Aus Logbüchern kann man viel lernen. Statistisches, wie die Windrichtung, das Wetter und was der Smutje als Essen verkauft an diesem Tag in der Geschichte. Ich vergesse die Jahreszahlen, will den Schweiß der Mannschaft und das Salz des Meeres riechen, von Menschen, Matrosen die vor uns da waren. Ich will wissen, wie sich das Leben anfühlte, bevor wir alles mit Plastik und Algorithmen überzogen haben.
Der 11. Januar ist kein besonderer Tag (wie 03:30 Uhr morgens in einer schlaflosen Nacht keine besondere Stunde ist). Ein Tag, an dem die Welt wieder Schwung nimmt. Zwischen dem Rausch der Silvesternacht und dem Erwachen im langen Rest vom Winter.
Ich bin durch das *Project Gutenberg* und das *Internet Archive* gewandert und habe drei Männer gefunden, die an einem 11. Januar feststeckten.
James Cook: Der steinerne Mittelfinger (1770)
Cook war draußen vor Neuseeland. Er hatte nur diese Nussschale, und um ihn herum nur endloses, gleichgültiges Blau. Er schreibt im Logbuch des 11.1. über einen Felsen, den sie „Sugar Loaf“ nannten.
> „Die Sonne brennt dir das Hirn weg, und der Wind ist so unbeständig wie billige Liebe. Um sieben Uhr abends tauchte dieser Felsen auf – eine einsame, gottverlassene Nadel, die aus dem Wasser ragt. Zuckerbrot? Von wegen. Es ist ein steinerner Mittelfinger, den uns der Ozean zeigt, während wir weiter in die Leere segeln.“
Henry David Thoreau: Das Eis in den Adern (1852)
In Massachusetts saß Thoreau und starrte auf einen gefrorenen Fluss. Er war weißgott kein Heiliger, er war ein Kerl, der die Nase voll hatte von allem: ein Mann, eine Hütte, kein Bullshit.
> „Es ist so kalt, dass die Gedanken im Kopf erfrieren. Ich sehe die Leute in schweren Mänteln, wie sie versuchen, die beißende Kälte zu ignorieren. Das Eis auf dem Fluss ist wie eine graue Haut. Warum nehmen wir uns so wichtig? Wir sind nur Parasiten auf diesem gefrorenen Klumpen Erde. Ich möchte einfach nur sein. Wie ein Tier. Auf dem weiten Eis stehen und die Schnauze halten.“
Der namenlose Matrose: Blau bis zum Sterben (Mitte 19. Jhd.)
Und dann sind da die Logbücher der Walfänger. Männer, die monatelang kein Land sahen, nur Blut, Speck und Einsamkeit.
> „Nichts als Blau. Blau, bis du sterben willst. Seit Wochen kein Wal, nur dieser Zwieback, der in den Zähnen knackt wie Kieselsteine. Wir starren uns an und überlegen, wer zuerst den Verstand verliert. Der Kapitän führt Selbstgespräche mit irgendeinem Gott. Um Mitternacht habe ich über die Reling gepinkelt und die Sterne gezählt. Ein Fleck im Schoß des Universums, auf dem Weg ins Nirgendwo.“
PS Ich habe die Logbücher umgeschrieben, damit die Essenz des Tages für mich deutlicher wird.
PPS Gefallen Dir diese umgeschriebenen Zeitzeugnisse? Dann gib mir bitte Feedback…
Natürlich ist der 11.1. kein Tag wie jeder andere; für mich ist er sogar besonders, denn heute hat mein „kleiner“ Bruder Geburtstag.
Happy Birthday, Philip.
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Hier sind die direkten Links zu den Originalquellen in den Archiven.
1. James Cook: Das Logbuch der Endeavour
- Quelle: Captain Cook’s Journal During the First Voyage Round the World
- Eintrag vom 11. Januar 1770: Cook beschreibt die Sichtung der „Sugar Loaf“ Inseln vor der Küste Neuseelands.
- Link: Project Gutenberg – James Cook Journal (EBook #8106) (Suche auf der Seite nach „11th“ oder „Sugar Loaf“, um die Stelle direkt zu finden.)
2. Henry David Thoreau: Die Journale
- Quelle: The Journal of Henry D. Thoreau
- Eintrag vom 11. Januar 1852: Thoreau reflektiert über die Natur, die Kälte und die menschliche Existenz.
- Link: Internet Archive – Journal of Henry D. Thoreau (Vol. 3, 1851–1852) (Du kannst das Buch dort im Reader durchblättern; der Januar 1852 beginnt etwa in der Mitte des Bandes.)
- Alternativer Link (Gutenberg): The Writings of Henry David Thoreau (Journal I)
3. Samuel Pepys: Das berühmteste Tagebuch der Geschichte
- Quelle: The Diary of Samuel Pepys
- Eintrag vom 1. Januar 1660/61: Über das Leben im Dachgeschoss und den verbrannten Truthahn.
- Link: Project Gutenberg – Diary of Samuel Pepys (Complete) (Pepys’ Tagebücher sind dort in mehreren Bänden oder als Gesamtausgabe verfügbar.)
4. Harry McNeish: Das Ende der Endurance
- Quelle: South! The Story of Shackleton’s Last Expedition 1914-1917 (enthält Auszüge aus den Logbüchern).
- Eintrag vom 1. Januar 1915: Über das Neujahrsfest im Packeis.
- Link: Project Gutenberg – South! by Sir Ernest Shackleton
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