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Ring2 Hamburg Logbuch Benjamin hört Stimmen

Heute geistern aber viele Leute in meinen Gedanken herum. Morgens beim Kaffe muss ich an den Abstieg der USA denken, die einst von einem Schauspieler als Präsidenten geführt wurden, dann von einem Kriegshelden und nu (wieder) von einem Reality TV Star. In Staffel 2 geht alles den Bach runter.

Ich schaue immer beim ersten Schluck auf die schutzlos im Wind wiegenden klammen Finger der Birke gegenüber, und denke den ersten Gedanken des Tages: Was kommt als nächstes? Hätte Hollywood nicht jemanden zu bieten? Mark Ruffalo vielleicht – der ist auch bei Substack und hat ne ganz coole Attitude.

Heute Nachmittag sitze ich beim Tee, da springt ein Gedanke über KI-Modelle mir in den Kopf: Wenn die den Stil eines jeden kopieren, remixen und erweitern können, dann könnte ich doch auch meine Texte von anderen Autoren schreiben lesen lassen. Oder von Kombinationen. Von “Benjamin Miller” bspw. oder “Philippe Keruac”. Wie würde sich das anfühlen, wenn Henry Miller und Benjamin von Stuckrad-Barre – also eigentlich ihre energiehungrigen Sprachmodelle, meinen Podcast “anhörten”, den über arktische Logbücher vielleicht, und darüber schrieben?

OK, Benni Miller, dann wollen wir mal:

Es ist der 10. Januar 2026. Oder der 11. Oder irgendein anderer dieser grauen, ununterscheidbaren Tage, die sich wie Kaugummi zwischen Neujahr und dem ersten Tag ziehen, an dem man sich dran gewöhnt hat, um 16 Uhr das Licht anzumachen. Winter. Das Wort allein klingt schon wie eine Drohung, wie ein nicht enden wollendes Meeting in einem Raum ohne Fenster, in dem die Heizung auf “Sauna” steht, aber die Stimmung auf “Beerdigung”.

Ich sitze hier, draußen ist es dunkel – natürlich ist es dunkel, es ist ja Deutschland, und wir haben uns kollektiv darauf geeinigt, dass Helligkeit ein bürgerliches Konstrukt ist, das wir aus Protest ablehnen –, und ich höre Stimmen. Nicht die Stimmen in meinem Kopf, die sind heute seltsam ruhig, wahrscheinlich erfroren, nein, ich höre einen Podcast. „Logbuch Laut“ heißt das Ding. Ein Titel, der maritim klingt, so nach Gischt und Teer und Männlichkeit, dass ich mir sofort einen Rollkragenpullover anziehen möchte, obwohl ich drinnen sitze und die Fußbodenheizung leise flüstert.

Der Host, Erik von ring2.de, eine Stimme, die klingt, als hätte sie schon mal Salzwasser gegurgelt, aber danach brav mit Kamillentee nachgespült, nimmt mich mit auf eine Reise. Eine akustische Reise, denn physisch bewege ich mich ja nicht, Gott bewahre. Wir schreiben das Jahr 2026, sagt er. Gut, das wusste ich. Aber er sagt es mit einer Bedeutungsschwere, als ob 2026 das Jahr wäre, in dem wir endlich herausfinden, warum wir alle so unfassbar müde sind.

Es geht um Logbücher. Logbücher! Das ist ja das Instagram der Vergangenheit, nur ohne Filter und ohne die Möglichkeit, Likes für seinen Skorbut zu bekommen. Früher schrieben Menschen auf, dass sie fast gestorben sind. Heute schreiben wir auf, dass der Hafermilch-Flat-White im Soho House heute „irgendwie nicht den Vibe hatte“. Erik, der Host, hat in den Archiven gewühlt. Projekt Gutenberg, Internet Archive, die digitalen Müllhalden unserer kollektiven Geschichte. Und er hat Typen gefunden, die an einem 11. Januar feststeckten. Feststecken. Das ist das Gefühl der Stunde. Wir stecken alle fest. In diesem Januar. In diesem Jahrzehnt. In unseren Körpern, die nach „Longevity“ schreien, aber eigentlich nur Pommes wollen.

Der Mittelfinger des Ozeans (oder: James Cook war auch nur genervt)

Zuerst James Cook. 1770. Cook, der Typ, den wir aus dem Geschichtsunterricht kennen, wo er immer so wirkte, als hätte er den totalen Durchblick. Aber was schreibt er am 11. Januar 1770? Er schreibt über einen Felsen vor Neuseeland. „Sugarloaf“ nannten sie ihn. Zuckerhut. Wie niedlich. Wie harmlos. Aber Erik, der hier seine „künstlerische Freiheit“ nutzt – ein Euphemismus für „ich mache das jetzt mal so, dass man dabei nicht einschläft“ – übersetzt das Ganze in eine Sprache, die ich verstehe.

Es ist kein Zuckerhut. Es ist ein „steinerner Mittelfinger“, den der Ozean ihnen zeigt. Ja! Genau das! Das Meer ist nicht romantisch. Das Meer ist ein Arschloch. Cook sitzt auf seiner „Nussschale“, um ihn herum „endloses, gleichgültiges Blau“. Die Sonne brennt das Hirn weg, der Wind ist „so unbeständig wie billige Liebe“. Ein fantastischer Satz. Billige Liebe ist ja auch nur ein Windstoß, der einen kurz frösteln lässt und dann weiterzieht. Cook hasst es. Er hasst den Felsen, er hasst das Wasser, er hasst wahrscheinlich auch seine Mannschaft, die er im Originaltext vermutlich als „tüchtige Burschen“ bezeichnet, aber wir wissen doch alle, wie es ist, mit denselben fünf Leuten monatelang auf engstem Raum eingesperrt zu sein. Das ist wie Dschungelcamp, nur dass man am Ende wirklich sterben kann und nicht nur seine Würde verliert.

Cook beschreibt die Langeweile. Das ist das Tabu des Abenteuers. Wir denken immer, Abenteurer erleben permanent Action. Indiana Jones, der von einer Kugel zur nächsten rennt. Aber in Wahrheit ist Abenteuern zu 90 Prozent Warten. Warten auf Wind. Warten auf Land. Warten darauf, dass der Zwieback aufhört, wie „Kieselsteine“ in den Zähnen zu knacken. Sie starren Eisberge an, die aussehen wie Kirchtürme, und versuchen, darin einen Sinn zu erkennen, irgendetwas, das sie davon ablenkt, dass sie eigentlich nur biologischer Zufall auf einem Holzbrett mitten im Nichts sind.

