turm wird gestutzt. Von 245 auf 199 Meter. Ein typischer Hamburger Kompromiss. Wir wollen hoch hinaus, kriegen dann aber Höhenangst vor der eigenen Courage und dem leeren Geldbeutel. Plötzlich fehlen 46 Meter. Die Aussichtsplattform wandert vom 55. in den 43. Stock. Du stehst dann da oben und denkst: „Mensch, 50 Meter höher wäre es schöner gewesen, ich sehe nicht mal den neuen Findling.“

Dass dort jetzt ein Naturkundemuseum einzieht, ist auch so eine verfilzte Geschichte. Oben Luxushotel, unten ausgestopfte Tiere, die die Miete bezahlen.

Peter Tschentscher streitet derweil mit dem maritimen Koordinator der Bundesregierung, Christoph Ploß, über Konzepte und die Frage, wer mehr Ahnung vom Hafen hat. Ein Gezerre, wie es nur eine Stadt kennt, die gleichzeitig Weltstadt sein will und dann doch nur eine Ansammlung zugezogener Politprovinzeier ist, die sich gegenseitig nicht das Spiegelei auf dem Labskaus gönnen.

Der Umgang des Senates mit dem Hafen, die explodierenden Kosten für die Schlickverbrennungsanlage und das Sponsoring des „gekürzten Olafs“ zeigen jedem, wie die Stadt mit unserem Geld umgeht. Ich habe mich geirrt: Wir müssen gar nicht nach Paris schauen, um über Olympia zu entscheiden. Die aktuellen Zustände in unserer Stadt reichen, um vor dem Risiko Olympia zu gruseln.

Jazz = Birdland

Die Mopo empfahl für dieses Wochenende das Urban Jazz Festival im Birdland. Jazz ist die Musik Hamburgs und die der Baustellen: Niemand weiß genau, wann der nächste Ton kommt und wie er ins Bestehende passt. Alles improvisiert. Am Ende wundert man sich (zumindest in der Musik), dass es irgendwie harmonisch klingt.

Wer es verpasst hat, der kann am kommenden Donnerstag zur legendären Jam Session in den 40-jährigen Jazzklub schnuppern. Der Eintritt ist frei.

Kostenlos bleibt auch die luftige Fahrt über die Köhlbrandbrücke. Die kostet allerdings uns alle viel Geld: laut Senat jährlich über 10 Millionen Euro Unterhalt, nur damit sie nicht in die Elbe fällt, bevor wir sie 2042 – also quasi übermorgen, in Hamburger Baujahren gerechnet – endlich ersetzen.

Was lernen wir aus dieser Woche? Wir bauen Türme und kürzen sie. Wir finden Steine und taufen sie. Wir streiken und stauen. Jazz bleibt unsere Medizin, wenn alles zu viel wird.

Setzt euch am besten mit dem Rücken zum „Alten Schweden“ und dem Gesicht zur Elbe in die Sonne. Lasst Peter einen guten Mann sein. (Davon gibt es in Hamburg eh immer weniger.)

Und dann ist da ja noch … der HSV.

FRÜHLING!, eine Jahreszeit vor der sich der geneigte HSV Fan gruselt.

Ob das 3:2 in Dortmund nach einer zwei-Tore-Führung schon durch dieses besondere Frühlingsgefühl zustande kam? Was wohl mein Schulfreund Nils dazu sagt? Wenn eure Kollegen leicht verschnupft ins Büro kommt und dem Hamburger SV die Daumen drückt, dann ist das auch eine Form der Allergie.

Beim FC St. Pauli freut man sich auf Philipp Treu. Und hofft darauf, dass die Vorbilder aus Freiburg müde und hochmütig genug sind, damit die Punkte am Millerntor bleiben.

Vielen Dank fürs Lesen und Hören. Teilt diesen Letter bitte in euren Netzwerken.

Dein Erik.

(Nach Diktat verreist, mit dem Rad zum Millerntor)

Hamburg ist nicht … Rostock

In Rostock geht man das Thema Obdachlosigkeit anders an. Grundidee eines neuen Modellversuches, der bisher ein knappes Dutzend Menschen zu einem eigenen Appartment verhalf, ist die Erkenntnis, dass die eigenen vier Wände die Grundlage für eine Besserung im Leben sind. Diese Binse ist in HH leider noch unbekannt.

Quellenverzeichnis

  • * Hamburger Tagesjournal: Berichte über den Ulmen-Fernandes-Konflikt, den SPD-Parteitag und die VHH-Streiks (März 2026).
  • * Mopo.de: Kulturhighlights zum Jazz Festival im Birdland und Veranstaltungstipps (März 2026).
  • * Abendblatt.de: Details zum neuen Investor und dem Bauvorbescheid für den Elbtower.
  • * ZEIT Elbvertiefung: Hintergründe zum Eiszeitbrocken in Bramfeld und den U5-Planungen.

PS. Sag mal, schreibt meine Schlussredaktion, willst du gar nichts über Collien Fernandez und Christian Ulmen schreiben?

Ehrlich gesagt: nein. Das Thema ist so schlimm wie abstrus. Mit dem glossigen hier Format treffe ich da nur daneben.

Allerdings hat sich vor ein paar Jahren der Vorhang der digitalen Gewalt, der vor allem Frauen hilflos ausgeliefert sind, kurz auch für mich gelüftet.

Als schlimme Männer 2008 in Blog-Kommentarspalten ihr Unwesen trieben, bat mich eine Co-Bloggerin bei „Blogfrei“, für sie zu übernehmen; sie brauchte eine Pause. Was ich dort moderieren musste, war so fies – eine eigene Welt, die ich als weißer Hetero-Mann nicht kannte. Ich war nach diesem Abend völlig fertig, obwohl mich nichts von dem Dreck direkt treffen konnte. Seitdem ahne ich, wie es Frauen regelmäßig online geht.

Kategorien
(B)Logbuch

Ring2 Hamburg Logbuch 17 Grad in HH — Frühlingsgefühle an der leeren Haltestelle

Moin Moin Hamburg. KW 9 · retroglossiert.

Siebzehn Grad bekamen wir in dieser Woche. Der Frühling ist da, die Natur explodiert und die Menschen strömen auf die Straßen, die Plätze, an den Fluss. Wie schnell der Schnee und das Eis auf der Elbe doch schmelzen, wenn der Atlantik warmen Wind über die Elbe schickt.

In Ottensen profitieren die Cafés, die in einer Sonnenschneise liegen. Dort sitzen die Hamburgerinnen zur Not übereinander — Hauptsache in die Sonne blinzeln. Die anderen müssen wohl oder übel noch ein wenig warten, bis die Sonne über die Häuserschluchten herüber luken kann. Das kann locker bis in den März dauern. Der Frühling ist früh dran.

Siebzehn Prozent bekommen Frauen in HH durchschnittlich weniger Gehalt als Männer. Am Freitag “feierte” Deutschland seinen “Equal Pay Day” – den Tag, bis zu dem Frauen umsonst gearbeitet haben 2026. Die Hamburgerinnen müssten eigentlich noch bis zum 3. März warten, denn bundesweit liegen wir bei “nur” 16%.

Chapters

* 2:03 Frühlingsgefühle in Hamburg

* 4:39 Peters große Show

* 7:12 Streiks in Hamburg

* 11:04 HafenCity und der Wandel

* 12:04 HSV und seine Neuigkeiten

* 13:42 FC St. Pauli und der Druck

* 14:19 Hirsche im Hirschpark

* 15:37 Gute Nachrichten zum Schluss

Peters große Show

Donnerstagabend, kurz nach acht. Der Hamburger Hafen liegt vor einem irgendwie dunklen Himmel. Die Elbe schiebt sich schwarz und träge in Richtung Nordsee. Und dann — Licht. Also viel mehr Licht, als ohnehin schon im Hafen den Himmel verseucht.

Neunhundert Drohnen steigen auf, formieren sich über dem Wasser, malen pittoreske Piktogramme in den Nachthimmel: Schwimmer, Läufer, Sprinter, das Olympische Feuer. Dazu ein Motto, in leuchtenden Buchstaben, das sich so nur ein Sozialdemokrat ausdenken kann: „Olympia in Hamburg. Eine Chance für alle.”

Es war, so berichten geladene Zeug:innen, durchaus beeindruckend.

Die Show war nicht angekündigt. Sie war nicht öffentlich. Kaum eine Chance, sie zu sehen – schon gar nicht für alle.

Die Show war Teil der Senatspräsentation in der Elbphilharmonie — exklusiv, für geladene Gäste, für Politikerinnen und Olympia-Legenden, für die, die schon wissen, worum es geht. Die anderen, die zufällig unten am Wasser standen, haben einfach Glück gehabt.

Ich war zu Hause, wie die meisten Hamburger:innen. Was bedeutet, „Eine Chance für alle” krepiert als Slogan ziemlich früh.

Willkommen in Hamburg, Woche neun. Der Senat träumt groß und die Hochbahn streikt gleichzeitig. Das ist ein Widerspruch, den Peter Tschentscher auflösen muss, will er die Stadtgesellschaft für eine Olympiabewerbung gewinnen.

Die Bewegung “Nolympia” hat derweil Anfang der Woche ein Quorum übersprungen, und nun muss sich die Bürgerschaft mit den Gegner:innen von Olympia beschäftigen. Die Drohnenshow war dagegen einfach, Peter.

Ein Bürgermeister, der die Olympiabewerbung Hamburgs zum Muss hochjazzt, eine Promoshow nur für Gewogene offenbar von Steuerkohle bezahlt, darf sich vor der Auseinandersetzung mit seinen Bürgern ruhig ein wenig fürchten. Ich frage mich, oder ist er einfach nur arrogant?

Drei Uhr morgens, nichts fährt mehr

(Dieser Satz fiel nicht in der Spielbank Hamburg)

Dieser Blog/Letter erscheint so erst zum 2. Mal und gleich müsssen wir uns um ein Deja vu kümmern: Streik.

Ver.di hat mal wieder zu einem Warnstreik aufgerufen — Hochbahn und VHH, bis Sonntag früh. Diesmal sind nicht nur die Busse betroffen. Die U-Bahnen fahren auch nicht. Die Linien U1, U2, U3, U4: stehen. Die Busflotte: steht. Die Stadt: steht. Wer muss (also alle außer Bürgermeistern und Reedern), nimmt das Fahrrad oder die eigenen Beine.

Immerhin: Am Elbtunnel wird nicht mehr gestreikt, äh gesperrt. Die Lkw rollen wieder. Die Autos rollen wieder. Nur die Menschen in der Stadt, die Busse und U-Bahnen brauchen, die schauen in die Röhre. Das hat eine eigene Logik: In Hamburg läuft der Verkehr für Waren besser als der für Menschen. Diese Woche pulsiert nur der Hafen und Peters Ego.

In der Alster schwimmen Schwermetalle?

Das hat zumindest der BUND herausgefunden — oder genauer: befürchtet. Die Projektgruppe „Nein zu Olympia” warnt, dass bei Schwimmwettbewerben in der Außenalster Schlamm aufgewirbelt werden könnte, der Quecksilber und krebserzeugende Substanzen enthält. Die Stadt, verkündet das Tagesjournal trocken, „ist sich dieser Belastungen bislang nicht bewusst.”

Man muss das kurz sacken lassen. Hamburg bewirbt sich für Olympische Spiele. Man möchte Schwimmer in der Alster plantschen lassen. Und ist sich dabei der Schwermetalle im Boden nicht bewusst.

