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Podcast

Mallorca ohne Ballermann – Logbuch Laut

Mallorca im Frühling, Mallorca die Lieblingsinsel meiner Kindheit (Hallo Erobique 😉 Kaum eine Urlaubsinsel hat so viele Facetten, vor allem in der kurzen Zeit, bevor die Ballermänner kommen. Ein Logbuch Laut Podcast mit Texten aus diesem Blog:

Als Mallorca Videopodcast bei Youtube:

Die Texte, die ich in diesem Podcast lese und erkläre:

Bei Gefallen lass n Heiermann für ne Weißweinsangria hier.

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Dialoge

Ballermanni

Irgendwo bei Hemdingen auf der Bundesstraße.
(Vorsicht, sagt B. da vorne sind neue Blitzer, die wie Baumstämme aussehen)
18 Grad gibts im Schatten und den gibts reichlich, denn es regnet.

B. und ich umfahren den inzwischen obligatorischen Vorelbtunnelstau nach den Abfahrten Schnelsen schon früh und ömmeln gemütlich über die Landstraße.

Tobias hat ein Ritual, um gut einzuschlafen, sagt B. in die Stille hinein.

So? Welches denn?

Er stellt sich vor, was er mit einem Millionengewinn im Lotto anfangen würde.

Und dabei kann er einschlafen?

Mit einem Lächeln sogar 😃.

Cool. Ich gewinne ja auch immer mal wieder. Aber nur fünf Euro.

Dann musst du ja nur noch 1 Million mal gewinnen. Oder du wirst anders reich.

Wie denn? Ich kann doch nix.

N Sommerhit am Ballermann wäre was, dann könnten wir dahin ziehen und du gehst abends in die Schinkenstraße zu deinen Fans.

Dann könnten wir auch nach Mallorca ziehen, in eine eigene Finca.

Ob ich darauf Bock hätte, ich weiss nicht sorecht. (ich ziere mich ein bisschen)

Vorsicht, ein Blitzer!

Na dann nicht, sagt B. dann bleibt wohl nur der Lottogewinn…

(Ok, denke ich vorhin, als ich am Rechner sitze, dann wollen wir mal sehen … Ballermann Hit – wie macht man sowas heute? Klar, mit einer KI ;))

Gerade den Ballermann Sommerhit 2025 created; ich werd reich, ihr Bit***s 😉

7. August 2025, 11:30 0 Boosts 0 Favoriten

Mallorca Ballermann Hit 2025 – Die Lyrics:

Deutscher Sommer
Ziemlich mau
Duisburg, Essen, alles grau.
Kein Glück in Herne.
Er kriegt Sehnsucht nach der Ferne.

(Refrain)
Ma, ma, ma,
Mallorca Manni
Ma, ma, ma,
Mallorca Manni

Ich geh nicht mehr zurück,
Denn hier finde ich mein Glück.

(Strophe 2)
Kein Bock mehr. Schluss mit der Suche: ich buche,
Schnelle Last Minute Suche.
Ab Nach Mallorca, Mann.

Sein Glück fand er dann
Am Ballermann.

(Refrain)
Ma, ma, ma,
Mallorca Manni
Ma, ma, ma,
Mallorca Manni

Ich geh nicht mehr zurück,
Denn hier finde ich mein Glück.

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(B)Logbuch

Strandbagger

Neumühlen, 7 Grad bei Sonnenaufgang.

Auf Mallorca saß ich viel am Strand. Ich schaute aufs Meer und den anderen Menschen beim Spielen und Baden zu — Sonnenbaden, denn das Mittelmeer war fürs ausgiebige Planschen noch zu kalt (ca 15 Grad, also so warm wie die Ostsee Ende Juni; oder die Elbe).

Alle 500 Meter lag ein muffender Haufen feuchten Seegrases, zusammengeschoben von einem großen Bagger. An einem Tag hatte ich das fast meditative Vergnügen, ihm und seinem entspannten Führer bei der sysiphosischen Arbeit zuzusehen.

Hin und her, hin und her. Ein kleiner Junge sprang aufgeregt herum und rief auf spanisch so etwas wie: „Ein Bagger, Papa, ein Bagger“.

Ruhig und aufmerksam umfuhr der Bagger Handtücher mit liegenden Menschen und hüpfende Jungen.

