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Was Werden

Ich habe auch mit Mitte 50 immer noch das Gefühl, alles werden zu können.

Ich war schon so viel. (Abiturient und Hilfsschüler. Wachmann und vorläufig festgenommen. Tankwartgehilfe. Student und Liquidator — einer GmbH und Paletten an Karlsquell Pilsener. Webdeveloper, Kreativdirektor. Powerhitter. Bundesligaspieler. Vater. Segler. Kolumnist und Kloumarmer. Fußballcoach und Scrum Master)

Heute morgen wach ich auf und frage mich: was soll ich heute werden? Erwachsen bin ich doch noch lange nicht.

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(B)Logbuch

Strandbagger

Neumühlen, 7 Grad bei Sonnenaufgang.

Auf Mallorca saß ich viel am Strand. Ich schaute aufs Meer und den anderen Menschen beim Spielen und Baden zu — Sonnenbaden, denn das Mittelmeer war fürs ausgiebige Planschen noch zu kalt (ca 15 Grad, also so warm wie die Ostsee Ende Juni; oder die Elbe).

Alle 500 Meter lag ein muffender Haufen feuchten Seegrases, zusammengeschoben von einem großen Bagger. An einem Tag hatte ich das fast meditative Vergnügen, ihm und seinem entspannten Führer bei der sysiphosischen Arbeit zuzusehen.

Hin und her, hin und her. Ein kleiner Junge sprang aufgeregt herum und rief auf spanisch so etwas wie: „Ein Bagger, Papa, ein Bagger“.

Ruhig und aufmerksam umfuhr der Bagger Handtücher mit liegenden Menschen und hüpfende Jungen.

Es ist die Zeit vor den flächendeckenden Sonnenschirmen, die gegen eine Gebühr einen willkommenen Schatten spenden. Mit viel Gerumpel und Gehämmer werden allerdings schon die Schirmdalben eingeschlagen. Hier arbeitet die Hälfte der Strandbesucher. Ostern beginnt die Saison.

Heute lese ich in der sehr geschätzten Elbvertiefung der ZEIT Hamburg, dass die Hamburger Stadtreinigung ebenfalls aufrüstet. Zwei neue Strandbagger hat sie dieses Jahr in Betrieb genommen. Die beiden sollen zuverlässiger Flaschen, Unrat und Müll aus dem Elbsand sieben.

Auch in Hamburg beginnt Ostern die Strandsaison — wobei bei den Osterfeuern von Blankenese bis Neumühlen erstmal wieder alles dreckig wird, bevor dann im Mai der berühmte und kurze Hamburger Sommer kommt.

Obwohl: in Zeiten des Klimawandels, wer weiss schon, vielleicht boomen bald auch bei uns Schatten spendende Holzschirme.

Die werden aber sicher erst nach Ostern und nicht zu Ostern aufgebaut. Einheimische würde sie sonst sicher dem Feuer anvertrauen, um die Wintergeister zu vertreiben.

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Übers Bloggen

Morgen Nacht nach Ibiza

Sa Caleta, Ibiza, leichter Wind – ablandig, 19 Grad am Morgen.

Wenn du dies liest, entweder weil du einen Link via Fediverse oder Bluesky (ab und an sogar noch Facebook) angeklickt hast oder diesem Blog sogar dort folgst (cool!) oder ihn per Newsletter bekommst, dann gehörst Du zu einem (bisher noch) exklusiven Club — meinen Leserinnen.

Dafür nur ein Wort: vielen Dank! (ok, sorry, das wars jetzt auch mit Fußballerzitaten)

Wer sich auch oft bei Youtube herum treibt oder sich ab und an (öfter als gewollt, gib es ruhig zu) dem Instagram Feed ergibt, der kommt an den Lebenstipps erfolgreicher Gurus und Coaches nicht vorbei.

Manifestiere, was dich glücklich macht, ist einer der Klassiker.

Ich manifestiere ja schon lange, manchmal zusammen mit anderen, befreundeten Bloggern, wie die (nahe, denn langsam wirds Zeit, wenn das mit dem frühen Ruhestand noch was werden soll) Zukunft aussieht. C. und ich sahen uns letztens bei Bluesky beide schon in einer balearischen Bucht. Das Segelschiff, auf dem ich als Autor mit B. sorgenfrei das Leben eines Liveaboards genieße, liegt verträumt und sicher vor seinem Strandhaus vor Anker. Ibiza als Sehnsuchtsort reifender Medienmenschen – Klischee, ja, aber eine starke Manifestation – oder?