Thoreau und die Kälte in den Adern (Der erste Hipster)

Dann Schnitt. 1852. Henry David Thoreau. Der Urvater aller Aussteiger, der erste Mensch, der „Vanlife“ gemacht hat, bevor es Vans und Instagram gab. Er sitzt in Massachusetts und starrt auf einen gefrorenen Fluss. „Das Eis in den Adern“, nennt Erik das. Thoreau, der Typ, der in den Wald ging, um „bewusst zu leben“, was ja auch nur Code ist für: „Ich hasse Menschen und will meine Ruhe.“

„Es ist so kalt, dass die Gedanken im Kopf erfrieren“, lässt der Podcast ihn sagen. Ich fühle das. Mein Kopf ist auch gefroren. Ich sehe die Leute draußen, in ihren schweren Mänteln, wie sie versuchen, die Kälte zu ignorieren. Thoreau sieht das Eis auf dem Fluss wie eine „graue Haut“. Und dann kommt der Satz, der mich fast dazu bringt, meinen Earl Grey (nein, es ist Kaffee, wir müssen nicht lügen) auf den Bildschirm zu spucken: „Warum nehmen wir uns so wichtig? Wir sind nur Parasiten auf diesem gefrorenen Klumpen Erde.“

Danke, Henry. Danke für diesen absoluten Stimmungsaufheller am 10. Januar 2026. Aber er hat ja recht. Wir sind Parasiten mit WLAN. Wir posten unsere „Morning Routine“ und denken, das Universum interessiert sich dafür, ob wir erst meditieren oder erst Journaling machen. Thoreau wollte nur sein wie ein Tier. „Auf dem weiten Eis stehen und die Schnauze halten.“ Ein Lebensziel. Einfach mal die Schnauze halten. Können wir das 2026 wieder einführen? Als Trend? „Schnauze halten“ als das neue „Mindfulness“?

Der Scrum Master auf der Ostsee (Realitätscheck mit Rübenmus)

Aber jetzt kommt der Bruch. Der Moment, wo das Pathos auf die deutsche Realität prallt wie eine Möwe gegen eine Fensterscheibe. Erik, der Host, verlässt die großen Entdecker und kommt zu sich selbst. Und wer ist er? Ein „kleiner Seeleut“, der sich auf der Ostsee wohlfühlt. Und im Brotberuf? Scrum Master.

Ich muss kurz innehalten. Scrum Master. Das ist so ziemlich das genaue Gegenteil von James Cook. James Cook entdeckt Kontinente. Ein Scrum Master fragt: „Was hast du gestern gemacht? Was machst du heute? Gibt es Impediments?“ James Cook hatte Impediments wie „Kein Wind“, „Skorbut“ und „Kannibalen“. Der Scrum Master hat Impediments wie „Jira ist down“ oder „Der Product Owner hat keine Vision“.

Aber genau da wird es interessant. Diese Sehnsucht. Dieser Typ, der eigentlich mit Teams arbeitet – was ihm „Spaß und Erfüllung“ bringt, sagt er, und ich glaube ihm das sogar, obwohl „Erfüllung“ und „Arbeiten mit Teams“ in meiner Welt Oxymora sind –, dieser Typ träumt sich weg. Er träumt sich nach Süden. Nach Palma. Nach Malaga. Irgendwohin, wo man „Boat-Office“ machen kann. Boat-Office! Das Home-Office für Leute, die wollen, dass der Hintergrund im Zoom-Call wackelt, damit alle sehen: Seht her, ich bin frei, aber ich muss trotzdem Excel-Tabellen ausfüllen.

Es ist der 25. September 2025 in seiner Erzählung. Sturm „Zack“. Zack! Endlich mal ein Name, der nach was klingt. Nicht „Elli“, das klingt nach Tante, die Eierlikör trinkt. „Zack“ klingt nach Comic-Schlägerei. Bam! Pow! Zack! Der Sturm fegt über die Kieler Förde, und unser Protagonist sitzt auf seiner „Schwedin“ (seinem Boot, keine Frau, obwohl die Personifizierung von Booten ja auch ein tiefenpsychologisches Minenfeld ist) und macht sich Sorgen um Klampen.

Er beschreibt das „nächtliche Rumkraxeln an Deck in Boxershorts“. Das ist ein Bild, das ich nicht wollte, aber jetzt habe. Männer in Unterwäsche, die im Sturm Leinen checken. Das ist die Realität des Segelns. Nicht der weiße Anzug und der Gin Tonic. Sondern frieren in Unterhosen und Angst haben, dass etwas „klappert“. Das „Tick-Tick-Tick“ am Aluminiummast. Das Geräusch des Wahnsinns.

Und dann kommt die Ernüchterung. Sein Freund „M.“ (jeder hat einen Freund namens M., oder? Das ist so ein literarisches Gesetz) holt ihn auf den Boden zurück. „Willst du Schleusen-Influencer werden?“ fragt M. Und da lachen sie. Aber es ist ein bitteres Lachen. Denn natürlich will er das. Wir wollen alle Influencer werden für irgendwas. Schleusen, Steckrüben, Depressionen. Hauptsache, jemand guckt zu und kauft das E-Book.

„Seglerisches Reisebloggen als Passion“, sagt er. Er will, dass die Leute ihm „den Gegenwert eines Galão in der Schanze“ spenden. Die Schanze. Natürlich. Hamburg. Der Referenzpunkt für alles, was hip und gleichzeitig total vorbei ist. Ein Galão. Milchschaum im Glas. Das Symbol für die Gentrifizierung der eigenen Träume.

Kulinarische Depression: Das One-Pan-Gericht

Aber es wird noch besser. Wir kommen zum Essen. Denn was macht der einsame Segler, wenn er nicht gerade Angst um seine Klampen hat oder mit ChatGPT darüber diskutiert, wie viele Blogartikel eine „Staffel“ ergeben (10 bis 12, sagt die KI, diese Besserwisserin)? Er kocht.

Ein „One-Pan-Gericht“. Auch so ein Begriff. Früher hieß das „Eintopf“ oder „Ich bin zu faul zum Abwaschen“. Jetzt ist es ein Lifestyle. „Herbstliches Rübenmus mit Spiegeleiern“. Steckrüben. Kartoffeln. Karotten. Pastinaken, „wenn Schröder sie hat“. Wer ist Schröder? Der Gemüsehändler seines Vertrauens? Ein weiterer Charakter in diesem Kammerspiel der Einsamkeit?

