Kategorien
Podcast

Kaffeonkel

Kaffee trinke ich länger als Bier. Und habe nie länger als einen Tag auf ihn verzichtet.

Früher, als wir uns die Nächte in Medienlaboren und im frühen Internet um die Ohren geschlagen haben, literweise aus großen silbernen Kannen. Heute kleiner und schwarzer als Espresso.

Drei Espressi sind es im Schnitt. Mal schwarz, mal als Schweizer Melange mit ein Spritzerchen Kakao. Etwas, was es früher bei Lufthansa an jedem Gate kostenlos zur Frankfurter Zeitung gab.

Eine stille Sucht, die ich mit allen teile, die ich kenne.

Chapters

0:05 Einführung in die Kaffeewelt

3:10 Kaffee und Krimis

9:32 Die Reise zum Kaffee-Nerd

12:28 Kaffee und schlechte Laune

14:05 Nu mach ich mir n 2.

Ein Bekenntnis zum Druck

Ich bin ein Kaffeeonkel. Das ist kein Titel, das ist eine Diagnose. Es ist die Wahrheit, die mir jeden Morgen erstellt wird, bevor die erste Tasse meine Synapsen flutet. In dieser Episode habe ich versucht, das in Worte zu fassen – 500 Zeichen Mastodon-Lyrik verlängert zu einem Audio-Manifest über die einzige Substanz, die ich mir jeden verdammten Tag zuführe – als Longo quasi. Bier? Kann ich lassen. Aber Kaffee ist das Benzin, das diesen Motor am Laufen hält.

Zornig dunkel und literweise

Erinnert ihr euch an die Zeit, als wir noch unsterblich waren? In den Medienlaboren der Neunziger, im “frühen Internet”. Da tranken wir keine “Notes of Apple and Rose”. Wir tranken Schlamm. Er kam aus riesigen silbernen Kannen, er war zornig dunkel und schmeckte im Abgang ein bisschen angebrannt. Wir haben ihn uns literweise in die Hälse gekippt, heiß und gnadenlos, wie das Leben selbst. Wir waren in unseren Zwanzigern, unsere Mägen waren aus Eisen, und wir brauchten diesen Treibstoff, um den Mantel der Müdigkeit zu zerreißen.

Heute ist alles kleiner, schwärzer, konzentrierter. Drei Espressi. Das ist mein Maß. Keine Milch. Um Himmels willen, keine Milch. Ich habe dieses ganze “Latte Fantastic”-Gedöns nie verstanden. Ein Dreiviertelliter weiße Babynahrung mit einem lütten Schuss Koffein? Das ist kein Getränk, das ist ekelhaft. Ich will den reinen Stoff.

Die italienische Verschwörung

In der Episode erzähle ich von meiner ersten Espressomaschine (die noch heute unseren Morgen startet). Ich stand bei diesen zwei wunderbaren Italienern in der Juliusstraße, umgeben von Chrom-Monstern, die so viel kosten wie eine Niere. Und ich fragte: “Was kauft man, wenn man pleite ist, aber das Leben italienisch starten will?” Und sie flüsterten mir zu, als würden sie mir Staatsgeheimnisse verraten: “Kauf ‘ne DeLonghi. Aber sag es nicht unseren Eltern”. Und genau das habe ich getan. Eine Maschine, die Wasser heiß macht und es mit Druck durch Pulver jagt. Mehr braucht der Mensch nicht. Kochendes Wasser, Druck, Erlösung. Die Alltagsvariante von Glaube, Liebe, Hoffnung.

Kommissare auf Entzug

Es gibt einen Grund, warum skandinavische Kommissare Kaffee trinken und deutsche Tatort-Ermittler Bier. Der Deutsche will betäuben, der Schwede will wach bleiben, um klar in den Abgrund zu schauen. Wenn ein Autor nicht weiterweiß, lässt er seinen Kommissar Kaffee kochen. Es ist das universellste Ritual des Universums. Nimm einem Menschen das Essen weg – er wird hungrig. Nimm ihm den Kaffee – und du hast eine Revolution. Nichts macht Menschen so aggressiv wie der Entzug ihrer Droge.

Hört euch die Episode an. Es ist ein Experiment. Ein Text, eine Stimme, eine Sucht. Und dann kommt rüber zu stpauli.social. Da gibt es auch für euch 500 Zeichen Platz, für eure kleinen Neurosen.

Aber erst mal: Kaffee. Schwarz. Jetzt.

Get full access to Eriks Logbuch at logbuch.substack.com/subscribe

Kategorien
(B)Logbuch

Warten auf den Lottogewinn

Auf dem Jahreskontoauszug meines Tagesgeldkontos sind genau 13 Postionen. Zwölf mal wurden mir 0,95 Euro Porto für das Zusenden der Kontoauszüge abgezogen, die letzte Buchung betrifft meinen Zinsertrag: 0,09 Euro.

Das hat eine gewisse Unwucht finde ich. So wird das nix mit dem Reichtum. Noch nichtmal für ein angenehmes Auskommen wird das je reichen. (Ha, hier könnte ich den Link zum Biersponsoring einfügen 😉

M. erzählt mir, dass er jetzt Daytrading macht. Er ist Privatier oder krank geschrieben, so genau weiss das niemand.

Im Moment handelt er tagsüber Silber und Yen. Manchmal auch nachts. Und wenn wir im Kino sind. Das stört ein bisschen, finde ich. Im Kino sollte man sich auf das erfundene Leben vor einem konzentrieren. Als ich ihn anstupse, grummelt er kurz und flüstert: 1.000 Euro plus. Ich zahl das Bier nach dem Film.

M. ist jemand, der in arthouse Kinos geht, und sich dann darüber beschwert, dass die Leute sitzen bleiben um den Abspann zu sehen. Außerdem ist ihm der Sound zu old school.

M. hat 5.000 Euro im Lotto gewonnen. Ich werde neidisch. Ob ich denn Lotto spielen würde, fragt er. Hmm, denke ich. Müsste ich mal.

Im Lotto gewinnen kann nur, wer auch Lotto spielt, sagt er noch, während er aktuelle Kurse checkt. Silber ist gefallen.

Ich verzichte freundlich auf das Nachfilmbier und gehe nach Hause. Lotto spielen.

