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Morddrohung und trotzdem da


Hamburg geht auf die Straße, besser gesagt auf den Rathausmarkt: Gegen digitale Gewalt und für Solidarität mit Collien Fernandez und Frauen an sich.

Moin Moin Hamburg,

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Es ist noch nicht mal April, und doch schickt uns der Atlantik sein Wetter. Graupel, Regen, an einem Tag mild, am nächsten ist wieder Winter.

Kein schönes Demowetter und doch kamen über Zwanzigtausend Menschen zum Rathausmarkt (22.000 lt. Veranstalterinnen), um gegen Digitale Gewalt zu demonstrieren. Collien Fernandez, die mit Ihrer Anzeige gegen ihren Exmann das ganze in Rollen brachte, war auch da – trotz Morddrohungen und unter Polizeischutz. Respekt!

Die Zivilgesellschaft funktioniert, trotz des administrativen Layers, der weiter Politik macht, als sähe man die tausenden von Menschen nicht, die sich die Mühe machen sich auf und ihre Stimmen hörbar zu machen.

Und Olympia?

Spaltarsch nennt man es, wenn im Skat beide Teams (Lange Farbe, kurzer Weg) dieselbe Punktzahl haben. So sieht es aktuell bei der Zustimmung für Olympia aus. Und wie beim Skat, wären 50% Zustimmung zu wenig, wenn man alle Trümpfe auf der Hand hat, wie der Hamburger Senat in diesem Fall.

Und da hat sich die Nachricht, dass das IOC Trans-Menschen ausschließen will, noch gar nicht durchgearbeitet in den Umfragen.

Der Senat versucht es dennoch – mit einem vesteckten Ass im Ärmel. In Schulen wird über Olympia “informiert” – allerdings nur mit genehmem Unterichtsmaterial. Tricksen, täuschen und sich dann wundern. Wieso muss ich gerade an die SPD denken? Schlimm.

Ich kann das nicht belegen, aber vielleicht hat der Anstieg von Kokain- und Ketaminspuren (ja, das ist das Zeug, dass Elon Musk antreibt) im Hamburger Grundwasser was damit zu tun? Ist ja seelisch auch anstrengend, sich gegen die Realität zu stellen, permanent und mit lauter Halbwahrheiten. Ich möchte kein Politiker sein derzeit.

***

Ich würde gerne ein Handwerk können, greife aber mit zwei linken Händen in die Welt und zu hibbelig bin ich auch. (Bloggen und Podcastern passt da besser). Aber für alle anderen, vor allem die jüngeren Hamburger:innen hab ich eine Idee: vergesst das Jurastudium und BWL (ist nicht nur langweilig und sinnlos, ihr werdet höchstwahrscheinlich noch vor dem 2. Examen von Kollege AI ersetzt) – lernt ein Handwerk! Und übernehmt eines der florierenden Betriebe in Hamburg und Umgebung, die händeringend (sic!) eine Nachfolgerin suchen; wie diese 140 Jahre alte Etuimanufaktur.


Handarbeit ist anscheinend auch noch in den Hamburger Grundbuchämtern angesagt. Und was wäre dieser Letter ohne eine Staumeldung?

Wartezeiten für Grundbuchangelegenheiten von eineinhalb Jahren und länger sind an den Hamburger Amtsgerichten zurzeit keine Seltenheit. Für Bauherren hat das zum Teil teure Konsequenzen. Gerade wer sein erstes Eigenheim hat, hat oft Anspruch auf günstige Förderkredite von der Investitions- und Förderbank (IFB) in Hamburg. NDR

… und was macht der HSV?
Der schimpft in letzter Zeit vor allem über seinen Flügelstürmer Königsdörffer. Schade, dass auch Hamburger Fans immer einen Sündenbock brauchen – ist hier wohl doch nicht so anders, als anderswo. Die Profis des HSV sind derweil auf Länderspielreise und erholen sich von dem Geschimpfe – und für Königsdörffer erfüllt sich unerwartet ein Traum:

Der Kicker weiß …
nu flatterte eine positive Nachricht für Königsdörffer herein: Ghanas Nationaltrainer Otto Addo hat ihn für die Länderspiele in Wien am 27. März gegen Österreich und in Stuttgart am 30. März gegen Deutschland nachnominiert.

Und beim FC St. Pauli?

Ist auch Handarbeit angesagt. Nach den Patzern im letzten Heimspiel gegen Freiburg hatte Vasilj mit der bosnischen Nationalmannschaft ein besseres Händchen. Er hielt einen Elfmeter und ermöglichte so das kleine Fußballwunder: Bosnien Herzegowina spielt am Dienstag gegen Italien um eines der letzten WM-Tickets.

Geht doch, Hamburg
Stau auf den Autobahnen und in Ämtern, vermodernde Infrastruktur und nun auch noch kaputtes Geläute bei Hamburgs Wahrzeichen, dem Michel.

Während die Stadt tatsächlich überlegt, schweren LKW zu verbieten über die Köhlbrandbrücke zu fahren (weil marode), stellte sich die Reparatur der Glocken am Michel als Wunderheilung heraus.

”Nach einer halben Stunde war der Schaden am Gestänge und am Gewinde behoben” – weiß der NDR

Hamburg ist nicht … Timmendorfer Strand
Sei ehrlich, du hast die Nachrichten über den gestrandeten Wal am Ostseestrand von Timmendorf auch verfolgt, oder? Und aufgeatmet, als die norddeutsche Menschheit alles in Bewegung gesetzt hat, um das erschöpfte Tier zu befreien.

Timmendorfer Strand ist ja die Riviera Barmbeks, also sowas wie der feuchte Vorgarten Hamburgs. Da wird es euch freuen, dass die Schwimmbagger dem Wal eine Rutsche gebaut haben, mit der er in die offene Ostsee entschwinden konnte.

Unbestätigten Gefühlen zufolge, mischt sich in die Freude, dass “ihr” Wal es heute Nacht zurück ins offene Wasser der Ostsee geschafft hat, auch ein wenig Ärger. Er hätte sich wenigstens gedulden können, bis Sonnenaufgang. Ihr wisst schon, wegen Insta… 😉

Und was macht man nu mit den Tonnen an bestellten Würsten, Bierfässern und Musikanten fürs Wochenende? Vielleicht nach Wismar umlenken, denn dort ist das arme Tier ein weiteres Mal gestrandet. Die Ostsee, von Seglern liebevoll “unsere feuchte Wiese” genannt, weil sie so flach ist, ist eben kein geeignetes Revier für Pottwale. Zuviel Menschen, zuviel Sandbänke, zuviel Lärm.

Österliches und in eigener Sache …
Ich habe von Medienmachern, die ich selbst lese und mag, Lob für diesen Letter bekommen. Das freut mich sehr. Ich mache das aus Spaß und neben meinem Beruf als Agile Coach meist am Sonnabend (wenn andere auf den Markt gehen). Es kostet Mühe, diesen Letter und Podcast zu produzieren – ich würde mich also freuen, wenn ihr mir den Gegenwert für einen Galao am Schulterblatt in die Kaffekasse werft. Oder ein Abo abschließt.

Eine fröhliche Vorosterwoche in der schönsten Stadt für Dich.
Danke fürs Lesen

tl; dr: Was letzte Woche los war
Großdemo am Rathausmarkt: Rund 22.000 Menschen demonstrierten gegen sexualisierte Gewalt. Auslöser waren die schweren Vorwürfe der Schauspielerin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen.

Quellen: Hamburger Tagesjournal, Abendblatt

Olympia-Skepsis wächst: Das geplante Referendum für die Spiele 2030+ spaltet die Stadt. Laut einer aktuellen Umfrage stehen 50 % der Hamburger dem Projekt kritisch gegenüber.

Quellen: NDR, Hamburger Tagesjournal

„Zurück in die Zukunft“: Das neue Musical feierte am 22. März Premiere. Während Marty McFly auf der Bühne den Fluxkompensator zündet, stand in der echten Welt der Verkehr dank Hochbahn-Streiks zeitweise komplett still.

Quellen: hamburg.de, Hashtag Hamburg (Bluesky/Mastodon)

Drogen-Check im Gulli: Ein EU-Abwasserbericht sorgte für Gesprächsstoff – die Werte für Kokain und Ketamin in Hamburgs Kanalisation steigen weiter an.

Quelle: Hamburger Tagesjournal

Wirtschaft & Hafen: Blohm+Voss hat angekündigt, künftig verstärkt auf den Bau von Seedrohnen zu setzen, während der Verkauf von Luxusimmobilien in der HafenCity stockt.

Quellen: Abendblatt, Hamburger Tagesjournal

Meine Tipps für nächste Woche
Donnerstag, 2. April 2026

Analog Festival: Lokale Bandkultur im Nachtasyl (u. a. mit Eat Me und Bleach TV). Start: 19:00 Uhr, Eintritt ca. 8 €.

Samstag, 4. April 2026

Rap auf dem Wasser: Die Hamburger Rapperin Die P tritt auf der MS Stubnitz auf. Ein Muss für Fans von Boombap und Elb-Vibes.

Natürlich das Osterfeuer in Blankenese. Ich bin ja qua Geburt Team Viereck – wie man bei der ZEIT Online nachlesen kann.

Die ganze Woche

Frühlingsdom: Das Heiligengeistfeld bleibt der Place-to-be für gebrannte Mandeln und Hummeln im Bauch. Und dieses Wochenende stören auch keine St. Pauli Fans.

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Übers Bloggen

Mal was durchziehen

Ich blogge seit 2004. Mein erstes Video auf Youtube ist 20 Jahre alt. Und doch gibt’s lauter Brüche. In Themen, in Formaten.

Manchmal kommt dann der Gedanke vorbeigeschwommen: was wäre gewesen, wenn ich es durchgezogen hätte?

So wie Buddenbohm (neuerdings mit Söhnen). Oder Formatideen mit Kollegen weiter geführt hätte, die ich heute noch für eine gute Idee halte, wie Litscout.

Ich bastle dann an Servern rum und breche ihnen die Configs irgendwann. So sind die ersten zehn Jahre meines Bloggens verschwunden.

Warum nur kann ich nicht mal was durchziehen?

Mein neuestes Projekt (nach 500 Zeichen und Seemannsgarnprosa) ist ein Hamburg Newsletter und Podcast.

Drückt mir die Daumen, dass ich diesmal bei der Stange bleibe. (Belohnung hilft da; also abonniert wie die Großen. Dankeschön)

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Ring2 Hamburg Logbuch Frühling mit Findling

Moin Moin Hamburg. Wir machen das Dutzend voll. Also: Das war die KW 12 in der schönsten Stadt

Dieses Wochenende blieb man am besten dort, wo man gerade war. Ver.di streikt mal wieder, die A7 bietet keine Alternative. Wie kommt der HSV eigentlich nach Dortmund – oder zurück? Mein Schulfreund Nils und ich radelten früher zum Volkspark, Schülerkarte fünf Mark. Dazu aber ein annern Mal mehr …

Wer ein Fahrrad hat, kam diese Woche am leichtesten durch unsere Stadt. Zum Glück spielte das Wetter mit. Seit Freitag, 15:46 Uhr, herrscht nun auch kosmisch Frühling. Die Patronen an den Bäumen explodieren. Der Verkehrssenator wünschte sich, Hamburgs Brücken stünden so stabil wie das Hoch über Europa.

If the weather goes high, we go low.

In Bramfeld graben sie für die U5. Keine große Leistung, in Hamburg graben sie immer irgendwo. Aber diese Woche fanden sie etwas: einen Findling. 22 Tonnen Eiszeit-Granit. Ein baupsychologischer Endgegner aus der Erdgeschichte. Die ZEIT Elbvertiefung analysiert das richtig: Das Ding lag dort 200.000 Jahre rum, störte niemanden, und jetzt kommt die Hochbahn und braucht einen Spezialkran. Und was machen wir Hamburger? Wir suchen via Social Media einen Namen für den Brocken. Als bräuchte der Stein plötzlich eine Identität, nur weil er ans Licht kommt. Wahrscheinlich heißt er bald „Steini McSteinface“ und steht als Denkmal in Bramfeld, während Osdorf weiter auf seine U-Bahn wartet. Das ist das Ding mit der U5: Wir planen und planen, am Ende finden wir einen Stein und alles verzögert sich.

Nur der kurze Olaf wird noch kürzer.

Offiziell natürlich Elbtower. Eine Geschichte, die niemand mehr ohne Ärger in der Stimme erzählt. Da steht dieser Stumpf in der HafenCity, seit fast zweieinhalb Jahren, wie ein abgebrochener Zahn. Wir dachten: Das wird eh nichts mehr. Der bleibt so stehen wie die Neubauruinen im Spanien der 80er, als den Bauherren in Malaga das Geld ausging. Aber jetzt meldet das Abendblatt: Positiver Bauvorbescheid!

