Kategorien
Auf Reisen

Mallorcas versteckter Ursprung

Can Pastilla, lebendiger Wind aus Südwest, 21 Grad. Sonnig.

Mallorca, vor allem die ehemaligen Dörfer östlich von Palma, das ist Ballermann. So stellt man es sich vor, und so ist es auch — in der Saison.

Ende März beginnt die Saison erst, ganz langsam, was man an den flink vorbei huschenden Gruppen Rennradfahrern zuerst merkt.

Die Menschen sind noch ganz frisch, wie die Nächte am Strand von Can Pastilla. Am Sonntag Abend trifft sich das Dorf am Strand und findet sich in Pärchen oder in Gruppen zum Sonnenuntergang ein.

Klar, hier ist alles auf touristischen Konsum getrimmt, schon lange — und lange wirds auch nicht mehr dauern, bis die Pauschal-Horden Nordeuropas über Can Pastilla und El Arenal herfallen, ihren Sangriatribut fordern.

Trotzdem finde ich überall Reste vom alten mallorquinischen Dorf, das sich hinter aufgefädelten Souvenirshops scheu ans Licht traut.

Nur ein paar Meter vom Strand, in der zweiten Reihe, liegt in der offenen Mittagsonne der Dorfplatz mit einer kleinen Kirche. Eine Obdachlose döst dick eingemummelt, laute Einheimische streiten in der Bodega am Rande des Platzes über irgendwas.

Wahrscheinlich über die Sturmprobleme ihres lokalen Fussballvereins. Die wesentlichen Probleme sind doch überall dieselben: hinten nicht dicht genug und vorne keinen Knipser. (Sorry Jackson, das konnte ich dir nicht ersparen)

Atletico Balears, der Underdog unter Palmas Klubs, spielt inzwischen in der 4. Liga. Eine Art Altona 93 der Insel. Sehr sympathisch.

Frito Mallorquin

Es gibt allerdings nichts, was den Ursprung Mallorcas besser beschreibt, als das wieder einsickern von mallorquinischer Küche.

Seit Ende der Siebziger, als die Schinkenstraße ihren Namen bekam und die lokalen Imbissionistas das „echt German Schnitzel“ entdeckten, schleicht sich die echte mallorqinische Küche zurück in die Speisekarten.

Wie überall auf der Welt findet man auch an der Platja de Palma die besten Restaurants in der zweiten Reihe. Wobei; eine Ausnahme gibt’s: direkt am Yachthafen liegt das Restaurant Nogués.

Als ich frage, wie lange die Küche kocht heute Abend und ob es Frito gibt, höre ich seis y media (halb Sieben, es ist eben noch Vorsaison) und ein Lächeln huscht über das sonst strenge Gesicht der Wirtin; wir machen das hier frisch und nach altem Rezept.

Für Vegetarier ist Frito nix. Herz, Nieren, Leber und sonst alles, was beim Schlachten übrig bleibt, wird mit Patatas in Olivenöl frittiert. Das macht satt. So satt, dass man beinahe zwingend einen Hierbas secas braucht. Den lokalen Kräuterschnaps.

Morgen streune ich wieder durch den Yachthafen und stelle mir vor, wie ich mal einen Winter hier verbringe: an den Moorings von Can Pastilla.

Kategorien
(B)Logbuch

Gewissheiten

Fuhlsbüttel, maximal 13 Grad. Wind aus Ost (ist das das neue Normal in HH?)

Trink Milch, war der Spruch von besorgten Großeltern in den Siebzigern, die es durchaus gut mit uns meinten.

Sie wussten nicht, dass sie uns vergifteten; zumindest ist das gerade die Fachmeinung du jour.

Lustigerweise fiel mir weniges leichter, als mit Kuhmilch aufzuhören. Vor acht Jahren hatte mein Freund und damliger Chef Mark mir auf eine wenig subtile Art beim morgendlichen Kaffè erläutert, warum er seit Jahren keine mehr trinkt. Jeden Morgen 😉

Irgendwann dachte ich, „hmm kann ja nicht schaden, die Milch zu substituieren“ (denke ich wirklich in solchen Worten? Substituieren?).

Ich habe dabei ehrlicherweise weniger an die armen Kuhmütter als an mich selbst gedacht.

Die Superempfehlung, die Kuhmilch mit Mandelmilch zu ersetzen, war nicht so meins. Wir sind in der Familie dann einer Hafer-Hipstermarke aus Schweden verfallen — vermisst habe ich Milch nie.

Heute morgen haben wir zum Frühstück zwei Hühnereier gegessen, „tücker“ gekocht (was keine genaue Zeitangabe ist, sondern ein im Norden familiär überlieferter Zustand des fertigen Frühstücksei).