Freunde kommen übers Wochenende, denn es liegt etwas Besonderes an: W. legt eine ganze laue Frühsommernacht lang seine berühmten und einfühlsamen House-Decks auf. Wir grillen und haben eine viel schönere Zeit als uns dem neuen Koalitionsvertrag gemäß zusteht.

Bisher klappt das alles nur so lala mit dem passiven Einkommen — also mit euch 😉.

Ist aber nicht schlimm.

Ich schreibe sowieso. Und weil das so ist, ziehe ich auch keine Bezahlschranken hoch oder klöppel Bonusmaterial, das dann nur Abonnentinnen sehen. Denn: Texte wollen gelesen, Podcasts gehört werden!

Free plus: Gib doch, was du willst

Meine Inhalte gibts kostenlos. Auch meine Ebooks, die regelmäßig aus meinen Blogideen heraus purzeln. Hier findest Du zwei davon – wenn Du willst for free – oder eben für das, was Du entbehren kannst oder willst. Du kannst auch an Viva Con Agua oder Seenotretter spenden, wenn sich das für Dich stimmiger anfühlt – alles ok.

Noch mehr freue ich mich aber über …

  1. Empfehlungen, den Goldstandard für Blogger. Teile meine Texte an Freunde und Kollegen. Das wäre toll
  2. Feedback. Schreibe mir, was dir an meinen Inhalten gefällt, und was nicht. Ich ernähre mich davon – im übertragenen Sinne.

Wir sehen uns dann demnächst auf Ibiza. Sail ho!

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(B)Logbuch

Fischerfrühstück

Hafen Strande, lebhafter Wind aus Süd. 12 Grad Celsius, nachher solls noch regnen.

Am Morgen nach dem Auswärtssieg sitze ich beim Fischerfrühstück (Fischbrötchen mit Kaffe) mit Blick auf den Hafen.

Neben mir sitzen die Fischer und ratschen. Übers Wetter, den Fang und Fussball.

Mit der KSV wars das nu wohl?
Jo.
Und der HSV hat auch verloren.
Im eigenen Stadion. Wie kann das angehen?
Jo.
Aber mal was anneres; was ist mit Melsungen?

Ach ja, denke ich, hier oben ist Fussball ja nur die Nummer zwei unter den Sportarten.

Kommst du nachher mit zum THW?, fragt mich Dean, der sich mit einem Bier neben mich setzt (die alternative Variante des Fischerfrühstücks — hier sagen sie nicht Bier-trinken, sondern Bier-lutschen, was mir dann irgendwie den Appetit nimmt).

Dean lächelt und sagt: da gewinnen heute mal wir.

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(B)Logbuch

Unfreiwillig Peripherie

Wir leben an der Peripherie — neuerdings und getriebenermaßen (lange Geschichte, zuviel „auto“ zuwenig fiktional, deswegen nur am Rande Thema hier).

An der Peripherie gelten andere Gesetze als mittendrin.

Ich war gestern in Altona, ein paar vertraute Dinge abklappern: Die Hausärztin, den Briefkasten, die Apothekerin, die von streng auf lustig nur Millisekunden braucht, und am Schluss ein Korean Fried Chicken im BOK am Bahnhof (das ist sooo lecker und sooo schwer verdaulich). Da ist es mir wieder aufgefallen, wie anders das Leben hier fließt.

Schneller, übergriffiger, energiereicher, rast es an mir vorbei.

In Altona kann man sich der Welt nicht entziehen. Man steht mittendrin, wird umzingelt — always connected. Der Bahnhof und der Hafen, die diese einst als Nordeuropas Zentrum der Aufklärung bezeichnete Stadt mit dem Rest der Welt verbinden, verstärken den Fluß. Accelleriertes Leben.

Zurück in der kleinen Stadt an der Peripherie fällt er ab, der Stadtdruck. Und macht einer ruhigen Unbeteiligung Platz.

Einer Pseudo-Gewissheit, dass sich Dinge nicht ändern, und wenn doch dann hier zuletzt.

Ein Trugschluss natürlich.

Im Kultroman „Generation X“, der mir vor kurzem (beim Umzug) wieder in die Hände fiel, ist die Flucht an die Peripherie nicht erzwungen, sondern bewußt gewählt.

Um dem Wahnsinn der Welt zu entkommen, in der schon damals irrigen Annahme, daß man dort vor ihm sicher sei.