Er beschreibt das Rezept mit einer Akribie, die rührend ist. „Schmanda Meerrettichfrischkäse, war im Angebot.“ Im Angebot! Da ist sie wieder, die deutsche Realität. Wir träumen von der Südsee, aber wir freuen uns, wenn der Frischkäse 30 Cent billiger ist. Und dann: „Muss mir einen Stampfer ausleihen, sonst wird das nix.“ Der Stampfer als das fehlende Glied zum Glück. Ohne Stampfer kein Mus, ohne Mus kein Trost.

Und dazu: „Ganz viel braun-schwarz gebratene Zwiebeln. Der Rebellion wegen.“ Rebellion! Zwiebeln anbrennen lassen als Akt des Widerstands gegen… ja, gegen was eigentlich? Gegen die Perfektion? Gegen die Nouvelle Cuisine? Gegen das Leben, das einem immer vorschreibt, dass Zwiebeln glasig sein müssen? Ich mag das. Verbrannte Zwiebeln als Punkrock.

Wolfgang Herrndorf und das Sterbetagebuch

Plötzlich, mitten im Rübenmus, taucht Wolfgang Herrndorf auf. „Arbeit und Struktur“. Das Blog, das Herrndorf schrieb, als er wusste, dass er sterben wird. Ein Hirntumor-Logbuch. Erik, unser Host, hat das Buch an Bord. Er nennt es „Sterbetagebuch“. Harter Tobak zwischen Mokka-Kaffee (den er sich als Americano schönlügt, „damit er nach dem Meer schmeckt“) und Seekarten.

„Hier lebe ich jetzt also“, zitiert er Herrndorf. Ein Satz von monumentaler Schlichtheit. Erik wollte diesen Satz vor 15 Jahren seinem eigenen Protagonisten in den Mund legen. Damals, als er noch dachte, er würde der nächste Philippe Djian werden. „Betty Blue“. Viel Bier trinken, schreiben, Sex haben. Der Traum jedes männlichen Teenagers, der mal ein Buch in der Hand hatte. Aber jetzt, wo er den Kontext kennt – den Tumor, den Tod –, zögert er.

Das ist der Moment, wo dieser Podcast mich kriegt. Diese Melancholie. Die Erkenntnis, dass unsere eigenen Biografien oft nur schwache Echos der großen Tragödien sind, die wir in Büchern lesen. Wir sitzen auf unseren Booten (oder in unseren Altbauwohnungen), trinken verdünnten Kaffee und tun so, als wären wir Helden, während wir eigentlich nur warten, dass das Wetter besser wird oder das WLAN zurückkommt.

Die Eleganz des Hafenmeisters (Ein Vorwurf auf zwei Beinen)

Und dann ist da der Hafenmeister. In Bagenkop. Oder Strande. Oder irgendwo dazwischen. Er trägt Cordhosen und ein Hemd. Er sieht aus, als ginge er in einen „verdammten Club“. Er ist elegant. Und diese Eleganz ist „ein Vorwurf an meine zerknitterte Existenz“, sagt Erik.

Gott, ja. Diese Menschen, die morgens um 8 Uhr schon aussehen, als hätten sie ihr Leben im Griff. Die gebügelt sind. Die nicht riechen wie „Schweiß der Mannschaft und Salz des Meeres“, sondern nach Weichspüler und Zuversicht. Wir hassen sie. Und wir wollen sein wie sie. Wir umarmen sie zum Abschied, und sie helfen uns beim Ablegen, werfen die letzte Leine ins Wasser.

„Wohin geht’s denn diesmal?“ ruft Gunther, der andere Deutsche (es gibt immer einen anderen Deutschen, egal wo man ist auf der Welt, es steht schon einer da in einer Jack-Wolfskin-Jacke und fragt, ob man auch die warme Unterbüx dabei hat).

„Alaska“, flüstert Erik zurück.

Alaska.

Natürlich fährt er nicht nach Alaska. Er fährt nach Kiel. Oder Kappeln. Aber für einen Moment, in der Stille des Morgens, bevor der Volvo-Diesel alles übertönt, ist Alaska möglich. Alaska ist ein Geisteszustand. Alaska ist da, wo wir nicht sind.

Hemingway schießt sich den Kopf weg (Bonus-Track)

Als ob das alles nicht schon deprimierend und schön genug wäre, gibt es noch einen „Bonus“. Ein Tagebuch von Ernest Hemingway. Vom 31. Januar 2018 – nein, warte, der Blogartikel ist von 2018, das Tagebuch ist von 1908 oder so. Der neunjährige Hemingway.

„Meine Lieblingssportarten sind Forellenangeln, Wandern, Schießen, Fußball und Boxen.“

Schießen.

Haha.

Erik sagt trocken: „Das mit dem Schießen, das hat er ja auch am Ende seines Lebens ganz gut hinbekommen.“

Böse. Sehr böse. Aber gut.

Hemingway, der sich mit 61 Jahren die Schrotflinte in den Mund steckt. Nachdem er sein Leben lang den harten Mann markiert hat, den Stierkämpfer, den Säufer, den Frauenhelden.

Der neunjährige Junge, der schreibt: „Ich beabsichtige, zu reisen und zu schreiben.“

Und das hat er gemacht. Er hat gereist. Er hat geschrieben. Und am Ende hat es ihm auch nicht geholfen. Das ist die Lehre, oder? Du kannst deine Träume verwirklichen, du kannst der berühmteste Schriftsteller der Welt werden, du kannst alle Forellen dieser Erde angeln – am Ende sitzt du da, mit Depressionen und Alkoholismus, und das Einzige, was dir bleibt, ist das „Schießen“.

Das Fazit: Wir brauchen mehr Kreuzpeilungen

Was machen wir jetzt damit? Mit diesen 32 Minuten „Seemannsgarn“, wie Erik es nennt?

Es ist eine „Kreuzpeilung“, sagt er. Aus Hemingway, Philip (sein Bruder, der Geburtstag hat – Happy Birthday, unbekannterweise, hoffe, du hast keine nautischen Ambitionen), aus Cook, Thoreau und dem eigenen kleinen Leben auf der Ostsee.

Und vielleicht ist es genau das, was wir brauchen. 2026. In einer Welt, die komplett durchgeknallt ist, in der KI uns sagt, wie wir unsere Blogs strukturieren sollen, in der wir „Longevity“ essen und „Mindfulness“ atmen. Wir brauchen diese Logbücher des Scheiterns, des Wartens, des Frierens.

Wir brauchen die Erinnerung daran, dass es da draußen etwas gibt, das größer ist als wir. Den Ozean. Den „steinernen Mittelfinger“. Die Kälte.