Noch 2024 hätten wir genausogut ne halbe Schachtel Zigaretten rauchen können, wenn es nach Bestsellerautoren ging. Diese Gewissheit ist aber auch schon wieder perdu.

Stand heute sind Eier wieder gesund. Ein Glück. Sie eignen sich sogar hervorragend für eine Lonegevity Diät, sagen die Forscher, als wäre die eigene Langlebigkeit eine Gewissheit, und nicht eher eine Fata Morgana.

Der politische Aktivist Tadzio Müller sagt, dass der Kollaps die einzige Gewissheit unserer Zeit ist. Der der Welt und der eigene — nur ne Frage der Reihenfolge und des Zufalls, welcher zuerst eintrifft. Und dass ein gutes Leben nur in der Gewissheit gelingt, dass nix mehr gewiss ist.

Dass Eier ungesund sind, es in Hamburg keine Dürre geben kann oder der vorherrschende Wind aus West weht — beispielsweise.

In Amerika war bislang gewiss, dass Militärputsche eher undemokratische Folgen zeitigen. Soo gewiss erscheint das dieser Tage auch nicht mehr.

Habt einen herrlich ungewissen Start in den Tag. (nach Diktat verreist)

Kategorien
(B)Logbuch

Unsicherheiten

Tornesch,
6:00 Uhr morgens, Hochnebel, vier Grad Celsius

Heute Morgen bin ich früh aufgewacht. Ein herber Traum hat mich in den Tag geschubst, in dem ich mit Alice Weidel ein Bier trank und mich permanent fragte, was ich dort mache?, es verunsicherte mich zutiefst, dass wir uns so gut verstanden, beim Manöverbier in meiner Lieblingsseglerkneipe.

Der Zug nach Hamburg war pünktlich, was auch nicht sicher ist. Wenn alles wie am Schnürchen funktioniert, bin ich schneller bei der Arbeit, als wenn ich aus sagen wir mal Ohlsdorf oder Blankenese anreiste.

Unsicherheit kennzeichnet dann auch den Podcast, der mich mit der Welt und den USA verband. Ich mag ja die Schnodderigkeit von Rüdiger Bachmann, mit der er seine Ansichten über die Weltökonomie untermauert.

„Trump und Putin sind beides Mafiosis, der eine aus der New Yorker Immobilienmafia, der andere aus der St. Petersburger“ – Rüdiger Bachmann

Die Unsicherheit wächst aller Orten. Der Weltökonomie Unsicherheitsindex folgt den weltweiten Temperaturen – klettert von einem Bergmassiv zum nächsten. Dummerweise sind sich die Weisen unsicher, wieviele Spitzen es gibt.

Angekommen in der Schanze.

Der Hamburger Telemichel versteckt sich in den Wolken. Ich bin mir für einen Moment unsicher, ob es die Spitze oben drüber noch gibt.

Ich bin mir unsicher, ob das ein gutes Zeichen ist, dass ich der erste im Büro bin heute … immerhin, ich finde den Schalter für die Kaffemaschine. Denn eines ist sicher: einen Morgen ohne Kaffee, das ist fast schlimmer als ein Bier mit … ach lassen wir das 😉

Kategorien
(B)Logbuch

Bunter Fleck

Nieselregen, sieben Grad.

Ich habe heute Morgen meinen frisch gepressten Kaffe von der provisorischen Arbeitsplatte gefegt.

Glücklicherweise sieht der Fußboden in der Küche nur so aus als sei er aus Holz. Er ist aus Vinyl, dem Stoff aus dem früher Träume waren und Nummer 1 Hitalben.

Ich sitze nun also mit meinem zweiten ersten Kaffe des Tages am Küchentisch und blicke in das graue Hamburger Wetter einer Zwischenzeit. Der Frühling ist da, weiß aber noch nicht viel mit sich anzufangen.

Mir kommt der Gedanke, das spießige Ensemble hier, mit abgesteckten Rasenflächen neben Parkplätzen im Wechsel, aufzubrechen. Habe mir Bienenwiesen-Samen bestellt.

Stelle mir vor, wie dieser kleine Fleck vom Weltraum aus aussieht. Vielleicht zieht er ja ein vorbei fliehendes Raumschiff der Vulkanier an. Als ein Zeichen der Hoffnung, dass hier unten doch noch nicht alles verloren ist.

(Bin gleich wieder da… muss nur schnell die gelbe Tonne rausbringen)

Kategorien
Übers Bloggen

Blog like nobody is reading

Frei nach dem sehr befreienden Motto, „Dance like nobody is watching“, pflege ich hier das Schreiben nach meiner Façon.

Für mich.

Rick Rubin, der Entdecker der Beastie Boys, sagte einmal sinngemäß:

„Wenn Du Kunst machst, die dir gefällt, kann sie niemand kritisieren, runtermachen oder so; denn sie ist nicht für ihn, sondern nur für dich“.

