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(B)Logbuch

Bagenkop oder Palma?

Bagenkop, stürmischer Wind aus Ost. Mal wieder Sturmflutneigung an der westlichen Ostsee. Nachts einstellig, 8 Grad. Tagsüber sonnig, 15 Grad.

Ich sitze an der Südspitze Langelands mit einer Muck Kaffe im Cockpit und denke an den Winter. Das mache ich um diese Zeit des Jahres immer: nochmal losgehen (in Rekordzeit und mit schlappen Armen vom Pinnegehen nach Norden segeln, und über den Winter nachdenken).

Der Hafen ist so gut wie leer. Auch die Ferienwohnungen, die den Hafen umsäumen und aus denen B. immer Blicke in unser Cockpit vermutet (deswegen mag sie Bagenkop nicht), wirken verlassen. Der ganze Ort ist nach einigen Wochen Hektik im Hochsommer wieder in diese Langeland so eigene Lethargie verfallen. Auf Langeland ist man vom pulsierenden Kern Dänemarks am weitesten weg – und das merkt man dieser langen Insel auch an. Langeländerwitze sind das dänische Pendant zu unseren Ostfriesen.

Meine Gedanken schweifen nach Süden, nach Hamburg. Zum Auslöser meiner Wintermelancholien (ja, Mehrzahl, denn es kommen immer mehr dazu).

Vor mehr als zehn Jahren saß ich auf dem Teufelsbrücker Ponton und trank ein Getränk (ich glaube es war Glühwein, denn es war der Neujahrstag und es war kalt unten an der Elbe). Der Abendnebel lag schon über meinem Heimatfluss, die Sonne lugte als weiße kraftlose Scheibe durch den klammen Vorhang als ein Segelboot mit der Tide und gegen den leichten Wind kreuzend aus dem weißen Flimmern auftauchte. An Bord lauter dick eingemummelte aber lächelnde Männer. Nach der Wende verschwanden sie wieder im Dunst, so schnell wie sie gekommen waren – seitdem träume ich davon, mein Ansegeln auch einmal auf den ersten Tag des Jahres zu legen.

Oder gar nicht aufzuhören, auf dem Wasser unterwegs zu sein.

Während des späten Frühjahrs und des Sommers verstummt dieser chronische Wunsch, fängt aber regelmäßig im September an, lauter zu denken, wenn das Winterlager abgemacht und alle Termine eingelockt sind.

(Serviceinfo: der Hafen Strande krant ab November nicht mehr am Wochenende; der Hafenmeister bittet, das zu beachten)

Dann wandern meine Gedanken immer öfter nach Süden, malen sich den langen aber streckenweise wohl wundervoll pittoresken Weg über die Schleusen der Rhone und Saone aus, an deren jahrhundertealten Schleusen und Gasthöfen lokaler Käse und Wein gereicht wird und Zeit keine ernst zu nehmende Rolle zu spielen scheint.

Sechs Wochen wären eine realistische Zeit, sagen Skipper, die den Weg vom Norden über die europäischen Flüsse und Kanäle schon gewählt haben. Außen rum ist ja derzeit auch wegen der Orcas vor Portugal nicht so sicher – von dem 300 Seemeilen Schlag über die Biskaya ganz zu schweigen. Im Herbst wird der Nordatlantik garstig.

Es ist immer dieselbe Dramaturgie. Träume ich gerade von einem Glas Rhonewein am späten Nachmittag, alles Schleusen des eintönigen Tages ist getan, holt mich die Realität ein. Sie hat immer die Stimme von M. M. ist schnell zu begeistern, sieht dann aber alle Gefahren und Waswärewennlichkeiten. Seine Begeisterung schmilzt dann wie Butter in der Sonne.

„Wie willst du denn arbeiten, wenn Du dich den ganzen Tag von Schleuse zu Schleuse hangelst? Oder willst Du Schleuseninfluencer werden?“, M. lacht. Er lacht gerne über seine Provokationen, denn natürlich weiß er, dass ich das zu gerne täte: seglerisches Reisebloggen als Beruf, als Passion, die so viele Leute begeistert, dass sie meine Ebooks kaufen oder mich mit dem Gegenwert eines Galao in der Schanze, das machen lassen, was ich liebe.

