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(B)Logbuch

Hej Axl Rose, was soll der Scheiß?

Mannheim, August, 1991. Heiß, kaum Wind.
Wir warten auf Guns n Roses

Es ist gleich beim Einsteigen heiß im Bus, in dem wir sehr lange Zeit sitzen werden, um gerade so rechtzeitig nach Mannheim zu kommen. Der Veranstalter, Metal Tours, hat pro Bus zehn Paletten Freibier versprochen. Das war ausschlaggebend für Moritz, uns vier Plätze zu buchen. „Wegen der Elektrolyte“, sagte er.

Schon kurz vor Bremen meldet der Busfahrer, dass er jetzt mal 90 Minuten durchfahren müsste, sonst kämen wir nie in Mannheim an – und schon gar nicht rechtzeitig zum Guns n Roses Konzert. Dem einzigen in Deutschland und ausgerechnet in Mannheim. Wer kommt auf so eine Idee?

Routinierte Metal Busreisende hatten sich mit 20 Liter Kanistern ausgestattet, um das dringendste Bedürfnis einigermaßen würdevoll entlassen zu können – Details erspare ich euch. Nur soviel: Moritz lachte mich erst aus, als ich nicht anders konnte, als die netten Jungs von der letzten Reihe um ihren bereits halb vollen Kanister zu bitten. Nicht lange danach mussten auch meine Reisekumpels dringend; und mit dringend meine ich schmerzhaft dringend. Und da war nicht mehr viel Platz darin.

Ich muss da gerade an eine Kurzgeschichte von Henry Miller denken, wie er mit demselben Bedürfnis, nur unwesentlich zwei Generationen vorher, durch Paris wanderte, auf der Suche nach einem Pissoir.

Danke, sagt Markus, dem ich die Geschichte auch gerade erzähle, nun habe ich wenigstens Paris mit im Kopfkino.

Gern geschehen.

Wir schaffen es also irgendwie in die Nähe von Mannheim – eine letzte Pause, zum Pinkeln und Schnobkram kaufen (auf Festivals ist der Schiet ja immer so teuer).

Der Bus fährt los. Aber Moment, wo ist denn Moritz? Der fehlt.

Hej, Herr Busfahrer, Herr Busfahrer, da fehlt noch einer.
Kann hier nicht halten, kann hier nicht wenden.

Er hat offenkundig die Schnauze voll von uns. Vielleicht ist er neu in der Metal Busfahrerszene, noch nicht so abgehärtet? Irgendwie kann ich das sogar verstehen. Nur dass ihm Moritz Schicksal so egal ist, das bringt uns auf die Palme.

Wir machen uns natürlich große Sorgen um Moritz. Aber da es weder Handies gibt, und wir nix tun können, warten wir ab und trinken weiter unsere Elektrolyte.

Moritz ist plietsch, ein Organisationstalent, der schafft das schon. Zur Not muss er seinen Alten anrufen, sagt Heino. Wir nicken, denn so richtig viel mehr fällt uns auch nicht ein. Physische Gewalt gegen den Busfahrer, was Heino vorschlug und als Jurastudent auch begründen konnte, hatten wir ausgeschlossen. Denn dann würden wir alle das Konzert des Jahres verpassen; ach was, des Jahrzehnts. (Zumindest dachten wir das da noch)

Als wir am Maimarktgelände in Mannheim ankommen, winkt uns Moritz schon zu. Er steht neben zwei Polizisten. Der eine lächelt und winkt auch, der andere – der jüngere – guckt mürrisch.

Ein riesenhafter Stein rumpelt uns vom Herzen. Und Moritz Geschichte wäre hier einen eigenen Artikel wert.

Deswegen in gebotener Kürze: Als er in seinem Dunschädel realisierte, dass der Bus ohne ihn abgefahren ist, machte er sich zu Fuß von der Autobahntankstelle auf den Weg in Richtung Mannheim. So grob. Der Weg führte ihn über ein großes Feld, das er zu überqueren gedachte, nicht ahnend, dass es sich um eine Wiese neben der Landebahn des Mannheimer Flughafens handelte.

