Ring2 Hamburg Logbuch Frühling mit Findling

Moin Moin Hamburg. Wir machen das Dutzend voll. Also: Das war die KW 12 in der schönsten Stadt

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Dieses Wochenende blieb man am besten dort, wo man gerade war. Ver.di streikt mal wieder, die A7 bietet keine Alternative. Wie kommt der HSV eigentlich nach Dortmund – oder zurück? Mein Schulfreund Nils und ich radelten früher zum Volkspark, Schülerkarte fünf Mark. Dazu aber ein annern Mal mehr …

Wer ein Fahrrad hat, kam diese Woche am leichtesten durch unsere Stadt. Zum Glück spielte das Wetter mit. Seit Freitag, 15:46 Uhr, herrscht nun auch kosmisch Frühling. Die Patronen an den Bäumen explodieren. Der Verkehrssenator wünschte sich, Hamburgs Brücken stünden so stabil wie das Hoch über Europa.

If the weather goes high, we go low.

In Bramfeld graben sie für die U5. Keine große Leistung, in Hamburg graben sie immer irgendwo. Aber diese Woche fanden sie etwas: einen Findling. 22 Tonnen Eiszeit-Granit. Ein baupsychologischer Endgegner aus der Erdgeschichte. Die ZEIT Elbvertiefung analysiert das richtig: Das Ding lag dort 200.000 Jahre rum, störte niemanden, und jetzt kommt die Hochbahn und braucht einen Spezialkran. Und was machen wir Hamburger? Wir suchen via Social Media einen Namen für den Brocken. Als bräuchte der Stein plötzlich eine Identität, nur weil er ans Licht kommt. Wahrscheinlich heißt er bald „Steini McSteinface“ und steht als Denkmal in Bramfeld, während Osdorf weiter auf seine U-Bahn wartet. Das ist das Ding mit der U5: Wir planen und planen, am Ende finden wir einen Stein und alles verzögert sich.

Nur der kurze Olaf wird noch kürzer.

Offiziell natürlich Elbtower. Eine Geschichte, die niemand mehr ohne Ärger in der Stimme erzählt. Da steht dieser Stumpf in der HafenCity, seit fast zweieinhalb Jahren, wie ein abgebrochener Zahn. Wir dachten: Das wird eh nichts mehr. Der bleibt so stehen wie die Neubauruinen im Spanien der 80er, als den Bauherren in Malaga das Geld ausging. Aber jetzt meldet das Abendblatt: Positiver Bauvorbescheid!

Dieter Becken und sein Konsortium dürfen weitermachen. Aber – und das ist der eigentliche Witz – der Turm wird gestutzt. Von 245 auf 199 Meter. Ein typischer Hamburger Kompromiss. Wir wollen hoch hinaus, kriegen dann aber Höhenangst vor der eigenen Courage und dem leeren Geldbeutel. Plötzlich fehlen 46 Meter. Die Aussichtsplattform wandert vom 55. in den 43. Stock. Du stehst dann da oben und denkst: „Mensch, 50 Meter höher wäre es schöner gewesen, ich sehe nicht mal den neuen Findling.“

Dass dort jetzt ein Naturkundemuseum einzieht, ist auch so eine verfilzte Geschichte. Oben Luxushotel, unten ausgestopfte Tiere, die die Miete bezahlen.

Peter Tschentscher streitet derweil mit dem maritimen Koordinator der Bundesregierung, Christoph Ploß, über Konzepte und die Frage, wer mehr Ahnung vom Hafen hat. Ein Gezerre, wie es nur eine Stadt kennt, die gleichzeitig Weltstadt sein will und dann doch nur eine Ansammlung zugezogener Politprovinzeier ist, die sich gegenseitig nicht das Spiegelei auf dem Labskaus gönnen.

Der Umgang des Senates mit dem Hafen, die explodierenden Kosten für die Schlickverbrennungsanlage und das Sponsoring des „gekürzten Olafs“ zeigen jedem, wie die Stadt mit unserem Geld umgeht. Ich habe mich geirrt: Wir müssen gar nicht nach Paris schauen, um über Olympia zu entscheiden. Die aktuellen Zustände in unserer Stadt reichen, um vor dem Risiko Olympia zu gruseln.