Regieanweisung: nun kommt eine der Weggabelungen, an denen der Autor - also ich - entscheiden muss, wie nah er dieses Logbuch an der Realität entlang schippern lassen möchte. Ich liebe meinen Job als Scrum Master. Es bringt mir Spaß und Erfüllung, mit Teams zu arbeiten. Ob das meinem autofiktionalen Ego hier im Logbuch auch so geht? Mal sehen ;)

M. denkt nach. Das weiß ich, weil er immer ein wenig auf seiner Wangeninnenseite kaut, wenn er nachdenkt.

„Was wäre denn, wenn Du dir ein Boot kaufst im Süden? Dann ist es gleich warm und du kannst Boatoffice machen – in derselben Zeitzone auch noch.“

Marina von Can Pastilla, Mallorca
Marina von Can Pastilla, Mallorca

Ja, darüber denke ich auch nach, antworte ich. Ein Winter in Palma ist auch schön.

„Ja, dann mach das doch“. M. sagt, er muss mal kurz weg und ruft mich nachher zurück. Nächste Woche kochen wir was in seinem Büro. Ein One-pan-Gericht, ein herbstliches. Rübenmuß mit Spiegeleiern. Gute Idee, denke ich. Das mache ich mir heute auch. Habe im Superbrugsen Steckrüben entdeckt.

Die mache ich nachher, wenn beim Sonnenuntergang die herbstliche Kälte sprichwörtlich vom Himmel fällt. (Der Käse und der Rotwein müssen warten)

Dann mache ich es mir unter Deck gemütlich und lese anderer Leute Logbücher. Auch, um mich ein wenig zu gruseln, wenn in ihnen Eisberge auftauchen – Liveaboards um 1770 hatten es auch nicht leicht:

Den 24. Februar beschloß Herr Cook endlich, da sie unterm 62° südlicher Breite abermals nichts als Eisfelder antrafen, und die nunmehrige Jahreszeit fernern Entdeckungen in diesen Meeresgegenden allzu ungünstig war, für dieß Mal nicht weiter nach Süden zu gehen; doch steuerte er bis zum siebzehnten März zwischen dem 61 und 58° noch immer ostwärts, während welcher Zeit ein Ostwind, der gemeiniglich Nebel und Regen brachte, sie mehr als einmal in Gefahr setzte, an den hohen Eisinseln zu scheitern.

Diese machten jetzt ihren beinahe einzigen, zwar gefährlichen und schauervollen, aber eben dadurch desto interessantern Zeitvertreib aus. … Einige waren wie Kirchthürme gestaltet; noch andre gaben unsrer Einbildungskraft freies Spiel, daraus zu machen, was sie wollte, und dienten uns, die Langeweile zu vertreiben, weil der tägliche Anblick von Seevögeln, Meerschweinen, Seehunden und Wallfischen den Reiz der Neuheit längst verloren hatte.« – Christoph Martin Wieland. Auszüge aus Jakob Forsters Reise um die Welt.

Wo würdest Du gerne den Winter verbringen, wenn Du Heldin meiner Geschichte wärst? K. sagt, in Griechenland sind die Hafengebühren am moderatesten. Malaga, sagt er, sei am wärmsten. … Lass Deine Fantasie fliegen und schreibe mir per Reply. (Oder lass mich die Fantasiearbeit machen und gib mir n Manöverbier aus, via Ko-Fi oder Steady …)

Sail ho‘, Erik

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Weiße Wolken, schwarze Bora

Sønderborg, 18 Grad (zehn weniger als gestern), Wind aus West – SW, in Böen 8-9 Beaufort. Schauerwetter.

Aus den weißen Wolken kommen die Gewitter, hat Waldemar immer gesagt. Und der war Seemann. Hat sie alle befahren, die Levante, die Nordadria (seiner Meinung nach die schlimmste See, weil alle sie unterschätzen). Bis nach Singapur und den Philippinen hat es ihn als Maschinist vertrieben.

Seitdem weiß ich nicht nur, was „die Levante“ ist, sondern achte beim Segeln auch immer besonders auf die weißen Wolken. (Die schwarze Bora hab ich schon erlebt; die ist eine Ausnahme, so schwarz wie Kohle).

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(B)Logbuch

Ein Boot, das nicht leckt, ist mir suspekt

Hafen Strande, 14 Grad, Reste vom Sturm „Zack“, in Böen 7 bis 8, aus Südwest.

