Logbuch KW 11: Von Schönrechnern mit Sanierungsstau
Vor ein paar Jahren wartete ich vor meiner Haustür in Altona im Wagen und hörte NDR Info. Ich zappte in ein Interview, dessen Details im Nebel der Zeit verborgen liegen (meint: an Details kann ich mich nicht erinnern). Aber die These des freundlichen Experten habe ich für immer abgespeichert. Kurz sagte er sinngemäß: “Geld ist immer da, wenn es politisch gewollt ist – dummerweise nur für die Dinge, die gerade politisch gewollt sind”.
Warum ich gerade heute daran denken muss, als ich diesen Letter für euch recherchiere? Na. ne Idee? 😉
Sonntag. 15. März 2026. Altona. Nu ist wieder der Alltag eingekehrt: Der Wind weht böig aus West, es schauert Atlantische Tiefausläufer bei knapp zehn Grad. Es ist die elfte Woche des Jahres, und Hamburg fühlt sich an wie ein Segelschiff, das versucht, auf sturmgepeitschter See Leckagen zu stopfen, während der Kapitän auf der Brücke von Goldschätzen träumt.
Moin, Hamburg. Reden wir über das Geld, das wir angeblich haben.
In dieser Woche hat der Senat das große Scheckheft ausgepackt. 4,8 Milliarden Euro für Olympia. Über sechzig Mal die Elbphilharmonie – wenn man die einst geschätzten Kosten zugrunde legt. Man verspricht uns „wirtschaftlich tragfähige Spiele“. Ein Überschuss von 100 Millionen Euro am Ende – quasi als Trinkgeld für die Stadtkasse. Hamburger sind Kaufleute, ich auch (gelernter Außenhandelskaufmann). Wenn ich allerdings meinem Pfeife-rauchenden Seniorchef damals eine solch löchrige Kalkulation vorgelegt hätte oder am Tresen in der Haifischbar so argumentieren würde um eine weitere Runde aufs Haus anschreiben zu wollen, hätten mich beide schon längst vor die Tür gesetzt.
32 Prozent der Einnahmen sollen aus lokalem Sponsoring kommen. In einer Zeit, in der jeder Euro dreimal umgedreht wird? Das klingt nicht nach einem soliden Finanzplan, das klingt nach „Hoffen auf den Lottogewinn“, wie ich neulich schon in mein Logbuch schrieb. Aber der Traum vom Glanz, von den fünf Ringen über der Alster, er ist mächtig. Er überstrahlt bei einigen die Schlaglöcher der Realität. Dabei hat unser Finanzsenator in Zeiten überkommender Krisenwellen die Kosten für die Sicherheit vorsorglich rausgerechnet.
Klaus von Dohnanyi (die Älteren werden sich erinnern) hat einmal – auch in einem NDR Interview – erzählt, dass er als Bürgermeister alle Kalkulationen aus seinen Behörden mal PI genommen hat. Das sei nicht nur realistischer, sondern mache auch mächtig Eindruck, wegen der krummen Zahl, die rauskommen würde. Übrigens: Hätte er das bspw. für die Elbphilharmonie machen sollen, hätte er das Budget mal 11,24675325 nehmen müssen.
Warum der Hinweis der Olympiabefürworter auf die angeblich so erfolgreichen Spiele in Paris nach hinten losgehen könnte, zeige ich euch am Ende dieser Kolumne.
Während Herr Dressel sich die Bewerbung schön rechnet, vermodert ihm die Stadt unterm Mors
In der Gegenwart macht das Holthusenbad dicht. Acht Monate Schließung. Viel länger als geplant. Denn es ist überall rott: Das Dach kaputt, Fenster undicht – und jetzt auch noch Schadstoffe in den Decken. Es ist das alte Hamburger Lied: Wir bauen Elbphilharmonien und planen olympische Dörfer, aber wenn wir mal eine Runde schwimmen wollen, ohne dass uns die Decke auf den Kopf fallen soll, stehen wir im Regen. Das Holthusenbad ist in Eppendorf mehr als nur ein Schwimmbad; es ist ein lokaler Ankerpunkt. Wenn solche Anker gelichtet werden, beginnt das soziale Gefüge zu driften. Aber hey, wir haben ja bald die Goldmedaillen.