„Wir leben unser kleines Leben an der Peripherie; wir sind an den Rand gedrängt, und es geht etwas Wichtiges vor, an dem wir lieber nicht teilnehmen wollen. Wir haben Stille.“

GENERATION X, Seite 21

Ich frage mich, wie lange ich dem widerstehen kann, mich der heimeligen Ordnung der Peripherie zu ergeben. Ob ich dann auch CDU wählen werde? – just kidding 😉 –

Man müsste mit coolen Leuten sich die Peripherie erobern — so wie in Generation X, denke ich noch, bevor ich mich wieder an die Vodafone Hotline hänge. Ein Telekomtechniker hat mutwillig unsere Leitung gekappt.

Ohne Internet ist die Peripherie schonmal scheiße, soviel steht fest.

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(B)Logbuch

Anti-Antifouling

Ostsee, Wind aus Ost, also kühl, max acht Grad. Aber Sonnig.

Auf dem Außengelände des kleinen Yachtclubs an der Förde riecht es nach Saisonbeginn. Die Bootseigner lackieren, schleifen, basteln und malen wie die Weltmeister. Immerhin ist bald Ostern, da steigt der Druck das Boot segelfertig zu machen. Interessanterweise nährt ausgerechnet der Klimawandel den immerwährenden Traum von Frühlingsgefühlen auf dem Wasser.

Ich bin spät dran dieses Jahr (selbst schuld, wenn man wertvolle Zeit in Spanien in Yachthäfen abhängt).

Heute will ich das Unterwasserschiff malen und die Schraube von den kalkigen Resten ihrer unerwünschten Besetzer vom letzten Sommer befreien.

Ich nehme wie jedes Jahr dasselbe Antifouling, ein selbstpolierendes mit einem japanischen Kriegernamen, der wohl den Seepocken Angst einflößen soll. Das klappt so lala. Eigentlich jedes Jahr schlechter. Kann es sein, dass die Viecher sich an das Gift im Wasser gewöhnen? Sich anpassen, wie die Borg in Star Trek?

„Wir werden Deinen Bootsrumpf unserer Zivilisation hinzufügen. Widerstand ist zwecklos“

Jedes Jahr kriecht das schlechte Gewissen hinten den Nacken hoch. Biozid klingt gut, nach Medizin, umschreibt die Wirkungsweise der blauen Farbe aber für mein Gemüt ungenügend. Reines Gift wäre besser. Ich trage Maske, Kappe und Handschuhe währenddessen, damit mir Töffel nicht allzuviel von der Farbe im Gesicht, auf Händen und Armen landet. Ich bin die Jahre vorsichtig geworden, auch weil ich jedes Mal zwei Tage maddelig bin, wenn ich das Antifoulig auftrage. Reines Gift!

Ich stehe vor meiner Schwedin und überlege – wie jedes Jahr – ob nicht der Anstrich vom letzten Jahr ausreicht, als D. von nebenan vorbei kommt.

D. ist Mitglied im großen Yachtclub an der Förde. Wären wir noch eine Monarchie, der Kaiser wäre dort Mitglied und die Kieler Woche wäre nach seiner Enkelinprinzessin benannt, wie auf Mallorca.

Ob bei uns auch schon die Polizei vorbei geschaut hätte? Die fahren alle Yachthafen und Werften ab und machen den Leuten Angst.

Es sei verboten, einfach so mit Antifouling rumzuhantieren, noch schlimmer, es unter freiem Himmel anzuschleifen. Das sei eine Straftat, wurde informiert, und dass man wiederkommen und Leute anzeigen würde, wenn das nicht streng nach der neuen EU-Richtlinie erledigt würde hier, DAS RUMSPRITZEN MIT REINEM GIFT!

Uff. Das saß.

Ja, genauso habe er auch geguckt, sagte D. und ließ mich mit meinen Gedanken allein.

Was dann begann, war sowas wie ein interner Bundestagswahlkampf auf Speed.

Zuerst übernahm der kleine AfD-Wähler, der jeden bewohnt und den wir versuchen in Schach zu halten (normalerweise gelingt mir das besser als Fritze Merz).

  • Was soll denn der Quatsch?
  • Straftat, die ham sie wohl nicht mehr alle
  • SCHEIß EU 1!11!

Dann meldete sich mein Gewissen und schickte den AfD-Wähler ohne Abendessen ins Bett.