Ich schlafe bei Sturm schlecht. Nicht nur, daß irgendwo immer was klappert oder ruckelt (ich bin inzwischen echt gut darin, Fallen, Bändsel, Leinen und alles andere so zu sichern, dass sie auch bei zehn Beaufort Ruhe geben — aber so ganz schafft man das nie), als Skipper lauscht man zwischen den bekannten Geräuschen immer nach der Ausnahme. Ein Zerren und Rucken zuviel könnte die 50 Jahre alten Klampen schräg über mir rausreissen, sicher, die haben schon ganz anderes überstanden und sind wirklich tight gesichert unter Deck, aber irgendwann ist eben jeder Krug einmal zu oft zum Brunnen gegangen.

Nachts sind Geräusche auch überstark. Im Dunklen sowieso (irgendwie schräg der Satz, aber das ist hier mein Logbuch, da bleibt das einfach mal stehen). Also, in der dusteren Nacht, da vermischen sich irgendwann der Halbschlaf mit dem ersten Traum, wenn ich Seehunde unterm Schiff vermute, die Seepocken abknabbern.

Morgens krabbel ich vermatscht aus der Koje. Es regnet und pustet immer noch. Aber nu ist es hell. Das ist besser.

B. hat sehr gut geschlafen, wie immer an Bord unserer Schwedin dieses Jahr. B. hat keine nächtlichen Wahnvorstellungen von berstenden Leinen. Das ist son Skipperding, auch das nächtliche rumkraxeln an Deck in Boxershorts, Leinen checken und suchen. Meist suchen. Die Herkunft des regelmäßigen Tik-Tik-Tik, das unter Deck laut ist, hier oben im Sturm sich aber gut verstecken kann.

B.s Koje ist nass geworden. Der Starkregen wurde vom Starkwind in die Nut hinten am Mast gedrückt. Der Mast ist bei der Ohlson durchgesteckt (das muss so sein, haben meine Eltern schon gesagt, wegen der Stabilität), da hat man quasi werftseitig das Boot oben offen.

Ich inspiziere die üblichen Stellen, an denen unsere Schwedin leckt und schlage B.s Bett hoch, sodass die Wärme des Konvektors über Tag ihre Koje trocknet.

Alles halb so wild, sag ich zu B. Sie kennt die Geschichten aus meiner Kindheit, wo auf dem Seefahrtskreuzer aus Mahagoni Sturzbäche durchs trockene Deck flossen. Dagegen ist die Ohlson knochentrocken.

Ein Schiff, dass ganz dicht ist, wäre mir auch suspekt.

B. fährt nach dem 2. Mokka nach Hamburg und lässt mich ein wenig „idle“ zurück, wie Edgar Alan Poe das Nichtstun nennt. Sein Protagonist warnt, Nichtstun ist nur gesund, wenn man eigentlich was zu tun hätte. Dann wollen wir mal sehen.

  • Abbacken des kleinen Frühstück
  • Aufklaren der klammen Kojen, bei längerer Trockenheit draußen im Wind trocknen lassen (auch immer ein va banque Spiel, wenn man die Huschen nicht ständig auf dem Radar verfolgt)
  • Sich mit autofiktionalen Romanen beschäftigen, Logbücher suchen, als Inspiration
  • Bilge trocken machen, ne echte Schietgängarbeit. Aber als Liveaboard dringend nötig. In Ermangelung einer Crew ist Schietarbeit Skippersache

Super, hab im Poeschen Sinne eine Menge zu tun. Es fängt an zu regnen. Ich krümel mich unter Deck ein und starte ein Gespräch mit ChatGPT, während Zack das Schiff leicht nach Backbord krängt. Es bestätigt mir auf meine Frage, ob zehn bis zwölf Logbucheinträge für eine Staffel meines autofiktionalen Blog ausreichen, dass 10‐12 Artikel ideal wären. Da könnte man sogar Bögen spannen.

Ich bekomme eine Liste an Inspirationen von der KI. Darunter auch Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und Struktur“, das ich vor 15 Jahren als Blog gelesen habe. Irgendwo…

Ich lege Handy und Pad auf die Navi, wo auf der völlig veralteten Seekarte aus Papier schon zwei Sonnencremes, eine Sonnenbrille und der Motorschlüssel liegen (Stillleben eines nu vergangenen Sommers). Beginne zu suchen und finde in der übersichtlichen Bordbibliothek sein bei rororo erschienenes Taschenbuch. Mehr Autofiction geht nicht.