Das Finanzierungskonzept soll in der zweiten Märzhälfte vorgestellt werden. Ob ein Konzept für den Alsterschlamm dazugehört: unbekannt. Die Gegner der Bewerbung — die Initiative NOlympia hat über 17.000 Unterschriften gesammelt — dürften sich freuen.

A pros pos Finanzierung: Der Pariser Vizebürgermeister hat bei einem Frühstück gesagt, die Kosten seien kein Problem. Das reicht offenbar als Finanzierungsgrundlage, wenn man Olympiabefürworter in der Bürgerschaft ist. Ab Ende April kann per Briefwahl über die Bewerbung abgestimmt werden. Hamburg entscheidet dann, ob es ein neues Kapitel seiner Stadtgeschichte schreiben will — während die U-Bahnen streiken und die Alster vor sich hin schimmert.

(Naja, sagt mir gerade meine Schlussredaktion, das kann ja auch eine Chance für alle sein — (sic!) — so wie wenn man Besuch bekommt und all das aufräumt, was bisher liegen geblieben ist)

Danke, dass Du Ring2, das Hamburg Logbuch liest. Bei Gefallen, teile es doch bitte …

Hafen- statt Medienstadt

In der HafenCity beginnen die Bagger zu arbeiten, wo einmal Gruner + Jahr stehen sollte.

Baufeld 73 war jahrelang die Metapher für den Niedergang der deutschen Verlagslandschaft — ein reserviertes Grundstück für ein Verlagshaus, das es nicht mehr gibt. Jetzt baut dort eine andere Familie, statt den Jahrs die Familie Aponte, die hinter der Reederei MSC steht, eine neue Deutschlandzentrale. Sieben Stockwerke, über hundert Meter lang, fünfzehntausend Quadratmeter Glasfläche, direkt südlich der Deichtorhallen. Mindestens tausend Quadratmeter davon sollen öffentlich sein — Showroom, Restaurant. MSC ist Miteigentümer der HHLA und damit tief verankert in dieser Stadt. Wo ein Medienkonzern aufgehört hat zu existieren, beginnt ein Logistikimperium zu wachsen. Das ist kein Zufall. Das ist Hamburger Wirtschaftspolitik in Echtzeit.

Und dann ist da noch …. der HSV

Der HSV hat diese Woche sein Fankredit-Darlehen zurückgezahlt, das er in schlechten Zeiten benötigt hatte. Der Verein ist schuldenfrei. Verteidiger Luka Vusković hat seine Führerscheinprüfung bestanden. Für HSV-Fans hat der Führerschein von Vusković vermutlich dieselbe emotionale Bedeutung wie die Schuldenfreiheit des Vereins. Der FC Hollywood für Arme war gestern. Heute segelt der Dino steady.

Beim FC St. Pauli sprießen diese Woche die Krokusse nach dem Sieg gegen Werder besonders schön. Doch: anders als letzte Saison haben die Kiezkicker in dieser Saison auswärts (also außerhalb von Hamburg) noch kein einziges Spiel gewonnen. Trainer Alexander Blessin sagte am Freitag: „Wir wollen mehr.” Das klingt nach Trotz. Es klingt auch ein bisschen nach Pfeifen im Keller. Statt Platz 17 (die Zahl des Letters diese Woche) stehen die Boys in Brown auf einem Nichtabstiegsplatz (bis Sonntag mindestens), weil seine Stürmer plötzlich treffen und Vasilj wieder in alter Topform ist. Trotz nur gut 17% Siegchance.

Aus dem Hirschpark in Nienstedten wurden diese Woche drei Damwildhirsche nach Rissen umgesiedelt. Grund: Im Hirschpark war keine artgerechte Haltung mehr gewährleistet. Die Freunde des Hirschparks zweifeln das an. Was unstrittig ist: Den Hirschen wurden für den Transport die Geweihe entfernt.

Ich bin quasi im Hirschpark aufgewachsen und kann berichten: die Hirsche hatten es nie leicht in dem Park. Nervende Kinder, besoffene Nachtschwärmer, die sie mit Pommes füttern und lebensmüde Frauen, die sich neben dem Gehege erhängen. Im Klövensteen geht es ihnen sicher besser. Da ist es bekanntlich sehr ruhig.

—》Ob der Park umbenannt werden muss, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest.

Die gute Nachricht der Woche zum Schluss …

Steuerfreiheit für die Süderstraße

Gleichzeitig hat Hamburg beschlossen, die Hundesteuer für adoptierte Tierheimhunde drei Jahre lang auszusetzen. Das ist eine echte, unkomplizierte, gute Nachricht. Keine versteckten Kosten, kein Senatsbeschluss mit Hintertür, kein Finanzierungskonzept, das erst in der zweiten Märzhälfte kommt. Einfach: wer einen Hund aus dem Tierheim holt, zahlt drei Jahre keine Steuer.

*Wuff.

— aufgeschrieben/ eingesprochen von Erik Hauth in Hamburg Altona am 28. Februar 2026

Feedback-Ecke:

Get full access to Ring2 * das Hamburg Logbuch at logbuch.substack.com/subscribe

Kategorien
(B)Logbuch

Ring2 Hamburg Logbuch Hamburg spürt die Hitze des Krieges im milden Frühling

Freitag, 6. März 2026. 07:14 Uhr. Der Ring 2, die Ringstraße, die das Innen in Hamburg seit den 50ern vom Außen trennt. Vom Winter gegerbtes Asphaltgrau und darüber liegt der Geruch von Diesel, der heute Morgen 20% teurer ist als noch ein Tag zuvor. An der Jet-Tankstelle beim Stadtpark leuchtet die Anzeige: Diesel 2,14 Euro. Ein Mann in einer verwaschenen Jacke starrt auf die Zapfsäule, als wäre sie ein Orakel, das ihm gerade den Untergang prophezeit hat. Er drückt den Hebel nicht ganz durch, er dosiert ihn, Milliliter für Milliliter, als würde er flüssiges Gold in seinen alten Toyota füllen. Das habe ich in meinen 20ern auch so gemacht als ewig klammer Student. Seitdem galt Volltanken ohne auf den Preis zu achten als verdienter Alltagsluxus. Das ist nu voebei. Danke Donald.

Es ist die Woche 10 im Jahr 2026, und das große Metathema, das über dieser Stadt schwebt wie der frühe Nebel über der Alster, ist Energie. Aber nicht nur die Energie, die wir in Kilowattstunden messen oder in Litern bezahlen. Es ist auch die soziale Energie, die Hitze des Krieges, die auch bei uns ankommt und die des Frühlings, die uns Hamburgerinnen auf die Straßen und Plätze treiben.

In dieser Woche fühlt sich Hamburg an wie ein Seismograph, dessen Nadel mit jedem Raketeneinschlag im fernen Nahen Osten erzittert. Wir blicken auf die Elbe und blinzeln in die schon starke Mittagssonne, aber vor Augen haben wir die Feuer im Persischen Golf. Das ist die Realität in dieser Woche: Die Geopolitik hat auch Hamburgs Öffentlichkeit erreicht.

Das Grollen im Osten: Hamburg als Exil und als Echoraum

Wenn man das „Hamburger Tagesjournal“ in diesen Tagen in der Inbox findet, grüßt Mathias Adler nicht mehr nur mit dem Wetter oder der neuesten Posse aus dem Rathaus. Es ist der „Irankrieg“, der die Zeilen füllt. Es ist kein Krieg mehr, den man wegscrollen kann. Er ist hier. In den Gesichtern der Menschen auf dem Steindamm, in der betäubenden Stille vor der Blauen Moschee, die immer noch wie selbstverständlich am Ufer der Außenalster steht.

Die iranische Community in Hamburg – mit rund 25.000 Menschen eine der größten in Europa – lebt in dieser Woche im Ausnahmezustand. Während die Nachrichten von Drohnenangriffen auf Isfahan und der Blockade der Straße von Hormus berichten, sitzen die Menschen im „Teheran“ am Steindamm vor ihren Telefonen. Es ist eine kinetische Energie, aus Sorgen gespeist und dieser euphorischen Hoffnung, das trotz Gewalt und Tod nun doch sich alles zum Guten wandelt. Irgendwie.

Die MOPO berichtet von spontanen Mahnwachen vor dem Generalkonsulat der Iranischen Republik an der Bebelallee. Es ist eine seltsame Mischung aus Hoffnung auf einen Sturz des Regimes und der nackten Sorge vor dem, was mit den Familien in der Heimat passiert. In Hamburg-Nord, wo viele Exil-Iraner der ersten Generation leben, ist die Stimmung bleiern. Die Stadt ist in dieser Woche ein Resonanzkörper für den Schmerz eines fernen Landes.

Vollmond und keine Streiks

Mitte der Woche war Vollmond. Der Mond hing über dem Hamburger Hafen wie eine überbelichtete Werbetafel. Fehlte nur noch, dass da groß “Eine Chance für alle” drauf zu lesen gewesen wäre.

Seit Wochen mal kein Streik. Obwohl ich persönlich die Sperrung der S-Bahn-Strecke von Altona über Sternschanze und Dammtor als ähnlich große Beeinträchtigung werte.

Hamburg baut. Und sucht Geld.

NDR 90,3 meldete am Donnerstag den neuesten Stand zum A7-Deckel in Altona. Es geht voran, aber im Schneckentempo. Die Stadt baut an ihrer Zukunft, während die Gegenwart ihr die Mittel entzieht. Die Kriegsflation, befeuert durch die Unsicherheit im Nahen Osten und die Lobbyisten im Bund, frisst sich durch die Hamburger Haushalte.

Bürgermeister Tschentscher wirkt in dieser Woche wie ein Kapitän, der versucht, ein Containerschiff durch ein Nadelöhr zu steuern. Während die Opposition im Rathaus über die Kosten der Unterbringung von Geflüchteten wettert – die Zahlen steigen wieder, vor allem durch Menschen, die vor den neuen Konflikten im Mittleren Osten fliehen –, versucht der Senat, Ruhe auszustrahlen. Doch die Ruhe ist brüchig. Das „Hamburger Tagesjournal“ merkte süffisant an, dass die „Hamburger Gelassenheit“ langsam in eine „Hamburger Starre“ übergeht.

Und dann ist da ja noch … der HSV:

So schnell kann das gehen. Da wähnst du dich nach einer starken Hinrunde, vor allem zu Hause im Volkspark, angekommen im Mittelfel der Bundesliga, die du als HSVer sowieso als dein angestammtes Spielfeld betrachtest. Und dann gibts zwei kraftlose Heimniederlagen.

Das kann mal passieren, aber doch nicht so. Es scheint, als hätte den HSV eine kollektive Frühjahrsmüdigkeit befallen. Am Samstag ging es zum vermeintlich blutleersten Team der Liga, den Konzernwölfen aus Wolfsburg.

HSV sorgt für vorzeitiges Verbrenneraus

Im dritten Spiel gegen eine Werkself in gut einer Woche hätte man auch gleich zum Elfmeterschießen übergehen können. Viel mehr Energie hatten beide nicht zu bieten. Immerhin: das Elfmeterschießen konnte der Hamburger SV für sich entscheiden. (Was lustigerweise auch die Fans des anderen HHer Klubs freuen dürfte)

Und der FC St. Pauli?

