Moin Moin Hamburg,
ich habe dieses Privileg, das nicht jeder hat: Wenn es heiß wird, verdünnisiere ich mich an die Ostsee und springe in die Fluten der Baltischen See.
Die A7 kann das nicht. Die muss bleiben, wo sie ist. Und ihr Beton wurde damals gemischt in der frohen Annahme, dass wir hier mal ein, zwei, drei, vier Tage über dreißig Grad haben — aber doch keine wochenlange Belastung. So ist die Autobahn, die uns Hamburger mit dem Norden verbindet, das schönste Denkmal für eine Infrastruktur aus der Vorklimakatastrophenzeit. Das Gefühl, dass wir da an einen Wendepunkt kommen, den wir seit den frühen Achtzigern haben kommen sehen und geflissentlich ignoriert haben — ich wahrscheinlich auch — dieses Gefühl erschlägt uns gerade, während wir japsend in unseren Dachgeschosswohnungen sitzen.
Warum gibt es hier eigentlich keine Klimaanlage? Keine in der S1 von Altona nach Wedel, und warum fällt die andauernd aus zwischen Blankenese und Sülldorf? Hätten wir uns nicht ein bisschen früher kümmern können?
Wir sind in Hamburg und Schleswig-Holstein mit knapp sechsunddreißig Grad noch gut dran. Wir kratzen nicht an der Vierzig oder sogar an der 50! wie Brüssel oder Köln, wo diese Hitzewelle dramatischere Ergebnisse hatte. Ich will da gar nicht lange drauf rumreiten — ihr habt das alles längst gelesen, in den Medien, im Logbuch, und euch eure eigene Meinung gemacht. Aber manchmal ist so ein bisschen Wärmedruck auf dem Gehirn auch der Auslöser für die immer wiederkehrende (und ein wening selbstbezogene) Frage.
Was mache ich eigentlich mit diesem Format?
Das Ring2 Hamburg Logbuch war die letzten Monate ein Newsletter, sehr newslastig konzipiert. Es hat mir Spaß gemacht, ehrlich. Aber es fehlte ein bisschen was. Es fehlte ein bisschen von mir.
Und damit stelle ich, wie jeden Sommer (und zuverlässig auch um die Weihnachtszeit), die Sinnfrage. Meine treuesten Leser kennen das schon: Jetzt kommt wieder der Zwei-Quartals-Wahnsinn, jetzt denkt Erik sich was Neues aus. Nach den Logbüchern, die ich aus Mittelaltersprache in moderne Sprache übersetzt habe. Nach den 500 Zeichen, die natürlich auch oft übers Segeln und über Hamburg gingen. Zuletzt war der Ring2 Letter der Versuch zu beschreiben, was im Ring 2 so passiert in Hamburg.
(Eine Anekdote am Rande: Ring 2 heißt das hier, weil ich 2004 mit einem Satiremagazin aus den Neunzigern gestartet bin — Arbeitstitel „Ringfahndung“ — das sich dann in einen Blog verwandelte. Ich fand den Namen wunderschön, weil ich am Ende des Ring 2 wohnte und mir von dort aus vorstellte, wie ich in die Welt gucke. Und das soll wieder Thema sein.)
Ich habe euch gefragt: lieber lassen oder weitermachen? Und sehr nettes Feedback bekommen. Das tiefste kam von meinem Freund Christian, einem begnadeten Schreiber, der Gedanken denkt, die ich selbst beim dritten Lesen kaum nachvollziehen kann — dafür liebe ich seine Texte. Er hat ein klares Profil für sich gefunden. Und Leute mit klarem Profil beneide ich; Buddenbohm zum Beispiel, der seit über zwanzig Jahren über sein Leben bloggt und das durchgezogen hat.
Also: Weg von der schlechten Kopie des von mir mitentwickelten ZEIT Elbvertiefungen-Newsletters. Hin zu Essay, Kolumne, Glosse. Es soll nach wie vor um Hamburg gehen — aber aus meiner Perspektive.
Eine eigene Sicht auf diese Stadt
Diese Perspektive kommt als Melange daher, in Blankenese aufgewachsen ist Altona seit jeher mein Sehnsuchtsort. Seit ich vierzehn war, sind wir mit den Mofas von Freunden da immer hingeöddelt. Ich habe die Entwicklung in Ottensen sehr genau verfolgt, bin selbst Teil der Gentrifizierung geworden, habe alte Läden sterben sehen — die Altonaer Blume, den letzten Schuhmacher, der aus Altersgründen aufgab und erst zum Reisebüro, dann zum Friseur mutierte.
Ich treibe mich seit über dreißig Jahren professionell im Internet herum, meistens bei den Themen Stadt (Berlin, Hamburg), Stadtevents, Musik, Geschichte, Popkultur (VH-1, MTV Home) — und Sport, namentlich dem FC St. Pauli. Lauter Lebensbereiche, die eine besondere Perspektive ermöglichen. Genau die versuche ich jetzt.