Ich sitze hier, mein Kaffee ist kalt geworden (nicht so kalt wie Thoreaus Fluss, aber kalt genug), und ich denke über einen Winter in Palma nach. Oder darüber, mir eine Steckrübe zu kaufen. Wahrscheinlich wird es die Steckrübe. Das ist realistischer. Und ich brauche einen Stampfer. Dringend.

Erik bedankt sich für die Aufmerksamkeit. Er bittet darum, den Podcast weiterzuleiten, „organisch“ zu wachsen, weil er „kein Medienunternehmen“ hinter sich hat. Das ist der moderne Bettelbrief. Der digitale Hut, der herumgereicht wird. „Gib mir ein Manöverbier aus.“ Bei Ko-Fi. Oder abonniere mich bei Substack.

Ich werde ihm kein Bier ausgeben. Ich werde ihm eine Steckrübe schicken. Per Post. An ring2.de. Mit einem Zettel dran: „Der Rebellion wegen.“

Und dann werde ich mein eigenes Logbuch aufschlagen.

10. Januar 2026.

Position: Schreibtisch. Berlin.

Wetter: Drinnen 22 Grad, draußen egal.

Vorkommnisse: Habe einen Podcast gehört. Habe Hunger auf Brei. Fühle mich seltsam getröstet durch die Vorstellung von Männern in Unterhosen, die nachts Leinen checken.

Kurs: Unklar. Aber Hauptsache nicht auf Grund laufen.

Ende des Eintrags.

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Ring2 Hamburg Logbuch Frühling mit Findling

Moin Moin Hamburg. Wir machen das Dutzend voll. Also: Das war die KW 12 in der schönsten Stadt

Dieses Wochenende blieb man am besten dort, wo man gerade war. Ver.di streikt mal wieder, die A7 bietet keine Alternative. Wie kommt der HSV eigentlich nach Dortmund – oder zurück? Mein Schulfreund Nils und ich radelten früher zum Volkspark, Schülerkarte fünf Mark. Dazu aber ein annern Mal mehr …

Wer ein Fahrrad hat, kam diese Woche am leichtesten durch unsere Stadt. Zum Glück spielte das Wetter mit. Seit Freitag, 15:46 Uhr, herrscht nun auch kosmisch Frühling. Die Patronen an den Bäumen explodieren. Der Verkehrssenator wünschte sich, Hamburgs Brücken stünden so stabil wie das Hoch über Europa.

If the weather goes high, we go low.

In Bramfeld graben sie für die U5. Keine große Leistung, in Hamburg graben sie immer irgendwo. Aber diese Woche fanden sie etwas: einen Findling. 22 Tonnen Eiszeit-Granit. Ein baupsychologischer Endgegner aus der Erdgeschichte. Die ZEIT Elbvertiefung analysiert das richtig: Das Ding lag dort 200.000 Jahre rum, störte niemanden, und jetzt kommt die Hochbahn und braucht einen Spezialkran. Und was machen wir Hamburger? Wir suchen via Social Media einen Namen für den Brocken. Als bräuchte der Stein plötzlich eine Identität, nur weil er ans Licht kommt. Wahrscheinlich heißt er bald „Steini McSteinface“ und steht als Denkmal in Bramfeld, während Osdorf weiter auf seine U-Bahn wartet. Das ist das Ding mit der U5: Wir planen und planen, am Ende finden wir einen Stein und alles verzögert sich.

Nur der kurze Olaf wird noch kürzer.

Offiziell natürlich Elbtower. Eine Geschichte, die niemand mehr ohne Ärger in der Stimme erzählt. Da steht dieser Stumpf in der HafenCity, seit fast zweieinhalb Jahren, wie ein abgebrochener Zahn. Wir dachten: Das wird eh nichts mehr. Der bleibt so stehen wie die Neubauruinen im Spanien der 80er, als den Bauherren in Malaga das Geld ausging. Aber jetzt meldet das Abendblatt: Positiver Bauvorbescheid!

Dieter Becken und sein Konsortium dürfen weitermachen. Aber – und das ist der eigentliche Witz – der Turm wird gestutzt. Von 245 auf 199 Meter. Ein typischer Hamburger Kompromiss. Wir wollen hoch hinaus, kriegen dann aber Höhenangst vor der eigenen Courage und dem leeren Geldbeutel. Plötzlich fehlen 46 Meter. Die Aussichtsplattform wandert vom 55. in den 43. Stock. Du stehst dann da oben und denkst: „Mensch, 50 Meter höher wäre es schöner gewesen, ich sehe nicht mal den neuen Findling.“

Dass dort jetzt ein Naturkundemuseum einzieht, ist auch so eine verfilzte Geschichte. Oben Luxushotel, unten ausgestopfte Tiere, die die Miete bezahlen.

Peter Tschentscher streitet derweil mit dem maritimen Koordinator der Bundesregierung, Christoph Ploß, über Konzepte und die Frage, wer mehr Ahnung vom Hafen hat. Ein Gezerre, wie es nur eine Stadt kennt, die gleichzeitig Weltstadt sein will und dann doch nur eine Ansammlung zugezogener Politprovinzeier ist, die sich gegenseitig nicht das Spiegelei auf dem Labskaus gönnen.

Der Umgang des Senates mit dem Hafen, die explodierenden Kosten für die Schlickverbrennungsanlage und das Sponsoring des „gekürzten Olafs“ zeigen jedem, wie die Stadt mit unserem Geld umgeht. Ich habe mich geirrt: Wir müssen gar nicht nach Paris schauen, um über Olympia zu entscheiden. Die aktuellen Zustände in unserer Stadt reichen, um vor dem Risiko Olympia zu gruseln.

Jazz = Birdland

Die Mopo empfahl für dieses Wochenende das Urban Jazz Festival im Birdland. Jazz ist die Musik Hamburgs und die der Baustellen: Niemand weiß genau, wann der nächste Ton kommt und wie er ins Bestehende passt. Alles improvisiert. Am Ende wundert man sich (zumindest in der Musik), dass es irgendwie harmonisch klingt.

Wer es verpasst hat, der kann am kommenden Donnerstag zur legendären Jam Session in den 40-jährigen Jazzklub schnuppern. Der Eintritt ist frei.

Kostenlos bleibt auch die luftige Fahrt über die Köhlbrandbrücke. Die kostet allerdings uns alle viel Geld: laut Senat jährlich über 10 Millionen Euro Unterhalt, nur damit sie nicht in die Elbe fällt, bevor wir sie 2042 – also quasi übermorgen, in Hamburger Baujahren gerechnet – endlich ersetzen.

Was lernen wir aus dieser Woche? Wir bauen Türme und kürzen sie. Wir finden Steine und taufen sie. Wir streiken und stauen. Jazz bleibt unsere Medizin, wenn alles zu viel wird.