Kategorien
500 Zeichen

Erinnerungen an den Hamburger Schneemann

So knackekalt war es lange nicht mehr. In Berlin, so berichten mir Freunde, machen sie sich lustig darüber, dass Hamburg keinen Schnee kann.

Dafür konnte Hamburg Schneemänner. Dutzende säumten die Brücken an der Alster und um die Alster herum. Selbst Massaker Schneemann-hassender Männer (es sind immer Männer) konnten Hamburgs Liebe zu den putzigen Mitbewohnern nicht erschüttern. Sie rollten flugs neue.

Schnee genug gab’s ja.

Seit Montag regnet es und die Schneemänner Hamburg sterben einen leisen Tod.

Irgendwie schade.

Kategorien
(B)Logbuch

Von der Arktis bis nach Palma de Mallorca

In dieser Episode des Logbuch-Laut-Podcasts lade ich euch ein, mit mir in die faszinierende Welt der Logbücher einzutauchen. Ich präsentiere eine Auswahl historischer Logbucheinträge, beginnend mit dem Weltumsegler James Cook, dessen poetische Beschreibungen des Ozeans und seiner Herausforderungen zum Nachdenken anregen. Weiter geht es mit Henri David Thoreaus Gedanken über Kälte und Einsamkeit, die uns unsere Menschlichkeit näherbringen. Zudem teile ich Geschichten von Walfängern und Matrosen, die die brutale Realität des Lebens zur See thematisieren. Persönlich hat der 11. Januar für mich eine besondere Bedeutung, und ich schließe die Episode mit meinen eigenen Reflexionen über den heutigen Lebensstil und unsere Verbindung zur Natur ab.

Get full access to Eriks Logbuch at logbuch.substack.com/subscribe

Kategorien
(B)Logbuch Podcast

Wenn BvSB und Henry Miller dein Logbuch lesen

Es ist der 10. Januar 2026. Oder der 11. Oder irgendein anderer dieser grauen, ununterscheidbaren Tage, die sich wie Kaugummi zwischen Neujahr und dem ersten Tag ziehen, an dem man sich dran gewöhnt hat, um 16 Uhr das Licht anzumachen. Winter. Das Wort allein klingt schon wie eine Drohung, wie ein nicht enden wollendes Meeting in einem Raum ohne Fenster, in dem die Heizung auf “Sauna” steht, aber die Stimmung auf “Beerdigung”.

Ich sitze hier, draußen ist es dunkel – natürlich ist es dunkel, es ist ja Deutschland, und wir haben uns kollektiv darauf geeinigt, dass Helligkeit ein bürgerliches Konstrukt ist, das wir aus Protest ablehnen –, und ich höre Stimmen. Nicht die Stimmen in meinem Kopf, die sind heute seltsam ruhig, wahrscheinlich erfroren, nein, ich höre einen Podcast. „Logbuch Laut“ heißt das Ding. Ein Titel, der so maritim klingt, so nach Gischt und Teer und Männlichkeit, dass ich mir sofort einen Rollkragenpullover anziehen möchte, obwohl ich drinnen sitze und die Fußbodenheizung flüstert.

Der Host, Erik von ring2.de, eine Stimme, die klingt, als hätte sie schon mal Salzwasser gegurgelt, aber danach brav mit Kamillentee nachgespült, nimmt mich mit auf eine Reise. Eine akustische Reise, denn physisch bewege ich mich ja nicht, Gott bewahre. Wir schreiben das Jahr 2026, sagt er. Gut, das wusste ich. Aber er sagt es mit einer Bedeutungsschwere, als ob 2026 das Jahr wäre, in dem wir endlich herausfinden, warum wir alle so unfassbar müde sind.

Es geht um Logbücher. Logbücher! Das ist ja das Instagram der Vergangenheit, nur ohne Filter und ohne die Möglichkeit, Likes für seinen Skorbut zu bekommen. Früher schrieben Menschen auf, dass sie fast gestorben sind. Heute schreiben wir auf, dass der Hafermilch-Flat-White im Soho House heute „irgendwie nicht den Vibe hatte“. Erik, der Host, hat in den Archiven gewühlt. Projekt Gutenberg, Internet Archive, die digitalen Müllhalden unserer kollektiven Geschichte. Und er hat Typen gefunden, die an einem 11. Januar feststeckten. Feststecken. Das ist das Gefühl der Stunde. Wir stecken alle fest. In diesem Januar. In diesem Jahrzehnt. In unseren Körpern, die nach „Longevity“ schreien, aber eigentlich nur Pommes wollen.

Der Mittelfinger des Ozeans (oder: James Cook war auch nur genervt)

Zuerst James Cook. 1770. Cook, der Typ, den wir aus dem Geschichtsunterricht kennen, wo er immer so wirkte, als hätte er den totalen Durchblick. Aber was schreibt er am 11. Januar 1770? Er schreibt über einen Felsen vor Neuseeland. „Sugarloaf“ nannten sie ihn. Zuckerhut. Wie niedlich. Wie harmlos. Aber Erik, der hier seine „künstlerische Freiheit“ nutzt – ein Euphemismus für „ich mache das jetzt mal so, dass man dabei nicht einschläft“ – übersetzt das Ganze in eine Sprache, die ich verstehe.

Es ist kein Zuckerhut. Es ist ein „steinerner Mittelfinger“, den der Ozean ihnen zeigt. Ja! Genau das! Das Meer ist nicht romantisch. Das Meer ist ein Arschloch. Cook sitzt auf seiner „Nussschale“, um ihn herum „endloses, gleichgültiges Blau“. Die Sonne brennt das Hirn weg, der Wind ist „so unbeständig wie billige Liebe“. Ein fantastischer Satz. Billige Liebe ist ja auch nur ein Windstoß, der einen kurz frösteln lässt und dann weiterzieht. Cook hasst es. Er hasst den Felsen, er hasst das Wasser, er hasst wahrscheinlich auch seine Mannschaft, die er im Originaltext vermutlich als „tüchtige Burschen“ bezeichnet, aber wir wissen doch alle, wie es ist, mit denselben fünf Leuten monatelang auf engstem Raum eingesperrt zu sein. Das ist wie Dschungelcamp, nur dass man am Ende wirklich sterben kann und nicht nur seine Würde verliert.