  • War sowieso komisch, dass der Umgang damit so lax gehandhabt wurde.
  • Muss ich wirklich alles neu malen dieses Jahr?
  • Und abschleifen muss man Selbst-schleifendes ja wohl auch nicht, oder?

Als ich noch kurz den Nörgler beruhigte, der beim Gedanken an Selbstschleifung bemerkte, eben selbst und schleifen, sagt ja der Begriff schon, wohin das ganze Gift geht – ins Wasser der Ostsee. Aber da interessiert es sie wieder nicht… typisch… fuhr ich in den Baumarkt.

Malerflies, Handschuhe, Antifouling und Schleifpapier besorgen.

„Warten Sie bitte kurz“, sagte die Frau an der Information, „ich muss meinen Kollegen suchen; er ist der Einzige, der seit diesem Jahr Antifouling verkaufen darf – der ist geschult“.

Oh, also hier war die EU-Richtlinie also auch schon eingeschlagen, dachte ich und wartete geduldig in Gang 109 auf den Fachmann.

Haben Sie das schonmal benutzt?, fragte er mich, als er zehn Minuten später auftauchte.

Ja.

Dann ist ja gut. Wieviel brauchen Sie denn? Viel Auswahl habe ich nicht mehr.

Und meine Farbe auch nicht, jammerte ich leise.

Ich nahm die kleine Dose in Navy Blau (anstatt Mid Blue wie sonst) und eine große Rolle Malerflies.

Nun ist das Ruder und der Kiel dunkler als der Rest. Camouflage beinahe. Vielleicht habe ich ja Glück und das verwirrt die Borgkrebse im Hafen dieses Jahr.

Besser für die Ostsee wäre es, ich schaute mich nächsten Winter nach Alternativen um.

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(B)Logbuch

Immer zu zweit sie sind

Tornesch, Hochnebel, 7 Grad am Morgen.

Ich habe keine Ahnung, wie lange es dauert bis die Auswirkungen der Trumpschen Zerstörungswut auch Tornesch erreichen.

Ich habe Nachbarn, die haben über 600.000 Euro für ihr Haus ausgegeben (hat er mir gestern erzählt; heute kostete unseres knapp 150.000 Euro weniger, wollten wir es kaufen), haben drei Kinder, zwei Autos und mindestens einen fetten Kredit am Laufen. Ob er mit seiner Familie auch vor dem Fernseher sitzt und denkt: was geht hier ab?, das hab ich doch alles irgendwo schonmal gesehen?

Später einmal werden Soziologen einen Begriff dafür finden, als die Märchen unserer Kindheit und die Popkultur unserer Jugend begannen, das reale Leben zu übernehmen.

Immer zu zweit tauchen in Star Wars die Sith Lords auf. Darth Vader und der Imperator beispielsweise. Immer ein Meister und sein Apprentice. Wen das an Trump und Musk — oder vielleicht besser an Trump und Putin erinnert, der kann mir folgen. (Wer da wohl der Meister ist?)

Handelskriege spielen übrigens bei der Übernahme einer ganzen Galaxis eine initiale Rolle, da wird derselbe Plan doch wohl auch für einen lütten Planeten reichen.

Ich wusste schon immer, warum ich Star Trek dem Krieg der Sterne vorziehe (Hallo?, Sterne, Stars! and Stripes). Da gibt es zwar auch Bösewichte, die einen assimilieren wollen, aber die haben wenigstens soviel Anstand, dass sie einen vorher warnen.

„Wir sind die Borg… Widerstand ist zwecklos“

Mein Präsident Oke hatte vor Jahren auf einer gemeinsamen Auswärtsfahrt nach Bielefeld (ein Planet im Westfalen-System) ein T-Shirt an, auf dem stand: „Her mit der Utopie“. Als Trekkie habe müde gelächelt, denn ich hatte schon eine. Und ich ahne, wie es weiter geht.

2063, am 5. April* — in weniger als 40 Jahren also — wird Zefram Cochrane mit seinem selbst gebastelten Raumschiff „Phoenix“ den ersten Raumflug mit Warp eins bewerkstelligen. Wenn er wirklich ähnlich alt sein sollte wie der Schauspieler in Star Trek – der erste Kontakt dann ist er heute so alt wie meine Töchter.

Ab diesem Moment wird alles gut. Versprochen.

Dummerweise müssen wir vorher noch den 3. Weltkrieg und den Zusammenbruch aller Ordnung und Gewissheit erleben.

Denn in der Realität laufen Star Wars und Star Trek offenbar im parallelen Double Feature.