In diesem Sinne. Sei willkommen, zu lesen, zu hören, zu liken oder zu kommentieren. Aber bedenke: meine Kunst ist nicht für Dich.

Kategorien
(B)Logbuch

Breakfast Club: Generation Nachsitzen

Shermer, Illinois,
24. März 1984, 7:00 am.

Seit sieben Uhr am heutigen Morgen vor 41 Jahren (war es ein Sonnabend) saßen fünf renitente Oberschüler irgendwo in Illinois in einer ansonsten leeren Schule zum Nachsitzen. Und eine ganze Generation nachsitzte mit.

Ich war gefühlt gerade aus den USA zurück, wo ich einige Wochen bei meinem Onkel lebte und mit meinem kleinen Cousin in die Schule ging. Das war keine Highschool, obwohl ich alt genug gewesen wäre. Dennoch: vieles von dem, was diese Provinzschule in Shermer, Illinois zu einer typischen US-High School machte, gab es auch da. Wasserspender im Gang, zerdengelte Spinde und ein Regime, das auf Drill und Gehorsam setzte. Für einen Schüler aus der BRD der frühen 80er Jahre ein Kulturschock.

Nach einem Food Fight in der Schulkantine (auch so ein magischer, popkulturell nur zu besuchender Ort) musste ich eine Woche beim Rektor essen. Neben einer älteren Dame, die andauernd Dinge in das Schulmegafonystem rief.

Vielleicht war es diese Mischung aus persönlicher Erinnerung und kollektivem Teenagersein, die für mich diesen Film zum Meilenstein machte. Und das, was John Hughes sich als Moral des Films vornahm.

“When you grow up, your heart dies.”

Allison

Überhaupt kann man einen Film ruhig auch nach der Menge an zitierfähigen Sätzen bewerten, heute würde man Memes sagen. Und Breakfast Club hat davon eine Menge!

Auch in meiner Hamburger Schulklasse gab es Streber, Schönheiten, Sportskanonen, Schattenmädchen und schräge Stinker. Nur blieben die fast immer unter sich.

So einen Event wie das gemeinsame Nachsitzen gab es nicht. Also kam auch die Erkenntnis für mich später, dass „wir alle bizarr sind, die einen nur ein wenig versteckter als die anderen“.

Was ich mich heute frage: mit wem habt ihr euch identifiziert?

Ich habe mir nach der Schule den Kragen meines Pfeffer-und-Salz Mantels hochgeschlagen und die Faust in den Himmel gereckt, als wäre es der Himmel über Illinois.

Gibt es solche popkulturellen, gemeinsamen Coming-of-Age Momente heute noch, die 1 ganze Generation verbinden? Ob sie Spinde im Flur haben oder fossile gelbe Klosteine auf der Toillette?

Und ist euch überhaupt aufgefallen, dass der Lehrer jünger ist, als wir heute, aber viel älter wirkt? Vielleicht weil er Phil Collins Klamotten aufträgt.

Das könnte mir nie passieren. 😉

Kategorien
(B)Logbuch

Seemannsgarnspinnerei

Was willst Du wirklich?

Tornesch, 23. März

Der ruppige Wind aus Ost hat nachgelassen. Das Tief aus dem Westen übernimmt jetzt, es hat gewonnen. Durch permanenten Druckausgleich.

Es ist Frühling. Endlich.

Für Blogger heißt das: nachdenken übers bloggen.

Soll ich was ändern, zusammen legen, oder trennen? Was will ich wirklich mit meinem Schreiben?

Wie ich so durch meinen Blog streune, fällt mir ein Entwurf ins Auge, den ich wohl vergessen habe. Er ist aus 2018 und trotzdem aktuell.

Was willst Du wirklich ..? – eine Übung

Wann vergisst Du alles um Dich herum? Und falls Deine Antwort lautet „’Der Bergdoktor‘ schauen, bis ich alle Staffeln auswendig kann“ oder „meinem Goldfisch Morsesprache per Wasserblasen-Furzen beibringen“: Worum geht es Dir dabei wirklich, was ist der Kern, den Du auf eine andere Tätigkeit übertragen könntest? …

so beschreibt Blogger Tim Schlunzig eine von sieben Fragen, deren Beantwortung mich näher an das bringen sollen, was ich im Grunde meines Herzens tun möchte.

Eine interessante Lektüre – und Übung, die man sich nicht durch skeptisches Nachdenken vermiesen lassen sollte.

