Wochenletter, frostige Nullnummer. KW acht.
Tl;dr: Minus sechs Grad – bald dreimal soviel. Schnee wie nasse Pappe. Keine Busse. Willkommen in Hamburg, Angela.
Es ist Mittwochmorgen, sieben Uhr, Hamburger Osten. Sergej Nuss steht auf dem Betriebshof in Billbrook und friert. Er könnte jetzt seinen Bus warmlaufen lassen, die Türen öffnen, die ersten Fahrgäste einsteigen lassen — die Mütter mit Kinderwagen, Bauarbeiter mit Thermoskannen, nervige Schüler mit Kopfhörern und TikTok vorm Gesicht. Er tut es nicht. Er streikt.
Hinter ihm: stehen 89 Prozent seiner Kollegen bei der VHH. Auch sie streiken. Vor ihm: Hamburger Straßen, auf der sich keine Busse bewegen. Die Menschen warten trotzdem an den Haltestellen — weil sie es nicht wissen, weil das Handy keinen Akku hat, weil Gewohnheit manchmal stärker ist als Vernunft.
Willkommen in Hamburg, Woche acht. Zieh die Jacke oben zu. Es wird rau.
Ver.di hat drei Tage lang gestreikt, in Wellen. Montag: Harburg. Dienstag: die gesamte Stadt. Mittwoch: VHH und der Hamburger Osten. Donnerstag die Betriebshöfe Wandsbek und Hammerbrook. Jeden Morgen eine neue Front, jeden Morgen neue Haltestellen, die niemand von Sergejs Kolleg:innen bedient
Saskia Heidenberger, Personalvorständin der Hochbahn, trat vor die Kameras und sprach das Wort aus, das Arbeitgeber immer aussprechen: konstruktiv. Der Streik sei nicht konstruktiv. Man habe sich auf einen Verhandlungsfahrplan geeinigt. Einen Fahrplan, hallo? Die Hochbahn, die gerade keine Busse fahren lässt, benutzt das Wort Fahrplan. Die Ironie ist stark in dieser Stadt.
Die U-Bahnen fuhren allerdings. Die ganze Woche, pünktlich, stoisch, wie immer. Die HADAG-Fähren fuhren auch. Auf der Elbe herrschte eine gewisse Ordnung zwischen den Eisschollen. Nur auf den Straßen, in der Stadt der Menschen: Chaos, Frost, Schlaglöcher.
Das nächste Mal trifft man sich am Verhandlungstisch: Heute, am 20. und 24. Februar bei der Hochbahn, am 26. bei der VHH. Bis dahin: eigene Beine, Fahrrad, viel frische Luft.
Und dann ist da ja immer auch noch – die Bahn.
Es gibt in Deutschland eine besondere Gattung Brief: den Brief, den Politiker an die Deutsche Bahn schreiben. Er ist immer höflich. Er ist immer dringend. Er verändert nie etwas. Fünf Ministerpräsidenten — Tschentscher einer von ihnen, flankiert von den Kollegen aus Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein — haben diese Woche wieder einen solchen Brief geschrieben. An Bahn-Chefin Evelyn Palla. Mit Frist: 2. März. Inhalt: Wann wird die Strecke Hamburg–Berlin fertig? Die Strecke ist seit August gesperrt. Generalsanierung. Fertig sein sollte sie bis Ende April. Der Frost hat andere Pläne. Jetzt wolle man schnell einen Plan. Bis spätestens 2.3.!
Palla antwortete bereits, auf ihre Art: Den Zeitplan präsentiere man am 13. März. Elf Tage nach der Frist. Man muss diese Egalheit irgendwie auch bewundern.
Am Mittwoch dann der Auftritt, den niemand bestellt hatte: Mutmaßlich russische Hacker legten die Auskunfts- und Buchungssysteme der Bahn lahm. Ein Konzern, der seine eigenen Gleise nicht in den Griff bekommt, wird von außen sabotiert. Hybride Kriegsführung gegen ein Unternehmen, das Guerillataktiken schon lange gegen sich selbst erprobt. In den Frühjahrsferien kommt auch noch der nächste Akt: Die Verbindungsbahn wird gesperrt. Wochenlang. S-Bahn, Fernverkehr — alles eingeschränkt.
Reisende werden auf den Bahnsteigen stehen und auf die Anzeigetafeln starren. Toouristen werden sich wundern, Pendler haben ein bitteres Deja-vu.
Auf den Straßen dieser Stadt, hat der Winter ganze Arbeit geleistet.
Schlaglöcher, wohin man schaut. Nicht einzelne, nicht vereinzelte — Kraternetzwerke. Als hätte der Frost beschlossen, Hamburg als Experiment zu nutzen: Wie viel Vernachlässigung verträgt Asphalt, bevor er aufgibt? Die Antwort: weniger als gedacht. Der Senat reagiert mit dem Arsenal der Bürokratie: Heißasphalt, Koordinierungsstellen, Prioritätenlisten. Die Vergabegrenze für Reparaturaufträge wurde kurzfristig auf 100.000 Euro angehoben, damit schneller bestellt werden kann. Das ist immerhin etwas.
Verkehrssenator Anjes Tjarks, der Grüne, dem die Straßen eigentlich egal sein sollten, hat derweil seine Radweg-Bilanz hinter sich. 50 statt 75 versprochene Kilometer. Die CDU zählte nach. Die Verkehrsbehörde verweist auf weniger Autos. Das mag stimmen. Aber die Schlaglöcher unterscheiden nicht zwischen Rad und SUV. Sie reißen jeden Reifen auf. Egal wessen.
Am Jungfernstieg, letzten Donnerstag, kurz vor Mittag: Ein Truck mit einer riesigen LED-Wand parkt in der Fußgängerzone. Auf der Wand: eine umgekippte Müllermilch-Flasche, weiß auf rotem Grund, und der Schriftzug „Alles AfD, oder was?”