Die Flughafenpolizei, die ihn aufgriff, um Schlimmeres zu verhindern, hatte ein Metalherz und nahm den freundlichen aber leicht verwirrten und dehydrierten jungen Mann mit Blaulicht mit zur Festwiese. Dadurch war Moritz sogar vor uns da.

So, ab nach vorne, durchwühlen. Wir sind dann mal soweit.

Ich erinner mich noch, dass es ewig dauerte, bis nach zwei Vorbands (von denen Skid Row mir echt den Tag rettete) endlich Guns n Roses auf die Bühne kam.

Axl Rose hatte offenkundig ordentlich was eingeworfen, eingeführt oder eingehobelt, – was weiß ich – denn er hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Seine Kopfstimme klang auch nicht gerade frisch. Natürlich, das verstanden wir gut, nach gefühlt 12 Stunden Busanreise, fühlten wir uns ähnlich. Hej, reiß Dich mal zusammen, Alter, rief Moritz aus der ersten Reihe.

Drop Mic nach den ersten vier Songs, das war auch ne Antwort. Axl Rose, diese Wurst in weißer Lederhose und Kopfstimme schuldete uns ein Konzert; da waren wir uns alle einig. Überhaupt waren meine Helden Anfang der 90er Jahre alle ziemliche Wracks, die Bock auf alles Mögliche hatten, nur nicht darauf, Konzerte zu geben. Das war bei den Red Hot Chilli Peppers im Docks nicht anders. Nur mit dem Unterschied, dass ich mit der S-Bahn nach Hause fahren konnte. (Auch da entpuppte sich die Vorband als Abendretter; die Henry Rollins Band und ihren Frontmann verehre ich seitdem)

Müde, wütend und zerschlagen schlurften wir in den Metal Tours Bus zurück und wollten nur noch eins: die ganze Heimfahrt schlafen.

Das sah der Busfahrer allerdings anders und spielte über die scheppernden Bordlautsprecher „Ich will Dein Blut, wir sind die Kneipenterroristen“ von den Böhsen Onkelz in Dauerschleife. Erst aktive Kommunikation der gesamten Passagierschaft mit der Info, dass wir lieber auf einer Polizeiwache übernachten würden, als das weiter zu ertragen, linderte den Schmerz.

Axl Rose konnte ich das alles lange nicht verzeihen*.

Wieso ich gerade jetzt daran denken muss? Am Donnerstag spielen Guns n Roses, inzwischen clean und im Rentenalter, auf dem Wacken Open Air als Headliner. Schlafen in einem Hamburger Luxushotel und kutschieren für ein kurzes Set in die Matschwelt des sommerlichen Schleswig Holstein.

*. Auch wenn sich die Berichterstattung über das Konzert besser liest, als ich es erinnere.

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Oma mit Haltung

Habe gerade beim Købmand im kleinen Dorf an der Ostsee (wo CDU und FDP die absolute Mehrheit und wo sie einen Politstar als berühmtesten Bürger haben, dessen Bücher vorne an der Kasse des kleinen Einkaufsladens signiert zu erwerben sind — laufen nicht so gut, sagt der Kaufmann) eine Oma gesehen, die einen großen Sticker von „Omas Gegen Rechts“ trug.

Ich habe mich gefreut und ihr gesagt, wie sehr mich das freut, sie hier zu sehen. Sie hat freundlich gelächelt und geantwortet:

》 Muss ja, junger Mann.

Muss ja.

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(B)Logbuch

Wir Ertrunkenen

Flensburg Marina, im Sommer 2006. Sonne 26 Grad, schwachwindig.

Ich kenne diese Homer Simpson Momente, in denen einem maximal noch ein kurzes „Nein“ entspringt, angesichts der Doofheit dessen, was einem gerade passiert oder man gerade selbst tut.

Mir graut heute noch vor dem Gedanken, dass ein solcher Moment mein letzter sein könnte. Ein letztes „Nein“, ein verwunderter Ausdruck im Gesicht. Schluss. Licht aus.