Dieter Becken und sein Konsortium dürfen weitermachen. Aber – und das ist der eigentliche Witz – der Turm wird gestutzt. Von 245 auf 199 Meter. Ein typischer Hamburger Kompromiss. Wir wollen hoch hinaus, kriegen dann aber Höhenangst vor der eigenen Courage und dem leeren Geldbeutel. Plötzlich fehlen 46 Meter. Die Aussichtsplattform wandert vom 55. in den 43. Stock. Du stehst dann da oben und denkst: „Mensch, 50 Meter höher wäre es schöner gewesen, ich sehe nicht mal den neuen Findling.“

Dass dort jetzt ein Naturkundemuseum einzieht, ist auch so eine verfilzte Geschichte. Oben Luxushotel, unten ausgestopfte Tiere, die die Miete bezahlen.

Peter Tschentscher streitet derweil mit dem maritimen Koordinator der Bundesregierung, Christoph Ploß, über Konzepte und die Frage, wer mehr Ahnung vom Hafen hat. Ein Gezerre, wie es nur eine Stadt kennt, die gleichzeitig Weltstadt sein will und dann doch nur eine Ansammlung zugezogener Politprovinzeier ist, die sich gegenseitig nicht das Spiegelei auf dem Labskaus gönnen.

Der Umgang des Senates mit dem Hafen, die explodierenden Kosten für die Schlickverbrennungsanlage und das Sponsoring des „gekürzten Olafs“ zeigen jedem, wie die Stadt mit unserem Geld umgeht. Ich habe mich geirrt: Wir müssen gar nicht nach Paris schauen, um über Olympia zu entscheiden. Die aktuellen Zustände in unserer Stadt reichen, um vor dem Risiko Olympia zu gruseln.

Jazz = Birdland

Die Mopo empfahl für dieses Wochenende das Urban Jazz Festival im Birdland. Jazz ist die Musik Hamburgs und die der Baustellen: Niemand weiß genau, wann der nächste Ton kommt und wie er ins Bestehende passt. Alles improvisiert. Am Ende wundert man sich (zumindest in der Musik), dass es irgendwie harmonisch klingt.

Wer es verpasst hat, der kann am kommenden Donnerstag zur legendären Jam Session in den 40-jährigen Jazzklub schnuppern. Der Eintritt ist frei.

Kostenlos bleibt auch die luftige Fahrt über die Köhlbrandbrücke. Die kostet allerdings uns alle viel Geld: laut Senat jährlich über 10 Millionen Euro Unterhalt, nur damit sie nicht in die Elbe fällt, bevor wir sie 2042 – also quasi übermorgen, in Hamburger Baujahren gerechnet – endlich ersetzen.

Was lernen wir aus dieser Woche? Wir bauen Türme und kürzen sie. Wir finden Steine und taufen sie. Wir streiken und stauen. Jazz bleibt unsere Medizin, wenn alles zu viel wird.

Setzt euch am besten mit dem Rücken zum „Alten Schweden“ und dem Gesicht zur Elbe in die Sonne. Lasst Peter einen guten Mann sein. (Davon gibt es in Hamburg eh immer weniger.)

Und dann ist da ja noch … der HSV.

FRÜHLING!, eine Jahreszeit vor der sich der geneigte HSV Fan gruselt.

Ob das 3:2 in Dortmund nach einer zwei-Tore-Führung schon durch dieses besondere Frühlingsgefühl zustande kam? Was wohl mein Schulfreund Nils dazu sagt? Wenn eure Kollegen leicht verschnupft ins Büro kommt und dem Hamburger SV die Daumen drückt, dann ist das auch eine Form der Allergie.

Beim FC St. Pauli freut man sich auf Philipp Treu. Und hofft darauf, dass die Vorbilder aus Freiburg müde und hochmütig genug sind, damit die Punkte am Millerntor bleiben.

Vielen Dank fürs Lesen und Hören. Teilt diesen Letter bitte in euren Netzwerken.

Dein Erik.

(Nach Diktat verreist, mit dem Rad zum Millerntor)

Hamburg ist nicht … Rostock

In Rostock geht man das Thema Obdachlosigkeit anders an. Grundidee eines neuen Modellversuches, der bisher ein knappes Dutzend Menschen zu einem eigenen Appartment verhalf, ist die Erkenntnis, dass die eigenen vier Wände die Grundlage für eine Besserung im Leben sind. Diese Binse ist in HH leider noch unbekannt.

Quellenverzeichnis

  • * Hamburger Tagesjournal: Berichte über den Ulmen-Fernandes-Konflikt, den SPD-Parteitag und die VHH-Streiks (März 2026).
  • * Mopo.de: Kulturhighlights zum Jazz Festival im Birdland und Veranstaltungstipps (März 2026).
  • * Abendblatt.de: Details zum neuen Investor und dem Bauvorbescheid für den Elbtower.
  • * ZEIT Elbvertiefung: Hintergründe zum Eiszeitbrocken in Bramfeld und den U5-Planungen.

PS. Sag mal, schreibt meine Schlussredaktion, willst du gar nichts über Collien Fernandez und Christian Ulmen schreiben?

Ehrlich gesagt: nein. Das Thema ist so schlimm wie abstrus. Mit dem glossigen hier Format treffe ich da nur daneben.

Allerdings hat sich vor ein paar Jahren der Vorhang der digitalen Gewalt, der vor allem Frauen hilflos ausgeliefert sind, kurz auch für mich gelüftet.

Als schlimme Männer 2008 in Blog-Kommentarspalten ihr Unwesen trieben, bat mich eine Co-Bloggerin bei „Blogfrei“, für sie zu übernehmen; sie brauchte eine Pause. Was ich dort moderieren musste, war so fies – eine eigene Welt, die ich als weißer Hetero-Mann nicht kannte. Ich war nach diesem Abend völlig fertig, obwohl mich nichts von dem Dreck direkt treffen konnte. Seitdem ahne ich, wie es Frauen regelmäßig online geht.

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Hamburgs Olympiaträume überschminken die Realität

Logbuch KW 11: Von Schönrechnern mit Sanierungsstau

Vor ein paar Jahren wartete ich vor meiner Haustür in Altona im Wagen und hörte NDR Info. Ich zappte in ein Interview, dessen Details im Nebel der Zeit verborgen liegen (meint: an Details kann ich mich nicht erinnern). Aber die These des freundlichen Experten habe ich für immer abgespeichert. Kurz sagte er sinngemäß: “Geld ist immer da, wenn es politisch gewollt ist – dummerweise nur für die Dinge, die gerade politisch gewollt sind”.

Warum ich gerade heute daran denken muss, als ich diesen Letter für euch recherchiere? Na. ne Idee? 😉

Sonntag. 15. März 2026. Altona. Nu ist wieder der Alltag eingekehrt: Der Wind weht böig aus West, es schauert Atlantische Tiefausläufer bei knapp zehn Grad. Es ist die elfte Woche des Jahres, und Hamburg fühlt sich an wie ein Segelschiff, das versucht, auf sturmgepeitschter See Leckagen zu stopfen, während der Kapitän auf der Brücke von Goldschätzen träumt.

Moin, Hamburg. Reden wir über das Geld, das wir angeblich haben.

In dieser Woche hat der Senat das große Scheckheft ausgepackt. 4,8 Milliarden Euro für Olympia. Über sechzig Mal die Elbphilharmonie – wenn man die einst geschätzten Kosten zugrunde legt. Man verspricht uns „wirtschaftlich tragfähige Spiele“. Ein Überschuss von 100 Millionen Euro am Ende – quasi als Trinkgeld für die Stadtkasse. Hamburger sind Kaufleute, ich auch (gelernter Außenhandelskaufmann). Wenn ich allerdings meinem Pfeife-rauchenden Seniorchef damals eine solch löchrige Kalkulation vorgelegt hätte oder am Tresen in der Haifischbar so argumentieren würde um eine weitere Runde aufs Haus anschreiben zu wollen, hätten mich beide schon längst vor die Tür gesetzt.

32 Prozent der Einnahmen sollen aus lokalem Sponsoring kommen. In einer Zeit, in der jeder Euro dreimal umgedreht wird? Das klingt nicht nach einem soliden Finanzplan, das klingt nach „Hoffen auf den Lottogewinn“, wie ich neulich schon in mein Logbuch schrieb. Aber der Traum vom Glanz, von den fünf Ringen über der Alster, er ist mächtig. Er überstrahlt bei einigen die Schlaglöcher der Realität. Dabei hat unser Finanzsenator in Zeiten überkommender Krisenwellen die Kosten für die Sicherheit vorsorglich rausgerechnet.

Klaus von Dohnanyi (die Älteren werden sich erinnern) hat einmal – auch in einem NDR Interview – erzählt, dass er als Bürgermeister alle Kalkulationen aus seinen Behörden mal PI genommen hat. Das sei nicht nur realistischer, sondern mache auch mächtig Eindruck, wegen der krummen Zahl, die rauskommen würde. Übrigens: Hätte er das bspw. für die Elbphilharmonie machen sollen, hätte er das Budget mal 11,24675325 nehmen müssen.

Warum der Hinweis der Olympiabefürworter auf die angeblich so erfolgreichen Spiele in Paris nach hinten losgehen könnte, zeige ich euch am Ende dieser Kolumne.

Während Herr Dressel sich die Bewerbung schön rechnet, vermodert ihm die Stadt unterm Mors

In der Gegenwart macht das Holthusenbad dicht. Acht Monate Schließung. Viel länger als geplant. Denn es ist überall rott: Das Dach kaputt, Fenster undicht – und jetzt auch noch Schadstoffe in den Decken. Es ist das alte Hamburger Lied: Wir bauen Elbphilharmonien und planen olympische Dörfer, aber wenn wir mal eine Runde schwimmen wollen, ohne dass uns die Decke auf den Kopf fallen soll, stehen wir im Regen. Das Holthusenbad ist in Eppendorf mehr als nur ein Schwimmbad; es ist ein lokaler Ankerpunkt. Wenn solche Anker gelichtet werden, beginnt das soziale Gefüge zu driften. Aber hey, wir haben ja bald die Goldmedaillen.

Betriebskosten sind unsexy und eignen sich schlecht für Werbekampagnen – aber (das zeigt übrigens auch Paris) sie können öffentliche Haushalte zum kentern bringen

Ein paar Kilometer weiter, an der Universität Hamburg, herrscht hingegen Jubel – oder zumindest so etwas wie die hanseatische Form davon. Wir bleiben „exzellent“. 77 Millionen Euro für sieben Jahre. Das klingt nach viel Holz, aber Uni-Präsident Heekeren hat den Finger in die Wunde gelegt, noch bevor das Konfetti im Audimax auf den Boden gesunken war. Exzellenz auf dem Papier flickt keine strukturellen Finanzlöcher. Es ist wie bei einem Boot: Du kannst das beste High-Tech-Segel der Welt haben – wenn der Rumpf leckt, bringt dir der Windvorteil gar nichts. Und die Uni Hamburg leckt an allen Ecken und Enden. Die Forschung glänzt, aber der Alltag der Studierenden zwischen Wohnungsnot und überfüllten Seminaren bleibt hoffnungslos.

Stichwort Wohnungsnot: Habt ihr Lara Schulschenk im NDR gesehen? Die Journalistin zeigt uns gerade die Fratze des Hamburger Wohnungsmarkts. Absurde Anzeigen für Besenkammern zum Preis einer Luxussuite. Es ist die tägliche Demütigung auf dem Mietmarkt, die zeigt, wie weit die Schere in dieser Stadt auseinandergeht. Da hilft es auch nur bedingt, dass die SAGA in Mümmelmannsberg 100 barrierefreie Wohnungen hochzieht. Ein Tropfen auf den heißen Stein, während die Stadtplanung im Olympia-Rausch schon wieder über neue Stadtteile fantasiert, die sich am Ende doch nur die wenigsten leisten können.

Ohne Reinheitsgebot: das Hamburger Alsterwasser

Sogar die Alster hat ihre Krise. Eine Studie bescheinigt ihr einen schlechten ökologischen Zustand. Zu viel Freizeit, zu wenig Natur. Jetzt gibt es einen Kompromiss zwischen Paddlern und Naturschützern. Schilfzonen sollen her. Ein bisschen mehr Grün für das feuchte Herz der Stadt. Es ist vielleicht das einzige Thema dieser Woche, das Hoffnung macht: Dass wir es schaffen, uns an einen Tisch zu setzen und eine Lösung zu finden, die nicht nur aus Beton und Milliarden besteht.