Betriebskosten sind unsexy und eignen sich schlecht für Werbekampagnen – aber (das zeigt übrigens auch Paris) sie können öffentliche Haushalte zum kentern bringen
Ein paar Kilometer weiter, an der Universität Hamburg, herrscht hingegen Jubel – oder zumindest so etwas wie die hanseatische Form davon. Wir bleiben „exzellent“. 77 Millionen Euro für sieben Jahre. Das klingt nach viel Holz, aber Uni-Präsident Heekeren hat den Finger in die Wunde gelegt, noch bevor das Konfetti im Audimax auf den Boden gesunken war. Exzellenz auf dem Papier flickt keine strukturellen Finanzlöcher. Es ist wie bei einem Boot: Du kannst das beste High-Tech-Segel der Welt haben – wenn der Rumpf leckt, bringt dir der Windvorteil gar nichts. Und die Uni Hamburg leckt an allen Ecken und Enden. Die Forschung glänzt, aber der Alltag der Studierenden zwischen Wohnungsnot und überfüllten Seminaren bleibt hoffnungslos.
Stichwort Wohnungsnot: Habt ihr Lara Schulschenk im NDR gesehen? Die Journalistin zeigt uns gerade die Fratze des Hamburger Wohnungsmarkts. Absurde Anzeigen für Besenkammern zum Preis einer Luxussuite. Es ist die tägliche Demütigung auf dem Mietmarkt, die zeigt, wie weit die Schere in dieser Stadt auseinandergeht. Da hilft es auch nur bedingt, dass die SAGA in Mümmelmannsberg 100 barrierefreie Wohnungen hochzieht. Ein Tropfen auf den heißen Stein, während die Stadtplanung im Olympia-Rausch schon wieder über neue Stadtteile fantasiert, die sich am Ende doch nur die wenigsten leisten können.
Ohne Reinheitsgebot: das Hamburger Alsterwasser
Sogar die Alster hat ihre Krise. Eine Studie bescheinigt ihr einen schlechten ökologischen Zustand. Zu viel Freizeit, zu wenig Natur. Jetzt gibt es einen Kompromiss zwischen Paddlern und Naturschützern. Schilfzonen sollen her. Ein bisschen mehr Grün für das feuchte Herz der Stadt. Es ist vielleicht das einzige Thema dieser Woche, das Hoffnung macht: Dass wir es schaffen, uns an einen Tisch zu setzen und eine Lösung zu finden, die nicht nur aus Beton und Milliarden besteht.
Hamburg – eine Stadt zwischen Größenwahn und Sanierungsstau, zwischen Exzellenz und Mietenwahnsinn. Ob Rathausmarkt, G20, Elbphilharmonie oder Olympia – Geld ist da, sogar immer mehr als geplant. Dummerweise ist es nur dafür da, was geplant ist. Nennt sich “Selektive Knappheit“ und ist so fies ungerecht, wie es sich anhört.
„Das Problem in Deutschland ist nicht ein Mangel an Geld, sondern eine Lähmung der Prioritäten. Wir behandeln Investitionen in unsere soziale und intellektuelle Infrastruktur oft als optionalen Luxus, während für nationale Prestigeprojekte und akute Krisenbewältigung binnen kürzester Zeit zweistellige Milliardenbeträge mobilisiert werden können. Fiskalische Regeln werden dann zum politischen Vorwand, um notwendige Zukunftsinvestitionen zu verhindern.“ (Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). In Anlehnung an seine Analysen zur Schuldenbremse und Investitionslücken, 2024/25)
Klar zur Wende. Bleibt an Deck, hier gibts ne Extraration Rum.
Danke fürs abonnieren,
Euer Erik.
Und da war ja auch noch … der HSV
Mühsam ernährt sich der Aufsteiger. In einem zähen Spiel erkämpft sich der Aufsteiger gegen den Aufsteiger einen Punkt. Der Klassiker der Bundesliga kürt keinen Sieger. Stetig krabbelt der HSV damit aus der gefährlichen Zone.
… und der FC St.Pauli?
Was passiert eigentlich, wenn man ein Endspiel verliert? Man ist draußen und fährt nach Hause. Die Boys in Brown haben verdient nach einer auffällig schwachen Partie das Spiel beim Abstiegskollega Mönchengladbach verloren. Bräsig, behäbig und glücklos.
Zum Glück war das mit den Endspielen nur eine doofe Metapher. Es geht weiter, auch wenn die Mannschaft irgendwo Frische und Energie herbekommen muss.
Hamburg ist nicht … Paris
(aber es ist zu befürchten, dass wir uns dieselben Probleme einhandeln – und zwar nachhaltig; ein Vergleich)
Die Datenlage anderthalb Jahre nach den Spielen in Paris 2024 (Stand Frühjahr 2026) zeichnet ein ernüchterndes Bild, das die anfängliche Euphorie der „nachhaltigen Spiele“ stark relativiert. Besonders in den Bereichen Wohnungsmarkt und langfristige Haushaltsbelastung zeigen sich die typischen „Olympischen Nebenwirkungen“.