Am Millerntor bereitet man sich derweil auf das Spiel gegen Frankfurt vor. (Sonntag, 15:30 Uhr). Es ist die einzige Form von Eskapismus, die noch funktioniert: 90 Minuten lang so tun, als wäre die wichtigste Frage der Woche, ob Tomoya Andō wieder in der Startelf steht.

Der Puls der Fernwärme und das Versprechen von Morgen

Während die Welt am Persischen Golf brennt, graben wir in Hamburg den Boden auf. Hamburg Energie hat in dieser Woche den Startschuss für den massiven Fernwärmeausbau im Norden gegeben. 4,7 Kilometer neue Leitungen, eine Operation am offenen Herzen der Infrastruktur. Es ist die Ironie unserer Zeit: Wir planen die Klimaneutralität für 2045, bauen Wasserstoffnetze wie das „HH-WIN“, von dem Tschentscher und Fegebank träumen, während die Gegenwart uns mit der nackten Geopolitik ins Gesicht schlägt.

Die Schlussredaktion fragt, ob wir in HH unsere Fernwärme mit Gas oder Öl anfeuern? Das wäre dann ja auch irgendwie doof. Recherchen ergeben: Abwärme und Kohle heizen unseren Wasserdampf, der große Teile der Stadt wärmt (dieses Jahr noch, dann soll Wedel abgeschaltet werden). Das beruhigt auf eine merkwürdige Art.

In den Kneipen von Barmbek-Nord spricht niemand über den „Green Hydrogen Hub“ in Moorburg. Man spricht darüber, ob die Heizung im nächsten Winter noch bezahlbar ist, wenn die Straße von Hormus dicht bleibt und der Vermieter wegen der Merzschen Propaganda eine neue Gasheizung installiert.

Was war sonst noch?

* Kultur: In der Elbphilharmonie gab es ein Benefizkonzert für die Opfer im Iran. Die Hochkultur versucht, zu helfen, dem Chaos eine Struktur zu geben. Wenn Geigen gegen das Echo der Explosionen in Teheran anspielen, bleibt ein hilfloser Beigeschmack.

* Polizei: Erhöhte ihre Präsenz rund um die jüdischen Einrichtungen im Grindelviertel. Die Angst vor zusätzlichem Antisemitismus wächst mit jedem Tag, an dem der Konflikt im Osten eskaliert.

* Zeugen wider Willen: Rund 30.000 Deutsche sitzen derzeit in der Region fest, ein signifikanter Teil davon sind Hamburger Urlauber und Geschäftsleute (NDR Info, 02.03.2026). Was als luxuriöser Stopover oder Routine-Trip begann, ist für viele zum Albtraum geworden. Das „Hamburger Tagesjournal“ berichtet am Dienstag trocken, aber treffend von den „Zeugen mit Flugverbot“ (Tagesjournal, 03.03.2026).

Besonders dramatisch ist die Lage für jene, die auf den Kreuzfahrtschiffen von TUI Cruises festsitzen. Man muss sich das vorstellen: 2.500 Menschen an Bord, der Kapitän versichert, der Hafen sei „relativ safe“, während draußen die Lufträume von Dubai bis Oman dichtgemacht wurden (NDR Info, 02.03.2026).

Ottensen ist nicht Mailand

Gestern Abend schlendere ich durch Ottensen. Vor jedem Restaurant sitzen Menschen und genießen den lauen Spätwinterabend. Kaum klettert das Thermometer über 13 Grad, strömen die Hamburger aus ihren Altbauwohnungen und bevölkern die Straßen und Plätze. Nicht nur zum Protest, sondern auch um die Energie des Frühlings aufzunehmen, nach diesem langen frostigen Winter.

Junge Pinneberger trinken Cocktails vor der Rehbar in der Ottenser Hauptstraße, eine Freundin feiert ihren Geburtstag im Fischi. Es wird bis weit nach Sonnenuntergang draußen gebufft, gegrillt, gelacht und gestritten.

Der Iran ist derweil nicht weit weg. Er lebt mitten unter uns, in den Villen in Hochkamp, trinkt Tee mitten auf dem Steindamm, pendelt in der U3; er wartet in der Schlange beim Bäcker in Eppendorf und begegnet uns in den Schlagzeilen dieser Woche. Und sehr wahrscheinlich bleibt das auch nächste Woche so.

Moin und einen schönen Sonntag, euerErik

Anmerkungen der Schlussredaktion: “Sag mal, Erik, willst du gar nichts zum Saharastaub machen?”. Och nee, das ist mir zu boulevardesk, außerdem ist der ja nix Neues. Milchige Wärme, die in der Tagesschau das Prädikat “zu warm für die Jahreszeit” bekommt; wobei ich das irgendwie irreführend finde: wer weiß denn schon, was neuerdings “normal” ist?

Aber den internationalen feministischen Kampftag hätte ich beinahe verbaselt; typisch Mann. Nächste Woche findet für Interessierte bspw ein Female Maker Hub statt. Machen statt reden, finde ich gut. Reparieren statt Shoppen ist mal ne gute Idee.

PPS dieser Letter / Podcast erscheint wöchentlich am Sonntag und schaut auf die Woche in der schönsten Stadt. Er bleibt kostenlos und spamfrei. Wenn er Dir gefällt, teile ihn in deinen Sozialen Medien und spendiere dem Autor eine Galao oder ein Ratsherrn 0.0 via Ko-Fi…

Ich bedanke mich bei allen Spender:innen und Abonnenten. Werde doch auch eine:r:

Quellenverzeichnis: KW 10 (2026)

* Hamburger Tagesjournal (03.03.2026): Leitartikel von Mathias Adler zum „Wurmmond“ und der geopolitischen Lage.

* NDR 1 / 90,3 (05.03.2026): Bericht über die Bauverzögerungen an der A7 und die wirtschaftlichen Auswirkungen der Hafen-Unsicherheit.

* Hamburger Morgenpost (MOPO, 04.03.2026): „Angst um die Heimat“ – Reportage über die iranische Community in Hamburg und Mahnwachen in der Bebelallee.

* Hamburger Abendblatt (06.03.2026): Analyse der steigenden Energiepreise im Hamburger Stadtgebiet und der Reaktion des Senats auf die Flüchtlingszahlen.

* Polizeipressestelle Hamburg (07.03.2026): Meldung zur Sicherheitslage und dem Schutz religiöser Einrichtungen im Kontext der Nahost-Eskalation.

Get full access to Ring2 * das Hamburg Logbuch at logbuch.substack.com/subscribe

Kategorien
(B)Logbuch Podcast

Hamburg spürt die Hitze des Krieges im milden Frühling

Freitag, 6. März 2026. 07:14 Uhr. Der Ring 2, die Ringstraße, die das Innen in Hamburg seit den 50ern vom Außen trennt. Vom Winter gegerbtes Asphaltgrau und darüber liegt der Geruch von Diesel, der heute Morgen 20% teurer ist als noch ein Tag zuvor. An der Jet-Tankstelle beim Stadtpark leuchtet die Anzeige: Diesel 2,14 Euro. Ein Mann in einer verwaschenen Jacke starrt auf die Zapfsäule, als wäre sie ein Orakel, das ihm gerade den Untergang prophezeit hat. Er drückt den Hebel nicht ganz durch, er dosiert ihn, Milliliter für Milliliter, als würde er flüssiges Gold in seinen alten Toyota füllen. Das habe ich in meinen 20ern auch so gemacht als ewig klammer Student. Seitdem galt Volltanken ohne auf den Preis zu achten als verdienter Alltagsluxus. Das ist nu voebei. Danke Donald.

Es ist die Woche 10 im Jahr 2026, und das große Metathema, das über dieser Stadt schwebt wie der frühe Nebel über der Alster, ist Energie. Aber nicht nur die Energie, die wir in Kilowattstunden messen oder in Litern bezahlen. Es ist auch die soziale Energie, die Hitze des Krieges, die auch bei uns ankommt und die des Frühlings, die uns Hamburgerinnen auf die Straßen und Plätze treiben.

In dieser Woche fühlt sich Hamburg an wie ein Seismograph, dessen Nadel mit jedem Raketeneinschlag im fernen Nahen Osten erzittert. Wir blicken auf die Elbe und blinzeln in die schon starke Mittagssonne, aber vor Augen haben wir die Feuer im Persischen Golf. Das ist die Realität in dieser Woche: Die Geopolitik hat auch Hamburgs Öffentlichkeit erreicht.

Das Grollen im Osten: Hamburg als Exil und als Echoraum

Wenn man das „Hamburger Tagesjournal“ in diesen Tagen in der Inbox findet, grüßt Mathias Adler nicht mehr nur mit dem Wetter oder der neuesten Posse aus dem Rathaus. Es ist der „Irankrieg“, der die Zeilen füllt. Es ist kein Krieg mehr, den man wegscrollen kann. Er ist hier. In den Gesichtern der Menschen auf dem Steindamm, in der betäubenden Stille vor der Blauen Moschee, die immer noch wie selbstverständlich am Ufer der Außenalster steht.

Die iranische Community in Hamburg – mit rund 25.000 Menschen eine der größten in Europa – lebt in dieser Woche im Ausnahmezustand. Während die Nachrichten von Drohnenangriffen auf Isfahan und der Blockade der Straße von Hormus berichten, sitzen die Menschen im „Teheran“ am Steindamm vor ihren Telefonen. Es ist eine kinetische Energie, aus Sorgen gespeist und dieser euphorischen Hoffnung, das trotz Gewalt und Tod nun doch sich alles zum Guten wandelt. Irgendwie.

Die MOPO berichtet von spontanen Mahnwachen vor dem Generalkonsulat der Iranischen Republik an der Bebelallee. Es ist eine seltsame Mischung aus Hoffnung auf einen Sturz des Regimes und der nackten Sorge vor dem, was mit den Familien in der Heimat passiert. In Hamburg-Nord, wo viele Exil-Iraner der ersten Generation leben, ist die Stimmung bleiern. Die Stadt ist in dieser Woche ein Resonanzkörper für den Schmerz eines fernen Landes.

Vollmond und keine Streiks

Mitte der Woche war Vollmond. Der Mond hing über dem Hamburger Hafen wie eine überbelichtete Werbetafel. Fehlte nur noch, dass da groß “Eine Chance für alle” drauf zu lesen gewesen wäre.

Seit Wochen mal kein Streik. Obwohl ich persönlich die Sperrung der S-Bahn-Strecke von Altona über Sternschanze und Dammtor als ähnlich große Beeinträchtigung werte.

Hamburg baut. Und sucht Geld.

NDR 90,3 meldete am Donnerstag den neuesten Stand zum A7-Deckel in Altona. Es geht voran, aber im Schneckentempo. Die Stadt baut an ihrer Zukunft, während die Gegenwart ihr die Mittel entzieht. Die Kriegsflation, befeuert durch die Unsicherheit im Nahen Osten und die Lobbyisten im Bund, frisst sich durch die Hamburger Haushalte.

Bürgermeister Tschentscher wirkt in dieser Woche wie ein Kapitän, der versucht, ein Containerschiff durch ein Nadelöhr zu steuern. Während die Opposition im Rathaus über die Kosten der Unterbringung von Geflüchteten wettert – die Zahlen steigen wieder, vor allem durch Menschen, die vor den neuen Konflikten im Mittleren Osten fliehen –, versucht der Senat, Ruhe auszustrahlen. Doch die Ruhe ist brüchig. Das „Hamburger Tagesjournal“ merkte süffisant an, dass die „Hamburger Gelassenheit“ langsam in eine „Hamburger Starre“ übergeht.