Es ist die Zeit vor den flächendeckenden Sonnenschirmen, die gegen eine Gebühr einen willkommenen Schatten spenden. Mit viel Gerumpel und Gehämmer werden allerdings schon die Schirmdalben eingeschlagen. Hier arbeitet die Hälfte der Strandbesucher. Ostern beginnt die Saison.

Heute lese ich in der sehr geschätzten Elbvertiefung der ZEIT Hamburg, dass die Hamburger Stadtreinigung ebenfalls aufrüstet. Zwei neue Strandbagger hat sie dieses Jahr in Betrieb genommen. Die beiden sollen zuverlässiger Flaschen, Unrat und Müll aus dem Elbsand sieben.

Auch in Hamburg beginnt Ostern die Strandsaison — wobei bei den Osterfeuern von Blankenese bis Neumühlen erstmal wieder alles dreckig wird, bevor dann im Mai der berühmte und kurze Hamburger Sommer kommt.

Obwohl: in Zeiten des Klimawandels, wer weiss schon, vielleicht boomen bald auch bei uns Schatten spendende Holzschirme.

Die werden aber sicher erst nach Ostern und nicht zu Ostern aufgebaut. Einheimische würde sie sonst sicher dem Feuer anvertrauen, um die Wintergeister zu vertreiben.

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(B)Logbuch

Südost bringt den Frühling

Hafen von Can Pastilla, lebhafter Wind aus Südost, sonnig bei 16 Grad.

Als ich mich aus der Koje schäle, sind meine Knochen noch ein wenig steifer als die letzten Tage schon. Der Zipfel eines arktischen Tiefs hat seine Peitschenspitze nachts über die Insel geschickt. Es war sternenklar und kalt, fast wie an der Ostsee im Mai.

Eine der Gewissheiten, die auch im Mittelmeer gelten: Osten Wind givt n krüsen Büddel und n lütten Stint. Gewiss, wenn er im Winter und Vorfrühling auftritt.

Anfang April und Ende November feiert die Insel ihren Frühling zweimal. Der eine als Belohnung fürs Durchhalten der heißen, der andere für die dunkle Zeit. Richtig kalt wird es einem Nordlicht hier ja nie. Aber die Dunkelheit, die zehrt genauso wie zuhause.

Ostern, so erzählt es Carmen aus der Bodega am kleinen Marktplatz vor der Kirche, reissen wir uns auf Mallorca alle die Winterklamotten vom Leib und springen ins Meer.

Danach ist Badehose und Flip-Flops angesagt. Sommer. Rituelle Häutung auf Knopfdruck quasi, jedes Jahr wieder.

Der Frühling ist eben überall wann anners da, aber kommen tut er bisher immer. Das ist gewiß, glaubt zumindest Carmen. Ich bin mir da nicht mehr so sicher. Deswegen bin ich ja hier.

Als ich meine Nase aus der Kajüte strecke, weht mir der kühle Wind um die Nase, und es riecht nach frischem Kaffee. Ewalds Morgengruß aus dem Nachbarcockpit folgt dem Duft.

Ewald und Andreas sind Kölner, und ein Paar. Beide sind hier bewußt vor Anker gegangen. Nicht geflohen, wie ich, sondern planvoll ausgewandert. Sie haben drei Kabinen. Eine für jeden (Ewald schnarcht, sagt Andreas) und eine für Besuch aus dem Rheinland.

Ich bewundere soviel Voraussicht. Ich handle ja eher pulsiv und zahle dann eine Weile die Strafe für die Panik.

„Kommst du mit?“, fragt Ewald, „wir wollen heute nach Algaida, Sopa essen“. Beide haben sich ein Auto für einen Tag gemietet. Für nur zehn Euro mit allem pipapo.

In Palma und Umgebung kommt man gut mit Bus und Fahrrad aus (es gibt sogar ne U-Bahn), Parkplätze kosten hier soviel wie eine 2-Zimmerwohnung in Bonn, sagt Andreas.

Will man ins Inland, kann man Busfahren auf Mallorca vergessen. Da ist Ewald mal zufällig seiner Meinung.