Cook beschreibt die Langeweile. Das ist das Tabu des Abenteuers. Wir denken immer, Abenteurer erleben permanent Action. Indiana Jones, der von einer Kugel zur nächsten rennt. Aber in Wahrheit ist Abenteuern zu 90 Prozent Warten. Warten auf Wind. Warten auf Land. Warten darauf, dass der Zwieback aufhört, wie „Kieselsteine“ in den Zähnen zu knacken. Sie starren Eisberge an, die aussehen wie Kirchtürme, und versuchen, darin einen Sinn zu erkennen, irgendetwas, das sie davon ablenkt, dass sie eigentlich nur biologischer Zufall auf einem Holzbrett mitten im Nichts sind.

Thoreau und die Kälte in den Adern (Der erste Hipster)

Dann Schnitt. 1852. Henry David Thoreau. Der Urvater aller Aussteiger, der erste Mensch, der „Vanlife“ gemacht hat, bevor es Vans und Instagram gab. Er sitzt in Massachusetts und starrt auf einen gefrorenen Fluss. „Das Eis in den Adern“, nennt Erik das. Thoreau, der Typ, der in den Wald ging, um „bewusst zu leben“, was ja auch nur Code ist für: „Ich hasse Menschen und will meine Ruhe.“

„Es ist so kalt, dass die Gedanken im Kopf erfrieren“, lässt der Podcast ihn sagen. Ich fühle das. Mein Kopf ist auch gefroren. Ich sehe die Leute draußen, in ihren schweren Mänteln, wie sie versuchen, die Kälte zu ignorieren. Thoreau sieht das Eis auf dem Fluss wie eine „graue Haut“. Und dann kommt der Satz, der mich fast dazu bringt, meinen Earl Grey (nein, es ist Kaffee, wir müssen nicht lügen) auf den Bildschirm zu spucken: „Warum nehmen wir uns so wichtig? Wir sind nur Parasiten auf diesem gefrorenen Klumpen Erde.“

Danke, Henry. Danke für diesen absoluten Stimmungsaufheller am 10. Januar 2026. Aber er hat ja recht. Wir sind Parasiten mit WLAN. Wir posten unsere „Morning Routine“ und denken, das Universum interessiert sich dafür, ob wir erst meditieren oder erst Journaling machen. Thoreau wollte nur sein wie ein Tier. „Auf dem weiten Eis stehen und die Schnauze halten.“ Ein Lebensziel. Einfach mal die Schnauze halten. Können wir das 2026 wieder einführen? Als Trend? „Schnauze halten“ als das neue „Mindfulness“?

Der Scrum Master auf der Ostsee (Realitätscheck mit Rübenmus)

Aber jetzt kommt der Bruch. Der Moment, wo das Pathos auf die deutsche Realität prallt wie eine Möwe gegen eine Fensterscheibe. Erik, der Host, verlässt die großen Entdecker und kommt zu sich selbst. Und wer ist er? Ein „kleiner Seeleut“, der sich auf der Ostsee wohlfühlt. Und im Brotberuf? Scrum Master.

Ich muss kurz innehalten. Scrum Master. Das ist so ziemlich das genaue Gegenteil von James Cook. James Cook entdeckt Kontinente. Ein Scrum Master fragt: „Was hast du gestern gemacht? Was machst du heute? Gibt es Impediments?“ James Cook hatte Impediments wie „Kein Wind“, „Skorbut“ und „Kannibalen“. Der Scrum Master hat Impediments wie „Jira ist down“ oder „Der Product Owner hat keine Vision“.

Aber genau da wird es interessant. Diese Sehnsucht. Dieser Typ, der eigentlich mit Teams arbeitet – was ihm „Spaß und Erfüllung“ bringt, sagt er, und ich glaube ihm das sogar, obwohl „Erfüllung“ und „Arbeiten mit Teams“ in meiner Welt Oxymora sind –, dieser Typ träumt sich weg. Er träumt sich nach Süden. Nach Palma. Nach Malaga. Irgendwohin, wo man „Boat-Office“ machen kann. Boat-Office! Das Home-Office für Leute, die wollen, dass der Hintergrund im Zoom-Call wackelt, damit alle sehen: Seht her, ich bin frei, aber ich muss trotzdem Excel-Tabellen ausfüllen.

Es ist der 25. September 2025 in seiner Erzählung. Sturm „Zack“. Zack! Endlich mal ein Name, der nach was klingt. Nicht „Elli“, das klingt nach Tante, die Eierlikör trinkt. „Zack“ klingt nach Comic-Schlägerei. Bam! Pow! Zack! Der Sturm fegt über die Kieler Förde, und unser Protagonist sitzt auf seiner „Schwedin“ (seinem Boot, keine Frau, obwohl die Personifizierung von Booten ja auch ein tiefenpsychologisches Minenfeld ist) und macht sich Sorgen um Klampen.

Er beschreibt das „nächtliche Rumkraxeln an Deck in Boxershorts“. Das ist ein Bild, das ich nicht wollte, aber jetzt habe. Männer in Unterwäsche, die im Sturm Leinen checken. Das ist die Realität des Segelns. Nicht der weiße Anzug und der Gin Tonic. Sondern frieren in Unterhosen und Angst haben, dass etwas „klappert“. Das „Tick-Tick-Tick“ am Aluminiummast. Das Geräusch des Wahnsinns.

Und dann kommt die Ernüchterung. Sein Freund „M.“ (jeder hat einen Freund namens M., oder? Das ist so ein literarisches Gesetz) holt ihn auf den Boden zurück. „Willst du Schleusen-Influencer werden?“ fragt M. Und da lachen sie. Aber es ist ein bitteres Lachen. Denn natürlich will er das. Wir wollen alle Influencer werden für irgendwas. Schleusen, Steckrüben, Depressionen. Hauptsache, jemand guckt zu und kauft das E-Book.

„Seglerisches Reisebloggen als Passion“, sagt er. Er will, dass die Leute ihm „den Gegenwert eines Galão in der Schanze“ spenden. Die Schanze. Natürlich. Hamburg. Der Referenzpunkt für alles, was hip und gleichzeitig total vorbei ist. Ein Galão. Milchschaum im Glas. Das Symbol für die Gentrifizierung der eigenen Träume.