Und dann ist da ja noch … der HSV:

So schnell kann das gehen. Da wähnst du dich nach einer starken Hinrunde, vor allem zu Hause im Volkspark, angekommen im Mittelfel der Bundesliga, die du als HSVer sowieso als dein angestammtes Spielfeld betrachtest. Und dann gibts zwei kraftlose Heimniederlagen.

Das kann mal passieren, aber doch nicht so. Es scheint, als hätte den HSV eine kollektive Frühjahrsmüdigkeit befallen. Am Samstag ging es zum vermeintlich blutleersten Team der Liga, den Konzernwölfen aus Wolfsburg.

HSV sorgt für vorzeitiges Verbrenneraus

Im dritten Spiel gegen eine Werkself in gut einer Woche hätte man auch gleich zum Elfmeterschießen übergehen können. Viel mehr Energie hatten beide nicht zu bieten. Immerhin: das Elfmeterschießen konnte der Hamburger SV für sich entscheiden. (Was lustigerweise auch die Fans des anderen HHer Klubs freuen dürfte)

Und der FC St. Pauli?

Am Millerntor bereitet man sich derweil auf das Spiel gegen Frankfurt vor. (Sonntag, 15:30 Uhr). Es ist die einzige Form von Eskapismus, die noch funktioniert: 90 Minuten lang so tun, als wäre die wichtigste Frage der Woche, ob Tomoya Andō wieder in der Startelf steht.

Der Puls der Fernwärme und das Versprechen von Morgen

Während die Welt am Persischen Golf brennt, graben wir in Hamburg den Boden auf. Hamburg Energie hat in dieser Woche den Startschuss für den massiven Fernwärmeausbau im Norden gegeben. 4,7 Kilometer neue Leitungen, eine Operation am offenen Herzen der Infrastruktur. Es ist die Ironie unserer Zeit: Wir planen die Klimaneutralität für 2045, bauen Wasserstoffnetze wie das „HH-WIN“, von dem Tschentscher und Fegebank träumen, während die Gegenwart uns mit der nackten Geopolitik ins Gesicht schlägt.

Die Schlussredaktion fragt, ob wir in HH unsere Fernwärme mit Gas oder Öl anfeuern? Das wäre dann ja auch irgendwie doof. Recherchen ergeben: Abwärme und Kohle heizen unseren Wasserdampf, der große Teile der Stadt wärmt (dieses Jahr noch, dann soll Wedel abgeschaltet werden). Das beruhigt auf eine merkwürdige Art.

In den Kneipen von Barmbek-Nord spricht niemand über den „Green Hydrogen Hub“ in Moorburg. Man spricht darüber, ob die Heizung im nächsten Winter noch bezahlbar ist, wenn die Straße von Hormus dicht bleibt und der Vermieter wegen der Merzschen Propaganda eine neue Gasheizung installiert.

Was war sonst noch?

* Kultur: In der Elbphilharmonie gab es ein Benefizkonzert für die Opfer im Iran. Die Hochkultur versucht, zu helfen, dem Chaos eine Struktur zu geben. Wenn Geigen gegen das Echo der Explosionen in Teheran anspielen, bleibt ein hilfloser Beigeschmack.

* Polizei: Erhöhte ihre Präsenz rund um die jüdischen Einrichtungen im Grindelviertel. Die Angst vor zusätzlichem Antisemitismus wächst mit jedem Tag, an dem der Konflikt im Osten eskaliert.

* Zeugen wider Willen: Rund 30.000 Deutsche sitzen derzeit in der Region fest, ein signifikanter Teil davon sind Hamburger Urlauber und Geschäftsleute (NDR Info, 02.03.2026). Was als luxuriöser Stopover oder Routine-Trip begann, ist für viele zum Albtraum geworden. Das „Hamburger Tagesjournal“ berichtet am Dienstag trocken, aber treffend von den „Zeugen mit Flugverbot“ (Tagesjournal, 03.03.2026).

Besonders dramatisch ist die Lage für jene, die auf den Kreuzfahrtschiffen von TUI Cruises festsitzen. Man muss sich das vorstellen: 2.500 Menschen an Bord, der Kapitän versichert, der Hafen sei „relativ safe“, während draußen die Lufträume von Dubai bis Oman dichtgemacht wurden (NDR Info, 02.03.2026).

Ottensen ist nicht Mailand

Gestern Abend schlendere ich durch Ottensen. Vor jedem Restaurant sitzen Menschen und genießen den lauen Spätwinterabend. Kaum klettert das Thermometer über 13 Grad, strömen die Hamburger aus ihren Altbauwohnungen und bevölkern die Straßen und Plätze. Nicht nur zum Protest, sondern auch um die Energie des Frühlings aufzunehmen, nach diesem langen frostigen Winter.

Junge Pinneberger trinken Cocktails vor der Rehbar in der Ottenser Hauptstraße, eine Freundin feiert ihren Geburtstag im Fischi. Es wird bis weit nach Sonnenuntergang draußen gebufft, gegrillt, gelacht und gestritten.

Der Iran ist derweil nicht weit weg. Er lebt mitten unter uns, in den Villen in Hochkamp, trinkt Tee mitten auf dem Steindamm, pendelt in der U3; er wartet in der Schlange beim Bäcker in Eppendorf und begegnet uns in den Schlagzeilen dieser Woche. Und sehr wahrscheinlich bleibt das auch nächste Woche so.

Moin und einen schönen Sonntag, euerErik

Anmerkungen der Schlussredaktion: “Sag mal, Erik, willst du gar nichts zum Saharastaub machen?”. Och nee, das ist mir zu boulevardesk, außerdem ist der ja nix Neues. Milchige Wärme, die in der Tagesschau das Prädikat “zu warm für die Jahreszeit” bekommt; wobei ich das irgendwie irreführend finde: wer weiß denn schon, was neuerdings “normal” ist?

Aber den internationalen feministischen Kampftag hätte ich beinahe verbaselt; typisch Mann. Nächste Woche findet für Interessierte bspw ein Female Maker Hub statt. Machen statt reden, finde ich gut. Reparieren statt Shoppen ist mal ne gute Idee.

PPS dieser Letter / Podcast erscheint wöchentlich am Sonntag und schaut auf die Woche in der schönsten Stadt. Er bleibt kostenlos und spamfrei. Wenn er Dir gefällt, teile ihn in deinen Sozialen Medien und spendiere dem Autor eine Galao oder ein Ratsherrn 0.0 via Ko-Fi…

Ich bedanke mich bei allen Spender:innen und Abonnenten. Werde doch auch eine:r:

Quellenverzeichnis: KW 10 (2026)

* Hamburger Tagesjournal (03.03.2026): Leitartikel von Mathias Adler zum „Wurmmond“ und der geopolitischen Lage.

* NDR 1 / 90,3 (05.03.2026): Bericht über die Bauverzögerungen an der A7 und die wirtschaftlichen Auswirkungen der Hafen-Unsicherheit.

* Hamburger Morgenpost (MOPO, 04.03.2026): „Angst um die Heimat“ – Reportage über die iranische Community in Hamburg und Mahnwachen in der Bebelallee.

* Hamburger Abendblatt (06.03.2026): Analyse der steigenden Energiepreise im Hamburger Stadtgebiet und der Reaktion des Senats auf die Flüchtlingszahlen.

* Polizeipressestelle Hamburg (07.03.2026): Meldung zur Sicherheitslage und dem Schutz religiöser Einrichtungen im Kontext der Nahost-Eskalation.

Get full access to Ring2 * das Hamburg Logbuch at logbuch.substack.com/subscribe

Kategorien
(B)Logbuch Podcast

17 Grad in HH — Frühlingsgefühle an der leeren Haltestelle

Moin Moin Hamburg. KW 9 · retroglossiert.

Siebzehn Grad bekamen wir in dieser Woche. Der Frühling ist da, die Natur explodiert und die Menschen strömen auf die Straßen, die Plätze, an den Fluss. Wie schnell der Schnee und das Eis auf der Elbe doch schmelzen, wenn der Atlantik warmen Wind über die Elbe schickt.

In Ottensen profitieren die Cafés, die in einer Sonnenschneise liegen. Dort sitzen die Hamburgerinnen zur Not übereinander — Hauptsache in die Sonne blinzeln. Die anderen müssen wohl oder übel noch ein wenig warten, bis die Sonne über die Häuserschluchten herüber luken kann. Das kann locker bis in den März dauern. Der Frühling ist früh dran.

Siebzehn Prozent bekommen Frauen in HH durchschnittlich weniger Gehalt als Männer. Am Freitag “feierte” Deutschland seinen “Equal Pay Day” – den Tag, bis zu dem Frauen umsonst gearbeitet haben 2026. Die Hamburgerinnen müssten eigentlich noch bis zum 3. März warten, denn bundesweit liegen wir bei “nur” 16%.

Chapters

* 2:03 Frühlingsgefühle in Hamburg

* 4:39 Peters große Show

* 7:12 Streiks in Hamburg

* 11:04 HafenCity und der Wandel

* 12:04 HSV und seine Neuigkeiten

* 13:42 FC St. Pauli und der Druck

* 14:19 Hirsche im Hirschpark

* 15:37 Gute Nachrichten zum Schluss

Peters große Show

Donnerstagabend, kurz nach acht. Der Hamburger Hafen liegt vor einem irgendwie dunklen Himmel. Die Elbe schiebt sich schwarz und träge in Richtung Nordsee. Und dann — Licht. Also viel mehr Licht, als ohnehin schon im Hafen den Himmel verseucht.

Neunhundert Drohnen steigen auf, formieren sich über dem Wasser, malen pittoreske Piktogramme in den Nachthimmel: Schwimmer, Läufer, Sprinter, das Olympische Feuer. Dazu ein Motto, in leuchtenden Buchstaben, das sich so nur ein Sozialdemokrat ausdenken kann: „Olympia in Hamburg. Eine Chance für alle.”

Es war, so berichten geladene Zeug:innen, durchaus beeindruckend.

Die Show war nicht angekündigt. Sie war nicht öffentlich. Kaum eine Chance, sie zu sehen – schon gar nicht für alle.

Die Show war Teil der Senatspräsentation in der Elbphilharmonie — exklusiv, für geladene Gäste, für Politikerinnen und Olympia-Legenden, für die, die schon wissen, worum es geht. Die anderen, die zufällig unten am Wasser standen, haben einfach Glück gehabt.

Ich war zu Hause, wie die meisten Hamburger:innen. Was bedeutet, „Eine Chance für alle” krepiert als Slogan ziemlich früh.

Willkommen in Hamburg, Woche neun. Der Senat träumt groß und die Hochbahn streikt gleichzeitig. Das ist ein Widerspruch, den Peter Tschentscher auflösen muss, will er die Stadtgesellschaft für eine Olympiabewerbung gewinnen.

Die Bewegung “Nolympia” hat derweil Anfang der Woche ein Quorum übersprungen, und nun muss sich die Bürgerschaft mit den Gegner:innen von Olympia beschäftigen. Die Drohnenshow war dagegen einfach, Peter.

Ein Bürgermeister, der die Olympiabewerbung Hamburgs zum Muss hochjazzt, eine Promoshow nur für Gewogene offenbar von Steuerkohle bezahlt, darf sich vor der Auseinandersetzung mit seinen Bürgern ruhig ein wenig fürchten. Ich frage mich, oder ist er einfach nur arrogant?