Beim nächsten Mal hieße das, wenn es um Hitze geht: wie ich in der Ostsee plansche und sie wahrnehme. Letztes Wochenende war die Ostsee in der Lübecker Bucht sogar wärmer als in der Kieler Bucht. Vor zwei Wochen waren am Strand schon dreißig Grad — und im Wasser vielleicht vierzehn. Ein absoluter Gegensatz: draußen dreißig, drinnen vierzehn. Innerhalb einer einzigen Woche hat sich dieser Gegensatz komplett aufgelöst. Du gehst rein und bist immer noch erfrischt, klar, keine Mittelmeer-Vibes, eher Mittelmeer im Oktober. Aber du merkst am eigenen Leib, wie unnormal warm diese Ostsee ist.
Ich erinnere mich, dass wir früher beim Segeln in Dyreborg — unserem Lieblingshafen in Dänemark — morgens über den Steg ins Wasser gingen, und dass das Mitte August war, wenn die Ostsee so warm war, wie sie jetzt Ende Juni in Kiel ist. An solchen persönlichen Erlebnissen kann man den Klimawandel ablesen. Diese rasende Geschwindigkeit, in der wir uns anpassen müssen an das, was kommt.
Und um kurz politisch zu werden: Ich würde mich nicht wundern, wenn das so weitergeht im Juli und August, dass die Grünen bei den nächsten Landtagswahlen bei dreißig Prozent liegen. Wünschen würde ich es mir — auch wenn ich nicht weiß, ob sie politisch in der Lage wären, dann auch was durchzusetzen. Aber das wäre doch mal was.
Eine Idee für die Schanze
Apropos durchsetzen. Ich habe ja viel über den Verkehr geschrieben, und neulich, bei einem Bierchen, jemanden kennengelernt, der einen Laden auf der Schanze hat. Der hat vor Jahren mal mit den Grünen gesprochen, was man gegen den Durchgangsverkehr in Schanzenstraße und Schulterblatt machen könnte. Und sein Vorschlag war so einleuchtend, dass selbst Agentur-Fuzzis „No-Brainer“ dazu sagen würden:
Macht doch aus Schulterblatt und Schanzenstraße jeweils Einbahnstraßen. In die eine Richtung die eine, in die andere die andere — es sind ja quasi zwei Parallelstraßen.
So naheliegend, dass ich mich frage, warum das in der Stadt nicht diskutiert wird. Vielleicht liegt es daran, dass das eine in Hamburg-Mitte liegt und das andere in Altona. Vielleicht ist genau das schon das Problem. Aber wieso kommt die Politik auf so einfache Ideen nicht? Das sind die Sachen, die mich umtreiben — und die ich künftig mit einer sehr persönlichen Sichtweise versehen möchte.
Es wird also weniger HSV geben (vielleicht mache ich das aus Lust und Laune trotzdem mal), und ich finde, eine Rubrik „Hamburg ist nicht …“ ist auch ganz schön. Mal sehen.
Ein Blogger und ein Podcaster leben von Feedback. Tut mir also den Gefallen: Sagt mir, was ihr von dem hier haltet, und von den Ideen, die ich habe. Mach ich nach der Sommerpause ein bisschen mehr Altona — aus eigener Sicht, mit eigenem Dialekt? Christian, wenn du okay damit bist, packe ich dein Reply, das ja ein öffentliches war, noch in die Shownotes.
Ich habe mir übrigens ein neues Logo gegönnt. Freut euch drauf. Vielleicht verändert es sich noch tausendmal, ist mir egal, es ist sehr schön geworden.
Und wenn ihr Lust habt, mir ein Bier zu spendieren: Geht einfach zu ko-fi.com/ring2 (ko-fi wie coffee). Da findet ihr nicht nur meine E-Books zum kostenlosen Download, ihr könnt mir auch ein Einzelbier ausgeben — oder jeden Monat eins, oder zwei, je nachdem. Würde mich sehr freuen.
Und was macht … der Fußball?
Dass der HSV gegen den FC Everton spielt, finde ich persönlich wenig spannend. Gegen wen spielt eigentlich der FC St. Pauli? Ach ja — heute Abend, achtzehn Uhr, Altona 93 gegen den FC St. Pauli, es gibt noch ein paar Restkarten. Altona 93 ist gestern 133 Jahre alt geworden, und nun kommen die jungen Spunde aus dem Nachbarstadtteil und werden hoffentlich verhauen. Denn bei Altona 93 gilt die Regel: Wenn es gegen St. Pauli geht, U-A — Altona.
Bis dann. Gebt mir Feedback, Kommentare, weiterleiten, Bier spendierenm abonnieren — ihr wisst schon.
Dein Erik
(post Hitzewelle, mit den Füßen noch in der Ostsee)
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