Kulinarische Depression: Das One-Pan-Gericht

Aber es wird noch besser. Wir kommen zum Essen. Denn was macht der einsame Segler, wenn er nicht gerade Angst um seine Klampen hat oder mit ChatGPT darüber diskutiert, wie viele Blogartikel eine „Staffel“ ergeben (10 bis 12, sagt die KI, diese Besserwisserin)? Er kocht.

Ein „One-Pan-Gericht“. Auch so ein Begriff. Früher hieß das „Eintopf“ oder „Ich bin zu faul zum Abwaschen“. Jetzt ist es ein Lifestyle. „Herbstliches Rübenmus mit Spiegeleiern“. Steckrüben. Kartoffeln. Karotten. Pastinaken, „wenn Schröder sie hat“. Wer ist Schröder? Der Gemüsehändler seines Vertrauens? Ein weiterer Charakter in diesem Kammerspiel der Einsamkeit?

Er beschreibt das Rezept mit einer Akribie, die rührend ist. „Schmanda Meerrettichfrischkäse, war im Angebot.“ Im Angebot! Da ist sie wieder, die deutsche Realität. Wir träumen von der Südsee, aber wir freuen uns, wenn der Frischkäse 30 Cent billiger ist. Und dann: „Muss mir einen Stampfer ausleihen, sonst wird das nix.“ Der Stampfer als das fehlende Glied zum Glück. Ohne Stampfer kein Mus, ohne Mus kein Trost.

Und dazu: „Ganz viel braun-schwarz gebratene Zwiebeln. Der Rebellion wegen.“ Rebellion! Zwiebeln anbrennen lassen als Akt des Widerstands gegen… ja, gegen was eigentlich? Gegen die Perfektion? Gegen die Nouvelle Cuisine? Gegen das Leben, das einem immer vorschreibt, dass Zwiebeln glasig sein müssen? Ich mag das. Verbrannte Zwiebeln als Punkrock.

Wolfgang Herrndorf und das Sterbetagebuch

Plötzlich, mitten im Rübenmus, taucht Wolfgang Herrndorf auf. „Arbeit und Struktur“. Das Blog, das Herrndorf schrieb, als er wusste, dass er sterben wird. Ein Hirntumor-Logbuch. Erik, unser Host, hat das Buch an Bord. Er nennt es „Sterbetagebuch“. Harter Tobak zwischen Mokka-Kaffee (den er sich als Americano schönlügt, „damit er nach dem Meer schmeckt“) und Seekarten.

„Hier lebe ich jetzt also“, zitiert er Herrndorf. Ein Satz von monumentaler Schlichtheit. Erik wollte diesen Satz vor 15 Jahren seinem eigenen Protagonisten in den Mund legen. Damals, als er noch dachte, er würde der nächste Philippe Djian werden. „Betty Blue“. Viel Bier trinken, schreiben, Sex haben. Der Traum jedes männlichen Teenagers, der mal ein Buch in der Hand hatte. Aber jetzt, wo er den Kontext kennt – den Tumor, den Tod –, zögert er.

Das ist der Moment, wo dieser Podcast mich kriegt. Diese Melancholie. Die Erkenntnis, dass unsere eigenen Biografien oft nur schwache Echos der großen Tragödien sind, die wir in Büchern lesen. Wir sitzen auf unseren Booten (oder in unseren Altbauwohnungen), trinken verdünnten Kaffee und tun so, als wären wir Helden, während wir eigentlich nur warten, dass das Wetter besser wird oder das WLAN zurückkommt.

Die Eleganz des Hafenmeisters (Ein Vorwurf auf zwei Beinen)

Und dann ist da der Hafenmeister. In Bagenkop. Oder Strande. Oder irgendwo dazwischen. Er trägt Cordhosen und ein Hemd. Er sieht aus, als ginge er in einen „verdammten Club“. Er ist elegant. Und diese Eleganz ist „ein Vorwurf an meine zerknitterte Existenz“, sagt Erik.

Gott, ja. Diese Menschen, die morgens um 8 Uhr schon aussehen, als hätten sie ihr Leben im Griff. Die gebügelt sind. Die nicht riechen wie „Schweiß der Mannschaft und Salz des Meeres“, sondern nach Weichspüler und Zuversicht. Wir hassen sie. Und wir wollen sein wie sie. Wir umarmen sie zum Abschied, und sie helfen uns beim Ablegen, werfen die letzte Leine ins Wasser.

„Wohin geht’s denn diesmal?“ ruft Gunther, der andere Deutsche (es gibt immer einen anderen Deutschen, egal wo man ist auf der Welt, es steht schon einer da in einer Jack-Wolfskin-Jacke und fragt, ob man auch die warme Unterbüx dabei hat).

„Alaska“, flüstert Erik zurück.

Alaska.

Natürlich fährt er nicht nach Alaska. Er fährt nach Kiel. Oder Kappeln. Aber für einen Moment, in der Stille des Morgens, bevor der Volvo-Diesel alles übertönt, ist Alaska möglich. Alaska ist ein Geisteszustand. Alaska ist da, wo wir nicht sind.

Hemingway schießt sich den Kopf weg (Bonus-Track)

Als ob das alles nicht schon deprimierend und schön genug wäre, gibt es noch einen „Bonus“. Ein Tagebuch von Ernest Hemingway. Vom 31. Januar 2018 – nein, warte, der Blogartikel ist von 2018, das Tagebuch ist von 1908 oder so. Der neunjährige Hemingway.

„Meine Lieblingssportarten sind Forellenangeln, Wandern, Schießen, Fußball und Boxen.“

Schießen.

Haha.

Erik sagt trocken: „Das mit dem Schießen, das hat er ja auch am Ende seines Lebens ganz gut hinbekommen.“

Böse. Sehr böse. Aber gut.

Hemingway, der sich mit 61 Jahren die Schrotflinte in den Mund steckt. Nachdem er sein Leben lang den harten Mann markiert hat, den Stierkämpfer, den Säufer, den Frauenhelden.

Der neunjährige Junge, der schreibt: „Ich beabsichtige, zu reisen und zu schreiben.“

Und das hat er gemacht. Er hat gereist. Er hat geschrieben. Und am Ende hat es ihm auch nicht geholfen. Das ist die Lehre, oder? Du kannst deine Träume verwirklichen, du kannst der berühmteste Schriftsteller der Welt werden, du kannst alle Forellen dieser Erde angeln – am Ende sitzt du da, mit Depressionen und Alkoholismus, und das Einzige, was dir bleibt, ist das „Schießen“.