Hamburg – eine Stadt zwischen Größenwahn und Sanierungsstau, zwischen Exzellenz und Mietenwahnsinn. Ob Rathausmarkt, G20, Elbphilharmonie oder Olympia – Geld ist da, sogar immer mehr als geplant. Dummerweise ist es nur dafür da, was geplant ist. Nennt sich “Selektive Knappheit“ und ist so fies ungerecht, wie es sich anhört.

„Das Problem in Deutschland ist nicht ein Mangel an Geld, sondern eine Lähmung der Prioritäten. Wir behandeln Investitionen in unsere soziale und intellektuelle Infrastruktur oft als optionalen Luxus, während für nationale Prestigeprojekte und akute Krisenbewältigung binnen kürzester Zeit zweistellige Milliardenbeträge mobilisiert werden können. Fiskalische Regeln werden dann zum politischen Vorwand, um notwendige Zukunftsinvestitionen zu verhindern.“ (Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). In Anlehnung an seine Analysen zur Schuldenbremse und Investitionslücken, 2024/25)

Klar zur Wende. Bleibt an Deck, hier gibts ne Extraration Rum.

Danke fürs abonnieren,
Euer Erik.

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Und da war ja auch noch … der HSV

Mühsam ernährt sich der Aufsteiger. In einem zähen Spiel erkämpft sich der Aufsteiger gegen den Aufsteiger einen Punkt. Der Klassiker der Bundesliga kürt keinen Sieger. Stetig krabbelt der HSV damit aus der gefährlichen Zone.

… und der FC St.Pauli?

Was passiert eigentlich, wenn man ein Endspiel verliert? Man ist draußen und fährt nach Hause. Die Boys in Brown haben verdient nach einer auffällig schwachen Partie das Spiel beim Abstiegskollega Mönchengladbach verloren. Bräsig, behäbig und glücklos.

Zum Glück war das mit den Endspielen nur eine doofe Metapher. Es geht weiter, auch wenn die Mannschaft irgendwo Frische und Energie herbekommen muss.

Hamburg ist nicht … Paris

(aber es ist zu befürchten, dass wir uns dieselben Probleme einhandeln – und zwar nachhaltig; ein Vergleich)

Die Datenlage anderthalb Jahre nach den Spielen in Paris 2024 (Stand Frühjahr 2026) zeichnet ein ernüchterndes Bild, das die anfängliche Euphorie der „nachhaltigen Spiele“ stark relativiert. Besonders in den Bereichen Wohnungsmarkt und langfristige Haushaltsbelastung zeigen sich die typischen „Olympischen Nebenwirkungen“.

1. Der Wohnungsmarkt: „Gentrification on Steroids“

Während die Organisatoren versprachen, dass das Olympische Dorf in Saint-Denis (dem ärmsten Departement Frankreichs) neuen Wohnraum schaffen würde, zeigen die Daten von 2025/2026 eine andere Realität:

  • Mietpreisanstieg in Saint-Denis: Die Mieten im Umfeld der neuen Sportstätten und des olympischen Dorfes sind zwischen 2023 und Anfang 2026 um ca. 12–15 % gestiegen – deutlich stärker als im Pariser Stadtdurchschnitt.

  • Verdrängungseffekt: Viele der 2.800 Wohneinheiten im ehemaligen olympischen Dorf werden nun als gehobene Eigentumswohnungen vermarktet. Kritiker (u.a. das Kollektiv „Le Revers de la Médaille“) belegen, dass die versprochene Quote für Sozialwohnungen durch „bezahlbaren Wohnraum“ ersetzt wurde, der für die ursprünglichen Bewohner von Saint-Denis faktisch unbezahlbar bleibt.

  • Studentenwohnungen: Die während der Spiele durchgeführten Zwangsräumungen von über 2.000 Studenten aus CROUS-Wohnheimen führten zu einer dauerhaften Instabilität im studentischen Wohnungsmarkt. Viele dieser Heime wurden nach den Spielen erst mit massiver Verzögerung und zu höheren Sätzen wieder dem Markt zugeführt.

2. Öffentliche Ausgaben: Der „Wartungsschock“ (Legacy Costs)

Die „Schwarze Null“ im operativen Budget verdeckt die langfristigen Belastungen für den Steuerzahler, die erst jetzt im Haushalt 2026 voll durchschlagen:

  • Betriebskosten der Sportstätten: Das neue Centre Aquatique Olympique (CAO) in Saint-Denis erweist sich als finanzielles Fass ohne Boden. Die jährlichen Betriebskosten belaufen sich auf geschätzt 2,5 bis 3 Millionen Euro, die nun von der Metropolregion Paris getragen werden müssen. Da das Bad für den Breitensport zu teuer im Unterhalt ist, werden Eintrittspreise verlangt, die über dem Niveau normaler öffentlicher Bäder liegen.

  • Staatsschulden-Kontext: Frankreich kämpft 2026 mit einem massiven Haushaltsdefizit. Die 6,6 Milliarden Euro an öffentlichen Olympia-Ausgaben haben den Spielraum für soziale Projekte (Bildung, Gesundheit) in den Folgejahren spürbar eingeschränkt. In den Haushaltsdebatten 2025 wurde das „Olympia-Erbe“ oft als Grund für Kürzungen in anderen Ressorts angeführt.

3. Soziale Verschlechterung: „Le Nettoyage Social“ (Die soziale Säuberung)

Daten von Hilfsorganisationen wie Médecins du Monde zeigen eine nachhaltige Verschlechterung für marginalisierte Gruppen:

  • Vertreibung Obdachloser: Während der Spiele wurden ca. 12.500 Menschen (Obdachlose, Migranten) aus Paris in „regionale Aufnahmezentren“ (SAS) in der Provinz verschickt. Viele dieser Menschen kehrten 2025 zurück, fanden ihre alten Unterstützungsnetzwerke in Paris jedoch zerstört vor.

  • Verschärfte Überwachungsgesetze: Die für die Spiele eingeführte KI-gestützte Videoüberwachung (VSA) wurde – entgegen ursprünglicher Zusagen – nicht vollständig zurückgefahren. Das „Olympia-Gesetz“ schuf die rechtliche Basis, die nun dauerhaft zur Überwachung des öffentlichen Raums genutzt wird, was besonders in den Banlieues zu erhöhten Spannungen führt.


Fazit aus Paris für Hamburg

Diese Daten sind Wasser auf die Mühlen der Olympia-Skeptiker. Wenn Hamburg mit einer „Schwarzen Null“ plant, übersieht es das „Pariser Paradox“:

„Wir bauen Paläste für drei Wochen Spektakel, während die Wartungsrechnungen danach die Kassen der Stadtteile auffressen, die eigentlich Unterstützung bräuchten. In Paris glänzt das Gold, aber in Saint-Denis zahlen die Mieter den Preis für den Glanz.“


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Quellen Paris:

  • Analyse von „Le Revers de la Médaille“ (Abschlussbericht 2025)

  • Institut Paris Region (IPR) – Marktmonitor Wohnen 2026

  • Französisches Finanzministerium (Bilan financier des JOP)

  • L’Humanité: Reportagen zur Gentrifizierung in Saint-Denis (Januar 2026)

Quellen Hamburg:

hamburg.de (Pressemitteilung 11.03.2026), Hamburger Abendblatt, NDR Hamburg Journal. uni-hamburg.de (Newsroom), SAT.1 Regional. Reddit r/hamburg.

Für Recherchen wurde Google Gemini befragt, Fehler sind möglich.

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Erinnerungen an den Hamburger Schneemann

So knackekalt war es lange nicht mehr. In Berlin, so berichten mir Freunde, machen sie sich lustig darüber, dass Hamburg keinen Schnee kann.

Dafür konnte Hamburg Schneemänner. Dutzende säumten die Brücken an der Alster und um die Alster herum. Selbst Massaker Schneemann-hassender Männer (es sind immer Männer) konnten Hamburgs Liebe zu den putzigen Mitbewohnern nicht erschüttern. Sie rollten flugs neue.

Schnee genug gab’s ja.

Seit Montag regnet es und die Schneemänner Hamburg sterben einen leisen Tod.

Irgendwie schade.

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Moin Moin 2026

Das Tief, das gestern — also letztes Jahr – so richtig Anlauf nahm, fällt heute über uns her. Kalte Schauer wehen über die Überreste der Knallerei.

Als Kinder sind wir bei so einem Wetter immer rausgelaufen, unsere Eltern lagen noch in Sauer, und haben nicht detonierte Böller gesucht. Das rote Feuerzeug aus der Küchenschublade hatten wir dabei und schafften es tatsächlich, einige fast aufgeweichte zur Explosion zu bringen. (Ohne uns die Finger abzureißen). Hauptsache das Schwarzpulver in der Lunte war nicht nass geworden, dann gelang es.

Hast du auch das Gefühl, die Knallerei ist weniger gewesen gestern?, fragt mich B. als wir beim 1. Kaffe des Jahres sitzen.

Ja, antworte ich. Und später angefangen hat es auch. Und es war schneller vorbei.

Die Leute haben weniger Geld. Das merkt man. Nur die Nachbarn oben im Neubauloft (da, wo Klitschkos mal wohnten), die haben Munition bis der Arzt kommt. Der blonde mittelalte Hausherr praktiziert noch die alte Schule: Raketen werden aus der Batterie und aus der Hand gefahren. Stilecht aus einer Flasche Veuve Cliquot.

Diese Feuerkraft hätten die Klitschkos jetzt gerne, denke ich, als Reste der Explosionen mir auf die Mütze rieseln.

Wie ich so dem Sturm beim Vorbeiziehen zusehe, denke ich: soviel hat sich gar nicht geändert zu gestern. Nur der Tannenbaum, der wirkt seit heute morgen ein wenig unpassend, wie er durstig im Wohnzimmer steht.

Ich wünsche euch ein Frohes Neues Jahr, mögen all eure Wünsche in Erfüllung gehen. Nehmt euch nicht zuviel vor, dann geht auch nix daneben.

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Klar zur Wende – zur Wintersonnenwende

Wintersolistice,
21. Dezember um drei Uhr drei Minuten.

Seit gestern um kurz nach drei wird es wieder heller. Ich verabschiede die Momente des Jahres 2025 und beginne das, was die Azteken die „tote Zeit“ nannten – die Zeit zwischen den Jahren, in der man irgendwann vergisst, welchen Wochentag wir haben.

Den Glücklicheren von uns passiert das früher, die anderen haben noch Spaß mit DPD.

Diese Tage zwischen den Jahren sind magisch, trotz Nebelschwaden nahe dem Gefrierpunkt und immer noch langen klammen Abenden. Denn sie sind so ambivalent wie das Leben. Egal ob in Altona oder Friesland.

Hektisch und besinnlich gleichzeitig wird weniger gebloggt und gepostet – und das ist gut so. (Ich liebe es übrigens, an Heiligabend noch etwas Vergessenes einzukaufen – alle sind entspannt, der Stress der Vorweihnachtszeit fällt sprichwörtlich aus den Gesichtern. Verkäuferinnen lächeln und Kunden grüßen nett)

Nach einer alten Überlieferung ist das Gewebe zwischen den Dimensionen nie so blickdünn wie zur Zeit zwischen dem was geht und dem was kommt. Und auch wenn ich weiß, dass der 1. Januar den 24 Stunden davor zum Verwechseln ähnlich sieht, ist 2026 gefühlt heute noch weit weg.

Zwischen den Jahren soll man loslassen und nix Neues beginnen. Und doch geht es mir regelmäßig so, dass mein Verstand mir 1000 Ideen ins Bewußtsein schmeißt. Als intuitiver Blogger will ich dann gleich beginnen – und tue das meist auch.

Unterbrechen wir aber mal kurz den Flow of Consiousness. Vielen herzlichen Dank an euch alle. An die Lesenden, meine Kritikerinnen (muss ich nicht gendern;), an Christoph für seinen ewigen Support, für die Ebook-Downloader und meine 11 Kaffespender.

Ihr seid toll!

Nehmt euch n Tee oder n Grog und lest n gutes Buch. Kommt zur Ruhe und denkt nicht zuviel nach. Die Zukunft kommt von ganz allein.

Wer mag, kann sich das Iging des kommenden Jahres werfen. (Mir rät das Iging mit dem Hexagramm 45, mich mehr auf meine Community zu verlassen – das ist doch mal n guter Rat 😉

PS Titelfoto: Ich sag doch, schon heute ist es kaum zu unterscheiden, ob 1 Foto echt oder KI-generiert ist. Das Titelfoto ist es – eins davon 😉

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Morgenrot

Heute morgen bin ich von einem glühenden Orange geweckt worden, das so nur der Norden zustande bringt. Das Morgenrot leuchtete über Hamburg als würde der Himmel brennen.