Setzt euch am besten mit dem Rücken zum „Alten Schweden“ und dem Gesicht zur Elbe in die Sonne. Lasst Peter einen guten Mann sein. (Davon gibt es in Hamburg eh immer weniger.)

Und dann ist da ja noch … der HSV.

FRÜHLING!, eine Jahreszeit vor der sich der geneigte HSV Fan gruselt.

Ob das 3:2 in Dortmund nach einer zwei-Tore-Führung schon durch dieses besondere Frühlingsgefühl zustande kam? Was wohl mein Schulfreund Nils dazu sagt? Wenn eure Kollegen leicht verschnupft ins Büro kommt und dem Hamburger SV die Daumen drückt, dann ist das auch eine Form der Allergie.

Beim FC St. Pauli freut man sich auf Philipp Treu. Und hofft darauf, dass die Vorbilder aus Freiburg müde und hochmütig genug sind, damit die Punkte am Millerntor bleiben.

Vielen Dank fürs Lesen und Hören. Teilt diesen Letter bitte in euren Netzwerken.

Dein Erik.

(Nach Diktat verreist, mit dem Rad zum Millerntor)

Hamburg ist nicht … Rostock

In Rostock geht man das Thema Obdachlosigkeit anders an. Grundidee eines neuen Modellversuches, der bisher ein knappes Dutzend Menschen zu einem eigenen Appartment verhalf, ist die Erkenntnis, dass die eigenen vier Wände die Grundlage für eine Besserung im Leben sind. Diese Binse ist in HH leider noch unbekannt.

Quellenverzeichnis

  • * Hamburger Tagesjournal: Berichte über den Ulmen-Fernandes-Konflikt, den SPD-Parteitag und die VHH-Streiks (März 2026).
  • * Mopo.de: Kulturhighlights zum Jazz Festival im Birdland und Veranstaltungstipps (März 2026).
  • * Abendblatt.de: Details zum neuen Investor und dem Bauvorbescheid für den Elbtower.
  • * ZEIT Elbvertiefung: Hintergründe zum Eiszeitbrocken in Bramfeld und den U5-Planungen.

PS. Sag mal, schreibt meine Schlussredaktion, willst du gar nichts über Collien Fernandez und Christian Ulmen schreiben?

Ehrlich gesagt: nein. Das Thema ist so schlimm wie abstrus. Mit dem glossigen hier Format treffe ich da nur daneben.

Allerdings hat sich vor ein paar Jahren der Vorhang der digitalen Gewalt, der vor allem Frauen hilflos ausgeliefert sind, kurz auch für mich gelüftet.

Als schlimme Männer 2008 in Blog-Kommentarspalten ihr Unwesen trieben, bat mich eine Co-Bloggerin bei „Blogfrei“, für sie zu übernehmen; sie brauchte eine Pause. Was ich dort moderieren musste, war so fies – eine eigene Welt, die ich als weißer Hetero-Mann nicht kannte. Ich war nach diesem Abend völlig fertig, obwohl mich nichts von dem Dreck direkt treffen konnte. Seitdem ahne ich, wie es Frauen regelmäßig online geht.

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Ring2 Hamburg Logbuch 17 Grad in HH — Frühlingsgefühle an der leeren Haltestelle

Moin Moin Hamburg. KW 9 · retroglossiert.

Siebzehn Grad bekamen wir in dieser Woche. Der Frühling ist da, die Natur explodiert und die Menschen strömen auf die Straßen, die Plätze, an den Fluss. Wie schnell der Schnee und das Eis auf der Elbe doch schmelzen, wenn der Atlantik warmen Wind über die Elbe schickt.

In Ottensen profitieren die Cafés, die in einer Sonnenschneise liegen. Dort sitzen die Hamburgerinnen zur Not übereinander — Hauptsache in die Sonne blinzeln. Die anderen müssen wohl oder übel noch ein wenig warten, bis die Sonne über die Häuserschluchten herüber luken kann. Das kann locker bis in den März dauern. Der Frühling ist früh dran.

Siebzehn Prozent bekommen Frauen in HH durchschnittlich weniger Gehalt als Männer. Am Freitag “feierte” Deutschland seinen “Equal Pay Day” – den Tag, bis zu dem Frauen umsonst gearbeitet haben 2026. Die Hamburgerinnen müssten eigentlich noch bis zum 3. März warten, denn bundesweit liegen wir bei “nur” 16%.

Chapters

* 2:03 Frühlingsgefühle in Hamburg

* 4:39 Peters große Show

* 7:12 Streiks in Hamburg

* 11:04 HafenCity und der Wandel

* 12:04 HSV und seine Neuigkeiten

* 13:42 FC St. Pauli und der Druck

* 14:19 Hirsche im Hirschpark

* 15:37 Gute Nachrichten zum Schluss

Peters große Show

Donnerstagabend, kurz nach acht. Der Hamburger Hafen liegt vor einem irgendwie dunklen Himmel. Die Elbe schiebt sich schwarz und träge in Richtung Nordsee. Und dann — Licht. Also viel mehr Licht, als ohnehin schon im Hafen den Himmel verseucht.

Neunhundert Drohnen steigen auf, formieren sich über dem Wasser, malen pittoreske Piktogramme in den Nachthimmel: Schwimmer, Läufer, Sprinter, das Olympische Feuer. Dazu ein Motto, in leuchtenden Buchstaben, das sich so nur ein Sozialdemokrat ausdenken kann: „Olympia in Hamburg. Eine Chance für alle.”

Es war, so berichten geladene Zeug:innen, durchaus beeindruckend.

Die Show war nicht angekündigt. Sie war nicht öffentlich. Kaum eine Chance, sie zu sehen – schon gar nicht für alle.

Die Show war Teil der Senatspräsentation in der Elbphilharmonie — exklusiv, für geladene Gäste, für Politikerinnen und Olympia-Legenden, für die, die schon wissen, worum es geht. Die anderen, die zufällig unten am Wasser standen, haben einfach Glück gehabt.

Ich war zu Hause, wie die meisten Hamburger:innen. Was bedeutet, „Eine Chance für alle” krepiert als Slogan ziemlich früh.

Willkommen in Hamburg, Woche neun. Der Senat träumt groß und die Hochbahn streikt gleichzeitig. Das ist ein Widerspruch, den Peter Tschentscher auflösen muss, will er die Stadtgesellschaft für eine Olympiabewerbung gewinnen.

Die Bewegung “Nolympia” hat derweil Anfang der Woche ein Quorum übersprungen, und nun muss sich die Bürgerschaft mit den Gegner:innen von Olympia beschäftigen. Die Drohnenshow war dagegen einfach, Peter.