Das Fazit: Wir brauchen mehr Kreuzpeilungen

Was machen wir jetzt damit? Mit diesen 32 Minuten „Seemannsgarn“, wie Erik es nennt?

Es ist eine „Kreuzpeilung“, sagt er. Aus Hemingway, Philip (sein Bruder, der Geburtstag hat – Happy Birthday, unbekannterweise, hoffe, du hast keine nautischen Ambitionen), aus Cook, Thoreau und dem eigenen kleinen Leben auf der Ostsee.

Und vielleicht ist es genau das, was wir brauchen. 2026. In einer Welt, die komplett durchgeknallt ist, in der KI uns sagt, wie wir unsere Blogs strukturieren sollen, in der wir „Longevity“ essen und „Mindfulness“ atmen. Wir brauchen diese Logbücher des Scheiterns, des Wartens, des Frierens.

Wir brauchen die Erinnerung daran, dass es da draußen etwas gibt, das größer ist als wir. Den Ozean. Den „steinernen Mittelfinger“. Die Kälte.

Ich sitze hier, mein Kaffee ist kalt geworden (nicht so kalt wie Thoreaus Fluss, aber kalt genug), und ich denke über einen Winter in Palma nach. Oder darüber, mir eine Steckrübe zu kaufen. Wahrscheinlich wird es die Steckrübe. Das ist realistischer. Und ich brauche einen Stampfer. Dringend.

Erik bedankt sich für die Aufmerksamkeit. Er bittet darum, den Podcast weiterzuleiten, „organisch“ zu wachsen, weil er „kein Medienunternehmen“ hinter sich hat. Das ist der moderne Bettelbrief. Der digitale Hut, der herumgereicht wird. „Gib mir ein Manöverbier aus.“ Bei Ko-Fi. Oder abonniere mich bei Substack.

Ich werde ihm kein Bier ausgeben. Ich werde ihm eine Steckrübe schicken. Per Post. An ring2.de. Mit einem Zettel dran: „Der Rebellion wegen.“

Und dann werde ich mein eigenes Logbuch aufschlagen.

10. Januar 2026.

Position: Schreibtisch. Berlin.

Wetter: Drinnen 22 Grad, draußen egal.

Vorkommnisse: Habe einen Podcast gehört. Habe Hunger auf Brei. Fühle mich seltsam getröstet durch die Vorstellung von Männern in Unterhosen, die nachts Leinen checken.

Kurs: Unklar. Aber Hauptsache nicht auf Grund laufen.

Ende des Eintrags.


(Hinweis: Dieser Text ist eine stilistische Imitation, teilweise KI-unterstützt und basiert inhaltlich vollständig auf dem Transkript des Podcasts “Logbuch Laut”.)

Kategorien
(B)Logbuch

Der Geschmack von Salz

Aus Logbüchern kann man viel lernen. Statistisches, wie die Windrichtung, das Wetter und was der Smutje als Essen verkauft an diesem Tag in der Geschichte. Ich vergesse die Jahreszahlen, will den Schweiß der Mannschaft und das Salz des Meeres riechen, von Menschen, Matrosen die vor uns da waren. Ich will wissen, wie sich das Leben anfühlte, bevor wir alles mit Plastik und Algorithmen überzogen haben.

Der 11. Januar ist kein besonderer Tag (wie 03:30 Uhr morgens in einer schlaflosen Nacht keine besondere Stunde ist). Ein Tag, an dem die Welt wieder Schwung nimmt. Zwischen dem Rausch der Silvesternacht und dem Erwachen im langen Rest vom Winter.

Ich bin durch das *Project Gutenberg* und das *Internet Archive* gewandert und habe drei Männer gefunden, die an einem 11. Januar feststeckten.

James Cook: Der steinerne Mittelfinger (1770)

Cook war draußen vor Neuseeland. Er hatte nur diese Nussschale, und um ihn herum nur endloses, gleichgültiges Blau. Er schreibt im Logbuch des 11.1. über einen Felsen, den sie „Sugar Loaf“ nannten.

> „Die Sonne brennt dir das Hirn weg, und der Wind ist so unbeständig wie billige Liebe. Um sieben Uhr abends tauchte dieser Felsen auf – eine einsame, gottverlassene Nadel, die aus dem Wasser ragt. Zuckerbrot? Von wegen. Es ist ein steinerner Mittelfinger, den uns der Ozean zeigt, während wir weiter in die Leere segeln.“

Henry David Thoreau: Das Eis in den Adern (1852)

In Massachusetts saß Thoreau und starrte auf einen gefrorenen Fluss. Er war weißgott kein Heiliger, er war ein Kerl, der die Nase voll hatte von allem: ein Mann, eine Hütte, kein Bullshit.

> „Es ist so kalt, dass die Gedanken im Kopf erfrieren. Ich sehe die Leute in schweren Mänteln, wie sie versuchen, die beißende Kälte zu ignorieren. Das Eis auf dem Fluss ist wie eine graue Haut. Warum nehmen wir uns so wichtig? Wir sind nur Parasiten auf diesem gefrorenen Klumpen Erde. Ich möchte einfach nur sein. Wie ein Tier. Auf dem weiten Eis stehen und die Schnauze halten.“

Der namenlose Matrose: Blau bis zum Sterben (Mitte 19. Jhd.)

Und dann sind da die Logbücher der Walfänger. Männer, die monatelang kein Land sahen, nur Blut, Speck und Einsamkeit.

> „Nichts als Blau. Blau, bis du sterben willst. Seit Wochen kein Wal, nur dieser Zwieback, der in den Zähnen knackt wie Kieselsteine. Wir starren uns an und überlegen, wer zuerst den Verstand verliert. Der Kapitän führt Selbstgespräche mit irgendeinem Gott. Um Mitternacht habe ich über die Reling gepinkelt und die Sterne gezählt. Ein Fleck im Schoß des Universums, auf dem Weg ins Nirgendwo.“

PS Ich habe die Logbücher umgeschrieben, damit die Essenz des Tages für mich deutlicher wird.