Jazz = Birdland

Die Mopo empfahl für dieses Wochenende das Urban Jazz Festival im Birdland. Jazz ist die Musik Hamburgs und die der Baustellen: Niemand weiß genau, wann der nächste Ton kommt und wie er ins Bestehende passt. Alles improvisiert. Am Ende wundert man sich (zumindest in der Musik), dass es irgendwie harmonisch klingt.

Wer es verpasst hat, der kann am kommenden Donnerstag zur legendären Jam Session in den 40-jährigen Jazzklub schnuppern. Der Eintritt ist frei.

Kostenlos bleibt auch die luftige Fahrt über die Köhlbrandbrücke. Die kostet allerdings uns alle viel Geld: laut Senat jährlich über 10 Millionen Euro Unterhalt, nur damit sie nicht in die Elbe fällt, bevor wir sie 2042 – also quasi übermorgen, in Hamburger Baujahren gerechnet – endlich ersetzen.

Was lernen wir aus dieser Woche? Wir bauen Türme und kürzen sie. Wir finden Steine und taufen sie. Wir streiken und stauen. Jazz bleibt unsere Medizin, wenn alles zu viel wird.

Setzt euch am besten mit dem Rücken zum „Alten Schweden“ und dem Gesicht zur Elbe in die Sonne. Lasst Peter einen guten Mann sein. (Davon gibt es in Hamburg eh immer weniger.)

Und dann ist da ja noch … der HSV.

FRÜHLING!, eine Jahreszeit vor der sich der geneigte HSV Fan gruselt.

Ob das 3:2 in Dortmund nach einer zwei-Tore-Führung schon durch dieses besondere Frühlingsgefühl zustande kam? Was wohl mein Schulfreund Nils dazu sagt? Wenn eure Kollegen leicht verschnupft ins Büro kommt und dem Hamburger SV die Daumen drückt, dann ist das auch eine Form der Allergie.

Beim FC St. Pauli freut man sich auf Philipp Treu. Und hofft darauf, dass die Vorbilder aus Freiburg müde und hochmütig genug sind, damit die Punkte am Millerntor bleiben.

Vielen Dank fürs Lesen und Hören. Teilt diesen Letter bitte in euren Netzwerken.

Dein Erik.

(Nach Diktat verreist, mit dem Rad zum Millerntor)

Hamburg ist nicht … Rostock

In Rostock geht man das Thema Obdachlosigkeit anders an. Grundidee eines neuen Modellversuches, der bisher ein knappes Dutzend Menschen zu einem eigenen Appartment verhalf, ist die Erkenntnis, dass die eigenen vier Wände die Grundlage für eine Besserung im Leben sind. Diese Binse ist in HH leider noch unbekannt.

Quellenverzeichnis

* Hamburger Tagesjournal: Berichte über den Ulmen-Fernandes-Konflikt, den SPD-Parteitag und die VHH-Streiks (März 2026).

* Mopo.de: Kulturhighlights zum Jazz Festival im Birdland und Veranstaltungstipps (März 2026).

* Abendblatt.de: Details zum neuen Investor und dem Bauvorbescheid für den Elbtower.

* ZEIT Elbvertiefung: Hintergründe zum Eiszeitbrocken in Bramfeld und den U5-Planungen.

PS. Sag mal, schreibt meine Schlussredaktion, willst du gar nichts über Collien Fernandez und Christian Ulmen schreiben?

Ehrlich gesagt: nein. Das Thema ist so schlimm wie abstrus. Mit dem glossigen hier Format treffe ich da nur daneben.

Allerdings hat sich vor ein paar Jahren der Vorhang der digitalen Gewalt, der vor allem Frauen hilflos ausgeliefert sind, kurz auch für mich gelüftet.

Als schlimme Männer 2008 in Blog-Kommentarspalten ihr Unwesen trieben, bat mich eine Co-Bloggerin bei „Blogfrei“, für sie zu übernehmen; sie brauchte eine Pause. Was ich dort moderieren musste, war so fies – eine eigene Welt, die ich als weißer Hetero-Mann nicht kannte. Ich war nach diesem Abend völlig fertig, obwohl mich nichts von dem Dreck direkt treffen konnte. Seitdem ahne ich, wie es Frauen regelmäßig online geht.

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