Schon seit einigen Jahren spukt eine Idee mir im Kopf herum: Echte Tagebucheinträge aus verschiedenen Jahrhunderten, von verschiedenen Autorinnen und aus den letzten Winkeln der Welt zu kuratieren und denselben Tag mit verschiedenen Augen zu sehen.
Neujahrsgedanken aus vier Jahrhunderten:
1. Januar 1915
Autor: Harry McNeish (Zimmermann auf Shackletons Endurance-Expedition) Quelle: The Diary of H. McNeish / South (Gutenberg Projekt / Archive.org) Kontext: Die Endurance kämpft sich durch das Packeis der Antarktis. McNeish, der Zimmermann (”Chippy”), war bekannt für seine rebellische Ader und seine Katze “Mrs. Chippy”
„Freitag. Neujahr. Position 67-45 Süd. Wir machen sechs Meilen. Vielleicht neun. Der Skipper weckte mich um zwanzig nach zwölf. Ein Fest, sagte er. Um sechs Uhr morgens trat ich wieder an. Bilgen reinigen. Das Übliche.
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Habe mich rasiert. Das erste Mal, seit wir Buenos Aires verlassen haben. Mein Gesicht fühlt sich nackt an ohne den Pelz, verdammt nackt. Ich werde es nicht wieder tun. Nicht vor dem nächsten Hogmanay. Dann drehen wir hoffentlich ab in Richtung Heimat. Zu denen, die wir lieben. Den restlichen Tag habe ich verschlafen.“
1. Januar 1660 (1661 nach modernem Kalender)
Autor: Samuel Pepys Quelle: The Diary of Samuel Pepys (Project Gutenberg) Kontext: Pepys ist ein Bürokrat der Marine, Lebemann und opportunistischer Beobachter. Er beschreibt den Morgen nach Silvester. Er lebt im Dachgeschoss („garret“), während sein Haus renoviert wird.
„Wachte auf. Zog den Anzug an, den mit den großen Taschen. Hatte seit Ewigkeiten nichts anderes getragen. Wir hausten oben im Dachgeschoss. Meine Frau, das Dienstmädchen Jane und ich. Drei Leute, eine Gruppe, keine Familie.
Meine Frau hoffte, sie sei schwanger, sie war schon sieben Wochen überfällig. Dann kam das Blut doch. Hoffnung erledigt.
Der Staat? Ein Chaos. Das Rumpfparlament nie wirklich da, die Armee kuscht. Ich? Ich gelte als reich. Aber eigentlich bin ich arm. Aß im Dachgeschoss zu Mittag. Meine Frau bereitete die Überreste des Truthahns zu. Dabei verbrannte sie sich die Hand. Ich blieb den ganzen Nachmittag drin, starrte auf meine Konten. Zahlenkolonnen. Draußen in der Fleet Street rammten sie Pfähle in den Boden.“
1. Januar 1898
Autorin: Virginia Woolf (damals Virginia Stephen, 16 Jahre alt) Quelle: A Passionate Apprentice: The Early Journals (Public Domain Auszüge) Kontext: Die junge Virginia beginnt ein neues Tagebuch. Sie ringt schon hier mit der Form und dem Sinn des Aufschreibens, kurz nach dem Tod ihrer Mutter und Halbschwester.
„Hier ist es also. Ein Band voll akutem Leben. Das erste Jahr, das ich wirklich gelebt habe. Jetzt ist es vorbei. Abgeschlossen. Weggesperrt. Und da kommt ein anderes. Und noch eins. Und noch eins. Herrgott, sie sind lang, diese Jahre.
Ich fühle mich feige, wenn ich sie ansehe. Aber man muss weitermachen. Nessa predigt, unser Schicksal läge in uns selbst. Nimm die Predigt mit nach Hause, schluck sie runter. Hier ist das Leben. Nimm es. Hand am Schwertgriff. Ein ungesprochener Schwur.“
1. Januar 1786
Autor: George Washington Quelle: The Diaries of George Washington (Library of Congress / Gutenberg) Kontext: Washington ist nach dem Unabhängigkeitskrieg auf seine Plantage Mount Vernon zurückgekehrt. Kein Präsidenten-Glamour, sondern das harte, monotone Geschäft eines Landwirts.
„Sonntag, der Erste. Thermometer auf 36 Grad am Morgen. Mittags dasselbe. Nachts auch. Ein drückender Tag. Kaum Wind, und wenn, dann aus Osten. Lund Washington und seine Frau kamen zum Essen. Sie fuhren am Nachmittag wieder. Nichts passiert.
Der Boden ist hartgefroren.“