Im Sommer 2006 war es soweit.

Nach einer Segeltour im Flensburg Fjord war B. mit den Kids in ein Tobeparadies in der Nähe gefahren, um die Kinder für die Heimfahrt nach Hamburg müde zu spielen und mir Gelegenheit zu geben, Klarschiff zu machen.

Die „Johanna“ war eine polnische Segelyacht, die sich vier Familien teilten. Wie in vielen Eignergemeinschaften stritten auch wir uns irgendwann über Liegengebliebenes der anderen oder Dinge die eben nicht dort liegen, wo sie hingehören. (Einer der Gründe, warum diese auch zerbrach und ich für B. und mich später ein eigenes Boot suchte, aber das nur nebenbei).

Unter Deck war schon alles chico, als ich die letzten Wischer mit dem Dweil übers Deck führte. Kurze Hose, T-Shirt, barfuß, Hochsommer.

Um den Wasserschlauch auszustellen, nahm ich nicht den Weg über den Seitenschwimmer, sondern den nur unwesentlich kürzeren über den Bugkorb. Ich schwang mein linkes Bein über die Reling und dann das rechte hinterher, wie ich das schon 1000 Mal getan hatte. Diesmal glitschte mir allerdings das Standbein weg.

Grün.

Über mir ist es grün.

Die Gedanken kommen einzeln und verlangen vom zentralen Chip eine Bestätigung. Lustigerweise (so im Nachhinein betrachtet) ist dort nur dieser eine Sinneseindruck und dieser eine Gedanke. Kein Schmerz, keine anderen Sinneseindrücke, keine Angst, keine Panik — die kommt später — als alles vorbei ist)

Wenn es grün ist, dann muss ich unter Wasser sein, denke ich in einer Art Selbstgespräch. Tatsächlich. Erst jetzt spüre ich das Wasser um mich herum. Den Film über den Augen, die die Sonne durchs Hafenwasser ansehen.

Ok. Denke ich. Und ich kann meinen Gedanken da noch seelenruhig zusehen, wenn du unter Wasser bist, dann müsstest du ja mal atmen.

Als wäre er dazugeschaltet worden, meldet sich der Atemreflex. Ich brauche Luft, und zwar schnell.

Zwei Schläge mit den Armen später sauge ich den Sauerstoff in mich hinein und frage mich, warum mir der Nacken und der Brustkorb weh tun. Ich bin immer noch ruhig, als ich plitschnass mich auf den Seitenschwimmer ziehe.

Mein Bootsnachbar gegenüber macht immer noch sein Boot sauber. Hat nix mitbekommen.

Als ich merke, dass alles wieder funktioniert, kommt die Erkenntnis. Als letzte auf der Party vertreibt sie die Gelassenheit von der Tanzfläche und tanzt Pogo.

Was, wenn du nicht aufgewacht wärst. Was, wenn dich der Schlag auf den Nacken ein wenig weiter oben, am Hinterkopf getroffen hätte.

Ich denke wieder, und je trockener ich werde, desto krasser fällt die Erkenntnis über mich her: eigentlich müsstest du gerade ertrunken sein.

Inzwischen habe ich mich angezogen und aus einer Art Vorahnung in die kleine Hafenkneipe am Rand der Schlengel gesetzt. Vor mir steht ein doppelter Akvavit, als mein Körper anfängt zu zittern.

Ich sehe das, was (dann ohne mich) passiert wäre. B. wäre bald wiedergekommen, hätte sich gewundert und dann gesorgt, bevor etwas später Gewissheit gefolgt wäre: Erik ist ertrunken.

Die warme Schärfe des norwegischen Akvavit hilft, das Zittern hört auf. Dafür pochen jetzt mein Brustbein und mein Nacken um die Wette, als wollten sie mir klarmachen: hej Alter, wir sind noch am Leben.

Überlebende eines Homer Simpson Moments.

***

Ich muss diese Woche an das Grün über mir denken, als ich lese, dass „der kleine Theo“ ertrunken ist. Auch so abrupt und vielleicht mit einem letzten „Nein“ auf den Lippen.

