Ein Essay über den Winter im Beinahesommer.
Westliche Ostsee, Wind aus Nordwest, fünf in Böen sechs. 11 Grad Höchsttemperatur, sagt Windy voraus. Und behält seit Tagen recht.
Das Thermometer am Niedergang zeigt diese elf Grad schon um 10:00 Uhr. Wind aus Nordwest, knappe sechs Beaufort (Immerhin, beruhige ich mich, die Regel, dass beim Wetterbericht die Böen das eigentliche „Normal“ sind, gilt immer noch), der Regen klatscht in seinem stetigem Rhythmus auf das Kajütdach. Ich liege unter Deck und lausche der ansteigenden und abnehmenden Intensität des Regens. Beinahe hört er auf, ein Sonnenstrahl kämpft sich bis zu meiner Stellung durch, nur um von einer weiteren Husche verschluckt zu werden.
Ein Blick auf die nackten Wetterdaten verrät: Elf Grad, grau, sehr nass. Exakt dieselbe Zeile stand hier am 14. Januar im Logbuch.
Damals, im Januar, war das ein kleines Fest. Ein milder Wintertag, eine unerwartete Atempause im frostigen Alltag. Wir haben die Kappe in den Nacken geschoben, die Jacken aufgerissen und beim Spaziergang an der Elbe gedacht: *Mensch, der Frühling klopft an.*
Heute ist Juni. Und obwohl die nackte Physik behauptet, es sei exakt derselbe Tag, fühlt er sich komplett anders an. Weil Zahlen eben nur im Kontext Sinn ergeben. Das Wetter im Frühsommer hat seine ganz eigene Textur.
Das Licht, das nicht sterben will
Der größte Unterschied ist die Helligkeit. Im Januar stirbt der Tag um vier Uhr nachmittags einen frühen Tod. Das Grau fadet aus, sackt vorm Abendessen einfach in die Nacht. Jetzt, im Juni, herrscht ein fast trotziger Ausnahmezustand. Selbst hinter der dicksten, tiefhängenden Wolkenfront drückt die Midsommersonne.
Es ist ein helles, fast gleißendes Grau. Die Sonne ist da, sie ist nur hinter einer herbstlichen Tapete verborgen, wie die Mörder Hamlets. Wenn es um zehn Uhr abends immer noch nicht dunkel ist, weiß dein Körper instinktiv: Das hier ist kein Winter. Das ist nur ein Sommer, der sich noch ein bisschen ziert.
Die Magie von Grün
Januarwetter trifft auf nackte, kahle Äste; ziept bis auf die Knochen. Die Natur verschläft das Elend im Koma. Das Juni-Grau dagegen trifft auf eine Welt, die bereits ihr buntestes Kleid angezogen hat. Die Kastanien und Linden stehen in vollem Saft, das Laub ist frisch, ich sehe mich am Grün satt. Und am Lila, Rosa, Rot, Türkis, an tiefem Blau. Farben, die mit ihrem Geruch betören.
Wenn in diese Szene Regen fällt, klingt er ganz anders. Der Wind rauscht durch die dichten Blätterdächer, statt stumpf durch klamme Masten zu pfeifen. Es riecht nicht nach Dieselheizung, nasser Wolle und Tod. Es riecht nach Sommerregen – nach blühendem Holunder, der liegt schwer in weicher Luft. Der Atem dampft nicht, dafür der Asphalt. Die Welt will schnell wieder trocknen, die Augen jucken wie früher nach dem Baden unterm zu heißen Fön.
Ein Wintertag kriecht dir von unten durch die Schuhsohlen ins Mark. Ein verregneter Junitag legt sich wie ein nasser Mantel übers Land. Schauer sjnd kurze Schauspiele meteorologischer Macht. So schnell über mich hinweg gezogen, wie ein Gitarrenriff.
Der Juni ist noch Frühling, er darf sich ein kurzes Zitat erlauben. Dann zieht man die Regenjacke eben über das T-Shirt, auch wenns schwitzt. Der Juni hat ein helles Versprechen im Gepäck, das die Schauer zu Vorboten macht. Die Daten mögen identisch sein – die Statistik fälschen wir gekonnt auf eigenem Kiel.
Im Juli geht das übrigens nicht mehr. Da ist offiziell Sommer und den erwarten wir dann auch — 25 Grad mindestens, egal, ob Australien Weltmeister wird oder nicht.
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