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Orkan — oder auch nicht

Seit der Sturmflut vor zwei Jahren schaue ich im Herbst besonders oft auf die Wetterkarte.

Dabei fällt mir auf, dass die einzelnen Modelle oft weit auseinanderliegen. Die einen prophezeien, dass den Schafen 🐑 auf den Nordseedeichen die Locken geglättet werden, die anderen beschreiben eher ne steife Brise.

In die mediale Öffentlichkeit schaffen es meist erstere.

Feuer, äh doch nur Kokel.

Das erinnert mich an eine Diskussion bei meinen Exkollegen von Wetter.com. Die beschrieben ihre Arbeit als die Kunst, aus Wetterdaten eine Geschichte zu erzählen. Die Kollegen von RTL erzählten so oft Katastrophenfilme in Form von Isobaren, dass niemand ihnen mehr glaubte – erzählte einer. Die halbstaatlichen Wetteragentur-Stories dagegen waren vorsichtig optimistisch, wie die Neujahrsansprache des Kanzlers — aber wer will das jeden Tag? Dazwischen lag der Sweet Spot. Am Ende haben wir alle dieselben Daten, nur modellieren wir sie anders.

Der erste Sturm der Herbstsaison ist immer ein besonderer. Dieser wird wohl halb so wild wie noch vor zwei Tagen ausgemalt. War trotzdem richtig, ne zweite Leine auszubringen

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(B)Logbuch

Existenzielles und Stormgebrus

Strande, 10 Grad nachts, Sturmnacht mit 10 Bft. aus SO.

Ich würde so gerne schlafen, doch Detlef, der ehemalige Hurricane Humberto, dem sie in Deutschland diesen schlimmen Namen verpasst haben, lässt mich nicht.

Ich wär auch sauer, wenn man mich plötzlich so nennt, nur weil ich nicht mehr todbringend mächtig bin. Für den kleinen Hafen an der Ostsee reichts aber noch und dafür, mich um den Schlaf zu bringen.

B. und ich haben vorne und achtern Extraleinen ausgebracht, alles, was klappern kann, festgetüdelt. Eigentlich kann nix passieren, und dennoch lausche ich in der Koje auf jeden extra Ruck in den Leinen, das Klatschen der Wellen an die Bordwand und das Heulen der Böen, die heute Nacht zehn Beaufort erreichen. Humberto hat noch Bock.

Skipper schlafen schlecht bei Sturm. Das ist so, und wahrscheinlich schon immer so gewesen.

Wie ich da so rumliege, müde und halb eingeschlafen, spielt mein Geist Filme von vergangenen Sturmnächten.

Heute im Programm:

  • Die wohl schlimmste Nacht, eine vor 35 Jahren in der Nordadria, als wir gerade einer drohenden Seenot entgangen waren und der Sturm nachts drehte und zurück kam (das macht die Schwarze Bora gerne mal). Völlig fertig krabbelt man aus der Koje und muss schlapp und hilflos zusehen, wie das Schiff auf Legerwall immer wieder gegen den Kai geschlagen wird. Alle Segelsäcke liegen dazwischen und verhindern Schlimmeres.
  • Der Film macht einen soften Schwenk zur Sturmnacht letztes Jahr in Marstal, wo in dem rundum geschützten Hafen trotzdem eine eklige Welle stand. So wie heute in Strande. Beim Leinenklarieren bin ich neben das Boot getreten und beinahe Außenbords gefallen.

Zu den inzwischen regelmäßigen Geräuschen kommt ein neues, ein Jaulen von Metall. Ich versuche es zu ignorieren, und weiß doch: es wird nix nutzen. Ich muss raus in den Regen und in den Sturm.

Die Pinne hat sich freigespielt und tanzt im Cockpit herum. Ich blinzle in den peitschenden Regen, werde pitschnass als ich das Ruder beruhige und festtüdel.

Nächsten Morgen, es ist schon zehn durch, schäle ich mich aus der Koje. B. sagt, die riecht nach nasser Hund. Kein Wunder, nach meinem klammen Geturne in der Nacht.

Ist es einmal klamm im Schiff, bekommt man die Feuchte kaum raus, solange es weiter regnet. Und das soll es. Bis heute Abend.

B. macht einen Mokka in der Bialetti. Der Duft strömt durchs klamme Schiff; ist das eine Wolkenlücke da oben? Mit jedem Schluck kommt die Kraft zurück. Als B. plötzlich ruft: „SONNE!“.

Wir nehmen uns vor, den Nachmittag im Fördebaumarkt zu verbringen. Winterlagersachen einkaufen. Denn an der Ostsee ist die Saison nu vorbei.

Fährst Du nach Mallorca diesen Winter?, fragt sie als wir vor dem Regal mit Gaffatape stehen. Ja, antworte ich. Dieser hier ja. Auf jeden Fall.