Passanten stoppen. Einer fotografiert. Eine Frau schüttelt den Kopf — aus Zustimmung oder Ablehnung, das lässt sich von außen nicht sagen. Die Stadt guckt zu.
Hinter dem Truck steckt Campact, eine Berliner NGO mit schlagkräftiger Kampagnenmaschinerie. Ihr Ziel: Theo Müller, Gründer des Milchimperiums, der Alice Weidel seine Freundin nennt. Müller klagte vor dem Landgericht Hamburg — er will die Behauptung unterbunden haben, er unterstütze eine rechtsextreme Partei. Das Gericht traf bisher keine Eilentscheidung. Campact ließ den Truck weiterfahren.
Nebenbei kam raus: Campact hat über 460.000 Euro in den Hamburger Zukunftsentscheid gesteckt — fast die Hälfte des Gesamtbudgets. Eine Berliner Organisation finanziert einen Hamburger Volksentscheid. Das ist legal. Ob es gut ist, darüber lässt sich streiten. Es streiten auch gerade viele — allerdings vorwiegend auf der rechten Seite des Spektrums, was die Sache kompliziert macht. Die Fakten stimmen. Das Framing ist interessengesteuert.
Die EU hat diese Woche die Übernahme von Blohm+Voss und der gesamten Lürssen-Marinesparte NVL durch Rheinmetall genehmigt. Wo früher Handelsschiffe gebaut wurden, entstehen jetzt Kriegsschiffe — unter dem Dach des größten deutschen Rüstungskonzerns. Das ist, je nach Standpunkt, modern oder mies.
Otto baut knapp 460 Vollzeitstellen ab. Marketing, Tech, Controlling. Das Wort „KI” fiel in der Pressemitteilung nicht. Es musste nicht fallen. Jeder weiß, was gemeint ist. Hamburgs Wirtschaftssenatorin ist derweil in Mumbai, wo sie den dortigen Hafen inspiziert und nach maritimen Kooperationen fragt. Hamburg muss seine Zukunft wohl in der Ferne suchen.
Der Rechnungshof hat seinen Jahresbericht vorgelegt. Er rügt. Das tut er jedes Jahr. Jedes Jahr nicken alle. Jedes Jahr ändert sich wenig. Der Kreislauf der hanseatischen Selbstkritik, unendlich, irgendwie auch beruhigend in seiner Verlässlichkeit.
Und dann gibts ja noch: den HSV.
Eric Huwer, Vorstandschef des Hamburger SV, trat auf der Mitgliederversammlung ans Mikrofon und sprach über Stadien. Über das, was er will und was er nicht will. Er will kein Stadion mit Laufbahn. Er will kein Leichtathletikoval. Er will ein Stadion, das dem HSV gerecht wird — für die Olympia-Bewerbung 2036 oder 2040, falls Hamburg sie denn bekommt. Was er sagte, klang wie ein Mann, der schon weiß, was gebaut wird, obwohl noch nichts beschlossen ist. In Hamburg nennt man das “Das Selbstbewusstsein eines Hanseaten”. Anderswo würde man es Frechheit nennen.
Der HSV spielt übrigens immer noch in der Bundesliga. Schuldenfrei, zum ersten Mal seit Jahrzehnten. Das Volksparkstadion steht. Das Team steht. Die Stadt könnte stolz sein — und ist es vermutlich auch, auf die stille, norddeutsche Art, die von außen aussieht wie Gleichgültigkeit. Oder man ist St. Pauli Fan. Der hätte auch gerne einen Stadionausbau, kämpft aber mit der Abstiegsangst.
Angela Merkel kommt am 6. März zum Matthiae-Mahl. Sie ist Ehrengast. Das Thema: Europa. Sie kehrt zurück in die Stadt, in der sie geboren wurde, um über ein Projekt zu reden, das gerade von allen Seiten unter Beschuss liegt. JD Vance stichelt aus Washington. Der Bulgare sabotiert aus dem Schatten. Lars Klingbeil versucht, die EU-Finanzminister zu koordinieren, und klingt dabei wie jemand, der zum ersten Mal bemerkt, dass Führung möglich wäre, wenn einer sie übernimmt.
Am Wochenende kommt das Tauwetter. Zwölf Grad nächste Woche. Der Frost zieht ab. Die Schlaglöcher bleiben. Die Busse kommen zurück. Die Bahn nennt ihren Zeitplan trotzdem erst am 13. März. Rheinmetall baut Schiffe. Campact wirbt. Huwer plant Stadien. Der Rechnungshof rügt.
Hamburg dreht sich weiter. Müde, fertig mit dem Schnee, kaputt aber unabsteigbar.
— HH am 20. Februar 2026
Quellen: Hamburger Tagesjournal · Hochbahn AG · ver.di Hamburg · hamburg.de · dpa / Tagesspiegel (Bahn-Ultimatum) · Radio Hamburg (Schlaglöcher) · NDR / Business Insider DE (Otto) · dpa / boerse.de (Rheinmetall/NVL) · taz.de · transparente-demokratie.de (Campact/Zukunftsentscheid) · HSV e.V.
Dies ist ein Testballon. Ein Text, zusammengestellt aus den Nachrichten dieser Woche. Der etwas andere Hamburg Newsletter: Man kann ja nie genug Projekte haben, oder? Nachdem ich der Elbvertiefung der ZEIT beim Start helfen konnte und als begeisterter Leser des HHer Tagesjournals, frage ich mich: gibt’s Bedarf an einem launigen Letter aus und über die Stadt, der die Woche in der schönsten Stadt zusammenfasst? Und noch mehr: gibt’s Leute, die da mitmachen würden?

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