Drei Uhr morgens, nichts fährt mehr

(Dieser Satz fiel nicht in der Spielbank Hamburg)

Dieser Blog/Letter erscheint so erst zum 2. Mal und gleich müsssen wir uns um ein Deja vu kümmern: Streik.

Ver.di hat mal wieder zu einem Warnstreik aufgerufen — Hochbahn und VHH, bis Sonntag früh. Diesmal sind nicht nur die Busse betroffen. Die U-Bahnen fahren auch nicht. Die Linien U1, U2, U3, U4: stehen. Die Busflotte: steht. Die Stadt: steht. Wer muss (also alle außer Bürgermeistern und Reedern), nimmt das Fahrrad oder die eigenen Beine.

Immerhin: Am Elbtunnel wird nicht mehr gestreikt, äh gesperrt. Die Lkw rollen wieder. Die Autos rollen wieder. Nur die Menschen in der Stadt, die Busse und U-Bahnen brauchen, die schauen in die Röhre. Das hat eine eigene Logik: In Hamburg läuft der Verkehr für Waren besser als der für Menschen. Diese Woche pulsiert nur der Hafen und Peters Ego.

In der Alster schwimmen Schwermetalle?

Das hat zumindest der BUND herausgefunden — oder genauer: befürchtet. Die Projektgruppe „Nein zu Olympia” warnt, dass bei Schwimmwettbewerben in der Außenalster Schlamm aufgewirbelt werden könnte, der Quecksilber und krebserzeugende Substanzen enthält. Die Stadt, verkündet das Tagesjournal trocken, „ist sich dieser Belastungen bislang nicht bewusst.”

Man muss das kurz sacken lassen. Hamburg bewirbt sich für Olympische Spiele. Man möchte Schwimmer in der Alster plantschen lassen. Und ist sich dabei der Schwermetalle im Boden nicht bewusst.

Das Finanzierungskonzept soll in der zweiten Märzhälfte vorgestellt werden. Ob ein Konzept für den Alsterschlamm dazugehört: unbekannt. Die Gegner der Bewerbung — die Initiative NOlympia hat über 17.000 Unterschriften gesammelt — dürften sich freuen.

A pros pos Finanzierung: Der Pariser Vizebürgermeister hat bei einem Frühstück gesagt, die Kosten seien kein Problem. Das reicht offenbar als Finanzierungsgrundlage, wenn man Olympiabefürworter in der Bürgerschaft ist. Ab Ende April kann per Briefwahl über die Bewerbung abgestimmt werden. Hamburg entscheidet dann, ob es ein neues Kapitel seiner Stadtgeschichte schreiben will — während die U-Bahnen streiken und die Alster vor sich hin schimmert.

(Naja, sagt mir gerade meine Schlussredaktion, das kann ja auch eine Chance für alle sein — (sic!) — so wie wenn man Besuch bekommt und all das aufräumt, was bisher liegen geblieben ist)

Danke, dass Du Ring2, das Hamburg Logbuch liest. Bei Gefallen, teile es doch bitte …

Hafen- statt Medienstadt

In der HafenCity beginnen die Bagger zu arbeiten, wo einmal Gruner + Jahr stehen sollte.

Baufeld 73 war jahrelang die Metapher für den Niedergang der deutschen Verlagslandschaft — ein reserviertes Grundstück für ein Verlagshaus, das es nicht mehr gibt. Jetzt baut dort eine andere Familie, statt den Jahrs die Familie Aponte, die hinter der Reederei MSC steht, eine neue Deutschlandzentrale. Sieben Stockwerke, über hundert Meter lang, fünfzehntausend Quadratmeter Glasfläche, direkt südlich der Deichtorhallen. Mindestens tausend Quadratmeter davon sollen öffentlich sein — Showroom, Restaurant. MSC ist Miteigentümer der HHLA und damit tief verankert in dieser Stadt. Wo ein Medienkonzern aufgehört hat zu existieren, beginnt ein Logistikimperium zu wachsen. Das ist kein Zufall. Das ist Hamburger Wirtschaftspolitik in Echtzeit.

Und dann ist da noch …. der HSV

Der HSV hat diese Woche sein Fankredit-Darlehen zurückgezahlt, das er in schlechten Zeiten benötigt hatte. Der Verein ist schuldenfrei. Verteidiger Luka Vusković hat seine Führerscheinprüfung bestanden. Für HSV-Fans hat der Führerschein von Vusković vermutlich dieselbe emotionale Bedeutung wie die Schuldenfreiheit des Vereins. Der FC Hollywood für Arme war gestern. Heute segelt der Dino steady.

Beim FC St. Pauli sprießen diese Woche die Krokusse nach dem Sieg gegen Werder besonders schön. Doch: anders als letzte Saison haben die Kiezkicker in dieser Saison auswärts (also außerhalb von Hamburg) noch kein einziges Spiel gewonnen. Trainer Alexander Blessin sagte am Freitag: „Wir wollen mehr.” Das klingt nach Trotz. Es klingt auch ein bisschen nach Pfeifen im Keller. Statt Platz 17 (die Zahl des Letters diese Woche) stehen die Boys in Brown auf einem Nichtabstiegsplatz (bis Sonntag mindestens), weil seine Stürmer plötzlich treffen und Vasilj wieder in alter Topform ist. Trotz nur gut 17% Siegchance.

Aus dem Hirschpark in Nienstedten wurden diese Woche drei Damwildhirsche nach Rissen umgesiedelt. Grund: Im Hirschpark war keine artgerechte Haltung mehr gewährleistet. Die Freunde des Hirschparks zweifeln das an. Was unstrittig ist: Den Hirschen wurden für den Transport die Geweihe entfernt.

Ich bin quasi im Hirschpark aufgewachsen und kann berichten: die Hirsche hatten es nie leicht in dem Park. Nervende Kinder, besoffene Nachtschwärmer, die sie mit Pommes füttern und lebensmüde Frauen, die sich neben dem Gehege erhängen. Im Klövensteen geht es ihnen sicher besser. Da ist es bekanntlich sehr ruhig.

—》Ob der Park umbenannt werden muss, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest.

Die gute Nachricht der Woche zum Schluss …

Steuerfreiheit für die Süderstraße

Gleichzeitig hat Hamburg beschlossen, die Hundesteuer für adoptierte Tierheimhunde drei Jahre lang auszusetzen. Das ist eine echte, unkomplizierte, gute Nachricht. Keine versteckten Kosten, kein Senatsbeschluss mit Hintertür, kein Finanzierungskonzept, das erst in der zweiten Märzhälfte kommt. Einfach: wer einen Hund aus dem Tierheim holt, zahlt drei Jahre keine Steuer.

*Wuff.

— aufgeschrieben/ eingesprochen von Erik Hauth in Hamburg Altona am 28. Februar 2026

Feedback-Ecke:

Get full access to Ring2 * das Hamburg Logbuch at logbuch.substack.com/subscribe

Kategorien
(B)Logbuch Podcast

Ring2 – das Hamburg Logbuch

Moin Moin Hamburg,

vielen Dank für das Feedback zu meiner Kolumnen-Nullnummer “Hamburg, du doofes Schlagloch”.

Ich verarbeite in diesem Podcast meine eigene Medienkritik, Lob (Danke C.) und Tadel (Danke B.).

Hamburg ist nicht Berlin als Rubrik ist gebongt; einen Sidekick brauche ich noch – und mehr Anekdoten braucht es auch…

Chapters

  • 0:20 Einführung in den Podcast
  • 2:01 Feedback und Interaktion
  • 3:19 Geschichten aus dem Bloggen
  • 4:54 Anekdoten und persönliche Erlebnisse
  • 6:33 Hamburg ist nicht Berlin
  • 6:55 Einblick in den Newsletter
  • 12:36 Glosse über Verkehrsprobleme
  • 17:41 HSV und Hamburger Fußball
  • 19:57 Abschluss und Umfrage

Moin Moin Altona, Moin Moin Hamburg. Hier ist Erik von, ja von was eigentlich, von Ring 2, dem Hamburg-Logbuch, dem Hamburg-Newsletter, dem Hamburg-Blog, dem Hamburg-Podcast. Und tatsächlich suche ich ja schon seit Ewigkeiten nach… Tja, nach dem Thema. Und ich dachte, es sei Segeln. Ich dachte, es seien Logbücher. Das hat mir auch wirklich sehr viel Spaß gemacht.

Vielleicht mache ich das auch weiter. Ich dachte, es wären die kurzen Formate mit 500 Zeichen. Und ich habe immer alles dazugeschaltet, wie man hier in Norddeutschland sagt. Meine Tochter sagt inzwischen abgeschalten, zugeschalten, weil sie in Bayern lebt. Das ist nicht schön, aber auch die Menschen,

die nicht in Hamburg leben und vielleicht aus Hamburg kommen oder lange in Hamburg gearbeitet haben oder Hamburg sowieso nur so lieb haben, haben auch irgendwie ein Anrecht darauf, dass sie ihre Portion Hamburg bekommen. Und ich weiß nicht, ob ihr meine Newsletter lest, aber ich habe euch letzte Woche die Nullnummer eines Hamburg-Newsletters einer Hamburg-wöchentlichen Glosse, einer Kolumne geschickt,

die ich eigentlich ganz okay fand. Ich würde sie aber gerne nochmal verbessern, mit euch zusammen auch. Aber was ich, glaube ich, auf jeden Fall machen werde, ist, mehr aus Hamburg berichten, mehr aus Altena. Da, wo ich lebe, da, wo ich herkomme. Die Stadt, die mich geprägt hat, die im Grunde genommen zwei Städte sind.

Also vielleicht geht es ja auch irgendwann mal um die Geschichte von Altena, mehr als die Geschichte von Hamburg. Aber das sind jetzt schon Gleichkeiten. Sagt mir bitte Feedback. Würdest du, weil du Christus hier, weil du den Podcast hörst, Christus vielleicht auch, weil du meinen Newsletter abonniert hast, hast du die Hamburg-Ausgabe die Nullnummer gelesen?

Und wenn ja, welches Feedback hast du für mich? Ich habe sozusagen mannigfaltiges Feedback bekommen von euch da draußen, unter anderem auch von jemandem, den ich sehr schätze, Vielen Dank C-Punkt dafür, dass dir das gut gefallen hat. Wahrscheinlich hat es dir sogar besser gefallen als mir. Aber wenn du sagst, etwas gefällt dir oder du findest etwas inhaltlich gut,

dann heißt das was für mich, weil du mein allererster Chefredakteur warst und ich von dir ziemlich viel habe lernen dürfen. Also werde ich damit weitermachen. Ich habe ganz, also auch auf Instagram oder auf Facebook, Und normalerweise nicht so viele Replies oder Herzen oder ja, Hamburg oder auch von Leuten, mit denen ich mal zusammengearbeitet habe,

die gar nicht aus Hamburg kommen, aber mich natürlich sofort nach Hamburg verorten. Das hat mir gut gefallen. Und ich werde euch quasi live teilhaben lassen an meiner Medienkritik, die ich hier zusammen mit vielen lieben Menschen machen durfte, heute Morgen beim Frühstück. Mit B zusammen. Und zum einen fällt mir da die Geschichte ein von Sven Regener,

dem ich ja die Ehre hatte, das Bloggen beizubringen. Und der nicht nur bei Berlin Online gebloggt hat, sondern auch bei Zeit Online, bei der Süddeutschen, meine ich, und noch bei so einem Juken-Magazin. Und in einem Interview hat er irgendwann mal gesagt, als ich angefangen habe, war das alles ein bisschen langweilig.