Wetterkundige wissen, was das zu bedeuten hat.

„Morgenrot – god Wedder tot“ – hat meine Omi immer gesagt. Und tatsächlich, nur eine Stunde später wird das Orange immer fahler, scheint nur noch blass durch die Wolken, bevor jetzt eben gerade der Regen einsetzt. Irgendwie schade und schön zugleich, dass die Sonne sich unter Zeugen und gebührend divenhaft verabschiedet.

Das sind die kleinen Highlights des Dezembers. Noch zwanzig Tage, dann wird es wieder früher hell – und abends später dunkel. So ein glühender Sonnenuntergang hat nämlich auch was.

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Übers Bloggen

„Deutscher Schriftsteller“

Als ich klein war, wollte ich zwei Dinge werden. Busfahrer und Schriftsteller. Eins davon bin ich inzwischen – wenn man Google glauben will.

Ich erinnere mich noch gut. Meine Omi und ich waren auf einer unserer immergleichen Ausfahrten. Von Neumühlen fuhren wie mit der Hadag-Fähre nach Finkenwerder, aßen eine Kleinigkeit am Kiosk direkt am Anleger (den es übrigens heute noch gibt, und in dem es immer noch lecker-gruselig nach Pommesfett riecht) und nahmen ein wenig später die Fähre nach Teufelsbrück. Dort spielte ich ein wenig im Sand zwischen den beiden mächtigen Stahlbrücken, bevor es mit dem Schnellbus die Elbchaussee wieder rauf ging.

Wir warteten Teufelsbrück auf den Bus als sie mich fragte, was alle Großeltern irgendwann fragen: „Was willst Du eigentlich mal werden, wenn Du groß bist?“.

Ich saß gerne vorne im Bus und beobachtete die Busfahrer beim busfahren. Besonders wie sie die beiden Knöpfe bedienten, die beide Türen zischend auf und zugehen ließen, faszinierte mich. Die meisten drückten beide gleichzeitig; die in meinen Augen cooleren, drückten die Knöpfe kurz hintereinander, sodass sich das Zischen der Hydraulik wie in einem Sample überlagerten.

Kein Wunder also, dass ich „Busfahrer“ antwortete. Warum ich nach kurzem Nachdenken „und Schriftsteller“ hinterher schob, weiß ich nicht mehr.

Einige Jahre später verfestigte sich der etwas merkwürdige Berufswunsch, als ich Adriano Celentano (Ornella Muti! hach, was war ich verschossen) als Barnaba busfahren sah. Ein besseres Role Model war kaum zu finden Anfang der 1980er Jahre. In „Gib dem Affen Zucker“ (auch eine verschwundene Kunst – deutsche Titel für ausländische Filme!) spielte er einen knorrigen Busfahrer, der eine Prinzessin kennenlernte. Das wär was.

Ich erweiterte den Plot ein wenig und stellte mir vor, dass Celentano (also ich später) in den Wartezeiten an der Endhaltestelle an Buchmanuskripten schrieb. Später sollte mir erzählt werden, dass einer meiner großen Helden, Philippe Djian, eben dies gemacht hatte. Nur statt in einem Bus, eher gelangweilt in einer französischen Maut-Station.

„Betty Blue“ hat mich geflasht, wie wohl viele in meiner Generation. Heute noch lese ich seine Bücher gerne und werde mit ihnen und seinen Protas älter.

Übers Bloggen bin ich zum Schreiben gekommen – und darüber älter aber nicht berühmt geworden (das war Anfang der 2010er nicht ganz ausgeschlossen, da waren Blogs zumindest in den USA der neue heiße Schiet und Verleger rollten uns in München rote Teppiche aus).

Wobei ich anders als mein ebenfalls bloggender Freund Christian, noch keine Muße fand, eine Geschichte in Romanform zu gießen – die lange Form ist bisher nicht meine (seinen Roman kann ich euch aber herzlich empfehlen – Das Erbe ist ein queerer Poproman aus HH).

Wenn ihr Lust habt, dann lest meine Ebooks kostenlos+ via Ko-Fi, oder kauft meine Taschenbücher bei amazon und das Hardcover bei Thalia – ich freue mich über Feedback – und wer weiß, vielleicht habe ich ja irgendwann soviel Muße, die Langform anzugehen. Anstatt an einer Endhaltestelle vielleicht in einem Cockpit mit Blick in den Sonnenuntergang 😉

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(B)Logbuch

Opas Ölgemälde

Meine Großeltern hatten noch „eine gute Stube“, die meist wenig geheizt wurde, denn in ihr hielt man sich nur zu besonderen Gelegenheiten auf. Das alltägliche Leben fand in der Küche statt, oder im Keller beim Werkzeug, das meinem Opa heilig war oder im Schlafzimmer, wo meine Omi ihre Kölner Wässerchen vor der Frisierkommode sortierte, die sie im Dorf vorzeigbar machen sollten.

Falls dann jemand aus diesem Dorf zu Besuch zum Süllberg käme, würde er oder sie sofort in zwei Klassen unterteilt: die, die man in die Gute Stube führte und die, die mit der Küche vorlieb nehmen mussten.

In der Guten Stube gruppierten sich barocke Sitzgelegenheiten um einen Marmortisch. Ein 3er-Sofa stand an der Kopfwand und über ihm ein Ölgemälde mit einem wuchtigen Rahmen.

Es gibt Fotos der ganzen Familie (bis auf meinen Bruder und mich sind alle tot), wie sie darunter Kaffe trinkt. Aus einem Kaffe-Service, das ebenfalls nur zu besonderen Momenten und für besondere Menschen hervorgeholt und abgestaubt wurde.

Ich habe ewig nicht mehr an dieses Bild gedacht, bis ich es gestern auf dem Schanzenflohmarkt wiedersah.

Sofort legen sich Erinnerungen in mein Bewusstsein, an Omi und Opa und die Gute Stube.

Ich stelle mir vor, das hier sei exakt dasselbe Bild, und dass es eine lange Reise über Flohmärkte in Hamburg hinter sich hat, nur um sich mir und meiner Erinnerung heute zu präsentieren.

Ganz kurz überlege ich, ob ich es kaufe, mache dann aber nur dieses Foto, das mich gerade wieder entführt. In diese merkwürdige kleinbürgerliche Welt vor 40 Jahren.

(Als ich heute morgen versuche herauszufinden, von wem dieses Bild wohl gemalt worden ist, stoße ich auf lauter gemalte Wald- und Flußlandschaften, die alle sehr ähnlich aussehen. Eines davon ist von einem Künstler des 19. Jahrhunderts aus Stavanger und heute sehr wertvoll). Mist.

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Podcast

Geschichten aus Blankenese – Episode 2 des „Logbuch Laut“ Podcast

Chapters

0:13 

Podcast Restart: Logbuch Laut

3:17 

Blankeneser Traditionen und ihre Geschichten

12:32 

Erinnerungen an meine Großeltern

16:24 

Von der Hexe von Blankenese

19:33 

Klauen in Blankenese: Eine Anekdote

21:34 

Nachbarschaft und Konflikte in Blankenese

22:07 

Kuttersegeln auf der Elbe: Ein Rückblick

Long Summary

In dieser Episode des Podcasts Logbuch laut explore ich die Eigenheiten und Geschichten von Blankenese, dem Stadtteil, der mir durch tief verwurzelte familiäre Verbindungen ans Herz gewachsen ist. Die Inspiration für dieses Thema kam durch einen Artikel im Hamburger Abendblatt, der über die untypischen Diebstähle in der wohlhabenden Gegend berichtet. Dabei reflektiere ich die Klischees und realen Gegebenheiten dieser Nachbarschaft, von den traditionsbewussten Blankenesern bis zu den neu zugezogenen Wohlhabenden, die mehr als nur ihre Exklusivität mitbringen.

Ich beginne mit den Traditionen, die in Blankenese lebendig sind, insbesondere den Osterfeuern, die jedes Jahr ein großes Fest mit einer verwobenen Geschichte der Nachbarschaft darstellen. Obwohl diese Traditionen von Generation zu Generation weitergegeben werden, sind sie heutzutage immer wieder mit Herausforderungen konfrontiert, insbesondere mit den Behörden, die die Höhe der Feuermasten regulieren wollen. Ich schildern, wie sich die Anwohner gegen solche Einschränkungen wehren und ihre Traditionen verteidigen, während sie gleichzeitig den schleichenden Wahnsinn von Regulierungen in einer technokratischen Welt diskutieren.

Die Erzählung führt mich weiter in die Geschichten meiner Vorfahren, die Blankenese in seiner Entwicklung prägen. Ich teile Anekdoten über meinen Großvater, der als Seemann bekannt war und dessen Gelassenheit und Weisheiten mir bis heute in Erinnerung sind. Auch die Geheimnisse meiner Ur-Ur-Ur-Omi, die als die Hexe von Blankenese bekannt war, illustrieren den Zauber und die Verbundenheit, die ich mit dieser Region empfinde. Diese familiären Geschichten geben einen tiefen Einblick in die historischen Verflechtungen in dieser eigenen kleinen Welt.

Ein weiterer Punkt, den ich anspricht, ist das Klauen von Blumen in der Kindheit und wie dies im Kontext von Blankenese betrachtet wird. Aus geliebten Erinnerungen heraus stelle ich fest, dass selbst die vermeintlich reichen und erfolgreichen Herrschaften nicht vor kleineren Delikten gefeit sind. Dies wirft ein schräges Licht auf die sozialen Dynamiken, die in einer so traditionsreichen und doch modernen Nachbarschaft existieren. Darüber hinaus spüre ich den tiefen Einfluss der Nachbarschaft auf das soziale Gefüge und die Art und Weise, wie Konflikte ausgetragen werden, besonders unter den privilegierten Bewohnern.

Schließlich schau ich zurück auf meine eigenen Kindheitserlebnisse und die Abenteuer während des Kuttersegelns auf der Elbe. Diese Erinnerungen an Freiheit, Unbeschwertheit und die Herausforderungen des Heranwachsens fügen sich harmonisch in die Gesamterzählung ein und bieten einen persönlichen Blick auf die Entwicklungen in meinem Leben und meiner Heimat. Jedes Erlebnis, jedes Wort hat seine Bedeutung, und ich freue mich, diese kleinen, feinen Geschichten mit euch zu teilen.

Brief Summary

In dieser Episode von Logbuch laut tauche ich in die Geschichten und Traditionen von Blankenese ein, einem Stadtteil, der mir besonders am Herzen liegt. Inspiriert von einem Artikel im Hamburger Abendblatt, reflektiere ich über die untypischen Diebstähle in der wohlhabenden Nachbarschaft und die sozialen Dynamiken zwischen den traditionsbewussten Blankenesern und den neu zugezogenen Wohlhabenden. Ich bespreche lebendige Traditionen wie die Osterfeuer und die Herausforderungen, mit denen die Anwohner bei der Verteidigung ihrer Bräuche gegenüber bürokratischen Regulierungen konfrontiert sind. Darüber hinaus teile ich persönliche Anekdoten über meine Vorfahren und erinnere mich an meine Kindheitserlebnisse, die die Entwicklung dieser besonderen Region und meine Verbindung dazu prägen.

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(B)Logbuch

Blankeneser klaun

Meine Omi wäre stolz auf B. gewesen. B. hatte mir beim Abendbrot erzählt, dass sie am Bahnhof Blumen geklaut hat. Dabei hat sie plietsch gewartet, bis die Fahrgäste in den Zug, aber noch nicht aus dem Zug steigen konnten.

Meine Omi kam aus Blankenese und hat mir von kleinauf weisgemacht, dass geklaute Blumen die schönsten sind. Eigentlich erwartete sie sogar, dass wir an ihrem Geburtstag durch die Gärten streifen oder unschuldig-guckend durch den Park schlendern (ist inzwischen wohl verjährt) und ihr die schönsten Blumen pflücken.

„Blankeneser dürfen das“, hat sie gesagt und dabei immer gelacht.

Das Klauen gibt’s offensichtlich in Blankenese immer noch — auch bei den zugezogenen, reichen Leuten. Nur klauen die Wein und Rinderfilet, wie das Hamburger Abendblatt berichtet.