„Hier lebe ich jetzt also“, lässt Herrndorf seinen Prota, also sich selbst sagen. Vor 15 Jahren, im März 2010. Finde den Satz toll. Würde den meinen Prota glatt auch sagen lassen — und nun, wo ich den Satz kenne, könnte ich…

Die Aufgabe mit der Bilge verleidet mir das Nichtstun ein wenig. Vielleicht, so sehr ich Edgar Alan Poe auch verehre, liegt er hier ja falsch. Tick-tick-tick, etwas klappert ganz leicht am Aluminium des Mastes; nervtötend. Zum Glück muss ich nicht schlafen.

Es hat aufgehört zu regnen, ich lege Wolfgangs Sterbetagebuch zur Seite und klettere an Land. Der Sturm mit dem lustigen Namen hat die Kieler Förde leer gepustet. 80 cm ist der Wasserstand gefallen. Der Blick auf die Kaimauer, verursacht bei mir Finkenwerderfeelings. Die Ostsee kennt ja keine große Tide, da ist das runtersinken unter die Kaimauer eine Anomalie.

Auf dem Weg zum kleinen Kaufmannsladen kommt mir Bernd der Fischer ins Fahrwasser, er hat einen Eimer voller Schollen in der Hand, heute aber keine Lust auf Fisch. In der Kneipe am Ende der Mole gibt’s heute Möhrenmus als Mittagstisch, den könnte er empfehlen.

Das fällt mir auch jetzt erst auf, dass es sowas wie Mittagstisch hier gibt. Außer an Wochenenden. Deswegen wusste ich davon auch nix. Überlege, das selbst zu kochen. So One-Pan-Gerichte als Rezept von Bord wären ne schöne Rubrik in meinem Letter. Macht Nils Minkmar auch, nur sind mir seine Rezepte immer ein wenig zu abgehoben — und an Bord einfach zu komplex.

Jetzt, wo Eier offiziell wieder Longevity fördern, statt einen direkt ins Grab, könnte ich zwei Spiegeleier drüber legen über das Möhrenmus. Mit ganz vielen braunschwarz gebratenen Zwiebeln, der Rebellion wegen.

Strander Rübenmus mit Spiegeleiern

  • 2 Steckrüben
  • 2 Kartoffeln
  • 2 Karotten (3, wenns kleine sind)
  • Wenn Schröder sie hat: 2 Pastinaken
  • Frühlingszwiebeln, Chili, Knoblauch, n guten Schuss Olivenöl
  • Butter, und n Schmatzer Meerrettichfrischkäse (war im Angebot)
  • Zwiebeln und Spiegelei extra, wenn das Muß ruht.

(Muss mir n Stampfer ausleihen, sonst wird das nix).

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Downhill mit 60 Sachen

Mit den Jahren sieht man klarer, kann Wesentliches von Quatschkram unterscheiden. Es ist wie als lichte sich das Dickicht, gibt einen weiten Blick frei.

Jetzt nochmal Schwung holen, einatmen und mit Spaß downhill rollen. Garstige Wurzeln umkurvend, stolz den Kopf heben, viel lachen, tanzen, lieben — wer weiß, am Ende wachsen uns noch Flügel. 

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(B)Logbuch

Dorschnetze zu verschenken

Es sind die letzten warmen Tage an der Ostsee. Die meisten Touristen sind zurück im Rheinland, die Segler aus Hamburg und Bremen bringen ihre Yachten durch den Kanal auf die Elbe oder weiter in die Weser (der Schlenker über die Nordsee kann dabei schon recht herbstlich fies werden). Dabei nutzen sie den kleinen Hafen an der Kieler Außenförde als letzte pittoreske Station vor der langweiligen zehnstündigen Motorfahrt durch den Nord-Ostsee-Kanal (der auf Englisch irgendwie besser klingt. Dort heißt er Kiel Canal und außerdem ist er eine der meistbefahrenen Schifffahrtsstraßen der Welt, was der ganzen Gegend einen höheren Stellenwert verleihen müsste — hej, Jules Verne schrieb schon über ihn — da wir aus Tradition aber bayrische Verkehrsminister haben, die lieber Autobahnen in ihren Wahlkreisen bauen statt neue Schleusen in Brunsbüttel, fristet das Weltwunder ein provinzielles Dasein — wie Kiel im Allgemeinen, aber das ist einen eigenen Eintrag wert)

Ich schlurfe noch etwas müde zum Hafenmeisterhäuschen, als Bernd mir zuwinkt. Bernd ist einer von den verbliebenen Fischern, die lustigerweise fast alle Bernd heißen (oder auf Bernd hören).

