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Früher (c)

Im Winter versammelt man sich am Kaminfeuer und lauscht den Geschichten von Opa (oder von Frederik, der die gesammelten Sonnenstrahlen in den Winter gerettet hat und nun an uns Bedürftige verteilt). Im Web versammelte man sich in Communities. Die Feuer brannten, ohne Wärme zu erzeugen – Reibung, ja – Wärme, selten.

Orientierung gab die Kälte draußen. Heute starren ausgebrannte Menschen auf ihre Timeline. Von Algorithmen bald zu Tode gehetzt, suchen auch sie nach Orientierung. Gefangen in Silos, abhängig vom nächsten Dopaminkick, klicken sie herum, zwischen Kalendersprüchen und Teeniegurus, die kaum genug Lebenserfahrung haben, um anständig Auto zu fahren.

Manchmal erinnern sie sich dann daran, dass es eine Generation gibt, die beides weiß: was digitales Leben heißt (Ok, Boomer ;) und analoges Zusammensein.

Die Hörer:innen unseres St. Pauli Podcast sind mehrheitlich (60%) jünger als wir Hosts – zwischen 25 und 45 Jahre alt (RTLs Vermarkter hätte vor 20 Jahren feuchte Augen bekommen: Kernzielgruppe!). Immer häufiger erhalte ich die Rückmeldung, dass ich das, was im Stadtteil oder im FC St. Pauli passiert doch bitte in Relation setzen soll. Zu dem wie es „früher (c)“ einmal war. Ich bin dann immer ein wenig baff.

Erik, erzähl mal von früher

Kennt ihr diese Bücher, in denen man mit Opa oder Oma ihr Leben aufschreibt, bevor alles ins Vergessen rutscht? Da stehen dann so Fragen drin wie: **“Wie war Dein erstes Mal am Millerntor?“** Quatsch. 😉

Ich glaube aber, da gibts Bedarf.

Meine liebe Kollegin und Freundin Simone hat vor vielen Jahren eine Akademie gegründet, die Werbern das Internet erklären sollte – eine echte Marktlücke, wenn ihr mich fragt – auch heute noch.

Sie fragte mich (und viele andere aus der Branche), ob ich im ersten (und schwierigsten) Jahr ihrer Akademie einen Kurs halten könne. Da ich in ihren Augen damals schon wie das personifizierte „Urgestein des Internets“ aussah, schlug sie mir vor, „früher (c)“ als Thema zu nehmen.

Ich entwickelte eine Lehrstunde über Konzepte, die seit Mitte der 90er im Internet kamen und gingen, sich veränderten und doch irgendwie gleich blieben. Games, KI-Spiele, Communities wie „Six-degrees“ oder auch der VH-1 Chat als Vorläufer von Facebook und Co.

Ich erinnere mich noch gut an die Diskussionen danach – und wenn ich Glück hatte, dann war hängen geblieben, dass sich Moden ändern – die grundsätzlichen Regeln in Digitalien aber nicht.

Trolle gibts schon, seitdem es das Usenet gibt. Und das Bedürfnis – ich komme zurück zum Kaminfeuer – sich digital über physische Grenzen hinweg zu vernetzen und sich schöne oder schaurige Geschichten zu erzählen (nicht nur nerdig über Star Trek ;).

Eben erwähnte jemand bei Substack (seit Weihnachten der neue alte heiße Schiet in Sachen Community) die längst vergessene Community rund um das Gruner und Jahr Magazin NEON. Eine große, funktionierende Community war das, in der Autoren, Expertinnen und Leser miteinander zu allerlei Lebensthemen diskutierten. Inhaltlich Äonen vom weichgespülten Instagram-Strom entfernt.

Es mag meiner persönlichen Präferenz geschuldet zu sein – aber ich sehe eine neue Art von Communities aufkommen, die vielleicht die Oligarchensilos ablösen (auch wenn einige auch aus dem Silicon Valley kommen): Substack, wo auch dieser Artikel erscheint, Bluesky und vor allen das Fediverse versammeln Menschen am digitalen Lagerfeuer – und irgendjemand kommt immer und fragt: Opa, erzähl mal von früher (c). 🙂

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4. Januar – mein digitaler Independence Day

Fediverse zwischen den Jahren, draußen Frost, -2 Grad.

„Wenn die Nerds und die Geeks das Silo verlassen, dann sinkt der Kahn womöglich“

Jedes Jahr um diese Zeit treffen sich Nerds, Geeks, digitale Aktivist:innen und n paar neugierige Normalos in Hamburg und tauschen Infos, früher CDs und Disketten, zeigen sich wie man die Bahn hackt und verabreden sich fürs Bambulemachen im neuen Jahr. Der CCC hat eingeladen und viele kommen. (Ich schaffe das nie, bin zu sehr versunken im Jogginghosenzustand).

Die Öffentlichkeit schaut gebannt, ein wenig skeptisch aber immer interessiert auf die digitale Bohème. Die Tagesschau berichtet vor Ort.

Die Themen sind vielfältig und dieses Jahr vielleicht auch für Nichtnerds interessant. Denn auf dem CCC Congress wurde eine Aktion ins Leben gerufen, die ihr euch merken solltet: der digitale Unabhängigkeitstag. Der di.day.