Ein Bürgermeister, der die Olympiabewerbung Hamburgs zum Muss hochjazzt, eine Promoshow nur für Gewogene offenbar von Steuerkohle bezahlt, darf sich vor der Auseinandersetzung mit seinen Bürgern ruhig ein wenig fürchten. Ich frage mich, oder ist er einfach nur arrogant?

Drei Uhr morgens, nichts fährt mehr

(Dieser Satz fiel nicht in der Spielbank Hamburg)

Dieser Blog/Letter erscheint so erst zum 2. Mal und gleich müsssen wir uns um ein Deja vu kümmern: Streik.

Ver.di hat mal wieder zu einem Warnstreik aufgerufen — Hochbahn und VHH, bis Sonntag früh. Diesmal sind nicht nur die Busse betroffen. Die U-Bahnen fahren auch nicht. Die Linien U1, U2, U3, U4: stehen. Die Busflotte: steht. Die Stadt: steht. Wer muss (also alle außer Bürgermeistern und Reedern), nimmt das Fahrrad oder die eigenen Beine.

Immerhin: Am Elbtunnel wird nicht mehr gestreikt, äh gesperrt. Die Lkw rollen wieder. Die Autos rollen wieder. Nur die Menschen in der Stadt, die Busse und U-Bahnen brauchen, die schauen in die Röhre. Das hat eine eigene Logik: In Hamburg läuft der Verkehr für Waren besser als der für Menschen. Diese Woche pulsiert nur der Hafen und Peters Ego.

In der Alster schwimmen Schwermetalle?

Das hat zumindest der BUND herausgefunden — oder genauer: befürchtet. Die Projektgruppe „Nein zu Olympia” warnt, dass bei Schwimmwettbewerben in der Außenalster Schlamm aufgewirbelt werden könnte, der Quecksilber und krebserzeugende Substanzen enthält. Die Stadt, verkündet das Tagesjournal trocken, „ist sich dieser Belastungen bislang nicht bewusst.”

Man muss das kurz sacken lassen. Hamburg bewirbt sich für Olympische Spiele. Man möchte Schwimmer in der Alster plantschen lassen. Und ist sich dabei der Schwermetalle im Boden nicht bewusst.

Das Finanzierungskonzept soll in der zweiten Märzhälfte vorgestellt werden. Ob ein Konzept für den Alsterschlamm dazugehört: unbekannt. Die Gegner der Bewerbung — die Initiative NOlympia hat über 17.000 Unterschriften gesammelt — dürften sich freuen.

A pros pos Finanzierung: Der Pariser Vizebürgermeister hat bei einem Frühstück gesagt, die Kosten seien kein Problem. Das reicht offenbar als Finanzierungsgrundlage, wenn man Olympiabefürworter in der Bürgerschaft ist. Ab Ende April kann per Briefwahl über die Bewerbung abgestimmt werden. Hamburg entscheidet dann, ob es ein neues Kapitel seiner Stadtgeschichte schreiben will — während die U-Bahnen streiken und die Alster vor sich hin schimmert.

(Naja, sagt mir gerade meine Schlussredaktion, das kann ja auch eine Chance für alle sein — (sic!) — so wie wenn man Besuch bekommt und all das aufräumt, was bisher liegen geblieben ist)

Danke, dass Du Ring2, das Hamburg Logbuch liest. Bei Gefallen, teile es doch bitte …

Hafen- statt Medienstadt

In der HafenCity beginnen die Bagger zu arbeiten, wo einmal Gruner + Jahr stehen sollte.

Baufeld 73 war jahrelang die Metapher für den Niedergang der deutschen Verlagslandschaft — ein reserviertes Grundstück für ein Verlagshaus, das es nicht mehr gibt. Jetzt baut dort eine andere Familie, statt den Jahrs die Familie Aponte, die hinter der Reederei MSC steht, eine neue Deutschlandzentrale. Sieben Stockwerke, über hundert Meter lang, fünfzehntausend Quadratmeter Glasfläche, direkt südlich der Deichtorhallen. Mindestens tausend Quadratmeter davon sollen öffentlich sein — Showroom, Restaurant. MSC ist Miteigentümer der HHLA und damit tief verankert in dieser Stadt. Wo ein Medienkonzern aufgehört hat zu existieren, beginnt ein Logistikimperium zu wachsen. Das ist kein Zufall. Das ist Hamburger Wirtschaftspolitik in Echtzeit.

Und dann ist da noch …. der HSV

Der HSV hat diese Woche sein Fankredit-Darlehen zurückgezahlt, das er in schlechten Zeiten benötigt hatte. Der Verein ist schuldenfrei. Verteidiger Luka Vusković hat seine Führerscheinprüfung bestanden. Für HSV-Fans hat der Führerschein von Vusković vermutlich dieselbe emotionale Bedeutung wie die Schuldenfreiheit des Vereins. Der FC Hollywood für Arme war gestern. Heute segelt der Dino steady.

Beim FC St. Pauli sprießen diese Woche die Krokusse nach dem Sieg gegen Werder besonders schön. Doch: anders als letzte Saison haben die Kiezkicker in dieser Saison auswärts (also außerhalb von Hamburg) noch kein einziges Spiel gewonnen. Trainer Alexander Blessin sagte am Freitag: „Wir wollen mehr.” Das klingt nach Trotz. Es klingt auch ein bisschen nach Pfeifen im Keller. Statt Platz 17 (die Zahl des Letters diese Woche) stehen die Boys in Brown auf einem Nichtabstiegsplatz (bis Sonntag mindestens), weil seine Stürmer plötzlich treffen und Vasilj wieder in alter Topform ist. Trotz nur gut 17% Siegchance.

Aus dem Hirschpark in Nienstedten wurden diese Woche drei Damwildhirsche nach Rissen umgesiedelt. Grund: Im Hirschpark war keine artgerechte Haltung mehr gewährleistet. Die Freunde des Hirschparks zweifeln das an. Was unstrittig ist: Den Hirschen wurden für den Transport die Geweihe entfernt.

Ich bin quasi im Hirschpark aufgewachsen und kann berichten: die Hirsche hatten es nie leicht in dem Park. Nervende Kinder, besoffene Nachtschwärmer, die sie mit Pommes füttern und lebensmüde Frauen, die sich neben dem Gehege erhängen. Im Klövensteen geht es ihnen sicher besser. Da ist es bekanntlich sehr ruhig.

—》Ob der Park umbenannt werden muss, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest.