1. Der Wohnungsmarkt: „Gentrification on Steroids“
Während die Organisatoren versprachen, dass das Olympische Dorf in Saint-Denis (dem ärmsten Departement Frankreichs) neuen Wohnraum schaffen würde, zeigen die Daten von 2025/2026 eine andere Realität:
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Mietpreisanstieg in Saint-Denis: Die Mieten im Umfeld der neuen Sportstätten und des olympischen Dorfes sind zwischen 2023 und Anfang 2026 um ca. 12–15 % gestiegen – deutlich stärker als im Pariser Stadtdurchschnitt.
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Verdrängungseffekt: Viele der 2.800 Wohneinheiten im ehemaligen olympischen Dorf werden nun als gehobene Eigentumswohnungen vermarktet. Kritiker (u.a. das Kollektiv „Le Revers de la Médaille“) belegen, dass die versprochene Quote für Sozialwohnungen durch „bezahlbaren Wohnraum“ ersetzt wurde, der für die ursprünglichen Bewohner von Saint-Denis faktisch unbezahlbar bleibt.
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Studentenwohnungen: Die während der Spiele durchgeführten Zwangsräumungen von über 2.000 Studenten aus CROUS-Wohnheimen führten zu einer dauerhaften Instabilität im studentischen Wohnungsmarkt. Viele dieser Heime wurden nach den Spielen erst mit massiver Verzögerung und zu höheren Sätzen wieder dem Markt zugeführt.
2. Öffentliche Ausgaben: Der „Wartungsschock“ (Legacy Costs)
Die „Schwarze Null“ im operativen Budget verdeckt die langfristigen Belastungen für den Steuerzahler, die erst jetzt im Haushalt 2026 voll durchschlagen:
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Betriebskosten der Sportstätten: Das neue Centre Aquatique Olympique (CAO) in Saint-Denis erweist sich als finanzielles Fass ohne Boden. Die jährlichen Betriebskosten belaufen sich auf geschätzt 2,5 bis 3 Millionen Euro, die nun von der Metropolregion Paris getragen werden müssen. Da das Bad für den Breitensport zu teuer im Unterhalt ist, werden Eintrittspreise verlangt, die über dem Niveau normaler öffentlicher Bäder liegen.
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Staatsschulden-Kontext: Frankreich kämpft 2026 mit einem massiven Haushaltsdefizit. Die 6,6 Milliarden Euro an öffentlichen Olympia-Ausgaben haben den Spielraum für soziale Projekte (Bildung, Gesundheit) in den Folgejahren spürbar eingeschränkt. In den Haushaltsdebatten 2025 wurde das „Olympia-Erbe“ oft als Grund für Kürzungen in anderen Ressorts angeführt.
3. Soziale Verschlechterung: „Le Nettoyage Social“ (Die soziale Säuberung)
Daten von Hilfsorganisationen wie Médecins du Monde zeigen eine nachhaltige Verschlechterung für marginalisierte Gruppen:
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Vertreibung Obdachloser: Während der Spiele wurden ca. 12.500 Menschen (Obdachlose, Migranten) aus Paris in „regionale Aufnahmezentren“ (SAS) in der Provinz verschickt. Viele dieser Menschen kehrten 2025 zurück, fanden ihre alten Unterstützungsnetzwerke in Paris jedoch zerstört vor.
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Verschärfte Überwachungsgesetze: Die für die Spiele eingeführte KI-gestützte Videoüberwachung (VSA) wurde – entgegen ursprünglicher Zusagen – nicht vollständig zurückgefahren. Das „Olympia-Gesetz“ schuf die rechtliche Basis, die nun dauerhaft zur Überwachung des öffentlichen Raums genutzt wird, was besonders in den Banlieues zu erhöhten Spannungen führt.
Fazit aus Paris für Hamburg
Diese Daten sind Wasser auf die Mühlen der Olympia-Skeptiker. Wenn Hamburg mit einer „Schwarzen Null“ plant, übersieht es das „Pariser Paradox“:
„Wir bauen Paläste für drei Wochen Spektakel, während die Wartungsrechnungen danach die Kassen der Stadtteile auffressen, die eigentlich Unterstützung bräuchten. In Paris glänzt das Gold, aber in Saint-Denis zahlen die Mieter den Preis für den Glanz.“
Quellen Paris:
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Analyse von „Le Revers de la Médaille“ (Abschlussbericht 2025)
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Institut Paris Region (IPR) – Marktmonitor Wohnen 2026
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Französisches Finanzministerium (Bilan financier des JOP)
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L’Humanité: Reportagen zur Gentrifizierung in Saint-Denis (Januar 2026)
Quellen Hamburg:
hamburg.de (Pressemitteilung 11.03.2026), Hamburger Abendblatt, NDR Hamburg Journal. uni-hamburg.de (Newsroom), SAT.1 Regional. Reddit r/hamburg.
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