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Grüne Linie

Wer es bis hierhin geschafft hat, hat Oma immer gesagt, den trägt die Kraft des Frühlings, die Kraft der Erneuerung, noch einen weiteren Sommer.

Ich denke an die, die wir auf dem Weg zur ostergrünen Markierung verloren haben.

Alte, Junge, Schwache und Starke.

Die Starken befällt die Dunkelheit des Winters am stillsten. Niemand kann die nagende Todeskälte sehen, niemand bemerkt, dass sie bei den ersten warmen Strahlen nicht lächelnd in die Sonne blicken.

Niemand.

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Stille Sucht

„Ich weiss nicht genau, wann ich damit angefangen habe. Nur an eines kann ich mich genau erinnern: ich mochte es zu Anfang nicht“, sagte er irgendwie beiläufig als ich in die Straße einbog, in der wir beide seit 25 Jahren leben.

„Was?“, fragte ich. „Zigaretten oder Bier? — ich mochte lange kein Bier“, sagte ich.

„Kaffe!“, rief er. „Nicht ein verdammter Tag in 40 Jahren ohne min. zwei Tassen. Hast Du mal versucht davon wegzukommen? Ist die Hölle — kommste noch mit hoch?“

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Gift

Wann war der Moment, als im Deutschen das Wort für Geschenk zur Beschreibung lebensbedrohlicher Substanz wurde?

Beide kommen von Außen. Da ist jemand, etwas, das es uns verab- oder hinreicht. „The gift“, oder auch „de Gift“ im Plattdeutschen, das Hingegebene, wurde im Deutschen zum Gift. Das Verabreichte — das tödliche Grausen.

Manchmal von anderen, den Erben ;), oder uns selbst; in geringen Dosen als Gabe für die Sinne, hochdosiert als letztes Geschenk vor dem Sterben.

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Krähengedanken

Warum Krähen lieber hüpfen statt zu fliegen?, hatte ihn schon immer gewundert. Manchmal hatte er das Gefühl sie taxierten ihn – von der Seite mit einem Auge. Dann hüpfen sie einen halben Auerbach und gucken mit dem anderen Auge.

Und diese Tiere sollen sehr intelligent sein?, weit bringt sie das ja nicht.

Später dachte er wieder an die Krähe, als er in ein rostiges Mikro bei Burger King sprach. Er musste lachen, als er den Whopper mit Käse bestellte. „Mich auch nicht“, lachte er.

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Genderst du schon?

„Wie haltet ihr das eigentlich mit dem Gendern?“, fragte eine Freundin der Familie neulich, ü80 und neuerdings Newsletterabonnentin der 500Zeichen .

Es nervt sie im Alltag ein wenig, was ich verstehen kann.

Allerdings, und das besprachen wir auch, gewöhnt man sich schnell daran. Ein paar Glottisschläge später, merkt man die kurze Respektpause garnicht mehr.

Alternativ macht mensch es wie der Kanzler: nuschelt von „Bürgern und Bürgern“. Ein Genderverbot stachelt uns nur an, da warn wir uns einig.

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Gölj

Es war früh. Das Watt und der Himmel gingen ohne Horizont ineinander über. Von dunklem in helles Grau.

Noch war niemand unterwegs, er hatte die Stille vor Sonnenaufgang für sich allein, als sein Stiefel im Schlick stecken blieb. So sehr er sich anstrengte, er bekam ihn nicht frei.

Hinter ihm legte etwas seine warme Hand auf seinen Rücken und begann zu singen: „Än göljn as dåt häär foon min Anemaleen, wat san we duch rik heer foon gölj“.

Panik umfasste ihn, denn die Flut war schon nah.