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Haikus, Gedichte und andere kurze Gedanken

Ich liebe

Ich liebe – Ein Reply aus Altona

Ich liebe. Das könnte auch hier das Ende sein, aber auch ich liebe Sätze, die sich wie Betrunkene aneinander klammern. Ich liebe Worte, die sich stapeln wie Container im Hafen. Ich liebe Segelboote, die gegen den Wind kämpfen wie Philippe Djians Protagonisten gegen ihre eigenen Dämonen.

Ich liebe den Geschmack von Salzwasser auf den Lippen nach einem Tag auf See. Ich liebe alte Männer in der Hafenkneipe, die ihr Seemannsgarn spinnen, ohne zu wissen, das ist Literatur. Ich liebe Möwen, obwohl sie mir einmal mein Fischbrötchen geklaut haben. Ok, das war gelogen. Ich liebe, wie überrascht ich war, als ich merkte, dass mein Segelboot surfen kann.

Ich liebe Fischsuppe aus Altona. Ich liebe Schreibmaschinen, egal ob sie noch funktionieren. Ich liebe mir vorzustellen, ich wäre eine Möwe, die sich vorstellt, wie es ist, ein Mensch zu sein im Hamburger Winter, mit einer Mütze aus Seetang auf dem Kopf. Ich liebe Liebesbriefe oder Hilferufe (was ja aus einer gewissen Sicht dasselbe ist), die als Flaschenpost die Elbe hinunter (und zwischendurch immer mal wieder hinauf, fast nach Teufelsbrück) treiben bis sie ungelesen den Atlantik erreichen. Immer noch voller Hoffnung.

Ich liebe scheue Hafenkatzen. Ich liebe Frontschweine, die ihren Text vergessen. Ich liebe das nervöse aber wohlwollende Verständnis in den Brüsten ihrer Zuhörer. Ich fühle mit Möwen, die ihre gierigen Küken entwöhnen. Ich liebe das Lächeln von Menschen mit schiefen Zähnen.

Ich liebe, dass Hummeln mit den Füßen schmecken. Ich liebe es, wenn es so kalt ist, dass ich als Erster über den glitzernden Schnee im Park laufen kann. Ich liebe Bücherschränke auf der Straße, die sich magisch wieder auffüllen.

Ich liebe, wie meine Tochter Kniffel zu ernst nimmt. Ich liebe meinen ersten Schwarm aus der vierten Klasse, wo auch immer sie ist, was auch immer aus ihr wurde. Ich hörte, sie ist nicht weit gekommen. (Dein Mixtape mit The Police und Adam Ant habe ich noch!).

Ich liebe vergessene Telefonzellen auf dem Bahnsteig. Ich liebe dänische Lakritze. Ich liebe den schiefen Mond über dem Hafenkran, der noch voll werden will.

Ich liebe die sechs perfekten Löcher in meinen abgetragenen Segelstiefeln. Ich liebe, dass Lachen ansteckender ist als Covid. Ich liebe die erlösende Romantik von Einfahrten in den Heimathafen. Ich liebe es, auf einer letzten garstigen Welle ins Hafenbecken zu surfen.

Ich liebe es, Menschen zu sehen, die am Straßenrand anhalten, um einen Regenbogen zu fotografieren. Ich liebe, dass ich fast alles mit Segelgarn und Klebeband reparieren kann. Ich liebe es, meine Partnerin rufen zu hören: „Welche Leine zuerst?“ Ich liebe, aus einem Fenster zu schauen, an das Starkregen prasselt.

Ich liebe es, leisen Tönen und lauten Liedern zu lauschen. Ich liebe Loppe Markets in Garagen. Ich liebe Papierflieger im Stadion zu basteln. Ich liebe, dass die Muscheln am Strand nix kosten.