》Die Frau, die Rinderfilet im Wert von 30 Euro im Kapuzenpulli hatte mitgehen lassen. „Sie sagte allen Ernstes zu mir, ich könnte einer guten Kundin wie ihr ja wohl Natural-Rabatt gewähren.“ Und der Mann, der drei Rotweinflaschen für je 15 Euro entwendet hatte. „Er antwortete auf meine Frage, warum er nicht den Fünf-Euro-Wein genommen und mir dadurch weniger geschadet hätte, er könne seinen Gästen keinen billigen Wein vorsetzen.“

Ich bin mit Omi einer Meinung: Blumen für Omis sind ok. Das allerdings können keine echten Blankeneser sein, die Købmands im Treppenviertel beklauen, weil sie Angst vor dem Urteil ihrer Nachbarn haben.

(Nachbarn sind in Blankenese sowieso ein besonderes Thema. Anders als in den Bauerndörfern drumrum, gab es im Treppenviertel schon immer wenig Platz. Da hat man sich arangiert oder ignoriert. Seit 50 Jahren wird sich auch fröhlich verklagt – und wer mehr Geld hatte, konnte eben weiter hoch in der Prozesskette streiten. Gegrüßt hat man sich aber trotzdem – oder beim Osterfeuer zusammen aufgebaut und das Holz gegen andere Feuer verteidigt – aber das ist eine andere Geschichte)

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(B)Logbuch

Kalter Aschenbecher

Newsletter sind sowas wir die „Hits aus den 80er, 90ern und dem besten von heute“ des Internet, oder wie man eben auch heute sagen muss: dem freien Internet. Sie waren schon immer da und wie ein guter Song über einen gewissen Sonny wandeln sie ihre Gestalt und bleiben doch immer gleich.

Vor genau zehn Jahren überlegte ein Kollege im traditionsreichen Verlagshaus am Speersort, wie man der gerade gestarteten Hamburg-Ausgabe seiner Zeitung ein begleitendes digitales Äquivalent verpassen könnte und kam auf die Idee, einen Hamburg Newsletter zu starten. Die Hamburger Elbvertiefung.

Ich trieb mich als Blogger auch gerade da rum, und weil man Mark erzählte, dass ich mich für alles Digitale interessiere und für den FC St. Pauli, lud er mich ein, in diesem Letter mitzuschreiben und meine Ideen einzubringen.

Newsletter, das waren bis dahin meist Listen von Teasern, die ihre Leserinnen auf tolle Angebote locken sollten, immer aus dem Newsletter raus. Das wollten wir anders machen. Hatte man die EV gelesen, wie sie schnell intern hieß — auch Journalisten lieben Abkürzungen — sollte man nirgendwo hin müssen, es sei denn, man wollte Themen „vertiefen“.

Wie Blogs auch einen Host haben, einen menschlichen Absender, sollte auch die Elbvertiefung ein persönliches Intro bekommen. Das ist immer noch der beste Teil, finde ich bis heute.

Blogs und Letter wie dieser, sind ja auch persönliche Erinnerungen an ehemaligen Neuigkeiten aus der Stadt, in der man wohnt. Ich streune manchmal durch mein Archiv und denke, „ach ja, das war ja auch mal“.

Wie wohl ein Hamburg Newsletter aussehen würde, den ich schriebe?

Zwei-Klassen-Stinkefinger

(wäre schonmal die Headline)

In Hamburg anderen Leuten den Mittelfinger zu zeigen — insbesondere denen vom rechten Rand — wird in Hamburg mit zweierlei Maß bewertet. Während Udo Lindenberg das ungestraft und sogar von der Mehrheit der Hamburger goutiert, sogar in der Bürgerschaft tun darf, fanden sich vier Senior:innen auf der Anklagebank wieder.

Ob die HHer Staatsanwaltschaft unter Langeweile leidet, ist von hier aus schwer zu beurteilen. Ein Freispruch in 1. Instanz gefiel ihr aber offenkundig nicht.

Zur „Vertiefung“ geht’s hier lang:

https://taz.de/Prozess-gegen-Antifaschistinnen/!6126967

Alles andere als den Mittelfinger zeigt uns gerade das Wetter. „Für die Jahrezeit zu mild“ ist ja taktisch eine gute Nachricht, obwohl eine dunkle Bedrohung mitschwingt.

Heute wird es heiter und mit 15 Grad in Klein Borstel sehr angenehm. Hoodiewetter in Hamburg.

Einen guten Start in den Tag in der schönsten Stadt wünsche ich, und wenn dir dieser Letter gefällt, dann leite ihn weiter oder antworte mit gerne.

PS eigentlich wollte ich noch Helmut Schmidts Aschenbecher unterbringen, der bei der Die ZEIT als Reliquie im Flur in einer Glasvitrine steht, deswegen auch die Überschrift. Aus redaktionellen Erwägungen hat diese Story es aber nicht in das fertige Produkt geschafft. 😉

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500 Zeichen

Orkan — oder auch nicht

Seit der Sturmflut vor zwei Jahren schaue ich im Herbst besonders oft auf die Wetterkarte.

Dabei fällt mir auf, dass die einzelnen Modelle oft weit auseinanderliegen. Die einen prophezeien, dass den Schafen 🐑 auf den Nordseedeichen die Locken geglättet werden, die anderen beschreiben eher ne steife Brise.

In die mediale Öffentlichkeit schaffen es meist erstere.

Feuer, äh doch nur Kokel.

Das erinnert mich an eine Diskussion bei meinen Exkollegen von Wetter.com. Die beschrieben ihre Arbeit als die Kunst, aus Wetterdaten eine Geschichte zu erzählen. Die Kollegen von RTL erzählten so oft Katastrophenfilme in Form von Isobaren, dass niemand ihnen mehr glaubte – erzählte einer. Die halbstaatlichen Wetteragentur-Stories dagegen waren vorsichtig optimistisch, wie die Neujahrsansprache des Kanzlers — aber wer will das jeden Tag? Dazwischen lag der Sweet Spot. Am Ende haben wir alle dieselben Daten, nur modellieren wir sie anders.

Der erste Sturm der Herbstsaison ist immer ein besonderer. Dieser wird wohl halb so wild wie noch vor zwei Tagen ausgemalt. War trotzdem richtig, ne zweite Leine auszubringen

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(B)Logbuch

Urlaub in Pinneberg?

Hamburg, Mitte August. 14 Grad und immer mal kurze Regenschauer.

Carsten Meyer, mit Ypsilon, ist ein Mann, vielleicht der Einzige, der seinen Wohlstandsbauch mit einer selbstverständlichen und würdevollen Coolness tragen kann. Nicht nur in diesem Sinne ist er mein Vorbild.

Ich bin auf dem Weg zu ihm. Dachte ich zumindest bis eben noch. Der ICE nach München ist in Pinneberg gestrandet. Jemand aus der Gegend hat eine Flasche auf den Zug geworfen und eine Scheibe getroffen.

Dann doch lieber Urlaub in Spanien?, steht auf den Gesichtern meiner Mitreisenden.

Der ICE ist wohl zu lang, der steht über die Weichen rüber, orakelt der Zugführer des RB61, in dem ich jetzt festsitze. Ich muss warten, bis sie den ICE mit Loch an der Seite weggefahren haben. Ob Erobique auf mich wartet ist derweil unklar.

W. und A. warten Dammtor auf mich, denn Carsten Meyer zeigt seine Kunst in Planten un Bloomen, in dieser herrlich patinierten Konzertmuschel, wie man sie in den 70ern gerne in Ostseebädern oder Bad Sachsa verbaut hat. Im inoffiziellen Stadtpark St. Paulis hat sie überlebt. Mehr noch, coole Acts, wie L’Imperatrice oder eben jetzt Erobique, haben sie mit neuem Leben erfüllt und überfordern regelmäßig den nahe gelegenen Kiosk.

Ok, wir stehen immer noch. Da habe ich Zeit, euch von iX zu erzählen. Ein Blogger aus Berlin, der sowas wie ein kleiner Star der Szene war, als Bloggen der neue heiße Schiet war. Er bloggt wieder und postet das ins Fediverse. So wie ich auch. Seine Definition des Bloggens hat viel mit Improvisation zu tun, genau das, was auch Carsten Meyer mit seiner Kunst macht.

„din­ge aus­pro­bie­ren, din­ge ob­ses­siv zu ver­fol­gen bis sie mich lang­wei­len, ge­le­gent­lich den ge­schmack an­de­rer zu treffen und ge­le­gent­lich das ge­gen­teil. al­les in der öf­fent­lich­keit, aber ei­gent­lich nicht für die öf­fent­lich­keit.“ — wirres.net

Ich bin inzwischen in Planten und Bloomen angekommen, ein wenig zu früh. Auf dem Weg durch die kuratierte Pflanzenwelt höre ich Carstens Warm-up. Sehr groovy, schon von Weitem.

Pünktlich zum Beginn des Konzertes regnet es es ein wenig. Es ist Mitte August und trotzdem ist der Nieselregen schon herbstlich kühl. Ein Regenbogen 🌈 formt sich aus Licht und Tropfen, wirkt gleichzeitig arrangiert und spontan, wie alles heute Abend.

Erobique hat ein paar Hundert Leute zu sich ins musikalische Wohnzimmer eingeladen. Zusammen mit anderen Sideacts (die beinahe noch cooler sind, geht das?)

„Musik für die Nachbarschaft“

Erobique legt einen Teppich aus verschiedenen Rhytmen und Grooves auf das Buffet, spickt die Platte mit tanzbaren Discosamples, käseigeligen Anekdoten und schlagersken Mitsinggürkchen.

Das ganze kann man sich auch bei ihm Zuhause in der Weidenallee vorstellen. Nahbarer Nachbar, Profiproduzent und lustig gleichzeitig.

Carsten war mal wieder großcool.

22. August 2025, 20:07 2 Boosts 3 Favoriten

Ich treffe E., der auch diesen Blog liest (jeah!), C., den ich 20 Jahre nicht gesehen habe und Philipp, der schon Prota einer 500 Zeichen Geschichte war. 》Random Erinnerung.

All das verstärkt das Gefühl, in einer zugegeben etwas zu großen, aber ziemlich coolen, gemeinsam reifenden Nachbarschaft zu sein. —

Ähnlich der Blogosphäre, die sich lustigerweise im föderierten digitalen Raum wieder trifft.

So groovy und schön wird das morgen um 1830 sicher nicht, orakelt W. nach der letzten Zugabe. Ich weiss nicht, der Zugführer hatte ja am Ende auch Unrecht, denke ich. Vielleicht trägt die Nachbarschaft und ihr Groove ja auch den FC St. Pauli?

Regieanweisung: Blogger dancend ab...
PS — immer wieder sagen mir Menschen im RL, wie nett, gut, groovy oder lustig sie meine Texte finden. Das ist toll. Wenn es Dir auch so geht, dann schicke diesen Blogartikel/ Letter doch gerne mal als Empfehlung weiter, via Mail, Mastodon oder Mundpropaganda. Oder schmeiße einen Heiermann in meine Kaffe-Kasse.
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Dialoge

Ernst sagt

Mein Nachbar Ernst geht im Hinterhof an mir vorbei, er war gerade auf dem Ottenser Wochenmarkt was einholen. Der Biobauer von dem er sein Gemüse bezieht, wohnt öfter bei ihm. In seinem Wohnatelier, dort wo er malt, schreibt, musiziert und denkt.

Ernst hat oft Besuch. Von Filmemachern, von Fotografen und von besorgten Biobauern. Und er denkt gerne. Am liebsten um die Ecke.

Hallo Erik, sagt er, Deine Frisur sieht aus wie Depeche Mode. An seinem Gesichtsausdruck ist nicht genau abzulesen, wie er das meint.

Ernst ist Maler, denke ich, er muss es ja wissen.

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500 Zeichen

300 x 500 Zeichen

Zwei Jahre #500Zeichen.

Jubiläen machen mich immer ein bisschen idelig. 50 Jahre Schlachter Heiner mit goldenem Eichenlaub über der Eingangstür. So springt das Wort mir ins Gemüt.

Und doch schleicht sich ein kleiner Stolz in die Schreibe, wandert der Blick zurück zu dem Moment, an dem man dachte, kleine Texte in 500 Zeichen zu verdichten, wäre ne knorke Idee.

Inzwischen feiere ich 300 kurze Prosagedichte.


PS vielen Dank an C., meinen aktuell einzigen Supporter. Auch Spaß an meinen Texten?, dann lass mir n Kaffe da 😀

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(B)Logbuch

Rage against Regenbogen

Das Zwischenhoch flieht aus der Gegend. Wird weggeschubst vom nächsten heran rauschenden Tief, das sich über dem Nordatlantik um sich selbst dreht. Gewitter sprießen über dem Land. Die Regenbogensaison bricht an.

Wusstest Du, dass der Regenbogen eigentlich ein Kreis ist? – der Kölner ist am Telefon. Mir fällt beinahe das Telefon aus der Hand. Hab noch nasse Hände. Supertiming mal wieder.

