Erstaunlich, wie weit weg dieser Tag inzwischen ist. Gar nicht so sehr, was das Geschehene angeht, sondern die Rückschau auf die Gefühle, die ich den USA damals gegenüber hatte. Die Dimension der Solidarität war so gewaltig.
Das erste Mal diese Unsicherheit: sehe ich da einen Actionfilm oder die Realität? Ein Gefühl, dass sich in letzter Zeit heimisch fühlt in unserer Welt. Gegen Putin, Trump, Corona,, Nazis und Klimawandel kommt einem 9/11 ja beinahe wie eine Kleinigkeit vor.
Mit 13 Jahren besuchte ich meinen Onkel und meine Tante in den USA.
Sie lebten mit meinen beiden Cousins in einem Schlafdorf vor New York City im beschaulichen New Jersey. Morgens las ich in der New York Times, die mein Cousin und ich vorher ausgetragen hatten, einen Artikel, den ich bis heute nicht vergessen habe.
(Ich fand das so cool, die Zeitungen vom BMX Rad in die Vorgärten zu werfen — wie im Film. Zum Frühstück gab’s „Peanut Butter Jelly“ Sandwiches und die US-Variante von Karo-Kaffee)
Die Meldung berichtete von zwei Familien, die sich auf Long Island beinahe gegenseitig ausgelöscht hatten. Über einen Streit am Gartenzaun, wie er wohl überall vorkommt, wo Menschen nebeneinander leben.
Nachdem die Munition ausging, sich der Pulverdampf über den schwer beschädigten Häusern verzog, wurde klar: fast alle waren tot. Auf der einen Seite überlebte lediglich ein Kleinkind; auf der anderen die 80jährige Großmutter, die allerdings fleißig auf ihre Nachbarn geschossen hatte, versteckt im Schlafzimmer des Obergeschosses.
Vor Waffen starrend hatten sich die Familien in ihren viktorianischen Villen jahrelang gegenüber gestanden, bis eine Kleinigkeit das Fass zum explodieren brachte.
„Sowas gibt es Deutschland nicht“, beruhigte mich mein Onkel damals. Und ich würde ihm immer noch zustimmen, allerdings mit dem Hinweis, dass es diese “Kleinigkeiten” schon auch hierzulande gibt, die Nachbarn zu Mördern machen.
„Er nannte mich Wurzelzwerg und wollte einen eigenen Briefkasten“.
Papa, erzählst Du mir ne Gutenachtgeschichte? Aber eine mit „Moral der Geschichte“ und so.
Hmm, lass mich kurz überlegen.
Ok, ich habs.
Es war einmal…
In Kalifornien. Eine Frau, nennen wir sie Susan, war gerade 36 geworden. Eigentlich kein besonderer Geburtstag und doch tut sie etwas merkwürdiges: Von einem Tag auf den anderen kündigt sie ihren Executive-Job bei einer PR-Firma. Verkauft ihr Haus in Malibu, trennt sich von ihrem Freund und zieht mit einem Rucksack, in dem ihre wichtigsten Habseligkeiten stecken, in Richtung Osten.
Zwei Jahre wandert sie in den kalifornischen Bergen herum, auf der Suche nach sich selbst.
Da sie sich partout nicht wiederfinden kann, schleicht sich der Vergleich in ihre Gedanken. Sie ahnt nichts Böses, als sie denkt: „Was wäre gewesen, wenn ich mein altes Leben behalten hätte?“
Es dauert nicht sehr lange, dann spürt sie die Wirkung ihres eigenen Gifts. Nun denkt sie nur noch: „Ich Idiot habe alles hergegeben, mein Leben, meinen Wohlstand, mein Glück“.
Sie vermag sich kaum weiter zu schleppen, da hört ein goldener Vogel ihr Jammern.
Als der letzte seiner Art in Kalifornien lebt er zurückgezogen in der trockenen Halbwüste, sein goldenes Gefieder ist vom hellgelben Staub matt geworden.