Ich liebe Cafés am Sonntagmorgen, die so französisch sind, dass man glatt vergisst, dass man in Ottensen ist. Ich liebe Menschen, die ein hartes Leben haben und sich trotzdem ihre Freundlichkeit partout nicht nehmen lassen wollen. Ich liebe es, in Pfützen zu springen und zu sehen, wie der Matsch zur Seite spritzt (und mein Hosenbein hoch).

Ich liebe, dass B. mir immer Hundevideos schickt. Ich liebe den flüchtigen Moment des Ärgers, wenn jemand mich beim Schreiben unterbricht und bittet, mir doch stattdessen mal lieber aufzublicken und den Sonnenuntergang anzusehen. Ich liebe den Augenblick danach, wenn ich erkenne, dass ich als wahrer Autor jeden Text für jeden pinken Abendhimmel fallenlassen muss.

Ich liebe, was ich mit Menschen gemeinsam habe, mit denen ich nichts gemeinsam habe.

Ich liebe, dass meine besten Freunde mich aufziehen, auch wenn ich traurig bin. Ich liebe die Baristas in schicken griechischen Cafés, die wissend lächeln, wenn ich ein St. Pauli Shirt trage. Ich liebe alte Kneipen mit Schildern „Hier gibts Holsten Export“. Ich mag das Wattenmeer. Aber ich liebe die Ostsee.

Ich liebe, wie viel länger diese Liste wäre, wenn der Sonnenaufgang über der Bucht von Kiel nicht in genau diesem Moment nach mir riefe.

Und ich liebe euch alle, weil ihr euch dafür interessiert, was ich liebe. Was liebt ihr heute?

Ganz viel Liebe, aus Altona 🖤

(Dieses Gedicht ist eine Replik auf die wunderbare und viel zu früh, dafür mit soo viel Würde verstorbene Andrea Gibson und ihr Gedicht „What I love“)

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Übers Bloggen

Von Menschen und Netzen

Strande, oder anderswo. Verknüpft mit dem Fediverse. Dem was? Hier weht kein Wind und es sind immer 14 Grad.

Jedes Mal, wenn ich in unserem Podcast das Fediverse erwähne, sagt Willi, schalten die Leute ab.

Das ist schade. Denn wenig fasziniert mich im Moment mehr, als der Gegenentwurf zu protofaschistischen Silos wie die von Elon oder Zuck.

Da musst Du jetzt durch, sag ich. Willi lächelt. Du bist eben Blogger durch und durch.

Ja, und es wird wieder gebloggt. Klick hier unten mal auf den Uberblogger Ring, hunderte Menschen die ins Internet schreiben, wieder oder immer noch. Die was zu sagen haben, ohne dass Algos ihre Hetze pushen. Fundierte Analysen, seitenweise, Spaziergänge durch anderer Menschen Leben. Ohne fake Instasessions auf Bali.

Ich liebs.

Und Rivva gibt’s auch noch. Wen?

Rivva, ein Projekt, das im Niemandsland geboren wurde. Zwischen dem Zusammenbruch der New Economy und vor Facebook und Co. Als Blogs die digitale Welt eroberten. Das war mal der heiße Scheiss – und das könnte es wieder werden.

Denn es funktioniert. Ich kriege über meine Mastodon Instanz und die Blogs alles mit, was vorgeht. Ich brauche Twitter und Insta kaum noch.

Oh ein Eichhörnchen.

Was machst du denn heute noch so? (Willi will das Thema wechseln)

Ich gehe aufs Strander Promenadenfest. Da haben sie vor fast zehn Jahren sauteuren chinesischen Stein verlegt und das feiern sie jetzt jedes Jahr.

Was gibt’s denn da?

Menschen. Die meisten aus Strande selbst. Die feiern in erster Linie sich. Es gibt zu essen, reichlich zu trinken, Bier, Champagner, Rocker-Rum (sehr 😋). Und Musik.

Hab heute Mittag den Bassisten der Johnny Cash Coverband getroffen. Der stand n büschen hilflos rum in seinem Trojan Shirt, da war klar: der ist nicht von hier.

Er spielt eigentlich in einer Reggae Band, aber heute eben Cash. Ist ja auch verwandt irgendwie.