Moin Pauli, (darauf höre ich in dem Hafen), ruft er rüber und setzt seine Unterhaltung mit einem der letzten Schalkefans fort, der ihm ins Netz ging.

Als ich meine Morgentoillette beendet habe, ist der Tourist weg. Bernd lehnt an seinem Steg zwischen Fahnen, Netzen und Eimern. Scholle, Butt und Klische stehen auf einem Schild vor seinem Kutter. Das Wort „Dorsch“ ist durchgestrichen und das ist schon lange so.

Die Müllabfuhr holt gerade den Hafenmüll ab. Und wie immer, wenn die Müllleute kommen wird es fröhlich und laut. Moin Bernd. Moin. Moin.

Ich mach hier auch Klarschiff, sagt Bernd, als wir wieder allein sind. Verschenke die Dorschnetze. Bis wir wieder Dorsch fangen dürfen, bin ich 90 und dann hab ich keine Lust mehr, rauszufahren.

Was passiert mit denen?, frage ich.

Die kriegen Künstler aus Hamburg. Und an Sea Shepherd melden wir, dass wir dutzendweise Geisternetze entsorgt haben. Er lacht und hustet gleichzeitig.

Na ja, ich geh jetzt erstmal n Bier trinken. Es ist Zeit fürs 2. Fischerfrühstück.

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Neun-elf

Erstaunlich, wie weit weg dieser Tag inzwischen ist. Gar nicht so sehr, was das Geschehene angeht, sondern die Rückschau auf die Gefühle, die ich den USA damals gegenüber hatte. Die Dimension der Solidarität war so gewaltig.

Das erste Mal diese Unsicherheit: sehe ich da einen Actionfilm oder die Realität? Ein Gefühl, dass sich in letzter Zeit heimisch fühlt in unserer Welt. Gegen Putin, Trump, Corona,, Nazis und Klimawandel kommt einem 9/11 ja beinahe wie eine Kleinigkeit vor.

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Übers Bloggen

„Der ist verrückt, der hasst seine Möbel Bücher“

„Du bist doch bekloppt, Deine Ebooks zu verschenken“, sagt M. am Telefon.

Sie mag meine Bücher. Und sie kennt mich gut.

Mein erster Chef sagte immer, sagt M., „Was nix kostet, ist nix wert“.

Ja, ja, sage ich, das mag ja sein, er sagte aber auch, dass Prince Michael Jackson nicht das Wasser reichen könne — welch ein Narr!

M. liebt Zitate. Ich liebe M. Also gebe ich ihr eins: „Bücher sind dafür da, gelesen zu werden“. Meine auch. Deswegen verschenke ich Sie, damit sie gelesen werden. Und wer sie gut findet, der gibt was – daher das Plus….

Ich habe nur eine Bitte: lies sie auch, meine Ebooks 😉

PS Und was soll der Titel?, fragt M. bevor wir gehen. Kennst du noch die Radiowerbung aus den 80ern?

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Mein Fleisch trinkt gerne Weißwein

Min mad drikker lige så meget hvidvin som mig for at være fordøjelig“ — „Mein Essen trinkt genausoviel Weißwein wie ich, um bekömmlich zu sein“; das sagte mir mal ein mürrischer Koch mit vergilbter Schürze in der kleinen Pubküche in Marstal.

Bier-Rezepte hätte er auch. Darauf habe sein Essen im Sommer aber keine Lust. Bierdurst hätte die Küche so ab Oktober, da solle ich wiederkommen.

Ich hab mir das WE um den 3. Oktober freigegeben. Kurs Marstal: Bierdurst essen.

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Neu, nu mit Rauschen

Ich weiß noch genau, wann es anfing. Beim Zähneputzen am Sonntagmorgen. So gegen neun. Nein, genauer kurz nach 9:15 Uhr stürzte mein Gehör, so nennt man das. Eigentlich stürzt aber gar nix, es legt sich nur ein Rauschen auf die Welt, das man von hartnäckiger Feuchtigkeit im Sommer kennt. Das knackt dann ein paar Stunden und ist so plötzlich wieder weg, wie es gekommen ist. Dieses Rauschen nicht. Das blieb.