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Weiße Wolken, schwarze Bora

Sønderborg, 18 Grad (zehn weniger als gestern), Wind aus West – SW, in Böen 8-9 Beaufort. Schauerwetter.

Aus den weißen Wolken kommen die Gewitter, hat Waldemar immer gesagt. Und der war Seemann. Hat sie alle befahren, die Levante, die Nordadria (seiner Meinung nach die schlimmste See, weil alle sie unterschätzen). Bis nach Singapur und den Philippinen hat es ihn als Maschinist vertrieben.

Seitdem weiß ich nicht nur, was „die Levante“ ist, sondern achte beim Segeln auch immer besonders auf die weißen Wolken. (Die schwarze Bora hab ich schon erlebt; die ist eine Ausnahme, so schwarz wie Kohle).

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(B)Logbuch

Ein Boot, das nicht leckt, ist mir suspekt

Hafen Strande, 14 Grad, Reste vom Sturm „Zack“, in Böen 7 bis 8, aus Südwest.

Ich schlafe bei Sturm schlecht. Nicht nur, daß irgendwo immer was klappert oder ruckelt (ich bin inzwischen echt gut darin, Fallen, Bändsel, Leinen und alles andere so zu sichern, dass sie auch bei zehn Beaufort Ruhe geben — aber so ganz schafft man das nie), als Skipper lauscht man zwischen den bekannten Geräuschen immer nach der Ausnahme. Ein Zerren und Rucken zuviel könnte die 50 Jahre alten Klampen schräg über mir rausreissen, sicher, die haben schon ganz anderes überstanden und sind wirklich tight gesichert unter Deck, aber irgendwann ist eben jeder Krug einmal zu oft zum Brunnen gegangen.

Nachts sind Geräusche auch überstark. Im Dunklen sowieso (irgendwie schräg der Satz, aber das ist hier mein Logbuch, da bleibt das einfach mal stehen). Also, in der dusteren Nacht, da vermischen sich irgendwann der Halbschlaf mit dem ersten Traum, wenn ich Seehunde unterm Schiff vermute, die Seepocken abknabbern.

Morgens krabbel ich vermatscht aus der Koje. Es regnet und pustet immer noch. Aber nu ist es hell. Das ist besser.

B. hat sehr gut geschlafen, wie immer an Bord unserer Schwedin dieses Jahr. B. hat keine nächtlichen Wahnvorstellungen von berstenden Leinen. Das ist son Skipperding, auch das nächtliche rumkraxeln an Deck in Boxershorts, Leinen checken und suchen. Meist suchen. Die Herkunft des regelmäßigen Tik-Tik-Tik, das unter Deck laut ist, hier oben im Sturm sich aber gut verstecken kann.

B.s Koje ist nass geworden. Der Starkregen wurde vom Starkwind in die Nut hinten am Mast gedrückt. Der Mast ist bei der Ohlson durchgesteckt (das muss so sein, haben meine Eltern schon gesagt, wegen der Stabilität), da hat man quasi werftseitig das Boot oben offen.

Ich inspiziere die üblichen Stellen, an denen unsere Schwedin leckt und schlage B.s Bett hoch, sodass die Wärme des Konvektors über Tag ihre Koje trocknet.

Alles halb so wild, sag ich zu B. Sie kennt die Geschichten aus meiner Kindheit, wo auf dem Seefahrtskreuzer aus Mahagoni Sturzbäche durchs trockene Deck flossen. Dagegen ist die Ohlson knochentrocken.

Ein Schiff, dass ganz dicht ist, wäre mir auch suspekt.

B. fährt nach dem 2. Mokka nach Hamburg und lässt mich ein wenig „idle“ zurück, wie Edgar Alan Poe das Nichtstun nennt. Sein Protagonist warnt, Nichtstun ist nur gesund, wenn man eigentlich was zu tun hätte. Dann wollen wir mal sehen.

  • Abbacken des kleinen Frühstück
  • Aufklaren der klammen Kojen, bei längerer Trockenheit draußen im Wind trocknen lassen (auch immer ein va banque Spiel, wenn man die Huschen nicht ständig auf dem Radar verfolgt)
  • Sich mit autofiktionalen Romanen beschäftigen, Logbücher suchen, als Inspiration
  • Bilge trocken machen, ne echte Schietgängarbeit. Aber als Liveaboard dringend nötig. In Ermangelung einer Crew ist Schietarbeit Skippersache

Super, hab im Poeschen Sinne eine Menge zu tun. Es fängt an zu regnen. Ich krümel mich unter Deck ein und starte ein Gespräch mit ChatGPT, während Zack das Schiff leicht nach Backbord krängt. Es bestätigt mir auf meine Frage, ob zehn bis zwölf Logbucheinträge für eine Staffel meines autofiktionalen Blog ausreichen, dass 10‐12 Artikel ideal wären. Da könnte man sogar Bögen spannen.