PPS Gefallen Dir diese umgeschriebenen Zeitzeugnisse? Dann gib mir bitte Feedback…

Natürlich ist der 11.1. kein Tag wie jeder andere; für mich ist er sogar besonders, denn heute hat mein „kleiner“ Bruder Geburtstag.

Happy Birthday, Philip.

***

Hier sind die direkten Links zu den Originalquellen in den Archiven.

1. James Cook: Das Logbuch der Endeavour

  • Quelle: Captain Cook’s Journal During the First Voyage Round the World
  • Eintrag vom 11. Januar 1770: Cook beschreibt die Sichtung der „Sugar Loaf“ Inseln vor der Küste Neuseelands.
  • Link: Project Gutenberg – James Cook Journal (EBook #8106) (Suche auf der Seite nach „11th“ oder „Sugar Loaf“, um die Stelle direkt zu finden.)

2. Henry David Thoreau: Die Journale

3. Samuel Pepys: Das berühmteste Tagebuch der Geschichte

  • Quelle: The Diary of Samuel Pepys
  • Eintrag vom 1. Januar 1660/61: Über das Leben im Dachgeschoss und den verbrannten Truthahn.
  • Link: Project Gutenberg – Diary of Samuel Pepys (Complete) (Pepys’ Tagebücher sind dort in mehreren Bänden oder als Gesamtausgabe verfügbar.)

4. Harry McNeish: Das Ende der Endurance

Kategorien
500 Zeichen

Stranges Ende

Von Stranger Things.

Ok. Nu hab ich auch Stranger Things zuende geschaut. Die letzten 20 Minuten hätte man sich gerne sparen können. Nach der schönen Szene auf der Abschlussfeier mit Rage against the Maschine ab … „Fuck you, I won’t do what you tell me…“

Stattdessen: Kleinstadtidylle mit Hochzeitsantrag, Kinderwunsch und Businessoutfit mit Schulterpolster, Studierendenkredite und Kleinstadt-Baseball.

Hej; nix von Breakfast Club gelernt?

Prince dagegen als Countdown-Vinyl zum Ende der Welt. Das hätte ihm gefallen.

Kategorien
(B)Logbuch

Früher (c)

Im Winter versammelt man sich am Kaminfeuer und lauscht den Geschichten von Opa (oder von Frederik, der die gesammelten Sonnenstrahlen in den Winter gerettet hat und nun an uns Bedürftige verteilt). Im Web versammelte man sich in Communities. Die Feuer brannten, ohne Wärme zu erzeugen – Reibung, ja – Wärme, selten.

Orientierung gab die Kälte draußen. Heute starren ausgebrannte Menschen auf ihre Timeline. Von Algorithmen bald zu Tode gehetzt, suchen auch sie nach Orientierung. Gefangen in Silos, abhängig vom nächsten Dopaminkick, klicken sie herum, zwischen Kalendersprüchen und Teeniegurus, die kaum genug Lebenserfahrung haben, um anständig Auto zu fahren.

Manchmal erinnern sie sich dann daran, dass es eine Generation gibt, die beides weiß: was digitales Leben heißt (Ok, Boomer ;) und analoges Zusammensein.

Die Hörer:innen unseres St. Pauli Podcast sind mehrheitlich (60%) jünger als wir Hosts – zwischen 25 und 45 Jahre alt (RTLs Vermarkter hätte vor 20 Jahren feuchte Augen bekommen: Kernzielgruppe!). Immer häufiger erhalte ich die Rückmeldung, dass ich das, was im Stadtteil oder im FC St. Pauli passiert doch bitte in Relation setzen soll. Zu dem wie es „früher (c)“ einmal war. Ich bin dann immer ein wenig baff.

Erik, erzähl mal von früher

Kennt ihr diese Bücher, in denen man mit Opa oder Oma ihr Leben aufschreibt, bevor alles ins Vergessen rutscht? Da stehen dann so Fragen drin wie: **“Wie war Dein erstes Mal am Millerntor?“** Quatsch. 😉

Ich glaube aber, da gibts Bedarf.

Meine liebe Kollegin und Freundin Simone hat vor vielen Jahren eine Akademie gegründet, die Werbern das Internet erklären sollte – eine echte Marktlücke, wenn ihr mich fragt – auch heute noch.

Sie fragte mich (und viele andere aus der Branche), ob ich im ersten (und schwierigsten) Jahr ihrer Akademie einen Kurs halten könne. Da ich in ihren Augen damals schon wie das personifizierte „Urgestein des Internets“ aussah, schlug sie mir vor, „früher (c)“ als Thema zu nehmen.

Ich entwickelte eine Lehrstunde über Konzepte, die seit Mitte der 90er im Internet kamen und gingen, sich veränderten und doch irgendwie gleich blieben. Games, KI-Spiele, Communities wie „Six-degrees“ oder auch der VH-1 Chat als Vorläufer von Facebook und Co.

Ich erinnere mich noch gut an die Diskussionen danach – und wenn ich Glück hatte, dann war hängen geblieben, dass sich Moden ändern – die grundsätzlichen Regeln in Digitalien aber nicht.

Trolle gibts schon, seitdem es das Usenet gibt. Und das Bedürfnis – ich komme zurück zum Kaminfeuer – sich digital über physische Grenzen hinweg zu vernetzen und sich schöne oder schaurige Geschichten zu erzählen (nicht nur nerdig über Star Trek ;).

Eben erwähnte jemand bei Substack (seit Weihnachten der neue alte heiße Schiet in Sachen Community) die längst vergessene Community rund um das Gruner und Jahr Magazin NEON. Eine große, funktionierende Community war das, in der Autoren, Expertinnen und Leser miteinander zu allerlei Lebensthemen diskutierten. Inhaltlich Äonen vom weichgespülten Instagram-Strom entfernt.

Es mag meiner persönlichen Präferenz geschuldet zu sein – aber ich sehe eine neue Art von Communities aufkommen, die vielleicht die Oligarchensilos ablösen (auch wenn einige auch aus dem Silicon Valley kommen): Substack, wo auch dieser Artikel erscheint, Bluesky und vor allen das Fediverse versammeln Menschen am digitalen Lagerfeuer – und irgendjemand kommt immer und fragt: Opa, erzähl mal von früher (c). 🙂

Kategorien
(B)Logbuch

Blogmarksammlung

In meiner Brust schlagen zwei Herzen, das eines freiheitsliebenden Tagträumers und das eines ordnungsliebenden Nerds, der als Kind ganze Spielzeiten der damals zweiten Bundesliga auf Kneipenblöcken (den mit dem beschichteten Papier) und in seinem Kopf durchgespielt hat. Komischerweise hat oft Eintracht Braunschweig die Saison gewonnen. Das wird Wolfgang freuen.