Ich treibe mich seit 2022 im Fediverse herum — und ich mag es hier. Hier sind mein Blog, meine eigene St. Pauli Instanz und viele tolle Menschen. Noch wichtiger aber ist, was fehlt: agitierende Algorithmen.

Dabei wird es immer einfacher, mindestens mal einen Zeh in diese Welt zu stippen, der di.day hat „Anleitungen zum Wechsel zusammengestellt. Es ist nicht kompliziert: Heute mal einen Wechsel ausprobieren, am nächsten ersten Sonntag im Monat den nächsten. Also schnell in den AppStore, Alternative herunterladen und mit uns #DIDay feiern!“

Also: sehen wir uns im Fediverse?

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Keep on blogging in a free world #facebookdown

Einsam surren die Server der größten privatwirtschaftlichen Nation in ihren Bunkern. Keiner erinnert sich an ihre Namen.

Wir, die wir auch von Auflösung bedroht sind, wenn man unsere Namen vergisst, stehen draussen vorm Silo und wundern uns: wo sind unsere Freunde, wo sind all die Momente unseres Lebens hin?

Sie sind noch da; wir können sie nur nicht sehen. Ein digitales Babel. DNS Server, die nicht auflösen. Hilflose Gesellen, ohne festen Wohnsitz.

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Do it like Puff Diddy – literalize yourself

diddy: „I did it again BREAKING NEWS!!!! MY NEW NAME IS LOVE OR BROTHER LOVE!!! Or NOTHIN!
HAPPY BIRTHDAY TO ME!!!“

Warum ich auf Facebook meinen Namen ändere

Die banale Ernsthaftigkeit mit der die meisten von uns ihr digitales Alter Ego pflegen, langweilt mich – ich langweile mich.

Ich blogge nun seit 2003 und bin seit Juli genau zehn Jahre bei Facebook. Ich habe die sozialen Medien kommen gesehen und habe mich in ihnen niedergelassen. Dabei ist mir schon früh aufgefallen, dass ziemlich schnell alles Interessante aus meinem Leben und meinem Wahrnhemen erzählt ist. Bereits 2006 habe ich mich – damals noch bezogen auf das Phänomen Blog – mit einem Grimme-Preis-bewehrten Freund darüber unterhalten, wie man der Falle der Profanität entkommen kann.

Mehr Fantasie, mehr Stil, mehr Prosa

Er sagte mir damals, „dass sich die Blogosphäre weiter literarisieren müsste. Weniger bierernste Recherche (das kriegt man als Blogger sowieso selten hin), Nachgeplapper und Befindlichkeit. Mehr Fantasie, mehr Stil, mehr Prosa.“

Als ich heute im ZEIT Magazin Online einen Text über Puff Diddy, aka Daddy, aka Brother Love las, erkannte ich einen Ausweg.

„Das Prinzip, sich auch mal einen neuen Namen zu gönnen, wenn man spürt, dass man nicht mehr derselbe ist, der man gestern noch war, überzeugt uns total.“ – Peter Dausend im ZEIT Magazin

Ich habe es Brother Love gleich getan und meinen Namen auf Facebook geändert. Ich heiße dort nun „Erik Ilih“, Ili ist hawaiianisch und heißt auf deutsch „Haut“. Das „h“ habe ich, wie bei meinem Taufnamen dran gehängt.

Warum?

Ich erhoffe mir dadurch zweierlei:

  1. Innere Freiheit: ich habe mir – privat und beruflich – einen Ruf erworben. Grundsätzlich halte ich es zwar mit meiner Großmutter, die mir oft auf Platt riet: „Mok wat de wülls, die Lüt snack doch“; trotzdem will ich doch vermeiden, dass Menschen irritiert werden durch das, was ich schreibe. Dies unter einem Pseudonym zu tun macht freier und den Absender klarer – eine Kunstfigur.
  2. Äußere Freiheit: ich pflege meine beruflichen Kontakte über XING und Linked.in. Letzteres ist Drehpunkt meiner beruflichen Postings. Dies will ich stärken. Also gerne dort vorbei schauen.

Mein Mittel der Wahl: Camp

Um mein digitales Ego zu literarisieren, wähle ich die Form des „Camp“. Susan Sontag, amerikanische Publizistin, schreibt dazu: „(Im Camp) muss eine gewisse Theatralik, Leidenschaftlichkeit und Verspieltheit sichtbar werden; Camp-Ironie ist auch überwiegend auf sentimentale und liebevolle Weise ironisch, will die erwählten Gegenstände, Personen und Kunstwerke nie nur vorführen oder der Lächerlichkeit preisgeben. Ferner entsteht gute campy Kunst eher naiv und unfreiwillig“.

Das klingt nach viel Freiheit und weniger Langeweile. So kann ich ganze Winter auf Mallorca verbringen, mit Wolle Kubicki über Weißwein streiten oder einfach theatralisches Pathos spinnen – ohne dass ihr euch allzu sehr wundern müsst. 🙂

I did it again BREAKING NEWS!!!! MY NEW NAME IS TRIK OR Tricky RIK!!! Or NOTHIN!
HAPPY BIRTHDAY TO ME!!!

 

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Vergeben und vergessen

Vergesse nicht, zu vergeben.
Aber vergesse nicht, was Du vergibst,
Sonst musst Du den Kelch ein weiteres Mal heben.

Vergeben heilt,
Vergessen verliert.

Gesund bist Du, wenn Du wieder liebst.

  • Paul Coehl