„Nein, danke“, sage ich, dabei ist die Sopa Mallorquina, eine trockene Kohlsuppe, mein lokales Lieblingsgericht. Vor allem die aus Algaida. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich bleibe heute im Yachthafen, so der Plan. Ich will mich auf die Mole setzen und jungen Menschen aus aller Welt zuschauen, wie sie die Copa Sofía aussegeln (hat schon was, eine Regatta nach einer waschechten Prinzessin benennen zu können). Seit Tagen schon wuseln einhundert kleine Jollen mit ihren Seglern im Hafen herum. Verwandeln diesen Ort des muffigen Luxus in etwas lebendiges. Das liebe ich am Segeln so, das kann kein anderer Sport: so unheilvoll elitär und lebendig jung zugleich zu sein.

Laser-Teams aus Kiel, aus Bengalen, den USA, Indien und Australien sehe ich. Die ganze Welt ist da, und freut sich über den frischen Wind aus Südost.

Ich setze mich gemütlich auf die Mole und schaue den ganzen Tag aufs Meer: Seglerinnen und Kitern beim Wettsegeln zu. Ein Leben in Dreiecken.

Der Winter ist vorbei, sage ich still zu mir selbst und lächle, das Leben auf dem Wasser beginnt wieder.

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Auf Reisen

Mallorcas versteckter Ursprung

Can Pastilla, lebendiger Wind aus Südwest, 21 Grad. Sonnig.

Mallorca, vor allem die ehemaligen Dörfer östlich von Palma, das ist Ballermann. So stellt man es sich vor, und so ist es auch — in der Saison.

Ende März beginnt die Saison erst, ganz langsam, was man an den flink vorbei huschenden Gruppen Rennradfahrern zuerst merkt.

Die Menschen sind noch ganz frisch, wie die Nächte am Strand von Can Pastilla. Am Sonntag Abend trifft sich das Dorf am Strand und findet sich in Pärchen oder in Gruppen zum Sonnenuntergang ein.

Klar, hier ist alles auf touristischen Konsum getrimmt, schon lange — und lange wirds auch nicht mehr dauern, bis die Pauschal-Horden Nordeuropas über Can Pastilla und El Arenal herfallen, ihren Sangriatribut fordern.

Trotzdem finde ich überall Reste vom alten mallorquinischen Dorf, das sich hinter aufgefädelten Souvenirshops scheu ans Licht traut.

Nur ein paar Meter vom Strand, in der zweiten Reihe, liegt in der offenen Mittagsonne der Dorfplatz mit einer kleinen Kirche. Eine Obdachlose döst dick eingemummelt, laute Einheimische streiten in der Bodega am Rande des Platzes über irgendwas.

Wahrscheinlich über die Sturmprobleme ihres lokalen Fussballvereins. Die wesentlichen Probleme sind doch überall dieselben: hinten nicht dicht genug und vorne keinen Knipser. (Sorry Jackson, das konnte ich dir nicht ersparen)

Atletico Balears, der Underdog unter Palmas Klubs, spielt inzwischen in der 4. Liga. Eine Art Altona 93 der Insel. Sehr sympathisch.

Frito Mallorquin

Es gibt allerdings nichts, was den Ursprung Mallorcas besser beschreibt, als das wieder einsickern von mallorquinischer Küche.

Seit Ende der Siebziger, als die Schinkenstraße ihren Namen bekam und die lokalen Imbissionistas das „echt German Schnitzel“ entdeckten, schleicht sich die echte mallorqinische Küche zurück in die Speisekarten.

Wie überall auf der Welt findet man auch an der Platja de Palma die besten Restaurants in der zweiten Reihe. Wobei; eine Ausnahme gibt’s: direkt am Yachthafen liegt das Restaurant Nogués.

Als ich frage, wie lange die Küche kocht heute Abend und ob es Frito gibt, höre ich seis y media (halb Sieben, es ist eben noch Vorsaison) und ein Lächeln huscht über das sonst strenge Gesicht der Wirtin; wir machen das hier frisch und nach altem Rezept.

Für Vegetarier ist Frito nix. Herz, Nieren, Leber und sonst alles, was beim Schlachten übrig bleibt, wird mit Patatas in Olivenöl frittiert. Das macht satt. So satt, dass man beinahe zwingend einen Hierbas secas braucht. Den lokalen Kräuterschnaps.

Morgen streune ich wieder durch den Yachthafen und stelle mir vor, wie ich mal einen Winter hier verbringe: an den Moorings von Can Pastilla.

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(B)Logbuch

Einhand von Can Pastilla nach Sa Rapita

Der Wecker reißt mich aus dem süßen Nichts. 5:40 Uhr. Die Möwen stimmen ein in das Kriegsgeschrei unter Deck. Morgengrauen. Mein Körper verweigert sich, vergräbt sich weiter in der Wärme, die ich die ganze Nacht wie einen Schatz gehütet habe.