Ne. Wieso Kreis?

Wir können nur eine Hälfte sehen, deswegen nennen wir den Kreis Bogen. Vom Weltraum aus gesehen ist er ein Kreis.

Eigenwillig. Aber irgendwie auch typisch Mensch. Nur die Hälfte kapieren.

M. lacht, irgendwie kehlig (das mit den Allergien nervt ihn sicher sehr). Und sagt, ja; die eine Hälfte, die gar nix kapiert. Die kämpfen jetzt nicht mehr gegen Windmühlen, jetzt gehen sie auf den Regenbogen los.

Was sind denn das bitte für Zeiten, in denen man mit einem Regenbogen provozieren kann? Immerhin, nu trennt sich die Spreu vom Weizen. Apple, IBM, Google, Harley Davidson, alle haben ihre bunten Logos eingemottet.

Und Aldi Süd, ergänzt M.

Eigenwillig.
Ich habe gestern auf Facebook vierhundert Hasskommentare weggelöscht. Unter einem Foto eines Regenbogens, der auf der Reeperbahn hing.

Von Menschen oder von Maschinen. Homophobe Russenbots bekämpfen; bist Du sicher, dass Du nicht der mit den Windmühlen bist?

Du musst Dir die Admins auf Facebook als glückliche Menschen vorstellen. Etwas besseres fällt mir gerade nicht ein. Und glücklich kam ich mir da gestern auch nicht vor.

Was kann man denn bitte gegen Regenbogen haben?, M. schüttelt den Kopf. Das kann ich zwar nicht sehen, aber wie sein Bart an der Sprechmuschel reibt, malt mein Verstand diese Bewegung in meine Wahrnehmung.

Was machen denn die Städte, die einen Regenbogen im Wappen haben? So wie Regen in Bayern?

Regen, Regenbogen, das denkst du dir doch aus.

Nee, das gibts wirklich. Und die haben einen Regenbogen im Wappen. Der berühmteste Sohn der Stadt heißt Schmaus und ist Koch.

Die haben das da aber mit Assoziationen. M. lacht.

Ja, der Schmaus ist Koch bei der deutschen Nationalmannschaft. Und die haben ja bekanntlich auch so ihre Probleme mit dem Regenbogen.

Aber schon länger.

Ja. Dabei sind sie mal ganz weit vorne.

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(B)Logbuch

Sven Regener und das Kult Hot-Dog

Es ist Sommer, zumindest bei den Meteorologen. Im Sommer wechselt meine Leidenschaft. Vom FC St. Pauli Fußball zum Segeln. Ich verbringe dann jede freie Minute (und immer öfter auch berufliche Zeit) an Bord oder auf der Ostsee, die sie da oben liebevoll „unsere nasse Wiese“ nennen.

Dem Deutschlandticket sei Dank, schaue ich nicht mehr nach Tarifen – steige einfach an der Endstation des Kieler Busnetzes ein, verabschiede mich höflich von dem frechen Möwennachwuchs, und tingel mit der Deutschen Bahn übers Land. Wenn alles klappt, schmeißt mich der Zug dann nach gut zwei Stunden in Hamburg aus dem Abteil.

Genug Zeit, um Podcasts zu hören. Oder Hörbücher. Gerade fiel mir das Logbuch von Sven Regener in den Stream, dem ich vor genau zwanzig Jahren in Berlin das Bloggen beibrachte und der mich zum Dank zum Running Gag seiner ersten Staffel machte. Neben Thomas M. Stein (was macht der eigentlich?).

Wer ist tot?, ruft B. aus der Küche.

Mirek.

Wer ist Mirek?

Der Hot-Dog Mann vom Kiez.

Ach. Der dunkle oder der Rennfahrer.

Beide. Nu sind beide tot.

Ich bin mit dem Danmark Hot-Dog und dem wortkargen Mann hinter der Brutzelrolle aufgewachsen. Früher Pflichtprogramm bei der Ziese vorm Top10, verschlägt es mich nu seltener direkt auf die Reeperbahn. (Da ist es selbst für gestandene St. Paulianer nur noch schwer auszuhalten vor Jungesellinnenabschieden und Vodkabomberpiloten)

Vor ein paar Monaten war ich mal wieder da und wir kamen ins Gespräch, auch darüber wie anders die Ecke da geworden ist. Er wirkte da gar nicht mehr so still und stoisch wie früher, sondern genervt, alle, aus der Zeit gefallen.

Was nu aus dem Hot-Dog Imbiss wird? Physisch wahrscheinlich ein weiterer Kiosk und kulturell ein weiteres Musical. So bleiben uns die heißen Ecken auf St. Pauli in Erinnerung, sagt der Kölner, als er mich anruft. Wie jeden Tag. Nur nie zu einer festen Uhrzeit.

Heute erwischt er mich beim Zähneputzen. Sein Timing ist so präzise, immer so unpassend, dass ich meine Wohnung schon nach verborgenen Kameras durchsucht habe.

Schhallo?, nuschel ich.

Ej, Du bist ja berühmt, sagt der Kölner.

Naja.

Nee im Ernst. Sven Regener, das ist echte Literatur. Nicht so ein Kram, wie der hier.

Pass mal auf, sagt er, wenn du so weitermachst machen die noch n Musical aus dir. Der Kölner lacht und hustet gleich darauf. Er hat starke Allergien, und der meteorologische Sommeranfang ist seine Deadline, im wahrsten Sinne. Schlimm. 😉

(Das Logbuch vom Vahraonen mit seiner Kunstfigur Hamburg-Heiner gibts bei Spotify)

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500 Zeichen

Strategisches Daumendrücken

Ich habe heute wie ein Baby geschlafen. An Bord unserer kleinen Segelyacht. Sie liegt in einem kleinen Hafen an der Kieler Förde.

Neben Segeln und Handball interessiert man sich hier neuerdings auch für Fußball. Wahlweise für den HSV oder die KSV, oft beide.

Nun begibt es sich jedes Jahr im Frühling, dass die Segelsaison beginnt und die Fußballsaison sich ihrem Finale nähert.

Dieses Jahr spielen alle um irgendwas; der HSV um den Aufstieg, die Kieler SV und mein FC St. Pauli gegen den Abstieg (auch, wenn der eine oder andere behauptet, Ihre Spieler spielten um den Abstieg).

Ich krabbel also gerade aus der Koje und die Morgensonne scheint mir ins Gesicht, als M. mir von der Mole aus zuruft: Na? Wie sind deine Tipps für heute?

Ich wünsche heute ausnahmsweise mal strategisch.

Ich auch.

Das wird das einzige Mal, dass ich dem Rostocker in Berlin die Daumen drücke.

Also Sieg Union. Heidenheim verliert, (ich bin heute für die KSV) Kiel spielt unentschieden zuhause. Bochum ist egal.

Und nachher dann der HSV. Sagt M. Und dann bin ich nächstes Wochenende für Werder.

Auch irgendwie schräg.

Du sagst es.

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Auf Reisen

Abfall bitte zurückbleiben

Hamburg, zehn Grad (alle Zahlen unter 13 schreibt man aus, so kalt), Nieselregen

Ich bin Teil der Generation, die ein mittelklassiger Autor mit Titel-Talent einmal Generation Golf getauft hat. Für mich gehört Individualverkehr mit Kraftfahrzeug zum Leben dazu. Vor unserer Schule verursachten damals keine Helikoptereltern den morgendlichen Stau, das waren wir Schüler selbst (während unsere Gemeinschaftskundelehrer im Liegerad versuchten, um uns herum zu kurven).

Ich bin trotzdem überzeugter Bahnfahrer geworden, der Deutschen Bahn zum Trotz.

Der Bahnsteig als Sprungbrett in ein getaktetes Abenteuer, der Zug manchmal aus Budapest, manchmal aus Prag kommend (auf dem Weg zurück), die (mit Ermessensspielraum ausgestatteten) Schaffner in Maroon-farbenden Hosen in die Billetzangen Beulen schlagen und die Vielfalt an Begegnungen (gestresste Vielfahrer, Omas auf dem Weg zu ihren Enkeln oder der Fußballfanstammtisch auf der Strecke Köln-Hamburg), all das macht eine Bahnreise für mich aus.

Im Gegensatz zum Pferchen und Drängeln in Bodyscannerschlangen, vor Gates mit Businesskasperfastlanes, vor der Flugzeugtür im winterkalten Finger, unter den vollgestopften Overhead Compartments (und dann am Zielort dasselbe nochmals nur andersrum), ist das Fortbewegen im rhythmisch rumpelnden Zug echtes Reisen.

Selbst kleine Fahrten, atmen den Geist des vernetzten Kontinents, können Beginn oder Finale derselben Erfahrung sein, wie eine S-Bahnfahrt von Altona ins einst dänische Blankenese.

Ich weiß auch nicht so genau, wieso mich diese Meldung heute Morgen so traurig macht, dass die S-Bahn Hamburg die kleinen Müllbehälter an den Vierersitzen abschraubt. Alle.

Vielleicht weil dies die kleinen Dinge sind, die eine Reise von einem Transport unterscheiden.

(Ich hab plötzlich den Wunsch mal ne Fahrt in der historischen S-Bahn zu unternehmen, schräg)

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(B)Logbuch

Strandbagger

Neumühlen, 7 Grad bei Sonnenaufgang.

Auf Mallorca saß ich viel am Strand. Ich schaute aufs Meer und den anderen Menschen beim Spielen und Baden zu — Sonnenbaden, denn das Mittelmeer war fürs ausgiebige Planschen noch zu kalt (ca 15 Grad, also so warm wie die Ostsee Ende Juni; oder die Elbe).

Alle 500 Meter lag ein muffender Haufen feuchten Seegrases, zusammengeschoben von einem großen Bagger. An einem Tag hatte ich das fast meditative Vergnügen, ihm und seinem entspannten Führer bei der sysiphosischen Arbeit zuzusehen.

Hin und her, hin und her. Ein kleiner Junge sprang aufgeregt herum und rief auf spanisch so etwas wie: „Ein Bagger, Papa, ein Bagger“.

Ruhig und aufmerksam umfuhr der Bagger Handtücher mit liegenden Menschen und hüpfende Jungen.

Es ist die Zeit vor den flächendeckenden Sonnenschirmen, die gegen eine Gebühr einen willkommenen Schatten spenden. Mit viel Gerumpel und Gehämmer werden allerdings schon die Schirmdalben eingeschlagen. Hier arbeitet die Hälfte der Strandbesucher. Ostern beginnt die Saison.

Heute lese ich in der sehr geschätzten Elbvertiefung der ZEIT Hamburg, dass die Hamburger Stadtreinigung ebenfalls aufrüstet. Zwei neue Strandbagger hat sie dieses Jahr in Betrieb genommen. Die beiden sollen zuverlässiger Flaschen, Unrat und Müll aus dem Elbsand sieben.

Auch in Hamburg beginnt Ostern die Strandsaison — wobei bei den Osterfeuern von Blankenese bis Neumühlen erstmal wieder alles dreckig wird, bevor dann im Mai der berühmte und kurze Hamburger Sommer kommt.

Obwohl: in Zeiten des Klimawandels, wer weiss schon, vielleicht boomen bald auch bei uns Schatten spendende Holzschirme.

Die werden aber sicher erst nach Ostern und nicht zu Ostern aufgebaut. Einheimische würde sie sonst sicher dem Feuer anvertrauen, um die Wintergeister zu vertreiben.

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(B)Logbuch

Unfreiwillig Peripherie

Wir leben an der Peripherie — neuerdings und getriebenermaßen (lange Geschichte, zuviel „auto“ zuwenig fiktional, deswegen nur am Rande Thema hier).

An der Peripherie gelten andere Gesetze als mittendrin.

Ich war gestern in Altona, ein paar vertraute Dinge abklappern: Die Hausärztin, den Briefkasten, die Apothekerin, die von streng auf lustig nur Millisekunden braucht, und am Schluss ein Korean Fried Chicken im BOK am Bahnhof (das ist sooo lecker und sooo schwer verdaulich). Da ist es mir wieder aufgefallen, wie anders das Leben hier fließt.

Schneller, übergriffiger, energiereicher, rast es an mir vorbei.

In Altona kann man sich der Welt nicht entziehen. Man steht mittendrin, wird umzingelt — always connected. Der Bahnhof und der Hafen, die diese einst als Nordeuropas Zentrum der Aufklärung bezeichnete Stadt mit dem Rest der Welt verbinden, verstärken den Fluß. Accelleriertes Leben.

Zurück in der kleinen Stadt an der Peripherie fällt er ab, der Stadtdruck. Und macht einer ruhigen Unbeteiligung Platz.