Kaum ist Susan an dem Kaktus vorbei gelaufen, auf dem er still steht, erhebt er sich in die Luft und gleitet von hinten über ihre Schulter. Seine mächtigen Krallen rupfen grob den Rucksack von ihrem Rücken und tragen ihn davon.
Als sich Susan von dem heftigen Ruck erholt, bricht sie zusammen. Der Alicanto hat ihr alles genommen, was sie noch besaß. Nun war sie wirklich am Ende.
Ungläubig späht sie in den Himmel, auf der Suche nach ihrer wertvollsten Habe.
Schläfst Du schon?
Wie soll ich denn schlafen, Papa. Die Geschichte ist voll gruselig.
Gibt’s den Alicanto wirklich?
Ja, mein Kind. Der Alicanto kommt aus Chile, aber ganz wenige schaffen es auch in die heißen Gegenden der USA. Er ist ein wunderschöner Vogel mit goldenen Flügeln, die im Dunkeln schimmern. Er sucht Gold und Silber und bringt Menschen unermesslichen Reichtum – aber nur, wenn sie ihm unentdeckt folgen. Entdeckt er sie zuerst, führt er sie auf gefährliche Wege, bis sie entweder zu Tode stürzen oder sich hoffnungslos verirren.
Was aus Susan wird, erzähle ich dir morgen, schlaf gut mein Spatz.
Papaaaa!
Würde meine Mutter noch leben, würde ich sie vermutlich abends anrufen, wie fast täglich damals.
Ich würde ihr dann vermutlich erzählen, dass ich bis auf Weiteres schwieriger zu erreichen wäre, weil Donald Trump angerufen hat: ich soll neuer Verkehrsminister in den USA werden.
Er habe mit Elon zusammen gesessen im Oval Office und einen Namen aus dem deutschen Telefonbuch rausgesucht. „Egal wer, Hauptsache deutsch und kein Berliner“.
Als ich 13 Jahre alt war, flog mich mein Vater nach New York City. Was toll war, denn das war auch 1981 eine tolle Stadt.
Dort gab es einen Arzt, der Stottern ganz anderes behandelte, als alle anderen vor ihm. Er behandelte uns nicht als psychisch Kranke.
Um seine Therapie einzuüben, die wir zwei Tage lernten – in einem eigenen „Center for Stuttering“ an der 5th Ave. – schickte er uns mit einem fake Rekorder und einem großen Button am Revers auf die Straße, um Menschen „zu interviewen“.
Alles was an den 90ern besonders war, kann man im Indiefilm „Clerks“ von 1995 bewundern.
Die Trostlosigkeit der Vororte in den USA aus denen Grunge entstand. Die Überforderung, zwischen Jugend und Erwachsensein eingezwängt zu sein – die sich über die schnellen Dialoge über Oralsex und Kultur auf den Zuschauer überträgt. Münztelefone, keine Handys. Die nie wiederkehrende Muße eines verlorenen Samstags.
Hab gesehen, es gibt Clerks 3 von 2022. Hab n bisschen Angst, mir den anzusehen.
Wir haben auf unserer Florida Rundreise überall übernachtet: in einem 4-Sterne Hotel, einem Beach Resort an der Golfküste und in einem Super-Luxus-Sport Resort in Key West. In einem Designerhotel in Miami und in einem schlimmen Motel. Aber nirgendwo haben wir besser geschlafen, war die Übernachtung ein größeres Erlebnis, als im Tipi des Old Owl’s Nest.
Nach unserem Beachtag in Fort Meyers Beach hatten wir uns etwas ganz besonderes vorgenommen: Eine Übernachtung in einem echten Indianer-Tipi. Ich hatte diese exotische Location schon von Deutschland aus gebucht, weil wir auf unserer Florida Rundreise etwas spezielles erleben wollten – wir wurden nicht enttäuscht.
Schlafen in einem echten Indianerzelt – der Natur näher geht nicht.