Die Morgenbrise wartet auf niemanden, denke ich und sehe ein – ich muss jetzt raus aus der Koje. Meine Beine bewegen sich als erste, der Rest folgt widerwillig aber gehorsam wie eine Puppe. Ich falle aus der warmen Koje direkt in einen kalten Morgen.

Hamburg ist weit weg. Hier bin ich nur einer von vielen Vögeln, die im Herbst landen und im Frühling wieder verschwinden. Manche kehren nach Norddeutschland zurück, ich weiß es noch nicht. Niemand wartet dort – wenn ich mal von meinem Verleger absehe, dem ich noch den Gegenwert eines Vorschuss schulde. Der lockende Ruf ferner Küsten ist wie ein Fluch, den ich nie loswerden werde solange mein Körper noch vom Winter in Deutschland weiß.

Das Boot wird zum Festland im Winter. Es schaukelt mit doppelten Leinen stoisch am Steg. Auch bei starkem Wind droht nichts umzufallen. Die Bewegungen meiner Charteryacht, die ich für einige Monate zu meinem Zuhause gemacht habe, sind nie gewaltsam. Der Segeltag wird mild, hat mir der Wettermann per Funk versprochen.

Jetzt muss alles Seglerische an seinen zugewiesenen Platz zurück, festgezurrt, aufgeheißt und der Rest seefest gemacht werden. Der Morgen blinkt mir unwirklich bunte Prismen in die Augen, vor allem wenn man vor den Vögeln aufsteht, ein surreales Gefühl.

Der Hafenmeister steht draußen, als ich aus der Kabine trete. Er trägt Cordhosen und ein Hemd, als ginge er in einen verdammten Club und nicht zum Abschied seines Wintergastes. Seine Eleganz ist wie ein Vorwurf an meine zerknitterte Existenz. Wir umarmen uns. Er hilft mir beim Ablegen, wirft die letzte Leine ins Wasser und winkt zum Abschied.

Die Yacht gleitet vom Steg weg auf ruhigem Wasser, angetrieben vom Volvo Diesel kräuseln sich am Bug kleine Wellen. Meine Abfahrt weckt Gunther einen Steg weiter. Der andere Deutsche im Hafen ruft zu mir rüber: „Wohin geht’s diesmal?“

„Alaska!“, flüstere ich zurück, um die morgendliche Stille nicht zu zerstören. Gunther lacht. „Na dann gute Fahrt, hoffe Du hast die warme Unterbüx mit an Bord!“, ruft er mir hinterher. Diese flüchtige, schwimmende Gemeinschaft ist kostbar. Wie sie alle aus ihren Kojen kriechen, um mich zu verabschieden – meine gescheiterten Romane kennen sie nicht, aber mein Boot, das Leben an Bord, das kennen sie.

Eine leichte Brise begrüßt mich an der Mündung des äußeren Hafens. Ich hisse die Segel der Charteryacht in aller Ruhe im Schutz des Wellenbrechers. Draußen in der Bucht von Palma ist der Wind nicht stark genug. Der Diesel muss weiter arbeiten. Der selbstgebaute Ofen unter Deck wackelt im Takt der Wellen.

Ich röste Brot in der gusseisernen Pfanne und bestreiche die knusprige Außenseite mit Erdnussbutter. Der Mokka-Kaffee ist dünn, gestreckt mit heißem Wasser – Hipster nennen ihn Americano – eine Lüge, die ich mir selbst erzähle, damit er nach mehr schmeckt.

Zwischen Can Pastilla und Sa Rapita liegen gut 20 Seemeilen Mittelmeer und eine Küste voller Erinnerungen. Der Wind verlässt mich, als ich um die südliche Spitze biege. Typisch. Der Wind biegt nur um diese Ecke, wenn Juan Carlos schlechte Laune hat. Dann allerdings mit Wucht.

In der Stille tauchen kleine Fischerboote auf. Die Möwen folgen ihnen wie Groupies einer alternden Rockband. Manche ruhen auf den Kabinendächern, andere paddeln im Wasser, warten auf Reste oder einen freien Platz näher dran an den zupfenden Fischern. Ich frage mich, ob die Fischer die Möwen mögen. Sind sie Freunde? Geben sie ihnen Namen? Oder sind sie nur eine verdammte Plage, wie das Gefühl eines ungeschriebenen Kapitels, das in den Eingeweiden brennt?