Einer Pseudo-Gewissheit, dass sich Dinge nicht ändern, und wenn doch dann hier zuletzt.

Ein Trugschluss natürlich.

Im Kultroman „Generation X“, der mir vor kurzem (beim Umzug) wieder in die Hände fiel, ist die Flucht an die Peripherie nicht erzwungen, sondern bewußt gewählt.

Um dem Wahnsinn der Welt zu entkommen, in der schon damals irrigen Annahme, daß man dort vor ihm sicher sei.

„Wir leben unser kleines Leben an der Peripherie; wir sind an den Rand gedrängt, und es geht etwas Wichtiges vor, an dem wir lieber nicht teilnehmen wollen. Wir haben Stille.“

GENERATION X, Seite 21

Ich frage mich, wie lange ich dem widerstehen kann, mich der heimeligen Ordnung der Peripherie zu ergeben. Ob ich dann auch CDU wählen werde? – just kidding 😉 –

Man müsste mit coolen Leuten sich die Peripherie erobern — so wie in Generation X, denke ich noch, bevor ich mich wieder an die Vodafone Hotline hänge. Ein Telekomtechniker hat mutwillig unsere Leitung gekappt.

Ohne Internet ist die Peripherie schonmal scheiße, soviel steht fest.

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(B)Logbuch

Unsicherheiten

Tornesch,
6:00 Uhr morgens, Hochnebel, vier Grad Celsius

Heute Morgen bin ich früh aufgewacht. Ein herber Traum hat mich in den Tag geschubst, in dem ich mit Alice Weidel ein Bier trank und mich permanent fragte, was ich dort mache?, es verunsicherte mich zutiefst, dass wir uns so gut verstanden, beim Manöverbier in meiner Lieblingsseglerkneipe.

Der Zug nach Hamburg war pünktlich, was auch nicht sicher ist. Wenn alles wie am Schnürchen funktioniert, bin ich schneller bei der Arbeit, als wenn ich aus sagen wir mal Ohlsdorf oder Blankenese anreiste.

Unsicherheit kennzeichnet dann auch den Podcast, der mich mit der Welt und den USA verband. Ich mag ja die Schnodderigkeit von Rüdiger Bachmann, mit der er seine Ansichten über die Weltökonomie untermauert.

„Trump und Putin sind beides Mafiosis, der eine aus der New Yorker Immobilienmafia, der andere aus der St. Petersburger“ – Rüdiger Bachmann

Die Unsicherheit wächst aller Orten. Der Weltökonomie Unsicherheitsindex folgt den weltweiten Temperaturen – klettert von einem Bergmassiv zum nächsten. Dummerweise sind sich die Weisen unsicher, wieviele Spitzen es gibt.

Angekommen in der Schanze.

Der Hamburger Telemichel versteckt sich in den Wolken. Ich bin mir für einen Moment unsicher, ob es die Spitze oben drüber noch gibt.

Ich bin mir unsicher, ob das ein gutes Zeichen ist, dass ich der erste im Büro bin heute … immerhin, ich finde den Schalter für die Kaffemaschine. Denn eines ist sicher: einen Morgen ohne Kaffee, das ist fast schlimmer als ein Bier mit … ach lassen wir das 😉

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(B)Logbuch

Mein erster CSD

Mein erster CSD war ein Ereignis. Mein Freund Christian wollte mich da schon lange sehen, aber irgendwie hatte ich immer das Gefühl, das sei nicht meins. So als mittelalte Hete.

Nach einem St. Pauli Spiel nahm mich dann meine Tochter mit. „Los, komm schon. Das wird toll“, sagte sie. Und das wurde es auch.

Es ist wirklich einfach, ich ließ mich im Zug treiben und tanzte, nachher im Gängeviertel strömte ich an Soundsystems und Liveshows vorbei, die abwechselnd politisch aktiv, groovy oder auch liebevoll dilletantisch waren.

Ich blieb an einem Stand hängen, der selbstgebastelte Buttons für 1 Euro anbot. Die meisten hatten eine Bedeutung, die ich nicht kannte. Ein junger Mensch bemerkte mein zögerliches Herumsuchen und erklärte mir einige. „Dieser hier ist schön“, sagte ich. „Ja, der Button ist schön, Dir muss nur klar sein, dass Du Dich damit verpflichtest, einen Transmenschen mit auf die Toilette zu begleiten, wenn xier sich allein nicht wohl fühlt“.

Ich nickte, immerhin war das ein kleiner Preis für die freundliche Duldung der Menschen auf diesem CSD.

Als die Sonne unterging, saß ich noch lange wippend auf dem Hof des Gängeviertels. Vor dem Club hatte sich inzwischen eine Schlange gebildet, aus der mir meine Tochter zuwinkte.

So sollte es immer sein, dachte ich.

Der CSD ist eine Demo, ein kurzer Moment, in dem die Straßen und Plätze utopisch verwandelt werden. Sowieso braucht die Welt mehr Housemusik, dachte ich, als ich beseelt nach Hause ging, das Gesicht voller Symbole, die mir fröhliche Menschen darauf gemalt hatten.

Nach dem Angriff in Bautzen und anderswo, wurde mir klar:  das schiere Existieren von Queerness, das bunte Lieben und Leben, sind für Nazis unerträgliche Provokation. Niemand sollte sich täuschen, CSDs sind Demos. Gegen den Hass. Und oft gefährlich. Nicht in HH, aber anderswo.

Zuerst konnte ich mir nicht vorstellen, warum jemand sich meine Begleitung auf ein WC wünschen würde; nun ja.

***

Ich lese heute einen Aufruf von Tadzio Müller, den ich euch ans Herz legen möchte:

„Nehmt Euch ganz fest vor, dieses Jahr zu so vielen CSDs zu gehen, wie ihr einrichten könnt – nicht nur, weil’s da geile Parties mit heißen Menschen gibt. Sondern, weil jeder CSD, bei dem wir deutlich mehr sind, als die Nazis, für uns alle ein Erfolg sein wird. Und damit verdammt nochmal wir Queers auch einfach ein bisschen feiern können, trotz all der Nazischweine, weil unsere friends und allies und auch wir selbst und schützen.“

Ich komme dazu. Zum tanzen, zum demonstrieren, und wenn es sein muss, zum beschützen.

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Trutzburg Millerntor

Vor mehr als zehn Jahren erzählte mir mein guter Freund M. von einer Romanidee. Er skizzierte eine schwule Liebesgeschichte in einer fernen Zukunft.

Die bundesstaatliche Ordnung hat sich aufgelöst. Macht wird von multinationalen Verwaltungskonzernen organisiert, die allesamt einer Clique von Milliardären gehören.

Durch ländliche Gebiete marodieren faschistische Banden. Ganz Mecklenburg-Vorpommern ist ein Gefängnis, in dem die Menschen sich selbst und nackter Willkür überlassen werden (ich weiß noch, dass ich mir Snake Pliskens New York City in einer Art Rostocker Version vorstellte). Aus einem dieser Gefängnisse flieht sein Held. In die Freie Stadt Hamburg. Im Centrum gibt es eine Trutzburg, die früher einmal ein Fußballstadion war. Im Millerntor leben die Menschen frei und vielfältig, allerdings unter ständigen Angriffen der corporativen Ordnung.

Wir sprachen über die Liebe in Zeiten der Repression, wie sich die Liebenden verlieren, wiederfinden und wie weit weg uns das vorkommt.

Seit diesem Januar ist aus der fantastischen Romanidee etwas geworden, was bedrohlich reale Formen annimmt.

Ich muss ihn dringend anrufen und fragen, wie es weiter geht.
Ich hoffe, es geht am Ende gut aus.

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Gestrandet in Schulau

„Na, weit isser ja nicht gekommen“, sagt Katja zu Bernd. „Ja, der liegt schon den ganzen Winter hier in Schulau. Das nervt“.

„Euch Anwohner nervt aber auch alles“, antwortet Katja und zwinkert während sie versucht an oder unter Deck jemanden auszumachen. Sie kneift gerade nochmal die Augen zusammen, als Bernd sagt: „Der wollte auf große Tour, sagt man”.

„Mit dem Schrotthaufen? Krass. Darf man das überhaupt, hier liegen?“

„Mein ich ja, das nervt“, sagt Bernd – dabei ist er selbst zugezogen, hat irgendwann hier festgemacht und ist geblieben.

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Random Erinnerung

Erinnerungen sind komisch. Wonach sie wohl entscheiden, welche bleibt, welche geht? Manche kommen – meine Kinder würden sagen – random zurück ins Bewußtsein gehüpft, dabei sind sie gar nicht so besonders.

So wie die an einen Abend mit meinem Schulfreund Philipp. Wir waren 15 und ich sollte bei ihm in Klein-Flottbek übernachten. Wir wollten tanzen gehen und tranken uns mit Gin-Tonic Laune an. Fuhren dann mit der S-Bahn zum Voilá nach Wandsbek, wurden vom Türsteher abgewiesen, fuhren achselzuckend wieder zurück und tranken weiter.

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Franz Beckenbauer: Erinnerungen an einen Libero

Manche Erinnerungen kommen einem so merkwürdig vor, es könnten auch Träume sein. Oder die von jemand anderem. Ich schaue gerade die Beckenbauer Doku im ZDF und als ich die signifikanten Bewegungen des Liberos sehe, legt sich meine eigene Erinnerung darüber. Das hab ich schonmal gesehen?, nur in echt. Nur getrennt von einer Tartanbahn. Ich muss ca. 12 Jahre alt sein, als ich dieses Muster das 1. Mal im Real Life abspeichere. Ich war mit meinem Schulfreund Nils zum Volkspark geradelt. Schülerkarte 5 Mark. Ich meine es war ein Heimspiel gegen den VfB Stuttgart (mit den Förster Brüdern auf Gegners Seite) Nils ist immer noch Fan des HSV. Ich nicht. Schon sehr lange nicht mehr.
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Auf Reisen

Die Bahn kommt

Location: HH-Dammtor
Bahnsteig für Fernzüge.
1 Grad Celsius, HHer Nieselregen

Ich warte auf den ICE nach Berlin. Angezeigt sind 34 Minuten Verspätung. Und während ich noch überlege, mich noch mit etwas Reiseproviant einzudecken, geschieht ein modernes Wunder: Die Verspätung verringert sich. 30 Minuten, 24, 20. Ach nee, jetzt doch nur 15.

Ich bin baff und froh, dass ich hier stehen geblieben bin. In einem Paralleluniversum stünde ich jetzt ahnungslos an einer Kasse, während die gelangweilte Aushilfe zum dritten Mal den Strichcode meiner Flipstüte scannt.

Dieser außergewöhnliche Zug wird in Dammtor in Rekordgeschwindigkeit abgefertigt, als ein junger Mann – underdressed für HH, overdressed für Berlin – doch noch noch mitwill und dafür auf den grünen Knopf am Zug drückt. Dann hämmert er. Zunächst noch auf den Knopf, dann auf den Zug, dann an das Fenster, hinter dem ich sitze. Der ICE setzt sich in Bewegung. Ich versuche ein mitfühlendes Gesicht aufzusetzen.

Dann fängt er an zu brüllen, und schleudert sein Mittagsmahl vom Schnellrestaurant auf den Bahnsteig. Vor Wut – und mit der Erkenntnis, dass man sich bei der Bahn noch nicht mal auf die Verspätungen verlassen kann.

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102

Es ist Advent. Wir feiern den Anfang vom Ende.

Holen grünes Gestrüpp in die Stuben und zünden es oben an. Kerzenschein drinnen und künstliches Flimmern draußen an den Hauswänden, Made in China.

Es sind noch über hundert Tage bis Frühlingsanfang. 102, um genau zu sein.


Ich hasse den Winter in Hamburg. Und von Jahr zu Jahr wird es schlimmer. Was sind eure Strategien gegen den Blues? Florida kann ja nu nicht die Lösung sein. Oder?

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Rehe

Wedeler Au

Ich gehe öfter an der Wedeler Au entlang. Ein kleines Biotop am Rande der kleinen Stadt, die im Westen sich an Hamburg ran duckt.

Ich habe da schon Auerhähne gesehen, Reiher und viele Gänse, auf dem Weg nach Süden – ach der Süden…

Im früh hereinfallenden Dunkel huschen Schemen und Schatten über die Weide. Selten kommen sie näher. Gestern – gegen Mitternacht – stehen zwei Rehe mir im Weg; und schauen fragend „Was macht der denn hier?“, bevor ihr Fluchtinstinkt greift.

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Was ich mal werden wollte

Meine Oma ist mit mir immer Hafenfähre fahren gegangen, als ich ein Kind war. Sie hat sich entspannt und ich habe den Schiffen beim ein- und auslaufen zugesehen.

