Hamburg geht baden

Meine Großmutter kam aus Blankenese, wie die ganze Familie meiner Mutter. Sie erzählte uns als Butscher dieselben Horrorgeschichten, die man sich in den Fischerdörfern an der Elbe seit Jahrhunderten erzählt: Geschichten vom Leichtsinn, von der brutalen Kraft, wenn die Elbe ihre vorgespielte Harmlosigkeit ablegt und sich ihre Opfer holt.

Nur bei Stauwasser, der guten Stunde zwischen den Tiden, dürfe man in der Elbe bei Blankenese baden gehen, mahnte sie. Und auch dann nie allein. Wer einmal (wie mein Onkel) vom Sog unter den Ponton gezogen wird, verliert sofort die Orientierung in der braunen Brühe. Die Panik sorgt für den Rest. Mein Onkel hatte Glück, irgendein blind in den Fluss gestocherter Arm packte ihn kurz vorm Ertrinken.

So erzogen habe ich einen Heidenrespekt vor der Elbe. Allerdings haben den nicht alle.

Es seien meist Hamburger Touristen und Zugezogene, die die tödliche Kraft der Elbe unzerschätzten und einfach untergingen, sagte meine Omi — und hat auch heute noch damit Recht.

Es gibt keine offizielle „Zehn-Jahres-Statistik“ für die Elbe allein, weil die Ertrinkungsstatistik der DLRG zwar für Hamburg geführt wird, aber die Gewässerarten (Fluss, Kanal, See) in den Jahresberichten schwanken und nicht immer nahtlos über ein Jahrzehnt addiert sind.

Die Zahl der Ertrinkenden hängt dabei stark vom Wetter ab. In einem langen, heißen Sommer wie 2018 gab es in Hamburg 16 Badetote. 2022 waren es 10, im Jahr darauf (2023) sprang die Zahl auf 21 hoch. Die Elbe ist dabei konstant das gefährlichste Gewässer der Hansestadt.

Warum es die Elbe trifft: Die Elbe ist bei Hochwasser, aber auch bei ablaufender Tide eine Naturgewalt. Die Strömung kann bei Hochwasser bis zu sieben Kilometer pro Stunde erreichen. Dazu kommen die steilen Kanten der Fahrrinne, die tückisch nah am Ufer liegen. Wer da den Boden unter den Füßen verliert, hat gegen den Strom oft keine Chance.

Wer verunglückt: Es sind häufig Männer, die sich überschätzen, die die Strömung verkennen oder unter Alkoholeinfluss ins Wasser springen. Aber es trifft auch Kinder, Jugendliche und ältere Menschen, die einfach nur den falschen Moment erwischt haben.

Es bleibt das, was man am Wasser hier lernt: Die Elbe verzeiht keine Fehler. Man schaut raus, sieht den Strom, und weiß, dass unter der glatten undurchsichtigen Oberfläche eine Kraft arbeitet, die sich um uns Menschen nicht schert.

Geht also lieber in Freibädern baden. Das drüben in Finkenwerder ist toll — und man kann sogar auf die Elbe und Övelgönne gegenüber schauen.

Moin Moin Hamburg, wir haben den letzten Sonntag im Mai 2026. Hier kommen die weiteren News aus der schönsten Stadt.

Die Plakate hängen mittlerweile schief, die Argumente sind ausgetauscht, die Fronten verhärtet. Heute noch schnell das Kreuzchen – Olympia oder nicht. Hamburg hält den Atem an.Aber während wir uns den Kopf über die Ringe zerbrechen, dreht sich die Stadt unbeirrt weiter. Und sie ist diese Woche kein sanfter Ort gewesen.Die Blaulicht-Ticker haben keine Pause gemacht. In Lurup musste die Mordkommission ran, ein 41-Jähriger kam dort in der Nacht zum Mittwoch gewaltsam zu Tode. Und in der Sternschanze gab es am vergangenen Samstag einen Angriff auf zwei Männer, die Polizei prüft ein antisemitisches Motiv – eine dieser Nachrichten, die einem im Vorbeigehen kurz die Kehle zuschnürt, während man eigentlich nur zum Schanzenbäcker wollte.In Altona-Nord liegt eine 30-jährige Radfahrerin nach einem Zusammenstoß mit einem Lkw lebensgefährlich verletzt im Krankenhaus. Ein Unfall in Hoheluft, ein Raubüberfall in Ottensen, die Stadt zeigt ihr raues Gesicht. Manchmal vergisst man bei all den großen Debatten um Olympiastadien, dass die Stadt jeden Tag eigenen Geschichten schreibt – oft genug leider wenig glitzernde.Ein bisschen menschlicher war es in Barmbek. Da gab es am Donnerstag den „Tag der Leichten Sprache“ am Bert-Kaempfert-Platz. Eine bunte Aktion für mehr Inklusion und Verständlichkeit. Ein kleiner Kontrast zu den großen, oft unverständlichen Worthülsen aus dem Rathaus. Manchmal ist das Einfache eben doch das Beste.

Geht der Senat wieder baden?Heute, am Sonntag, sind die Wahllokale von 8 bis 18 Uhr offen. Die Spannung ist fast greifbar. Die einen hoffen auf den großen Wurf für die Stadtentwicklung, die anderen auf Vernunft und Realismus.

Ich werde nach dem Schreiben dieses Letters runter an die Elbe gehen und auf den schönen, gefährlichen Fluss blicken, der Generationen untereinander und uns mit der Welt verbindet. Und hoffe, die Hamburger nehmen sich die Warnungen meiner Omi zu Herzen.Wir hören uns nächste Woche, Dein Erik.

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Erik
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Hej, danke fürs Lesen. Der Autor + Podcaster liebt Segeln, Reisen, Hamburg + den FC Sankt Pauli.
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