Der Wind kehrt südlich von Cap Enderrocat zurück. Ich reite ihn hinein in die Bucht von S’Estanyol, vorbei am Leuchtfeuer von Punta Plana, das gerade Feierabend macht. Ankommend um 11 Uhr. Das innere Logbuch füllt sich mit Worten und Eindrücken dieses Morgens, die niemals das erfassen können, was die See mit mir macht.

Immer allein, immer in Bewegung. Die Geschichten, die ich nie zu Papier bringen werde, sind vielleicht die einzigen, die es wert wären, gelesen zu werden.

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Gerhart Baum auf Mallorca

Algaida, 1978.

Als ich ein Kind war, folgte auf einen heißen Herbst ein nicht weniger heißer Frühling. Meine Mutter war 1978 mit ihrem neuen Freund, der ein wenig wie Christian Klar aussah, meinem Bruder und mir auf Mallorca im Urlaub.

Wir waren die ganze Strecke in einem alten Opel Karavan gefahren – eine Reise an die ich nur noch romantische Erinnerungen habe.

Wir wohnten in einem kleinen Fischerdorf oberhalb eines Restaurants im ersten Stockwerk, alle zusammen in einem Zimmer. Mein Bruder und ich halfen in der Küche und hinter der Bar, damit die gleichaltrigen Kinder früher Zeit hatten, mit uns zu spielen.

Ein paar Mal fuhren wir ins Landesinnere, um Essen zu gehen. Schnellstraßen gab es noch keine und so gerieten die Hin- und Rückfahrten zu echten Abenteuern.

Regelmäßig führte uns einer dieser Ausflüge zu „Mama Algaida“, einem Restaurant, das eigentlich C’al Dimoni hieß und einen großen weißen Teufel am Eingang stehen hatte, vor dem ich mich immer ein wenig gruselte. „Mama Algaida“ hieß die Wirtin, die in dieser typischen Bodega am Grill stand, unter räuchernden Blutwürsten in beißendem Rauch. Ihre weiße Schürze war fettig, ihre Haare auch. Immer, wenn sie uns sah, nahm sie meinen Bruder und mich in ihre ausladenden Arme, drückte uns an sich und rief „Rubios“ und noch was liebenswertes auf Mallorquin. Auch sie fand ich damals ein wenig gruselig.

Heute stehen Touristenbusse in der Saison dort Schlange. Ende der Siebziger war das Restaurant allerdings, wie vieles auf Mallorca, ein echter Geheimtipp.

Wir hatten gerade aufgegessen, als vor dem Restaurant vier weiße BMW vorfuhren. Mit Blaulicht auf dem Dach. Ihnen entstiegen breitschultrige Männer, zusammen mit dem damaligen Innenminister, Gerhart Baum. Mama Algaida begrüßte auch ihn herzlich und platzierte ihn dann neben uns an den langen Tisch, der die ganze Restaurantstube durchzog.

Berlin, 2006

Ich arbeite in Berlin. Meine Kinder sind inzwischen beinahe so alt, wie ich es 1978 war. Mit Hans-Ulrich Jörges hat der stern seinen letzten Politikchef mit Profil und bäumt sich ein letztes Mal gegen die Bedeutungslosigkeit auf. Wie Printmedien das so machen, mit der pompösen Eröffnung eines großen, repräsentativen, gläsernen Hauptstadtbüros. Zur Eröffnungsparty bin ich eingeladen, weil ich damals für BerlinOnline arbeite. Trotzdem ich ein Format für den Berliner Verlag produziere, das schnell Aufmerksamkeit in der Stadt erlangt, fremdel ich mit der Berliner Szene.

Ich folge der kurzen Führung, dann folge ich den netten Menschen mit den Cannapes auf dem silbernen Tablett, schnacke hier, schaue dort und setze mich gegen 22:00 Uhr auf ein breites Sofa im Atrium. Ich will noch kurz mein Glas austrinken und dann nach Hause.

„Ist neben Ihnen noch Platz?“. Gerhart Baum steht vor mir und will sich wohl auch ein wenig ausruhen. „Klar“, antworte ich. „Kennen wir uns?“, fragt Gerhart – wir duzen uns schnell – und ich zögere kurz mit der Antwort.