* Im „Star Trek“-Universum ist der 5. April offiziell als „Tag des Ersten Kontakts“ bekannt, ein Tag zum Gedenken an das erste fiktive Treffen zwischen Menschen und Vulkaniern in Montana im Jahr 2063, wie es im 1996 von Jonathan Frakes gedrehten Film „Star Trek: Der erste Kontakt“ zu sehen ist.vor 4 Tagen

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(B)Logbuch

Südost bringt den Frühling

Hafen von Can Pastilla, lebhafter Wind aus Südost, sonnig bei 16 Grad.

Als ich mich aus der Koje schäle, sind meine Knochen noch ein wenig steifer als die letzten Tage schon. Der Zipfel eines arktischen Tiefs hat seine Peitschenspitze nachts über die Insel geschickt. Es war sternenklar und kalt, fast wie an der Ostsee im Mai.

Eine der Gewissheiten, die auch im Mittelmeer gelten: Osten Wind givt n krüsen Büddel und n lütten Stint. Gewiss, wenn er im Winter und Vorfrühling auftritt.

Anfang April und Ende November feiert die Insel ihren Frühling zweimal. Der eine als Belohnung fürs Durchhalten der heißen, der andere für die dunkle Zeit. Richtig kalt wird es einem Nordlicht hier ja nie. Aber die Dunkelheit, die zehrt genauso wie zuhause.

Ostern, so erzählt es Carmen aus der Bodega am kleinen Marktplatz vor der Kirche, reissen wir uns auf Mallorca alle die Winterklamotten vom Leib und springen ins Meer.

Danach ist Badehose und Flip-Flops angesagt. Sommer. Rituelle Häutung auf Knopfdruck quasi, jedes Jahr wieder.

Der Frühling ist eben überall wann anners da, aber kommen tut er bisher immer. Das ist gewiß, glaubt zumindest Carmen. Ich bin mir da nicht mehr so sicher. Deswegen bin ich ja hier.

Als ich meine Nase aus der Kajüte strecke, weht mir der kühle Wind um die Nase, und es riecht nach frischem Kaffee. Ewalds Morgengruß aus dem Nachbarcockpit folgt dem Duft.

Ewald und Andreas sind Kölner, und ein Paar. Beide sind hier bewußt vor Anker gegangen. Nicht geflohen, wie ich, sondern planvoll ausgewandert. Sie haben drei Kabinen. Eine für jeden (Ewald schnarcht, sagt Andreas) und eine für Besuch aus dem Rheinland.

Ich bewundere soviel Voraussicht. Ich handle ja eher pulsiv und zahle dann eine Weile die Strafe für die Panik.

„Kommst du mit?“, fragt Ewald, „wir wollen heute nach Algaida, Sopa essen“. Beide haben sich ein Auto für einen Tag gemietet. Für nur zehn Euro mit allem pipapo.

In Palma und Umgebung kommt man gut mit Bus und Fahrrad aus (es gibt sogar ne U-Bahn), Parkplätze kosten hier soviel wie eine 2-Zimmerwohnung in Bonn, sagt Andreas.

Will man ins Inland, kann man Busfahren auf Mallorca vergessen. Da ist Ewald mal zufällig seiner Meinung.

„Nein, danke“, sage ich, dabei ist die Sopa Mallorquina, eine trockene Kohlsuppe, mein lokales Lieblingsgericht. Vor allem die aus Algaida. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich bleibe heute im Yachthafen, so der Plan. Ich will mich auf die Mole setzen und jungen Menschen aus aller Welt zuschauen, wie sie die Copa Sofía aussegeln (hat schon was, eine Regatta nach einer waschechten Prinzessin benennen zu können). Seit Tagen schon wuseln einhundert kleine Jollen mit ihren Seglern im Hafen herum. Verwandeln diesen Ort des muffigen Luxus in etwas lebendiges. Das liebe ich am Segeln so, das kann kein anderer Sport: so unheilvoll elitär und lebendig jung zugleich zu sein.

Laser-Teams aus Kiel, aus Bengalen, den USA, Indien und Australien sehe ich. Die ganze Welt ist da, und freut sich über den frischen Wind aus Südost.

Ich setze mich gemütlich auf die Mole und schaue den ganzen Tag aufs Meer: Seglerinnen und Kitern beim Wettsegeln zu. Ein Leben in Dreiecken.

Der Winter ist vorbei, sage ich still zu mir selbst und lächle, das Leben auf dem Wasser beginnt wieder.