Um 15:00 Uhr geht’s los. Und du?

Ich hab Oke heute ne schwarze Gummiente abgekauft und hoffe nu, dass ich was gewinne.

Cool. Ich drück dir die Daumen.

Was Johnny wohl zu Strande gesagt hätte?, denke ich. Da hat Willi aber schon aufgelegt.

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Dialoge

Ernst sagt

Mein Nachbar Ernst geht im Hinterhof an mir vorbei, er war gerade auf dem Ottenser Wochenmarkt was einholen. Der Biobauer von dem er sein Gemüse bezieht, wohnt öfter bei ihm. In seinem Wohnatelier, dort wo er malt, schreibt, musiziert und denkt.

Ernst hat oft Besuch. Von Filmemachern, von Fotografen und von besorgten Biobauern. Und er denkt gerne. Am liebsten um die Ecke.

Hallo Erik, sagt er, Deine Frisur sieht aus wie Depeche Mode. An seinem Gesichtsausdruck ist nicht genau abzulesen, wie er das meint.

Ernst ist Maler, denke ich, er muss es ja wissen.

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Mittwoch

Mittwoch ist der April unter den Wochentagen. Das Schlimmste scheint vorbei,  der Sommer ist nahe, aber eben noch nicht da.

Ist eigentlich irgendwann irgendetwas von Rang passiert an einem Mittwoch?

Der Montag ist schwarz, der Freitag bunt. Was ist denn dann der Mittwoch? Umbra?

Ich kenne einen, der hat Mittwochs immer frei. Er nennt das sein kleines Wochenende.

So macht man das: zerstückelt die eine Woche in zwei kurze. Dann wäre ja aber der Mittwoch ein Sonntag. Eigenwillig.

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Haikus, Gedichte und andere kurze Gedanken

Lebe Beizeiten

Eigentlich war es nun soweit. Es war eigentlich Zeit.
Und doch war ALLES, was er erreicht hatte auch jetzt noch in Gefahr.

Soviel hatte er entbehrt, nicht getan, sich untersagt; in der vermeintlichen Gewissheit, es nun gut gebrauchen und geniessen zu können.

Nun war es soweit. Nun sollte es doch soweit sein.

Aber alles, an das er denken konnte, war die Angst, es wieder zu verlieren. Alles. Diese böse, diffuse Angst, die ihm unmerklich die Fähigkeit zu allem Herzhaften genommen hatte, sie war größer denn je.

Er hatte sich betrogen – und dieser Gedanke war so ungeheuerlich, dass er ihn sofort verfluchte. Er war umzingelt gewesen von Reichtum, und sie hatten alle genügend Zeit gehabt, ihn zu genießen. Verloren fühlte er sich nun, allein reich an Dingen.

Jetzt langte es nur zu einer verzerrten Grimasse. Er steckte dem alten Gesicht im Badezimmerspiegel die Zunge heraus.

‚BÄH‘

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(B)Logbuch

Søby: Die kleine Kunst des Verfalls

Søby Havn, stürmischer Wind aus Südost, in Böen acht, Gewitterneigung. 26 Grad.

In Søby, dem nördlichsten Hafen der dänischen Ostseeinsel Ærø, gibt es an fast jeder Ecke Kunst. Eine Kunstschule und ihre Schülerinnen pflanzen überall in der Fähr- und Werftstadt Vergänglichkeit in die Gegend.

Auf dem Weg zum Bäcker, der an diesem Tag geschlossen hat (Lukket til Viledes, was immer das bedeutet? Zur Sicherheit erklärt mir der zahnlose Bäcker das auch nochmal, Lukket, also geschlossen. Ja danke. Dann verschwindet er mit seinem schönsten Lächeln in der Backstube). Auf dem Weg hoch zum Bäcker liegt ein Motorboot auf der Seite und rottet vor sich hin. Aus seinem Inneren ragt ein Holzmast mit einer antiken TV-Antenne.

Entweder das ist von der Sturmflut übrig geblieben, oder das ist Kunst, sagt B. Später, als wir die Ausfallstraße wieder runter latschen. Ohne frisches Brot.