Ich habe spaßeshalber mal in meine Bookmarksammlung geguckt und musste lachen, was ich alles noch lesen muss, meiner vergangenen Ansicht nach. Bookmarks sind der verzweifelte Versuch, Ordnung ins Surfen zu bringen. Texte, Webseiten, Themen haken sich kurz ein in unseren ewig währenden Spaziergang durch die digitale Wüste. „Das lese ich später“, ist wohl eine der häufigsten Lügen, die wir uns erzählen. Am Ende verbringen wir viel Zeit damit, Aufmerksamkeitsleichen auch noch zu ordnen und zu kategorisieren. Anders als beim Kopffußball gibt’s da aber keinen Meistertitel zu gewinnen.

Habe neulich – also dieses Jahr schon – einen Newsletter gelesen. Von wem der war, habe ich vergessen. Ich wollte mir den doch merken und später nochmal in Ruhe lesen. Ach, egal.

Auf jeden Fall ist doch etwas backen geblieben. Die Autorin, nennen wir sie Vero, war ähnliches aufgefallen: ihre „Read Later“ Liste wurde immer größer, ihr schlechtes Gewissen auch. Da suchte sie nach einem Ausweg und kam auf eine Idee, die nun schon 25 Jahre alt ist – und ein wenig aus der Mode: Bloggen. Ausgerechnet.

Sie nimmt sich jeden Tag eine Seite, eine Page, einen digitalen Notizzettel und schreibt ihre Eindrücke vom Tag auf; eine 24h-Sammlung der Dinge, die haken bleiben im vorüberziehenden Strom. Allerdings speichert sie sie nicht. Das wäre ja nur eine weitere Art des Bookmarkens. Sie schreibt auf, was sie aus dem Text, dem Video, dem Posting gelernt hat. In einem täglichen Journal.

Am Ende des Monats schaut sie sich das wieder an. Was dann passiert, habe ich vergessen.

*

Habe alle Zettel mit Wünschen und Vorhaben, die jeweils an einem Abend vor den jeweiligen 12 Raunächten verbrannt werden sollen, en bloque an einem Abend verbrannt (am letzten). Nun weiß ich nicht mehr, was da alles drauf stand. Egal, sehen wir, was das Universum damit macht – vielleicht bookmarken.

Kategorien
(B)Logbuch

Heute ist Dein Digitaler Unabhängigkeitstag

Fediverse, am 4. Januar 2026

Elon Musk dreht völlig durch, Mark Zuckerberg verkauft die Daten Deiner Mutter und Jeff Bezos dreht dir überteuerten Ramsch an – weil er weiss, dass du heiß drauf bist. Jaja, das weißt Du alles, aber …

Es gibt ein großes Aber und das ist dummerweise unsere Bequemlichkeit. Es stört im Alltag wenig, wenn der Algorithmus als Türsteher fungiert oder Gmail Deine E-Mails liest; Du hast ja nix zu verbergen.

Aber was ist, wenn sich der Wind dreht? Was ist, wenn das Auge des US-Faschismus dich trifft und dir Konten, E-Mails und der Zugang zu digitalen Welt gesperrt wird. Stimmen verschwinden in Filtern, das Recht, sich zu artikulieren von seelenlosen Bots langsam zerfasert. Es gibt Themen im Netz, da streitest du Abende lang, nur um zu lernen, dass du dich mit russischen Bots geprügelt hast – du wirst dabei müde – die nicht.

Weißt Du, was das Problem am Internet ist?Es führen zu viele Links nach rechts.- Marc Uwe Klings Känguru

Zeit für mehr Autonomie – Zeit für den DI.day

Links und eine Einladung:

* Jeden 1. Sonntag im Monat rufen wir den Digital Independence Day aus. Anleitungen und Idee, wie das geht, findest du auf der Kampagnenwebsite.

* Marc Uwe Kling und das Känguru sind auch dabei

* Einladung: Du bist HHer, magst St. Pauli, wohnst vielleicht im Viertel? Dann komm zu stpauli.social. Du bist herzlich eingeladen.

* Eine Handreichung hab ich in meinem Blog für Dich zusammengestellt – zusammen mit einem Starter Pack, damit Du gleich Gleichgesinnte treffen kannst.

Get full access to Eriks Logbuch at logbuch.substack.com/subscribe

Kategorien
(B)Logbuch

Neujahrslogbuch (aus vier Jahrhunderten)

Schon seit einigen Jahren spukt eine Idee mir im Kopf herum: Echte Tagebucheinträge aus verschiedenen Jahrhunderten, von verschiedenen Autorinnen und aus den letzten Winkeln der Welt zu kuratieren und denselben Tag mit verschiedenen Augen zu sehen.

Neujahrsgedanken aus vier Jahrhunderten:

1. Januar 1915

Autor: Harry McNeish (Zimmermann auf Shackletons Endurance-Expedition) Quelle: The Diary of H. McNeish / South (Gutenberg Projekt / Archive.org) Kontext: Die Endurance kämpft sich durch das Packeis der Antarktis. McNeish, der Zimmermann (”Chippy”), war bekannt für seine rebellische Ader und seine Katze “Mrs. Chippy”

„Freitag. Neujahr. Position 67-45 Süd. Wir machen sechs Meilen. Vielleicht neun. Der Skipper weckte mich um zwanzig nach zwölf. Ein Fest, sagte er. Um sechs Uhr morgens trat ich wieder an. Bilgen reinigen. Das Übliche.

Eriks Logbuch ist eine von Leser unterstützte Publikation. Um neue Posts zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, ziehen Sie in Betracht, ein Free- oder Paid-Abonnent zu werden.