Ja, Mama Algaida habe er geliebt, sagt er, als ich ihm von meiner einzigen irgendwie privaten Erinnerung an ihn erzähle. Für das BKA ein Graus, dass er dort immer hin wollte. Er lacht und winkt einen der netten Menschen mit den silbernen Tabletts herbei.

„Trinken Sie auch ein Glas Rotwein mit?“
„Ja, gerne“.

Um uns herum wuselt die politische Szene Berlins, während wir uns in Erinnerungen an ein Mallorca verlieren, das es so nicht mehr gibt. Wir schweifen weit aus, erinnere ich mich. Diskutieren ernst über Fragen des Lebens, der Politik. Ich erinnere mich leider nicht mehr an genaue Inhalte; nur noch daran, dass mir dieser Mensch immer sympathischer wurde, je länger unser Gespräch dauerte. Während ich seine Ausdauer bewunderte, leerte sich die Party zusehends.

Drei Stunden später, verabschieden wir uns. Leicht dun, sehen wir uns nach, dass man „in unserem Alter“ ja nu keine Nächte mehr durchdiskutieren kann.

Köln 2025

Gerhart Baum stirbt mit 92 Jahren. Ich habe zufälligerweise gerade eine kurze Reise nach Mallorca gebucht. Sopa Mallorquin bei Mama Algaida steht auf dem Programm, wie immer seit 1978.

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Rote Badehose

Als Kind habe ich mich stundenlang im Wasser aufgehalten. War quasi mit meiner Taucherbrille und dem Schnorchel verwachsen.

Die meisten Bilder aus dieser Zeit zeigen eine rote Badehose, die sich gen Himmel reckt, als ich wieder einmal hinunter tauche, Seeigelskelette sammeln.

Manchmal auch lebende, um störende Badekonkurrenz zu vertreiben.

Ich konnte ganz schön lange da unten sein, trotz Asthma. Manchmal habe ich mich auf den Rücken gedreht und gen Himmel geguckt

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Pao Pao

Was ich ganz cool finde, in dieser Strandbar an der Platja de Palma auf Mallorca werden keine Promis verewigt, wie bspw im Danmark Hotdog auf der Reeperbahn — Otto malt Otti-Fanten. Langweilig.

Hier sind es stinknormale Touris aus inzwischen mehreren Jahrzehnten. Kurze Momente der Sangria-seeligen Auszeit vom Kohl-Deutschland der 90er bis zu modernen Undercuts mit S04-Bierbauch.

Echte Menschen mit echtem Durst.

Ist mir sehr sympathisch, auf eine Art und Weise, die mal keinen Distinktionsgewinn braucht. 😉

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500 Zeichen Auf Reisen

Die werden mit Kopf gegessen

In meiner Lieblingstaverne auf St. Pauli (der Taverna Plaka, frdl. Empfehlung) streitet man gerne. Über Politik, Essen und das Leben an sich — in der jahrtausendealten Gewissheit,  dass das ein und dasselbe ist.

Als der Hamburger Sommer seine letzten großen Tage hatte stritten sich zwei Ober darüber, bei welchen Sardellen man den Kopf mitessen sollte. Die einen schmecken bitter, bei den anderen ist der Kopf das Beste.

Musste heute an die beiden denken: ich hatte Boquerones.

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500 Zeichen Auf Reisen

Frühling auf Mallorca

Es ist Frühling an der Platja de Palma. Mit 2 Windstärken huscht eine laue Brise über den mit braunen Filzknödeln übersäten Strand.

Einheimische erkennt man daran, dass sie Wollmütze und Daunenmantel tragen. Touristen, dass ihnen 15 Grad und Sonne warm genug sind für Shorts und Flip-Flops.

Ich sitze bei einem Caffè Cortado in einer der wenigen offenen Bars am langen Fahrradweg nach Palma als eine Dame in weißen Shorts neben mir die Kellnerin ruft: „Una Weißweinsangria por favor“.

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Auf Reisen

Mooring-Winter in Palma

Die Sonne geht früh unter, es ist Ende November und auch Palma de Mallorca kann sich den Gesetzen des Universums nicht entziehen – obwohl, wenn es einen Ort gäbe, der das vermöge, es wäre wohl Mallorca.

Ich bin gerade angekommen und werde bis zum Frühjahr bleiben. Das habe ich mir zumindest vorgenommen.