Das pittoreske Café am Hafen hat aber geöffnet. Das ist selten. Meist hat es zu, wenn wir in Søby sind. Was mich immer ein wenig irritiert, dass in einer Gegend, die so sehr touristisch geprägt ist, der Ladenschluss krasser praktiziert wird, als in einer Kleinstadt im Harz der 70er Jahre. In Bad Sachsa oder in Goslar.

Vor der Terrasse steht ein Werbeschild für Hansen Is. Das Eis meiner Kindheit. Ein rechteckiger Vanilleeisblock mit Schokoüberzug. So einfach kann Perfektion sein. Schlappe sieben Euro kostet die Zeitreise in meine Kindheit. Heute nicht.

25% davon sind Mehrwertsteuer erklärt mit die nette Besitzerin des Cafés, die beim Reden gleichzeitig Lachen kann. Ich verdiene nur 5 Kronen daran. Aber ab und an muss es eben sein, sagt sie, dann kaufe ich mir auch eins und reise zurück ins Dänemark der 70er Jahre. Beinahe werde ich schwach. Aber nein, heute nicht.

Die Sirene in der Werft pfeift zum Feierabend. Pünktlich und getaktet wird hier gearbeitet. An alten Rahseglern, ollen Kümos aus Monrovia und Fähren. Alles verfällt in einer irgendwie ordentlichen Art. Maschinenhallen werden durch einfaches Dastehen zur Kunst. Patina überzieht den Hafen, den die meisten nur zum Ankommen oder Abreisen nutzen. Um weiter zu fahren ins Puppendörfchen Æroskøbing oder als Sprungbrett in die dänische Sydsee.

Oben an der Straße und mittendrin, bei der alten Mühle, die schon lange keine Flügel mehr hat, sind Häuser zu verkaufen. Generationswechsel ohne Nachzug. Niemand schaut mehr aus den einfach verglasten Fenstern. Die Uhr am Kirchturm ist abgebaut.

Ich mag das da. Fast lebendig ist dieser Verfall, aus dem nur punktuell was Neues entsteht, nur um selbst wieder zu verwelken, wie dieser Schaukastem mit Seetang von der Kunstklasse letztes Jahr. Wer weiss, vielleicht wird dieser Fleck noch zum klimamäßig gelobten Land. Am Mittwoch hatten wir hier dänischen Hochsommer. Kühle 26 Grad im Schatten, als in Baden Württemberg der Asphalt platzt.

Es ist inzwischen 18 Uhr, wir gehen zurück zum Boot, denn der Hafenmeister macht seine Runde – und die will man nicht verpassen. Er ist neu. Was denn mit dem alten Hafenmeister passiert sei, Leo, dem alten Mann mit der Kapitänsmütze und dem verzierten Holzstock, mit dem er immer auf die Bugkörbe der Boote haut. Morgens um sieben, wenn du abends nicht bezahlt hattest auch. Das weckt Tote.

Leo ist krank, sagt der neue Hafenvogt. Sehr krank. Das sei traurig und anstrengend, weil er das 20x am Tag erzählen muss. Ich nicke und denke: das ist doch auch irgendwie toll, wenn dich so viele Menschen vermissen.

Leo sah immer älter aus, als er wahrscheinlich war. Man sah ihm an, dass er gerne etwas trank. Und p/c waren seine Sprüche auch nicht — und davon hatte er eine Menge. Damit passte er zu diesem Hafen. Nun verfällt auch er.

Immerhin. In Søby kommt noch der Hafenmeister, persönlich. Man muss sich nicht mit einer doofen App unterhalten, um die horrenden Hafengebühren zu bezahlen, sagt mein Nebenlieger. Dafür sind die Duschen aus den 90ern. Auf diese Form der Patina kann ich verzichten, sagt B.

Ich mag den patinalen Verfall trotzdem, bei dem sich das einst moderne zusammen zieht und stoisch rostet. Mit der Zeit wirds Kunst. Von ganz allein.