Die gute Nachricht der Woche zum Schluss …

Steuerfreiheit für die Süderstraße

Gleichzeitig hat Hamburg beschlossen, die Hundesteuer für adoptierte Tierheimhunde drei Jahre lang auszusetzen. Das ist eine echte, unkomplizierte, gute Nachricht. Keine versteckten Kosten, kein Senatsbeschluss mit Hintertür, kein Finanzierungskonzept, das erst in der zweiten Märzhälfte kommt. Einfach: wer einen Hund aus dem Tierheim holt, zahlt drei Jahre keine Steuer.

*Wuff.

— aufgeschrieben/ eingesprochen von Erik Hauth in Hamburg Altona am 28. Februar 2026

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Ring2 Hamburg Logbuch Hamburg spürt die Hitze des Krieges im milden Frühling

Freitag, 6. März 2026. 07:14 Uhr. Der Ring 2, die Ringstraße, die das Innen in Hamburg seit den 50ern vom Außen trennt. Vom Winter gegerbtes Asphaltgrau und darüber liegt der Geruch von Diesel, der heute Morgen 20% teurer ist als noch ein Tag zuvor. An der Jet-Tankstelle beim Stadtpark leuchtet die Anzeige: Diesel 2,14 Euro. Ein Mann in einer verwaschenen Jacke starrt auf die Zapfsäule, als wäre sie ein Orakel, das ihm gerade den Untergang prophezeit hat. Er drückt den Hebel nicht ganz durch, er dosiert ihn, Milliliter für Milliliter, als würde er flüssiges Gold in seinen alten Toyota füllen. Das habe ich in meinen 20ern auch so gemacht als ewig klammer Student. Seitdem galt Volltanken ohne auf den Preis zu achten als verdienter Alltagsluxus. Das ist nu voebei. Danke Donald.

Es ist die Woche 10 im Jahr 2026, und das große Metathema, das über dieser Stadt schwebt wie der frühe Nebel über der Alster, ist Energie. Aber nicht nur die Energie, die wir in Kilowattstunden messen oder in Litern bezahlen. Es ist auch die soziale Energie, die Hitze des Krieges, die auch bei uns ankommt und die des Frühlings, die uns Hamburgerinnen auf die Straßen und Plätze treiben.

In dieser Woche fühlt sich Hamburg an wie ein Seismograph, dessen Nadel mit jedem Raketeneinschlag im fernen Nahen Osten erzittert. Wir blicken auf die Elbe und blinzeln in die schon starke Mittagssonne, aber vor Augen haben wir die Feuer im Persischen Golf. Das ist die Realität in dieser Woche: Die Geopolitik hat auch Hamburgs Öffentlichkeit erreicht.

Das Grollen im Osten: Hamburg als Exil und als Echoraum

Wenn man das „Hamburger Tagesjournal“ in diesen Tagen in der Inbox findet, grüßt Mathias Adler nicht mehr nur mit dem Wetter oder der neuesten Posse aus dem Rathaus. Es ist der „Irankrieg“, der die Zeilen füllt. Es ist kein Krieg mehr, den man wegscrollen kann. Er ist hier. In den Gesichtern der Menschen auf dem Steindamm, in der betäubenden Stille vor der Blauen Moschee, die immer noch wie selbstverständlich am Ufer der Außenalster steht.

Die iranische Community in Hamburg – mit rund 25.000 Menschen eine der größten in Europa – lebt in dieser Woche im Ausnahmezustand. Während die Nachrichten von Drohnenangriffen auf Isfahan und der Blockade der Straße von Hormus berichten, sitzen die Menschen im „Teheran“ am Steindamm vor ihren Telefonen. Es ist eine kinetische Energie, aus Sorgen gespeist und dieser euphorischen Hoffnung, das trotz Gewalt und Tod nun doch sich alles zum Guten wandelt. Irgendwie.

Die MOPO berichtet von spontanen Mahnwachen vor dem Generalkonsulat der Iranischen Republik an der Bebelallee. Es ist eine seltsame Mischung aus Hoffnung auf einen Sturz des Regimes und der nackten Sorge vor dem, was mit den Familien in der Heimat passiert. In Hamburg-Nord, wo viele Exil-Iraner der ersten Generation leben, ist die Stimmung bleiern. Die Stadt ist in dieser Woche ein Resonanzkörper für den Schmerz eines fernen Landes.

Vollmond und keine Streiks

Mitte der Woche war Vollmond. Der Mond hing über dem Hamburger Hafen wie eine überbelichtete Werbetafel. Fehlte nur noch, dass da groß “Eine Chance für alle” drauf zu lesen gewesen wäre.

Seit Wochen mal kein Streik. Obwohl ich persönlich die Sperrung der S-Bahn-Strecke von Altona über Sternschanze und Dammtor als ähnlich große Beeinträchtigung werte.

Hamburg baut. Und sucht Geld.

NDR 90,3 meldete am Donnerstag den neuesten Stand zum A7-Deckel in Altona. Es geht voran, aber im Schneckentempo. Die Stadt baut an ihrer Zukunft, während die Gegenwart ihr die Mittel entzieht. Die Kriegsflation, befeuert durch die Unsicherheit im Nahen Osten und die Lobbyisten im Bund, frisst sich durch die Hamburger Haushalte.

Bürgermeister Tschentscher wirkt in dieser Woche wie ein Kapitän, der versucht, ein Containerschiff durch ein Nadelöhr zu steuern. Während die Opposition im Rathaus über die Kosten der Unterbringung von Geflüchteten wettert – die Zahlen steigen wieder, vor allem durch Menschen, die vor den neuen Konflikten im Mittleren Osten fliehen –, versucht der Senat, Ruhe auszustrahlen. Doch die Ruhe ist brüchig. Das „Hamburger Tagesjournal“ merkte süffisant an, dass die „Hamburger Gelassenheit“ langsam in eine „Hamburger Starre“ übergeht.

Und dann ist da ja noch … der HSV:

So schnell kann das gehen. Da wähnst du dich nach einer starken Hinrunde, vor allem zu Hause im Volkspark, angekommen im Mittelfel der Bundesliga, die du als HSVer sowieso als dein angestammtes Spielfeld betrachtest. Und dann gibts zwei kraftlose Heimniederlagen.

Das kann mal passieren, aber doch nicht so. Es scheint, als hätte den HSV eine kollektive Frühjahrsmüdigkeit befallen. Am Samstag ging es zum vermeintlich blutleersten Team der Liga, den Konzernwölfen aus Wolfsburg.