Und ich habe schnell festgestellt, ich brauche einen Sidekick, einen Counterpart. Es bringt einfach nichts, wenn ich so vor mich hin blogge, sondern ich brauche jemanden, mit dem ich die Themen einfach ein bisschen spiegeln kann, der anders ist als ich und der die Dinge auf der Welt anders sieht. Und ich glaube, das brauche ich auch.

Und ich habe auch direkt Feedback bekommen von meinem Sidekick. Ich muss mir überlegen, wie ich den finde. Die hat nämlich gesagt… Erik, du hast SUVs und Fahrradfahrer gleichgestellt, so nach dem Motto, Schlaglöcher sind für alle gleich. Das sehe ich komplett anders. Schlaglöcher sind überhaupt nicht für alle gleich.

Schlaglöcher sind für Leute, die mit ihren SUV-Panzern durch die Gegend fahren. Die merken das gar nicht in ihren gefederten Echtleder-SUVs. Und auf dem Fahrrad fährst du da rein und dann brichst du dir die Gabel und vielleicht auch den Hals. Das ist ja wohl was völlig anderes. Und du erinnerst dich doch bitte an unser Auto,

wenn wir da irgendwie die Schlaglöcher in der Parkstraße längs gefahren sind und das langsam aber sicher das ganze Gestänge und die Aufhängung vorne kaputt gemacht hat. Das passiert ja doch mit dem modernen BMW SUV nicht. Und da muss ich sagen, das stimmt. Und vielleicht hätte es euch auch mehr Spaß gemacht,

wenn dieser Sidekick entweder gleich in der Episode aufgetaucht wäre oder er kriegt sozusagen so eine Art Kritikecke, wo er das machen kann. Und dann habe ich das Feedback bekommen, das war ganz lustig, bei dem Busstreik und dem U-Bahn-Streik hatte ich noch eine Anekdote im Kopf von einer Freundin,

die einen neuen Job hat und zu diesem Job hinfahren wollte und schön mit der S-Bahn nach Landungsbrücken gefahren ist und in Landungsbrücken stand und huch, es fährt heute nicht. Und diese Geschichte hätte ich vielleicht erzählen sollen. Noch ein paar persönliche Anekdoten oder Anekdoten von Leuten, die ich kenne. Und falls die Leute mich jetzt kennen, keine Angst.

Ich werde es auf jeden Fall so verfremden, dass ihr euch vielleicht wieder erkennt, aber kein anderer. Und dann habe ich gedacht, ja, cool, ich habe gleich einen Fehler gemacht. Denn die U-Bahnen fuhren gar nicht. Oder zumindest nicht immer. Die fuhren auf jeden Fall, wurden die auch bestreikt. Die S-Bahnen fuhren. Also eine Korrekturecke brauche ich auch noch.

Und dann habe ich heute eine sehr schöne Geschichte aus Berlin gelesen und dachte, schade, dass du einen HSV, dass du einen Hamburger Städter machst. Und da dachte ich, hey, es gab doch Svensson mal mit seinem unglaublich tollen Blog von Hamburg nach Berlin. Und wie er denn so erzählt hat,

wie er in Berlin ankommt und warum Hamburg nicht Berlin ist, den habe ich immer sehr, sehr gerne gelesen. Ganz abgesehen davon, dass Svensson, so hieß er als Blogger, auch ein sehr netter Typ ist. Und jetzt habe ich was aus Berlin gelesen und dann dachte ich, eine Rubrik könnte man noch machen, die heißt Hamburg ist nicht Berlin.

Schreibt mir nochmal zurück, wie ihr das alles findet und ich verlinke euch auch die Artikel, die ich euch gleich noch vorlese, nämlich den aktuellen und vielleicht lese ich euch auch noch was aus der Nullnummer vor, aus der Hamburg-Nullnummer. Also, in meinem Blog habe ich vom Sommer einen Artikel mit dem Hashtag Hamburg und

Der würde in dem Newsletter im Kulturteil auftauchen. Er ist vom 23. August 2025 und er heißt Urlaub in Pinneberg. Angelehnt an Erobieks Titel Urlaub in Italien. Hamburg Mitte August. 14 Grad und immer mal kurze Regenschauer. Klammer auf. Das ist ja fast so warm wie nächsten Mittwoch hier in Hamburg. Da sind zwölf angesagt.

Also gibt es auch Mitte August. 14 Grad und immer mal kurze Regenschauer. Carsten Meier mit Y ist ein Mann, vielleicht der Einzige, der seinen Wohlstandsbauch mit einer selbstverständlichen und würdevollen Coolness tragen kann. Nicht nur in diesem Sinne ist er mein Vorbild. Ich bin auf dem Weg zu ihm. Dachte ich zumindest bis eben noch.

Der ICE nach München ist in Pinneberg gestrandet. Jemand aus der Gegend hat eine Flasche auf den Zug geworfen und eine Scheibe getroffen. Dann noch lieber Urlaub in Spanien, steht auf den Gesichtern meiner Mitreisenden. W und A warten Dammtor auf mich, denn Carsten Meier zeigt seine Kunst in Planten und Blomen. Diese herrlich patinierten Konzertenmuschel,

wie man sie in den 70ern gerne in Ostseebädern oder Bad Sachsa verbaut hat. Im inoffiziellen Stadtpark St. Paulis hat sie überlebt. Mehr noch coole Acts wie Lemperatrice oder eben jetzt Erobieg haben sie mit neuem Leben erfüllt und überfordern regelmäßig den nahegelegenen Kiosk. Okay, wir stehen immer noch. Da habe ich Zeit, euch von X zu erzählen.

Ein Blogger aus Berlin. Ja, guck mal, schon wieder Berlin. Der sowas wie ein kleiner Star der Szene war, als Bloggen der neue heiße Scheiß war. Er bloggt wieder und postet in das Fediverse, so wie ich auch. Und seine Definition des Bloggens hat mit viel Improvisation zu tun. Genau das, was Carsten Mayer mit seiner Kunst macht. Zitat, wirres.net,

Dinge ausprobieren, Dinge obsessiv zu verfolgen, bis sie mich langweilen, gelegentlich den Geschmack anderer zu treffen und gelegentlich das Gegenteil. Alles in der Öffentlichkeit, aber eigentlich nicht für die Öffentlichkeit. Und das ist ein schönes Zitat. Hammer. Ich wiederhole das nochmal. Alles in der Öffentlichkeit, aber eigentlich nicht für die Öffentlichkeit. Und da fühlte ich mich gleich angesprochen,

weil ich mache meine Sachen, die ich hier so mache, mache ich natürlich auch in der Öffentlichkeit. Ihr hört das ja gerade öffentlich. Und ich mache das natürlich auch ein bisschen für euch. Aber in erster Linie mache ich es für mich. Bloggen tue ich, um nicht zu vergessen, wie es mir gerade ging an dem Tag oder um…

die Reisen, die ich in meinem Kopf mache, aufzuschreiben. Die Ideen, die Leute, die ich erfinde und die ich kennenlerne mit mir selbst, euch vorzustellen. Dasselbe soll es eigentlich in dieser Hamburg-Kolumne auch geben. Natürlich Soll es um Aktuelles gehen aus Hamburg? Das ist klar, sonst macht ein wöchentlicher Newsletter aus Hamburg eigentlich wenig Sinn.

Aber es soll schon näher am Bloggen sein, näher an der Kolumne, näher an der Glosse als an der Nachricht. Für Nachrichten gibt es hervorragende Newsletter. Ich kann da zum Beispiel den… von der Zeit Hamburg empfehlen, den ich die Ehre hatte, hatte ich das schon erzählt, den ich die Ehre hatte, mit zu starten. Da war ich für St.

Pauli und für Black Lese zuständig in diesem Newsletter. Aber wir haben auch viel darüber diskutiert, wie aus unserer Sicht ein Newsletter sozusagen vom Format her auszusehen hat. Und zumindest in den Startjahren War die Elbvertiefung für mich, nicht nur für mich Vorbild, sondern auch beispielsweise für eine Tagesspiegel-Newsletter, die danach kam. Aus Berlin schon wieder. Guck mal, Hamburg, Berlin.

Das ist irgendwie auch so ein Thema, das man immer mal wieder so submäßig einbauen kann und muss. Aber auf jeden Fall haben wir viel diskutiert damals und ich habe immer gesagt, ich hasse Newsletter, die nur so antiesen. Selbst wenn das Antiesen quasi in so einen Fließtext, in so einen Flow verpackt ist, ja, das ist okay.

Aber ich möchte eigentlich ein Newsletter lesen und da muss das Lesen abgeschlossen sein. Wenn ich dennoch Lust habe, mir ein oder ein anderes Thema zu vertiefen, dann kann ich ja den Links folgen. Aber ich darf Informationen, die für mich als Leserin wichtig sind, nicht außerhalb des Newsletters verstecken. Die Leute zwingen, irgendwo rüber zu machen,

irgendwo rauf zu klicken, womöglich noch hinter einer Page-Schranke. Nee, nee, nee, das geht nicht. Und so wird auch dieser Newsletter, Ring 2, das Hamburg-Logbuch als Arbeitstitel, wird auch komplett sein, für euch komplett zu lesen und nicht hinter einer Bezahlschranke. Es sei denn, die Dinger sind drei, vier Monate alt, denn rücken sie, glaube ich,

automatisch bei meinen Einstellungen hinter die Bezahlschranke. Muss ich mir gerade mal überlegen, ob das Sinn macht. Vielleicht ändere ich das auch wieder. Also Hamburg, Pinneberg, Hamburg, Berlin. Und dann würde ich sagen, lese ich euch auch mal ein bisschen noch von meinem Newsletter vor, den ich aber auch schon mit einer Audiospur versehen habe, habe ich gerade gesehen.

Aber egal, machen wir es nochmal. Der Titel heißt Hamburg, du doofes Schlagloch. Ein Test für eine wöchentliche Hamburg-Glosse. Wochenletter Nummer 0, frostige Nullnummer, Kalenderwoche 8. Too lazy didn’t read. Das ist so eine Internetabkürzung und heißt, eigentlich habe ich keinen Bock, das zu lesen. Sag mir mal, worum es geht.

Und das macht das Hamburger Tagesjournal übrigens auch sehr schön. Oben drüber sehr oft mit Alliteration, so Spiegel Online-like. Gefällt mir ab und an auch mal ganz gut. Nicht, dass das zur Pflicht wird, wie bei Spiegel Online zu vermuten. Aber ab und an mag ich Alliterationen. Also Too Lazy Didn’t Read, minus 6 Grad, bald dreimal so viel.