Habe mich rasiert. Das erste Mal, seit wir Buenos Aires verlassen haben. Mein Gesicht fühlt sich nackt an ohne den Pelz, verdammt nackt. Ich werde es nicht wieder tun. Nicht vor dem nächsten Hogmanay. Dann drehen wir hoffentlich ab in Richtung Heimat. Zu denen, die wir lieben. Den restlichen Tag habe ich verschlafen.“

1. Januar 1660 (1661 nach modernem Kalender)

Autor: Samuel Pepys Quelle: The Diary of Samuel Pepys (Project Gutenberg) Kontext: Pepys ist ein Bürokrat der Marine, Lebemann und opportunistischer Beobachter. Er beschreibt den Morgen nach Silvester. Er lebt im Dachgeschoss („garret“), während sein Haus renoviert wird.

„Wachte auf. Zog den Anzug an, den mit den großen Taschen. Hatte seit Ewigkeiten nichts anderes getragen. Wir hausten oben im Dachgeschoss. Meine Frau, das Dienstmädchen Jane und ich. Drei Leute, eine Gruppe, keine Familie.

Meine Frau hoffte, sie sei schwanger, sie war schon sieben Wochen überfällig. Dann kam das Blut doch. Hoffnung erledigt.

Der Staat? Ein Chaos. Das Rumpfparlament nie wirklich da, die Armee kuscht. Ich? Ich gelte als reich. Aber eigentlich bin ich arm. Aß im Dachgeschoss zu Mittag. Meine Frau bereitete die Überreste des Truthahns zu. Dabei verbrannte sie sich die Hand. Ich blieb den ganzen Nachmittag drin, starrte auf meine Konten. Zahlenkolonnen. Draußen in der Fleet Street rammten sie Pfähle in den Boden.“

1. Januar 1898

Autorin: Virginia Woolf (damals Virginia Stephen, 16 Jahre alt) Quelle: A Passionate Apprentice: The Early Journals (Public Domain Auszüge) Kontext: Die junge Virginia beginnt ein neues Tagebuch. Sie ringt schon hier mit der Form und dem Sinn des Aufschreibens, kurz nach dem Tod ihrer Mutter und Halbschwester.

„Hier ist es also. Ein Band voll akutem Leben. Das erste Jahr, das ich wirklich gelebt habe. Jetzt ist es vorbei. Abgeschlossen. Weggesperrt. Und da kommt ein anderes. Und noch eins. Und noch eins. Herrgott, sie sind lang, diese Jahre.

Ich fühle mich feige, wenn ich sie ansehe. Aber man muss weitermachen. Nessa predigt, unser Schicksal läge in uns selbst. Nimm die Predigt mit nach Hause, schluck sie runter. Hier ist das Leben. Nimm es. Hand am Schwertgriff. Ein ungesprochener Schwur.“

1. Januar 1786

Autor: George Washington Quelle: The Diaries of George Washington (Library of Congress / Gutenberg) Kontext: Washington ist nach dem Unabhängigkeitskrieg auf seine Plantage Mount Vernon zurückgekehrt. Kein Präsidenten-Glamour, sondern das harte, monotone Geschäft eines Landwirts.

„Sonntag, der Erste. Thermometer auf 36 Grad am Morgen. Mittags dasselbe. Nachts auch. Ein drückender Tag. Kaum Wind, und wenn, dann aus Osten. Lund Washington und seine Frau kamen zum Essen. Sie fuhren am Nachmittag wieder. Nichts passiert.

Der Boden ist hartgefroren.“

Kategorien
(B)Logbuch

Neujahr durch die Gezeiten

In dieser Episode präsentiere ich eine einzigartige Sammlung von Neujahrs-Logbucheinträgen aus vier Jahrhunderten. Ich verknüpfe meinen Substack-Newsletter mit Podcasts, um historische Perspektiven auf die Gedanken und Erlebnisse vergangener Persönlichkeiten zu bieten.

Wir hören unter anderem von Harry McNeish, dem Zimmermann der Endurance-Expedition, Samuel Pepys, der das Chaos seiner Zeit schildert, Virginia Woolf, die ihre Gedanken zum Erwachsenwerden reflektiert, und George Washington, der Alltag nach dem Unabhängigkeitskrieg dokumentiert.

Ich lade euch ein, Feedback zu dieser neuen Erzählweise zu geben und über ähnliche Projekte in der Zukunft nachzudenken.

Get full access to Eriks Logbuch at logbuch.substack.com/subscribe

Get full access to Eriks Logbuch at logbuch.substack.com/subscribe

Kategorien
(B)Logbuch

Moin Moin 2026

Das Tief, das gestern — also letztes Jahr – so richtig Anlauf nahm, fällt heute über uns her. Kalte Schauer wehen über die Überreste der Knallerei.

Als Kinder sind wir bei so einem Wetter immer rausgelaufen, unsere Eltern lagen noch in Sauer, und haben nicht detonierte Böller gesucht. Das rote Feuerzeug aus der Küchenschublade hatten wir dabei und schafften es tatsächlich, einige fast aufgeweichte zur Explosion zu bringen. (Ohne uns die Finger abzureißen). Hauptsache das Schwarzpulver in der Lunte war nicht nass geworden, dann gelang es.

Hast du auch das Gefühl, die Knallerei ist weniger gewesen gestern?, fragt mich B. als wir beim 1. Kaffe des Jahres sitzen.

Ja, antworte ich. Und später angefangen hat es auch. Und es war schneller vorbei.

Die Leute haben weniger Geld. Das merkt man. Nur die Nachbarn oben im Neubauloft (da, wo Klitschkos mal wohnten), die haben Munition bis der Arzt kommt. Der blonde mittelalte Hausherr praktiziert noch die alte Schule: Raketen werden aus der Batterie und aus der Hand gefahren. Stilecht aus einer Flasche Veuve Cliquot.

Diese Feuerkraft hätten die Klitschkos jetzt gerne, denke ich, als Reste der Explosionen mir auf die Mütze rieseln.

Wie ich so dem Sturm beim Vorbeiziehen zusehe, denke ich: soviel hat sich gar nicht geändert zu gestern. Nur der Tannenbaum, der wirkt seit heute morgen ein wenig unpassend, wie er durstig im Wohnzimmer steht.

Ich wünsche euch ein Frohes Neues Jahr, mögen all eure Wünsche in Erfüllung gehen. Nehmt euch nicht zuviel vor, dann geht auch nix daneben.