Am Dienstag darauf wurde ich durchgemessen, das Trommelfell, der Hörknochen. Ein wenig hilflos schob mir die HNO-Ärtztin ein Kortisonrezept über den Tresen. Das ist das Einzige, was hilft, vielleicht. Ruhen Sie sich aus, das wird von allein besser — meistens.

Nun ist Verlust ja so eine Sache. So selbstverständlich, wie es im Sommer warm ist, wird es im September kühler. Man weiß das, und ist doch überrascht. Jedes Mal. Wenn einem allerdings etwas genommen — oder in diesem Fall etwas auferlegt wird, was immer so war wie es war, oder jetzt eben anders ist, als es immer war, das kann einen schon beschäftigen.

Ok. Nu also alles mit Rauschen. (Und im Ohr puhlen und mit dem Kiefer knacken tut man trotzdem, wie nach einem Strandtag mit Wasser im Ohr — so weit weg sind wir von Instinktwesen nicht, wie wir uns einreden)

Ist dir schonmal aufgefallen, wie oft du sprichst? Telefonierst, dich unterhälst? Meist über Belangloses. Es fällt dir nicht schwerer als ein Ei aufzuklopfen (was derzeit das Pendant zu einem fiesen Terroranschlag wäre).

Immerhin, du hast noch deine beiden Augen, so hatte R. mein Hausarzt damals versucht, mich aufzumuntern nach einem schweren Bandscheibenvorfall. Wo war der beissende aber anteilnehmende Sarkasmus meines Arztes geblieben? In der Vergangenheit, in der alles immer so war, wie es eben war.

Stattdessen freundliches Schulterzucken. Kommen Sie nächste Woche wieder. Aber pünktlich bitte.

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Weiches Licht, weichende Kraft

Der Hochsommer weicht langsam, aber spürbar. Solange die Nächte noch zweistellig sind, darf man nicht jammern, sagt eine alte Seglerinnenweisheit. Das Einstellige kommt noch früh genug.

Aber die Selbstverständlichkeit ist gegangen. Die Selbstverständlichkeit mit der ich in Birkenstock und kurze Hosen geschlüpft bin die letzten Wochen. Ich habe letzte Woche sogar kurz eine Übergangsjacke angezogen. Mich dann aber gewehrt und sie wieder auf den Haken gehängt, an dem sich Schuster eine Seilbahn gebaut haben über das vor Kraft strotzende Sommerhalbjahr.

Ich weigere mich trotzdem, Anfang September schon von Herbst zu sprechen, wie so viele von euch. Hej, die Meteorologen sind faul, das hat nix mit Herbst zu tun, was sie so nennen — genausowenig wie beim Frühlingsanfang (leider).

Herbst, das ist für mich Nieselregen aus West, Schnöf und klamme sieben Grad.

Ich hab noch nie verstanden, wie man sich Anfang September schon Schals anziehen kann. Und Mützen in Laubfarben.

Der Hafenmeister ist gedanklich schon seit Ende Juni im November, dann ist für ihn die Saison vorbei. Ein Ziel, das er mit keinem anderen teilt.

Wir anderen ignorieren das Ende der warmen Saison und messen nun in Restwochenenden, in denen es nochmal „schön“ werden könnte, also noch einmal so, wie es bis jetzt selbstverständlich war — selbst im nordischen Sommer.

Dabei ist der stetige Verlust der Kraft nicht zu ignorieren. Eben noch bullenstark, merken wir, wie sich kühle Feuchte schon spätnachmittags über das Deck legt.

Ich habe heute morgen das Hexagramm 17 geworfen.

Es will mir sagen, dass ich meine Kämpfe wählen soll, haushalten, meinen Pfad wählen. Dem Fluss der Dinge folgen — oder vielleicht Dieter? — ohne Widerstand. Denn die Zeit des robusten Gegenhaltens gegen alles scheint vorbei zu gehen.

In meinem Ohr kreischt jemand.

(隨, Suí)

## Grundlegende Symbolik

Suí steht für das Prinzip des Folgens – sei es einem Pfad, einem Mentor oder dem natürlichen Fluss des Lebens. Es zeigt die Kraft, die in der Anpassungsfähigkeit liegt.

Heitere Gelassenheit nennt Dieter das. Ich bin dann mal kurz weg: üben.