Schnee wie nasse Pappe, keine Busse. Willkommen in Hamburg, Angela. Und ich glaube, ich lese euch nicht die ganzen vor, sondern nur ausschnittsweise. Es ist Mittwochmorgen, 7 Uhr morgens. Hamburger Osten, sehr gay Nuss, steht auf dem Betriebshof in Bilbrook und friert. Er könnte jetzt seinen Bus warmlaufen lassen, die Türen öffnen, die ersten Fahrgäste einsteigen lassen,

die Mütter mit Kinderwagen, Bauarbeiter mit Thermoskannen, nervige Schüler mit Kopfhörern und TikTok vorm Gesicht. Er tut es nicht. Er streikt. Hinter ihm stehen 89% seiner Kollegen bei der VHH. Auch sie streiken. Vor ihm Hamburger Straßen, auf der sich keine Busse bewegen. Die Menschen warten trotzdem an den Haltestellen. Weil sie es nicht wissen,

weil das Handy keinen Akku hat, weil Gewohnheit manchmal stärker ist als Vernunft. Willkommen in Hamburg, Woche 8. Zieh die Jacke oben zu, es wird rau. Verdi hat drei Tage lang gestreikt. In Wellen. Montag Harburg, Dienstag die gesamte Stadt. Mittwoch VHH und der Hamburger Osten. Donnerstag die Betriebshöfe Wandsbek und Hammerbrook. Jeden Morgen eine neue Front,

jeden Morgen neue Haltestellen, die niemand von Sergejs Kolleginnen bedient. Das nächste Mal trifft man sich am Verhandlungstisch am 20. und 24. Februar, bei der Hochbahn am 26. beim HVHH. Bis dahin eigene Beine, Fahrrad, viel frische Luft. Dann kommt noch eine lustige Geschichte über die Bahn. Die lese ich nicht vor, sondern sie ist aber sehr lustig, weil …

Fünf Nordländer Ministerpräsidenten und unser Bürgermeister Peter Tschentscher ist ja als erster Bürgermeister auch Ministerpräsident des Landes Hamburg. Also alle fünf Ministerpräsidenten aus Berlin, Brandenburg, da war es wieder Berlin, Berlin, Brandenburg, Mecklenburg, Vorpommern und Schleswig-Holstein und Hamburg, alle fünf, haben diese Woche einen solchen Brief geschrieben. Einen Brandbrief, einen höflichen, aber sehr dringenden Brandbrief.

Und in diesem Brief haben sie gefragt, Sag mal, Frau Bahnchefin, wie steht es denn eigentlich mit der Strecke Hamburg-Berlin? Die sollte doch im April fertig sein mit eurer Generalsanierung. Jetzt hat aber auch die Bahn Probleme mit dem Frost. Und die Ministerpräsidenten waren einigermaßen not amused und haben gesagt, wir brauchen da mal eine Ansage bis zum 2.3.,

Und hat die Bahnchefin etwas gemacht, was ich total Bahnchef-mäßig finde. Würde ich auch machen, wenn die Bahnchefin wäre. Und sie hat gesagt, den Zeitplan präsentiert wir am 13. März. Elf Tage nach der Frist. Und man muss diese Egalheit fünf Ministerpräsidenten gegenüber einfach auch mal würdigen. So nach dem Motto, ja, ja, Zweiter, Dritter.

Ich habe mir das auf Wiedervorlage gelegt, elf Tage später, also fast zwei Wochen später. Das ist total lustig. Tja, und dann kommt auch noch sozusagen in den Frühjahrsferien wird die Verbindungsbahn gesperrt. Also nicht die Straße an der Verbindungsbahn, sondern die Verbindungsbahn zwischen Altona und Dammtor. Also Dammtor und dem Rest der Welt im Norden und auch der Sternschanze.

Ich muss mir auch überlegen, wie ich zur Arbeit komme. Aber das wird auch hart. Also all sowas habe ich in dieser Glosse verarbeitet. Ich habe mir überlegt, weil das war eher ein Zufall, dass es grundsätzlich oder viel um den Hamburger Verkehr geht oder die Hamburger Verkehrsinfrastruktur. Das war jetzt Zufall.

Ich muss das ein bisschen beobachten beim nächsten Mal, ob das eigentlich eine ganz gute Idee ist, so ein Metathema zu nehmen, das man immer mal wieder irgendwo einfließen lässt. Sagt mir doch mal Bescheid. Dann gab es noch eine Kampag-Geschichte unter anderem über den Hamburger Zukunftsentscheid. Könnt ihr ja gerne alles selber nochmal lesen.

Ach ja, und dann gibt es ja noch den HSV. Also ich bin ja bekannterweise St. Pauli-Fan, aber ich finde der HSV… ist in dieser Stadt einfach so präsent, omnipräsent und wichtig. Und man kann kein Hamburg Newsletter machen, wenn man nicht regelmäßig auf den HSV guckt. Und ich verspreche hier mit hoch und heilig, dass ich mit einer feinen,

ironischen Klinge vielleicht manchmal agieren werde. Aber ich werde kein HSV-Bashing betreiben. Ganz einfach auch aus dem Grund, weil das könnte… Und Merkwürdigkeiten können die tatsächlich alle selbst. Jetzt hat zum Beispiel die Woche Erik Huwer, der neue starke Mann beim HSV, Vorstandschef, auf der Mitgliederversammlung ans Mikro getreten und hat meiner Wahrnehmung nach ungefähr sinngemäß gesagt, ja,

Der HSV freut sich schon auf ein neues Stadion. Vielen Dank Stadt Hamburg. Aber ich weiß auch schon, wie es aussieht. Es wird auf gar keinen Fall ein Leichtathletikstadion. Ich habe auch keinen Bock auf so ein Leichtathletikrundestadion. Also wo wir vielleicht Innenfußball haben und Außen Leichtathletik. Da fragt man sich natürlich, okay,

wenn das zu den Olympischen Spielen gebaut wird, wo soll denn da die Leichtathletik stattfinden? Lieber Herr Hoover, lieber Herr Namensvetter Erik, Da glänzt so ein bisschen die HSV-Arroganz durch, wenn er dann sagt, also wenn es ein neues Stadion gibt, dann wird es eins sein, dass nach den Vorgaben das HSV gebaut wird.

Auf der anderen Seite in der Stadt noch keinerlei Planung, noch nicht mal eine Diskussion über das Stadion. Da weiß der HSV schon mehr, ich weiß es nicht. Angela Merkel kommt am 6. März zum Mattei mal. Das ist sowieso auch so eine Veranstaltung, die muss in so ein Newsletter rein. 6. März, mal gucken. Dann natürlich das Wetter.

Und das wird ja jetzt warm. Also von gefühlt minus 11 vorgestern zu nächsten Mittwoch 12 Grad. Das sind laut Adam Riese 23 Grad Unterschied. Und das ist Hochsommer. Also der Unterschied zwischen tiefstem Winter und nächsten Mittwoch ist ein Hochsommer. Das ist ja wohl cool. So, jetzt haben wir es bald.

Ihr habt mir jetzt 20 Minuten zugehört und ich hoffe, ihr meldet euch bei mir. Ach ja, eine Frage habe ich noch. Wann hättet ihr den Newsletter denn gern? Am Sonntag zum Frühstück? Zum späten? So um elf beim zweiten Kaffee? Oder am Mittwoch. Also ich hätte Mittwoch- und Nachmittagszeit. Oder Freitag und Samstag für Sonntag. Schreibt mir mal zurück.

Mittwoch oder Sonntag, Erik. Dankeschön. Das ganze Stadion, Quatsch, das ist der andere Podcast. Die ganze Stadt. Tschüss Hamburg.

Kategorien
Podcast

HH Podcast: Olympiaträume meet Sanierungsstau

Logbuch KW 11: Goldrausch an der Alster, Sanierungsstau im Viertel

Moin Hamburg! In dieser Folge schauen wir hinter die glänzende Fassade der Hansestadt im März 2026. Während der Senat das 4,8-Milliarden-Scheckheft für Olympia zückt, bröckelt an anderer Stelle der Putz – und zwar gewaltig.

Erik nimmt euch mit auf eine Tour durch eine Stadt der Kontraste:

Die 4,8-Milliarden-Wette: Warum die Hamburger Olympia-Kalkulation eher nach „Lottogewinn“ als nach ehrbarem Kaufmann klingt.

Schönrechner vs. Realität: Während wir von den fünf Ringen träumen, macht das Holthusenbad wegen Einsturzgefahr dicht. Ein Paradebeispiel für „selektive Knappheit“.

Exzellenz auf dem Trockenen: Die Uni Hamburg glänzt auf dem Papier, aber der „Rumpf“ leckt – zwischen Sanierungsstau und Wohnungsnot.

Vorsicht, Paris-Syndrom: Ein ernüchternder Blick auf die Seine. Was Hamburg aus den „nachhaltigen“ Spielen von 2024 (nicht) gelernt hat – von Gentrifizierung bis zum Wartungsschock.

Lichtblick Alster: Wie ein Kompromiss zwischen Paddlern und Naturschutz zeigt, dass es auch ohne Beton-Milliarden geht.

Außerdem im Logbuch: Ein kurzes Update zum HSV und St. Pauli – zwischen mühsamem Aufstiegskampf und der Suche nach neuer Energie.

Geld ist immer da – man muss es nur für das Richtige wollen. Klar zur Wende!

Get full access to Ring2 * das Hamburg Logbuch at logbuch.substack.com/subscribe

Kategorien
(B)Logbuch

Hamburgs Olympiaträume überschminken die Realität

Logbuch KW 11: Von Schönrechnern mit Sanierungsstau

Vor ein paar Jahren wartete ich vor meiner Haustür in Altona im Wagen und hörte NDR Info. Ich zappte in ein Interview, dessen Details im Nebel der Zeit verborgen liegen (meint: an Details kann ich mich nicht erinnern). Aber die These des freundlichen Experten habe ich für immer abgespeichert. Kurz sagte er sinngemäß: “Geld ist immer da, wenn es politisch gewollt ist – dummerweise nur für die Dinge, die gerade politisch gewollt sind”.

Warum ich gerade heute daran denken muss, als ich diesen Letter für euch recherchiere? Na. ne Idee? 😉

Sonntag. 15. März 2026. Altona. Nu ist wieder der Alltag eingekehrt: Der Wind weht böig aus West, es schauert Atlantische Tiefausläufer bei knapp zehn Grad. Es ist die elfte Woche des Jahres, und Hamburg fühlt sich an wie ein Segelschiff, das versucht, auf sturmgepeitschter See Leckagen zu stopfen, während der Kapitän auf der Brücke von Goldschätzen träumt.

Moin, Hamburg. Reden wir über das Geld, das wir angeblich haben.

In dieser Woche hat der Senat das große Scheckheft ausgepackt. 4,8 Milliarden Euro für Olympia. Über sechzig Mal die Elbphilharmonie – wenn man die einst geschätzten Kosten zugrunde legt. Man verspricht uns „wirtschaftlich tragfähige Spiele“. Ein Überschuss von 100 Millionen Euro am Ende – quasi als Trinkgeld für die Stadtkasse. Hamburger sind Kaufleute, ich auch (gelernter Außenhandelskaufmann). Wenn ich allerdings meinem Pfeife-rauchenden Seniorchef damals eine solch löchrige Kalkulation vorgelegt hätte oder am Tresen in der Haifischbar so argumentieren würde um eine weitere Runde aufs Haus anschreiben zu wollen, hätten mich beide schon längst vor die Tür gesetzt.

32 Prozent der Einnahmen sollen aus lokalem Sponsoring kommen. In einer Zeit, in der jeder Euro dreimal umgedreht wird? Das klingt nicht nach einem soliden Finanzplan, das klingt nach „Hoffen auf den Lottogewinn“, wie ich neulich schon in mein Logbuch schrieb. Aber der Traum vom Glanz, von den fünf Ringen über der Alster, er ist mächtig. Er überstrahlt bei einigen die Schlaglöcher der Realität. Dabei hat unser Finanzsenator in Zeiten überkommender Krisenwellen die Kosten für die Sicherheit vorsorglich rausgerechnet.