HSV sorgt für vorzeitiges Verbrenneraus

Im dritten Spiel gegen eine Werkself in gut einer Woche hätte man auch gleich zum Elfmeterschießen übergehen können. Viel mehr Energie hatten beide nicht zu bieten. Immerhin: das Elfmeterschießen konnte der Hamburger SV für sich entscheiden. (Was lustigerweise auch die Fans des anderen HHer Klubs freuen dürfte)

Und der FC St. Pauli?

Am Millerntor bereitet man sich derweil auf das Spiel gegen Frankfurt vor. (Sonntag, 15:30 Uhr). Es ist die einzige Form von Eskapismus, die noch funktioniert: 90 Minuten lang so tun, als wäre die wichtigste Frage der Woche, ob Tomoya Andō wieder in der Startelf steht.

Der Puls der Fernwärme und das Versprechen von Morgen

Während die Welt am Persischen Golf brennt, graben wir in Hamburg den Boden auf. Hamburg Energie hat in dieser Woche den Startschuss für den massiven Fernwärmeausbau im Norden gegeben. 4,7 Kilometer neue Leitungen, eine Operation am offenen Herzen der Infrastruktur. Es ist die Ironie unserer Zeit: Wir planen die Klimaneutralität für 2045, bauen Wasserstoffnetze wie das „HH-WIN“, von dem Tschentscher und Fegebank träumen, während die Gegenwart uns mit der nackten Geopolitik ins Gesicht schlägt.

Die Schlussredaktion fragt, ob wir in HH unsere Fernwärme mit Gas oder Öl anfeuern? Das wäre dann ja auch irgendwie doof. Recherchen ergeben: Abwärme und Kohle heizen unseren Wasserdampf, der große Teile der Stadt wärmt (dieses Jahr noch, dann soll Wedel abgeschaltet werden). Das beruhigt auf eine merkwürdige Art.

In den Kneipen von Barmbek-Nord spricht niemand über den „Green Hydrogen Hub“ in Moorburg. Man spricht darüber, ob die Heizung im nächsten Winter noch bezahlbar ist, wenn die Straße von Hormus dicht bleibt und der Vermieter wegen der Merzschen Propaganda eine neue Gasheizung installiert.

Was war sonst noch?

* Kultur: In der Elbphilharmonie gab es ein Benefizkonzert für die Opfer im Iran. Die Hochkultur versucht, zu helfen, dem Chaos eine Struktur zu geben. Wenn Geigen gegen das Echo der Explosionen in Teheran anspielen, bleibt ein hilfloser Beigeschmack.

* Polizei: Erhöhte ihre Präsenz rund um die jüdischen Einrichtungen im Grindelviertel. Die Angst vor zusätzlichem Antisemitismus wächst mit jedem Tag, an dem der Konflikt im Osten eskaliert.

* Zeugen wider Willen: Rund 30.000 Deutsche sitzen derzeit in der Region fest, ein signifikanter Teil davon sind Hamburger Urlauber und Geschäftsleute (NDR Info, 02.03.2026). Was als luxuriöser Stopover oder Routine-Trip begann, ist für viele zum Albtraum geworden. Das „Hamburger Tagesjournal“ berichtet am Dienstag trocken, aber treffend von den „Zeugen mit Flugverbot“ (Tagesjournal, 03.03.2026).

Besonders dramatisch ist die Lage für jene, die auf den Kreuzfahrtschiffen von TUI Cruises festsitzen. Man muss sich das vorstellen: 2.500 Menschen an Bord, der Kapitän versichert, der Hafen sei „relativ safe“, während draußen die Lufträume von Dubai bis Oman dichtgemacht wurden (NDR Info, 02.03.2026).

Ottensen ist nicht Mailand

Gestern Abend schlendere ich durch Ottensen. Vor jedem Restaurant sitzen Menschen und genießen den lauen Spätwinterabend. Kaum klettert das Thermometer über 13 Grad, strömen die Hamburger aus ihren Altbauwohnungen und bevölkern die Straßen und Plätze. Nicht nur zum Protest, sondern auch um die Energie des Frühlings aufzunehmen, nach diesem langen frostigen Winter.

Junge Pinneberger trinken Cocktails vor der Rehbar in der Ottenser Hauptstraße, eine Freundin feiert ihren Geburtstag im Fischi. Es wird bis weit nach Sonnenuntergang draußen gebufft, gegrillt, gelacht und gestritten.

Der Iran ist derweil nicht weit weg. Er lebt mitten unter uns, in den Villen in Hochkamp, trinkt Tee mitten auf dem Steindamm, pendelt in der U3; er wartet in der Schlange beim Bäcker in Eppendorf und begegnet uns in den Schlagzeilen dieser Woche. Und sehr wahrscheinlich bleibt das auch nächste Woche so.

Moin und einen schönen Sonntag, euerErik

Anmerkungen der Schlussredaktion: “Sag mal, Erik, willst du gar nichts zum Saharastaub machen?”. Och nee, das ist mir zu boulevardesk, außerdem ist der ja nix Neues. Milchige Wärme, die in der Tagesschau das Prädikat “zu warm für die Jahreszeit” bekommt; wobei ich das irgendwie irreführend finde: wer weiß denn schon, was neuerdings “normal” ist?

Aber den internationalen feministischen Kampftag hätte ich beinahe verbaselt; typisch Mann. Nächste Woche findet für Interessierte bspw ein Female Maker Hub statt. Machen statt reden, finde ich gut. Reparieren statt Shoppen ist mal ne gute Idee.

PPS dieser Letter / Podcast erscheint wöchentlich am Sonntag und schaut auf die Woche in der schönsten Stadt. Er bleibt kostenlos und spamfrei. Wenn er Dir gefällt, teile ihn in deinen Sozialen Medien und spendiere dem Autor eine Galao oder ein Ratsherrn 0.0 via Ko-Fi…

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Quellenverzeichnis: KW 10 (2026)

* Hamburger Tagesjournal (03.03.2026): Leitartikel von Mathias Adler zum „Wurmmond“ und der geopolitischen Lage.

* NDR 1 / 90,3 (05.03.2026): Bericht über die Bauverzögerungen an der A7 und die wirtschaftlichen Auswirkungen der Hafen-Unsicherheit.

* Hamburger Morgenpost (MOPO, 04.03.2026): „Angst um die Heimat“ – Reportage über die iranische Community in Hamburg und Mahnwachen in der Bebelallee.

* Hamburger Abendblatt (06.03.2026): Analyse der steigenden Energiepreise im Hamburger Stadtgebiet und der Reaktion des Senats auf die Flüchtlingszahlen.

* Polizeipressestelle Hamburg (07.03.2026): Meldung zur Sicherheitslage und dem Schutz religiöser Einrichtungen im Kontext der Nahost-Eskalation.

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