In Finkenwerder gab es dann beim Kiosk einen Snack und Esspapier. Von Teufelsbrück zurück im Bus fragte sie mich mal, was ich denn mal werden wolle? Was Omas eben so fragen.

Ich sagte kinderehrlich: „Busfahrer. Und Schriftsteller.“

Keine Ahnung, ob ich wusste was das ist. Wohl als ich später den Film mit Celentano sah.

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Sonntag aufm Elbdeich

Am Sonntag haben wir das Gleiche getan, wie einst ein berühmter Sohn Wedels: wir gingen spazieren. Entlang der Wedeler Au in Richtung Fährmannssand an der Elbe.

Bummelig einhundert Jahre später schlendern wir an denselben Linden vorbei und lauschen ihrem Rascheln im Westwind.

Ob der Maler von einst auch dort Rast machte?, denke ich als unsere Bestellung kommt: „Sind Sie der Bauer und die Hausfrau?“, fragt die Kellnerin. Wir nicken und stärken uns während Schafsgeruch vom Deich herüberweht.

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Was sich nie ändert

„Alle verrückt geworden“, sagt M. und redet weiter. Gefühlte zehn Minuten. Über die AfD, den Osten an sich. Über Olaf Scholz und dass die Leute mal in HH hätten nachfragen sollen. Und so weiter.

Der erste Herbststurm zieht über mich hinweg; seine nassen Nadeln zerschellen am Fenster. Ich habe keine Lust zu antworten.

„Weißt Du“, sage dann doch, „ich war vorige Woche bei meiner Tochter; wir haben gemeinsam gekocht. Als ich die Besteckschublade öffne, sehe ich lauter Gummibänder, die sie da sammelt.“

„Manche Dinge ändern sich nie“, sagt M. – Er klingt jetzt ganz ruhig.

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St. Pauli wie es sein soll

Jedes Jahr im September ist St. Pauli – vor allem die viel geschundene, von Jungesell:innen gepeinigte Reeperbahn – so, wie es sein soll.

Es ist Zeit für das Reeperbahn Festival. Musik, Kunst und Performance – und vor allem die musizierenden, performenden Menschen prägen den Spätsommer auf dem Kiez. Ein überwältigendes Angebot, das ich euch unbedingt empfehlen will. Holt euch ein Tagesticket (Donnerstag!) und lasst euch treiben; aufladen mit Energie der letzten Sommerstunden vor nem langen Winter.

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Owen

Ich hatte in der Schule einen allerbesten Freund. Der war auch Außenseiter. O. hatte tiefschwarze Haare, die ihm seine Mutter als Topf schnitt. Er kam aus Kanada, ich aus Blankenese — für die Mitschüler war beides weit weg.

O. mochte die Schule nicht und blieb ihr fern. Und da ich O. lieber mochte als Erdkunde beim Altnazi, schloss ich mich ihm an. Wir stromerten stundenlang durch Parks, spielten Frisbee und hörten Musik.

Es war sein 2. Verweis, mein erster. O. hab ich nie wieder gesehen.

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Powerhitter

Ich habe Anfang der 90er Jahre Baseball gespielt, ein vor allem im Norden selten ausgeübter Sport. Der FC St. Pauli spielte damals 1. Bundesliga Fußball (auch selten).

Damals gab es noch Halbzeitprogramme, meist vom örtlichen Turnverein oder Autohaus. Einmal, gegen Köln, waren wir dran.

Jeder wollte einen Homerun schlagen vor den halb gefüllten Rängen — niemand schaffte einen. Immerhin, einen Ball traf ich so, dass er hinter mir übers Stadiondach flog.

Das Publikum johlte.


Warum ich heute daran denke? Mein Team, die Knights, feiern am Wochenende 40jähriges Bestehen. Da denke ich ein wenig nostalgisch an meine Karriere als ‚Powerhitter‘ zurück ;))

Vielleicht erzähle ich euch später mal von meinem persönlichen Al Bundy Moment…

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Schnittmuster

Ein windiger Juni schickt kurze, schnelle Wolkenbänder über die Ostsee als wir auslaufen. Wir müssen uns beeilen, in zwei Tagen sollen wir in Hamburg sein.

Wie in Burdas Magazinen schneiden wir Schnittmuster in den Großen Belt. Nach 10 Stunden Kreuz hängen uns die Arme und die Prinzenrolle ist alle.

Immerhin, von den meisten Huschen, in denen der garstige Wind wartet, werden wir gemieden.

Zwei Tage bis HH. „Dann wird alles anders“, verspricht Paul mir leise in den Wind.

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Hochkamp

Hier gibt es keine Zäune zu sehen. Die stecken nämlich in mächtigen Hecken. Drei Meter hoch aus Rhododendron oder so.

Man kann von der Straße, auf der keiner parken muss, die oberen Stockwerke sehen. Weiß, herrschaftlich, einige mit einem Türmchen.

Die Nachbarn sieht man höchstens mal vor Gericht, dafür öfter den ägyptischen Botschafter und Bekannte vom HSV.

Das Leben ist harmonisch, so wie die Windhunde, die farblich gut zum Sofa und dem Porsche passen.

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Spezi im Späti

Moin.
Moin.

Stefan ist jetzt Sportdirektor.
Jo.
Ob sich was ändert?
Jo.
Was meinst du was?
Alles.

Kostet, oder?
Jo.
Und wer bezahlt das?
Wir.
Aber wir sind doch St. Paulianer?
Jo.
Und Kühne?
Der zahlt nie.

Bleibt Baumgart?
Nö.
Wieso?
Kaufst Du Spezi im Späti?
Nö.
Siehste.

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Farvel Lartschi

CW: Tod

Ich trauere um einen alten Freund, der in der HHer Werberszene beruflich eine Heimat hatte, meinen Freund Lartschi, bürgerlich Lars Trzebiatowsky.

Ich lese die Nachrufe seiner Kollegen und denke leise – zum Glück kannte ich auch andere Momente; die albernen, die leicht angetüdelten, die erst auf den 2. Blick tiefgründigen Gespräche, die in kumpelhaftem Gerangel endeten, auch die frustrierten – auch eben dieser Branche geschuldet und dem „Geiler-Macker-Sein-Müssen“ um das es dort oft geht.

Lartschi war mein Jahrgang und mir schwant der Horror, den seine Kinder und Liebsten gerade erleben. Ich werde versuchen, sein Andenken hoch zu halten, so ambivalent ernst und lustig, so vertrauensvoll offen und verschlossen wie er gleichzeitig war.

ps ich habe gewartet, bis die Meldung offiziell wurde; die Beerdigung und Trauerfeier hat bereits stattgefunden

pps Auch die 500Zeichen sind persönlich und Trauer und Tod gehören dazu, deswegen habe ich mich dazu entschieden, diesen Post auch hier zu posten …

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Hemingway meets St. Pauli

Was macht ein AI-Modell mit der Anweisung, einen jungen Amerikaner statt nach Paris nach Hamburg St. Pauli verschlagen zu lassen?

Tl;dr: AI kann keinen Hemingway schreiben; einzelne Passagen, leicht reduziert, sind aber brauchbare Vorlagen.


Hemingway besucht St. Pauli:

„Die Überreste der durchzechten Nacht klebten wie Schatten an ihm, die Erinnerungen an die Reeperbahn, die in seinen müden Augen flackerten, waren, ein frisches Gemälde vergangener Ausschweifungen, noch feucht.

Das Millerntor erhebt sich vor ihm: ein Tempel des Fußballs, dessen Tore Geschichten von Siegen und Niederlagen flüstern.

Der Rhythmus der Fangesänge dröhnt in seinen Ohren wie der Herzschlag dieser aufgewühlten Stadt.“

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Altonaer Zuckerfest

„Eid Mubarak“ heißt der Gruss, den sich praktizierende Muslime am Neumond nach dem Fasten zurufen. In der Heimat meiner Kinder ein Fest, das sich in die lokale Kultur eingewoben hat.

Ich denke immer wieder gerne an das gemeinsame Feiern des „Zuckerfestes“ in der Altonaer Grundschule meiner Kinder. Ein kleiner Moment, der die protestantisch geprägte Mehrheitsgesellschaft ein wenig beiseite schiebt und den Blick frei gibt auf unsere Nachbarn im Viertel.

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Mondaufgang

Vom goldenen Schein seiner großen Gefährtin beschienen, quält sich der Mond heute aus dem Bett der Nacht.

Selten haben die ungleichen Liebenden viel Zeit zusammen. Es ist eine Stunde vor Sonnenaufgang, als sie sich trennen. Er muss heute eher hoch, rein in den klammen Rest der Nacht; darf auf keinen Fall mit ihr zusammen gesehen werden.

Als er den schützenden Rand des Horizont verlässt, blickt er auf das erwachende Harburg — und wünscht sich sofort, er wäre liegen geblieben.

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Ölmann und die Poesie

„Ölmann ist ehemals – das erfuhr ich – ein ganz konservativer Kunstmann gewesen. Nach Goethe hatten noch ein paar halbwegs begabte Reimschmiede gelebt, und seit 1870 ungefähr war es mit der Dichtkunst aus, ganz aus, überhaupt aus. Es würden auch keine Dichter wiederkommen. Einen Goethe oder Shakespeare hatte die Natur nun schon gar nicht mehr zur Verfügung. Sein Professor hatte das gesagt, und der war Geheimrat.

Aber Ölmann ist eine Barometerseele und Windriecher. Er spürt das Wetter einen Tag voraus.“

Heute mal 500 Zeichen von Otto Ernst. Aus „Vom Strande des Lebens“; via Gutenberg Projekt.

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Ottos Villa

Kennt ihr die Szene im Weihnachtsklassiker „Ist das Leben nicht schön“, wo Protagonist George Bailey beim örtlichen Købmand immer das Feuerzeug-Orakel nach einer Million Dollar befragt?

Mir geht das in letzter Zeit so, wenn ich an der alten Villa von Otto Ernst in Othmarschen vorbeigehe. „Wenn ich mal Millionär bin, kaufe ich dieses Haus“; und irgendwo antwortet etwas: „geht in Ordnung“.

Otto Ernst war übrigens ein populärer Autor seiner Zeit. Lese ihn gleich mal…

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Frühling in Sagres

Leise startet der Frühling,
kommt aus Sagres angeflogen.

Mit 40 Kilometern am Tag.

Allein gegen die Zeit.
Entflieht Zeitzonen in Australien.
Vorwärts nach Europa, nach Portugal.
Von dort aus nach Altona.

Gefühle, Gedanken, Gedichte, Poesie,
Blätterteig und Außengastronomie.

Langen, warmen Sonnenschein mag jedes Kind.
Erinnert er uns doch daran, dass wir noch lebendig sind.

Ich genieße den Vorfrühling in Hamburg mit heute elf Grad. Ohne Pollenflug – ist auch mal ganz schön.

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Auf die Straße

Meine Mutter hat vor zehn Jahren schon gesagt, dass ihre ganze Hoffnung auf der Generation ihrer Enkelinnen liegt.

Nur müssten die auf die Straße statt in Apps vergifteter Schönheit nachzujagen.

Gestern habe ich mit meiner Tochter telefoniert, wir haben uns verabredet zu demonstrieren. So richtig echt auf der Straße, mit ihren Mitschülern.

Hamburg nutzt heute das Iphone nur zur Dokumentation: Hamburg steht auf!

Das hätte meiner Mutter sehr gefallen und ihr Hoffnung gegeben.


Heute sind meine 500 Zeichen ein wenig politischer ausgefallen. Müssen sie auch ab und an, denn dieser Blog entsteht ja nicht im luftleeren Raum.

Mich findet ihr heute auf dem Jungfernstieg, demonstrierenderweise.

… seit dem Aufstehen geht mir ein alter MTV-Jingle im Kopf rum, der sich hartnäckig hält: „Free your mind and the rest will follow“.

In diesem Sinne: wir sehen uns auf der Straße.

& vielen Dank für Dein Interesse.

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Volle Sonne

Minus sechs Grad im #November. Selbst die Wolken scheinen am Himmel festgefroren.

Im Osten quält sich ein helloranger Ball aus dem frostigen Bett der Nacht. Gross und rund. Die Nebel über dem Hafen juckt das wenig, zu wenig Wärme schickt die nun volle Sonne nach unten.

„Papa, wenn es einen #Vollmond gibt, gibts dann auch eine Vollsonne?“ – Ich will gerade antworten, da fällt vor dem Fenster ein Eichhörnchen vom Baum. Wie ein Stein.

„Ja“, sage ich, „volle Sonne, voller Tag“.

#500Zeichen