Als ich 2000 (endlich) nach Ottensen zog, war meine Liebe zu diesem Stadtteil schon gereift.
Im Westen Hamburgs in den 80ern aufgewachsen, fuhren wir sobald es ging (also Freunde eine Ciao hatten) nach Altona, um dem spieĂigen Mief der Elbvororte zu entkommen. Weit war es nicht, nur die Elbchaussee runter, oder die BehringstraĂe hoch, wenn man noch Zweitaktergemisch nachbunkern musste.
Meine Sehnsuchtsorte hieĂen Gi-Gi-L, Kick&Company (das es heute noch gibt), Fabrik und später Le Pala. FĂźr mich war das alles neu und aufregend, und wurde so zu meiner Baseline.
Das Prinzip (und Problem) der Baseline schwamm mir kßrzlich in den Stream und hat mich inspiriert, mich diesen Herbst mit der Baseline meiner Generation näher zu beschäftigen. Kurz gesagt legt das, was du als NeuankÜmmling vorfindest, deine Baseline fest. Sie ist der Referenzpunkt gegen den alle Veränderungen später gemessen werden. Das Problem: mit jeder neuen Generation verschiebt sich die Baseline.
Deswegen empfindet sich auch niemand als Gentrifizierer, sondern immer nur diejenigen, die nachher kommen. Als ich 2000 dann nach Ottensen zog, verlegte ich meine 2. Baseline auf das frisch gehobelte Parkett unserer Altbauwohnung. FĂźr mich ein Neuanfang, fĂźr die Menschen um mich herum war ich AngehĂśriger der 3. Generation Gentrifizierer, die aus dem ruĂigen Mottenburg einen hippen Stadtteil formten. Ihre Baseline war eine andere.
In loser Assoziation wandere ich nu durch mein Viertel vor 25 Jahren und bin ein wenig erschrocken, was inzwischen fehlt.
- Altonaer Blume: am westlichen Zipfel des Ottenser Marktplatzes war ein schlauchiger Blumenladen. Die Gestecke waren wunderschĂśn und teuer. Wie bei vielen Läden im Viertel weiĂ ich nicht, warum er schloĂ. Ich tippe auf MieterhĂśhung bei zeitgleichem Wegfall der Geschäftsgrundlage.
- Der Schuster im Souterrain am Felde: Ich gehĂśre schon zu der Generation Sneaker. Einen Schuster kenne ich nur aus KinderbĂźchern oder wie diesen, als alten Mann im Keller eines GrĂźnderzeithauses. Den ganzen Tag an Riemen reissend und Ledersohlen abschneiden. Schon komisch, dass man etwas vermisst, was man nie nutzte, oder? Eine ErschĂźtterung der Baseline, die sich zu einem VerlustgefĂźhl summiert.
- Foto KĂśhler. Wie sehr dieser verbastelte Fotoladen zum Stadtteil gehĂśrte, kann man heutigen Bewohnerinnen kaum noch vermitteln. Im Schaufenster konnte man die eigenen und die Nachbarskinder wachsen sehen, durch die permanente Ausstellung von Klassen-, Konfirmations- oder den ersten Bewerbungsfotos. Die eigenen Filme lieĂ man dort entwickeln, weil ein eigenes Labor hinten versteckt war. Ich habe wirklich getrauert, als der Laden schloss. Nachfolger wollten sich keine finden, deswegen verstaubt da seit Jahren eine Eventlocation vor sich hin.
- Autowerkstatt. Gentrifiziert ein Viertel dynamisch, verschwinden zuerst die dreckigen Gewerke. Ist fast einen eigenen Beitrag wert. Von der Selbsthilfewerkstatt Bahrenfelder StraĂe bis zu KfZ Graf in der Friedensalle gegenĂźber der Filmhauskneipe. Schrauber gibt’s in Ottensen keine mehr. Sie alle mussten Stadtvillen weichen oder Espressoläden.
- ASB Wache Ottensen. Ein bisschen wirkte die Rettungswache des ASB an der Bahrenfelder StraĂe wie ein Haus in einer Westernkulisse, mit Flachdach und Schmuckwand nach vorne. Vor der Wache rauchten Zivis in ihren langen Pausen zwischen den Einsätzen. Heute wohnen dort mittelalte Popstars in ihrer Eigentumswohnung. Ihre Baseline kennt diese Geschichten vermutlich nicht mehr.
- To be continued …

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