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Henry in Berlin

Henry Müller könnte ein amerikanischer Mittzwanziger sein, der aus Paris kommend auf seiner Europatour 1998 das Nachwende-Berlin entdeckt und sein schillernd-schäbiges Nachtleben:

„Der KitKat Club war mehr als nur ein Ort des Vergnügens – er war ein Spiegelbild der menschlichen Natur, ein Ort, an dem die Dunkelheit und das Licht, die Lust und der Schmerz aufeinandertreffen und eine einzigartige Erfahrung schaffen, die mich für immer verändert hat.“

Henry Müller

Ist er nicht; Henry ist ein LLM-generierter Autor, den ich mir ausgedacht habe. Er bloggt unter Berlin-Berlin.de.

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„I’m not even supposed to be here today“

Alles was an den 90ern besonders war, kann man im Indiefilm „Clerks“ von 1995 bewundern.

Die Trostlosigkeit der Vororte in den USA aus denen Grunge entstand. Die Überforderung, zwischen Jugend und Erwachsensein eingezwängt zu sein – die sich über die schnellen Dialoge über Oralsex und Kultur auf den Zuschauer überträgt. Münztelefone, keine Handys. Die nie wiederkehrende Muße eines verlorenen Samstags.

Hab gesehen, es gibt Clerks 3 von 2022. Hab n bisschen Angst, mir den anzusehen.

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Was bleibt

Habt ihr euch schonmal gefragt, was von euch, von eurem Wirken in Erinnerung bleibt?

Einen kleinen Vorgeschmack kann man bekommen, wenn man alte Kollegen aus dem alten Job wiedersieht. In meinem Fall blieb dort ein wenig schmeichelhafter Spitzname für einen Kunden.

Obwohl mich dort kaum noch einer kennt, hält sich der hartnäckig. Ein wenig traurig war ich schon, dass nicht mehr haften blieb vom Engagement. Immerhin, etwas blieb — das Erkennen, daß ich keinen Einfluß habe, was.

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Random-Glück

Spontan freundlichsein, Fremden gegenüber, macht nachweislich glücklicher.

Immer mal wieder praktiziere ich „RAKs“, wie das in der Soziologie heisst: „Random Act(s) of Kindness“.

Manchmal werfe ich Kleingeld hinter mich oder lege es auf Stufen. Ich stelle mir dann vor, wie sich jemand freut beim Finden.

Heute war ich Empfänger einer solchen spontan-freundlichen Aktion. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich mein Handy verloren hatte, bevor ich diesen Zettel an der Fahrertür sah:

„Handy verloren? Es liegt bei Edeka im 1. OG an der Info :)“

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Day of the Dude

In Neuseeland wird man nicht schief angeschaut, wenn man als Religion „Jedi“ angibt, Jediism ist dort als Kirche anerkannt. George Lucas also der erste Mensch, der Blockbuster- und Religionsstifter ist.

Was das über unsere Popkultur-zentrierte Welt sagt, überlasse ich deinem Urteil. Ich habe mich heute zu entspannen und soll schwierigen Gedanken aus dem Weg gehen, wenns geht beim Bowling.

In meiner Kirche ist am 6.3. der höchste Feiertag: „The Day of the Dude“ — und der ist heilig, Man.


Moin, und Dir einen entspannten Tag.

Tatsächlich ist die Church of the latter-day Dude eine in den USA anerkannte Kirche; in vielen Staaten dürfte ich bspw. Ehen schließen, so ganz offiziell mit Urkunde und stilecht mit einem Glas White Russian.

😉

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Mondaufgang

Vom goldenen Schein seiner großen Gefährtin beschienen, quält sich der Mond heute aus dem Bett der Nacht.

Selten haben die ungleichen Liebenden viel Zeit zusammen. Es ist eine Stunde vor Sonnenaufgang, als sie sich trennen. Er muss heute eher hoch, rein in den klammen Rest der Nacht; darf auf keinen Fall mit ihr zusammen gesehen werden.

Als er den schützenden Rand des Horizont verlässt, blickt er auf das erwachende Harburg — und wünscht sich sofort, er wäre liegen geblieben.