Klaus von Dohnanyi (die Älteren werden sich erinnern) hat einmal – auch in einem NDR Interview – erzählt, dass er als Bürgermeister alle Kalkulationen aus seinen Behörden mal PI genommen hat. Das sei nicht nur realistischer, sondern mache auch mächtig Eindruck, wegen der krummen Zahl, die rauskommen würde. Übrigens: Hätte er das bspw. für die Elbphilharmonie machen sollen, hätte er das Budget mal 11,24675325 nehmen müssen.

Warum der Hinweis der Olympiabefürworter auf die angeblich so erfolgreichen Spiele in Paris nach hinten losgehen könnte, zeige ich euch am Ende dieser Kolumne.

Während Herr Dressel sich die Bewerbung schön rechnet, vermodert ihm die Stadt unterm Mors

In der Gegenwart macht das Holthusenbad dicht. Acht Monate Schließung. Viel länger als geplant. Denn es ist überall rott: Das Dach kaputt, Fenster undicht – und jetzt auch noch Schadstoffe in den Decken. Es ist das alte Hamburger Lied: Wir bauen Elbphilharmonien und planen olympische Dörfer, aber wenn wir mal eine Runde schwimmen wollen, ohne dass uns die Decke auf den Kopf fallen soll, stehen wir im Regen. Das Holthusenbad ist in Eppendorf mehr als nur ein Schwimmbad; es ist ein lokaler Ankerpunkt. Wenn solche Anker gelichtet werden, beginnt das soziale Gefüge zu driften. Aber hey, wir haben ja bald die Goldmedaillen.

Betriebskosten sind unsexy und eignen sich schlecht für Werbekampagnen – aber (das zeigt übrigens auch Paris) sie können öffentliche Haushalte zum kentern bringen

Ein paar Kilometer weiter, an der Universität Hamburg, herrscht hingegen Jubel – oder zumindest so etwas wie die hanseatische Form davon. Wir bleiben „exzellent“. 77 Millionen Euro für sieben Jahre. Das klingt nach viel Holz, aber Uni-Präsident Heekeren hat den Finger in die Wunde gelegt, noch bevor das Konfetti im Audimax auf den Boden gesunken war. Exzellenz auf dem Papier flickt keine strukturellen Finanzlöcher. Es ist wie bei einem Boot: Du kannst das beste High-Tech-Segel der Welt haben – wenn der Rumpf leckt, bringt dir der Windvorteil gar nichts. Und die Uni Hamburg leckt an allen Ecken und Enden. Die Forschung glänzt, aber der Alltag der Studierenden zwischen Wohnungsnot und überfüllten Seminaren bleibt hoffnungslos.

Stichwort Wohnungsnot: Habt ihr Lara Schulschenk im NDR gesehen? Die Journalistin zeigt uns gerade die Fratze des Hamburger Wohnungsmarkts. Absurde Anzeigen für Besenkammern zum Preis einer Luxussuite. Es ist die tägliche Demütigung auf dem Mietmarkt, die zeigt, wie weit die Schere in dieser Stadt auseinandergeht. Da hilft es auch nur bedingt, dass die SAGA in Mümmelmannsberg 100 barrierefreie Wohnungen hochzieht. Ein Tropfen auf den heißen Stein, während die Stadtplanung im Olympia-Rausch schon wieder über neue Stadtteile fantasiert, die sich am Ende doch nur die wenigsten leisten können.

Ohne Reinheitsgebot: das Hamburger Alsterwasser

Sogar die Alster hat ihre Krise. Eine Studie bescheinigt ihr einen schlechten ökologischen Zustand. Zu viel Freizeit, zu wenig Natur. Jetzt gibt es einen Kompromiss zwischen Paddlern und Naturschützern. Schilfzonen sollen her. Ein bisschen mehr Grün für das feuchte Herz der Stadt. Es ist vielleicht das einzige Thema dieser Woche, das Hoffnung macht: Dass wir es schaffen, uns an einen Tisch zu setzen und eine Lösung zu finden, die nicht nur aus Beton und Milliarden besteht.

Hamburg – eine Stadt zwischen Größenwahn und Sanierungsstau, zwischen Exzellenz und Mietenwahnsinn. Ob Rathausmarkt, G20, Elbphilharmonie oder Olympia – Geld ist da, sogar immer mehr als geplant. Dummerweise ist es nur dafür da, was geplant ist. Nennt sich “Selektive Knappheit“ und ist so fies ungerecht, wie es sich anhört.

„Das Problem in Deutschland ist nicht ein Mangel an Geld, sondern eine Lähmung der Prioritäten. Wir behandeln Investitionen in unsere soziale und intellektuelle Infrastruktur oft als optionalen Luxus, während für nationale Prestigeprojekte und akute Krisenbewältigung binnen kürzester Zeit zweistellige Milliardenbeträge mobilisiert werden können. Fiskalische Regeln werden dann zum politischen Vorwand, um notwendige Zukunftsinvestitionen zu verhindern.“ (Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). In Anlehnung an seine Analysen zur Schuldenbremse und Investitionslücken, 2024/25)

Klar zur Wende. Bleibt an Deck, hier gibts ne Extraration Rum.

Danke fürs abonnieren,
Euer Erik.

Jetzt abonnieren

Und da war ja auch noch … der HSV

Mühsam ernährt sich der Aufsteiger. In einem zähen Spiel erkämpft sich der Aufsteiger gegen den Aufsteiger einen Punkt. Der Klassiker der Bundesliga kürt keinen Sieger. Stetig krabbelt der HSV damit aus der gefährlichen Zone.

… und der FC St.Pauli?

Was passiert eigentlich, wenn man ein Endspiel verliert? Man ist draußen und fährt nach Hause. Die Boys in Brown haben verdient nach einer auffällig schwachen Partie das Spiel beim Abstiegskollega Mönchengladbach verloren. Bräsig, behäbig und glücklos.

Zum Glück war das mit den Endspielen nur eine doofe Metapher. Es geht weiter, auch wenn die Mannschaft irgendwo Frische und Energie herbekommen muss.

Hamburg ist nicht … Paris

(aber es ist zu befürchten, dass wir uns dieselben Probleme einhandeln – und zwar nachhaltig; ein Vergleich)

Die Datenlage anderthalb Jahre nach den Spielen in Paris 2024 (Stand Frühjahr 2026) zeichnet ein ernüchterndes Bild, das die anfängliche Euphorie der „nachhaltigen Spiele“ stark relativiert. Besonders in den Bereichen Wohnungsmarkt und langfristige Haushaltsbelastung zeigen sich die typischen „Olympischen Nebenwirkungen“.

1. Der Wohnungsmarkt: „Gentrification on Steroids“

Während die Organisatoren versprachen, dass das Olympische Dorf in Saint-Denis (dem ärmsten Departement Frankreichs) neuen Wohnraum schaffen würde, zeigen die Daten von 2025/2026 eine andere Realität:

  • Mietpreisanstieg in Saint-Denis: Die Mieten im Umfeld der neuen Sportstätten und des olympischen Dorfes sind zwischen 2023 und Anfang 2026 um ca. 12–15 % gestiegen – deutlich stärker als im Pariser Stadtdurchschnitt.

  • Verdrängungseffekt: Viele der 2.800 Wohneinheiten im ehemaligen olympischen Dorf werden nun als gehobene Eigentumswohnungen vermarktet. Kritiker (u.a. das Kollektiv „Le Revers de la Médaille“) belegen, dass die versprochene Quote für Sozialwohnungen durch „bezahlbaren Wohnraum“ ersetzt wurde, der für die ursprünglichen Bewohner von Saint-Denis faktisch unbezahlbar bleibt.

  • Studentenwohnungen: Die während der Spiele durchgeführten Zwangsräumungen von über 2.000 Studenten aus CROUS-Wohnheimen führten zu einer dauerhaften Instabilität im studentischen Wohnungsmarkt. Viele dieser Heime wurden nach den Spielen erst mit massiver Verzögerung und zu höheren Sätzen wieder dem Markt zugeführt.

2. Öffentliche Ausgaben: Der „Wartungsschock“ (Legacy Costs)

Die „Schwarze Null“ im operativen Budget verdeckt die langfristigen Belastungen für den Steuerzahler, die erst jetzt im Haushalt 2026 voll durchschlagen:

  • Betriebskosten der Sportstätten: Das neue Centre Aquatique Olympique (CAO) in Saint-Denis erweist sich als finanzielles Fass ohne Boden. Die jährlichen Betriebskosten belaufen sich auf geschätzt 2,5 bis 3 Millionen Euro, die nun von der Metropolregion Paris getragen werden müssen. Da das Bad für den Breitensport zu teuer im Unterhalt ist, werden Eintrittspreise verlangt, die über dem Niveau normaler öffentlicher Bäder liegen.

  • Staatsschulden-Kontext: Frankreich kämpft 2026 mit einem massiven Haushaltsdefizit. Die 6,6 Milliarden Euro an öffentlichen Olympia-Ausgaben haben den Spielraum für soziale Projekte (Bildung, Gesundheit) in den Folgejahren spürbar eingeschränkt. In den Haushaltsdebatten 2025 wurde das „Olympia-Erbe“ oft als Grund für Kürzungen in anderen Ressorts angeführt.

3. Soziale Verschlechterung: „Le Nettoyage Social“ (Die soziale Säuberung)

Daten von Hilfsorganisationen wie Médecins du Monde zeigen eine nachhaltige Verschlechterung für marginalisierte Gruppen:

  • Vertreibung Obdachloser: Während der Spiele wurden ca. 12.500 Menschen (Obdachlose, Migranten) aus Paris in „regionale Aufnahmezentren“ (SAS) in der Provinz verschickt. Viele dieser Menschen kehrten 2025 zurück, fanden ihre alten Unterstützungsnetzwerke in Paris jedoch zerstört vor.

  • Verschärfte Überwachungsgesetze: Die für die Spiele eingeführte KI-gestützte Videoüberwachung (VSA) wurde – entgegen ursprünglicher Zusagen – nicht vollständig zurückgefahren. Das „Olympia-Gesetz“ schuf die rechtliche Basis, die nun dauerhaft zur Überwachung des öffentlichen Raums genutzt wird, was besonders in den Banlieues zu erhöhten Spannungen führt.


Fazit aus Paris für Hamburg

Diese Daten sind Wasser auf die Mühlen der Olympia-Skeptiker. Wenn Hamburg mit einer „Schwarzen Null“ plant, übersieht es das „Pariser Paradox“:

„Wir bauen Paläste für drei Wochen Spektakel, während die Wartungsrechnungen danach die Kassen der Stadtteile auffressen, die eigentlich Unterstützung bräuchten. In Paris glänzt das Gold, aber in Saint-Denis zahlen die Mieter den Preis für den Glanz.“


Ring2 * das Hamburg Logbuch is a reader-supported publication. To receive new posts and support my work, consider becoming a free or paid subscriber.


Quellen Paris:

  • Analyse von „Le Revers de la Médaille“ (Abschlussbericht 2025)

  • Institut Paris Region (IPR) – Marktmonitor Wohnen 2026

  • Französisches Finanzministerium (Bilan financier des JOP)

  • L’Humanité: Reportagen zur Gentrifizierung in Saint-Denis (Januar 2026)

Quellen Hamburg:

hamburg.de (Pressemitteilung 11.03.2026), Hamburger Abendblatt, NDR Hamburg Journal. uni-hamburg.de (Newsroom), SAT.1 Regional. Reddit r/hamburg.

Für Recherchen wurde Google Gemini befragt, Fehler sind möglich.