Floral City, FL.: – zunächst fährt man vom Interstate Highway eine Weile ins Landesinnere. Die Straßen werden immer schmaler, die Häuser kleiner. An vielen hängt die Südstaaten-Flagge. Wir merken, wir sind auf dem Land. An der angegebenen Adresse weist nicht viel auf ein „Indianer-Dorf“, ein kleiner Pfeil zeigt auf ein Movable Home, das so ausschaut, wie viele andere hier auch. Darüber ragen die Spitzen der Zeltstangen von zwei Tipis in den inzwischen blau-weißen Himmel. Uns kommt ein schmächtiger Mann entgegen und winkt uns hinein. Er heißt Oleg – er und seine Frau Aleks betreiben seit Januar diese zwei Tipis, die sie nach Original-Vorlagen haben bauen und von einem Schamanen mit einer Rauchzeremonie haben weihen lassen.
Es ist in diesem Juni am Nachmittag noch sehr heiß und schwül. Gerade hat es noch wie aus Eimern gegossen. Wir sind gespannt, wie das Tipi von innen aussieht.
Aleks und Oleh kommen beide aus New York, ursprünglich aus dem russischen Teil der Ukraine, was man ihnen auch nach 20 Jahren in den USA noch anhört. Aleks ist Künstlerin und hat die Tipis selbst bemalt und verziert. Innen finden sich haufenweise Naturmotive; „alles Tiere, die man hier sehen kann und die einen nachts besuchen kommen“, erklärt uns Oleg. „Wir haben hier eine große Eule, ein uralter Vogel, den hört man nachts jagen“.
Fischen, relaxen, Feuer machen. Eine Insel der Entspannung
Hinter den beiden Tipis – unseres heißt Sitting Bull, nach dem großen Häuptling benannt und von einem seiner Nachfahren geweiht – liegt ein Fluss, an dem man gut fischen kann. Es gibt dort Aal-ähnliche Fische, die scharfe Zähne haben und eher an einen Alligatoren erinnern. Ihr Fleisch schmeckt wie Hühnchen, sagt Oleg.
Heute Abend gibt es aber veganes Essen – Aleks kocht und immer vegan. Leider hat sich heute alles ein wenig verschoben, sodass wir eine Weile werden warten müssen. Das macht uns nichts aus, wir machen ersteinmal Feuer und trinken auf unsere gute Wahl ein amerikanisches Guiness. Das habe ich in einem Super Target gefunden und war sofort neugierig geworden: Eine kleine Brauerei in Pensilvania braut dieses helle Bier mit der Lizenz der berühmten irischen Brauerei. Es ist sehr lecker, frisch und vollmundig. Meine Empfehlung, wenn gerade kein Craft-Bier-Laden zur Verfügung steht.
Als die Sonne über den Wipfeln untergeht, hören wir die alte Eule rufen und wie auf Signal, kommt Aleks mit einem veganen Chili, das seines Gleichen sucht.
Als wir uns satt schlafen legen, hören wir, wie um uns herum Floridas Tierwelt erwacht. „Die Traumfänger funktionieren sehr gut“, hatte Oleg uns noch eine gute Nacht prophezeit, „hier hat noch nie jemand schlecht geträumt“. Und in der Tat, langsam rutsche ich in einen tiefen Schlaf und wache am nächsten Morgen erfrischt auf.
Ruhiger Schlaf dank Traumfänger
Wir machen uns mit der kleinen Kaffeemaschine unseren lieb gewonnenen Starbucks Verona Kaffee und schnacken noch eine Weile mit Oleg. Sie wollen dieses Haus verkaufen und sich noch mehr Zelte anschaffen, das Geschäft läuft gut an. Sie haben vornehmlich Gäste aus Europa und aus der Nähe. Für die meisten Amerikaner ist das Übernachten in einem Tipi einfach schwer vorstellbar, sagt er. Europäer sind da neugieriger und weniger verwöhnt.
Dabei hatte das Tipi alles, was man in den USA als Standard ansieht:
Einen guten Insektenschutz
Eine Klimaanlage
Gemütliche und gute Betten (Queen Size)
Wir versprechen wiederzukommen und in unserem Bekanntenkreis ein wenig zu trommeln. Oleg winkt uns zu, als wir mit unserem Ford Expedition vom Hof fahren. Der Name unseres Autos stimmt sprichwörtlich, das erste Mal in diesem Florida-Urlaub. 😉