Ich bekomme eine Liste an Inspirationen von der KI. Darunter auch Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und Struktur“, das ich vor 15 Jahren als Blog gelesen habe. Irgendwo…

Ich lege Handy und Pad auf die Navi, wo auf der völlig veralteten Seekarte aus Papier schon zwei Sonnencremes, eine Sonnenbrille und der Motorschlüssel liegen (Stillleben eines nu vergangenen Sommers). Beginne zu suchen und finde in der übersichtlichen Bordbibliothek sein bei rororo erschienenes Taschenbuch. Mehr Autofiction geht nicht.

„Hier lebe ich jetzt also“, lässt Herrndorf seinen Prota, also sich selbst sagen. Vor 15 Jahren, im März 2010. Finde den Satz toll. Würde den meinen Prota glatt auch sagen lassen — und nun, wo ich den Satz kenne, könnte ich…

Die Aufgabe mit der Bilge verleidet mir das Nichtstun ein wenig. Vielleicht, so sehr ich Edgar Alan Poe auch verehre, liegt er hier ja falsch. Tick-tick-tick, etwas klappert ganz leicht am Aluminium des Mastes; nervtötend. Zum Glück muss ich nicht schlafen.

Es hat aufgehört zu regnen, ich lege Wolfgangs Sterbetagebuch zur Seite und klettere an Land. Der Sturm mit dem lustigen Namen hat die Kieler Förde leer gepustet. 80 cm ist der Wasserstand gefallen. Der Blick auf die Kaimauer, verursacht bei mir Finkenwerderfeelings. Die Ostsee kennt ja keine große Tide, da ist das runtersinken unter die Kaimauer eine Anomalie.

Auf dem Weg zum kleinen Kaufmannsladen kommt mir Bernd der Fischer ins Fahrwasser, er hat einen Eimer voller Schollen in der Hand, heute aber keine Lust auf Fisch. In der Kneipe am Ende der Mole gibt’s heute Möhrenmus als Mittagstisch, den könnte er empfehlen.

Das fällt mir auch jetzt erst auf, dass es sowas wie Mittagstisch hier gibt. Außer an Wochenenden. Deswegen wusste ich davon auch nix. Überlege, das selbst zu kochen. So One-Pan-Gerichte als Rezept von Bord wären ne schöne Rubrik in meinem Letter. Macht Nils Minkmar auch, nur sind mir seine Rezepte immer ein wenig zu abgehoben — und an Bord einfach zu komplex.

Jetzt, wo Eier offiziell wieder Longevity fördern, statt einen direkt ins Grab, könnte ich zwei Spiegeleier drüber legen über das Möhrenmus. Mit ganz vielen braunschwarz gebratenen Zwiebeln, der Rebellion wegen.

Strander Rübenmus mit Spiegeleiern

  • 2 Steckrüben
  • 2 Kartoffeln
  • 2 Karotten (3, wenns kleine sind)
  • Wenn Schröder sie hat: 2 Pastinaken
  • Frühlingszwiebeln, Chili, Knoblauch, n guten Schuss Olivenöl
  • Butter, und n Schmatzer Meerrettichfrischkäse (war im Angebot)
  • Zwiebeln und Spiegelei extra, wenn das Muß ruht.

(Muss mir n Stampfer ausleihen, sonst wird das nix).

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Doch kein Hurricane

Nu isses doch kein lupenreiner Hurricane mehr, der auf Norddeutschland zusteuert. „Kirk“ wird ein früher und heftiger Herbststurm werden, sagt Sebastian vom Segelwetter. Das kann Donnerstag heftig werden.

Am Wochenende habe ich Extraleinen an meiner alten Schwedin ausgebracht und mich tatsächlich ein wenig gegruselt, als der Hurricane der Stufe fünf plötzlich nach rechts abbog, statt wie sonst immer, Florida zu ängstigen.

Aus 50 Knoten Forecast wurden 36.
Genug.

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Sturmnachtsicher

Der Wind fegt mit acht Beaufort durch den Mastenwald von Høruphavn, die Koje ist gemacht und auch eine Extraleine ausgebracht, für den Fall, dass die Luvleine bricht. Die Fallen angebunden und aus einem Stück Treibholz hab ich heute noch zwei Extrawinkel für den Mastschacht geschnitzt, da Klötzern nix mehr.

Die Dirk, die gestern Nacht noch so unruhig zuppelte, hab ich nu auch ruhig gestellt; die Sturmnavht kann kommen 😉

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Auf Reisen

Legerwall is Schiet

Ich bin durch Schaden kluch geworden: vor acht Jahren lagen wir bei acht Bft. auch auf der Außenseite in Høruphav; auch weil es am Vortag, nach langer Segelei, der einfachere Anleger war.

Nachts drehte dann der Wind und auf Sturmstärke.

Hilflos haben wir zugesehen, wie der Osten Wind alle Luft aus den Fendern drückt und man nur noch wählen konnte zwischen „Manöver jetzt oder gleich“.