Ich war auf jeden Fall von der Klarheit des Ergebnisses überrascht. Als ich anfing nachzudenken, was denn der Kern dessen sei, was mich die Zeit vergessen lässt, mich in den berühmten „Flow“ bringt, erschien ein Begriff in meiner inneren Timeline – genau einer: „Geschichten erzählen“

Davon war es nur ein kleiner Weg, eine Art des inneren Zuhören, um folgende Skizze zu entwerfen:

Geschichten:

  • erzählen
  • hören
  • erfahren
  • transformieren

in

Seemannsgarn

… und lustigerweise fühle ich: das stimmt

Ich werde mein Seemannsgarn weiter in meinem Blog spinnen, auf eigenem Kiel. Mal in 500 Zeichen, mal als Rezept, mal als Podcast.

Kategorien
(B)Logbuch

Mein erster CSD

Mein erster CSD war ein Ereignis. Mein Freund Christian wollte mich da schon lange sehen, aber irgendwie hatte ich immer das Gefühl, das sei nicht meins. So als mittelalte Hete.

Nach einem St. Pauli Spiel nahm mich dann meine Tochter mit. „Los, komm schon. Das wird toll“, sagte sie. Und das wurde es auch.

Es ist wirklich einfach, ich ließ mich im Zug treiben und tanzte, nachher im Gängeviertel strömte ich an Soundsystems und Liveshows vorbei, die abwechselnd politisch aktiv, groovy oder auch liebevoll dilletantisch waren.

Ich blieb an einem Stand hängen, der selbstgebastelte Buttons für 1 Euro anbot. Die meisten hatten eine Bedeutung, die ich nicht kannte. Ein junger Mensch bemerkte mein zögerliches Herumsuchen und erklärte mir einige. „Dieser hier ist schön“, sagte ich. „Ja, der Button ist schön, Dir muss nur klar sein, dass Du Dich damit verpflichtest, einen Transmenschen mit auf die Toilette zu begleiten, wenn xier sich allein nicht wohl fühlt“.

Ich nickte, immerhin war das ein kleiner Preis für die freundliche Duldung der Menschen auf diesem CSD.

Als die Sonne unterging, saß ich noch lange wippend auf dem Hof des Gängeviertels. Vor dem Club hatte sich inzwischen eine Schlange gebildet, aus der mir meine Tochter zuwinkte.

So sollte es immer sein, dachte ich.

Der CSD ist eine Demo, ein kurzer Moment, in dem die Straßen und Plätze utopisch verwandelt werden. Sowieso braucht die Welt mehr Housemusik, dachte ich, als ich beseelt nach Hause ging, das Gesicht voller Symbole, die mir fröhliche Menschen darauf gemalt hatten.

Nach dem Angriff in Bautzen und anderswo, wurde mir klar:  das schiere Existieren von Queerness, das bunte Lieben und Leben, sind für Nazis unerträgliche Provokation. Niemand sollte sich täuschen, CSDs sind Demos. Gegen den Hass. Und oft gefährlich. Nicht in HH, aber anderswo.

Zuerst konnte ich mir nicht vorstellen, warum jemand sich meine Begleitung auf ein WC wünschen würde; nun ja.

***

Ich lese heute einen Aufruf von Tadzio Müller, den ich euch ans Herz legen möchte:

„Nehmt Euch ganz fest vor, dieses Jahr zu so vielen CSDs zu gehen, wie ihr einrichten könnt – nicht nur, weil’s da geile Parties mit heißen Menschen gibt. Sondern, weil jeder CSD, bei dem wir deutlich mehr sind, als die Nazis, für uns alle ein Erfolg sein wird. Und damit verdammt nochmal wir Queers auch einfach ein bisschen feiern können, trotz all der Nazischweine, weil unsere friends und allies und auch wir selbst und schützen.“

Ich komme dazu. Zum tanzen, zum demonstrieren, und wenn es sein muss, zum beschützen.

Kategorien
Dialoge

Maskendeal für 1 Euro

Gehe vorhin in die Apotheke am Ärtztehaus. Ich bin der einzige Kunde.

„Eine FFP2 Maske bitte.“
„Eine? Macht 1 Euro.“

„Die kosteten vor fünf Jahren schonmal mehr“, bemerke ich.
„Ja, dafür sitzen immer noch Leute im Knast“, antwortet die Apothekerin.

„Oder werden Minister“.
„Ja, das sind die beiden Möglichkeiten“; sie lacht.

Kategorien
500 Zeichen

Bücherkiste

Freunde meiner Eltern wohnten an der Elbchaussee. Die Decken ihrer Altbauwohnung, von denen altweiße Seidengardinen herunterhingen, waren mehr als drei Meter hoch. Im Raum stand ein sündhaft teures Sofa in derselben Farbe, umgeben von beigen Designerlampen.

Umrahmt wurde das Riesenzimmer von monströsen Bücherregalen. Hunderte Bücher verdeckten die Wände, wie in einer antiken Bibliothek. Alle gebunden, bis auf die Taschenbücher der roten Reihe von RoRoRo. Wir waren immerhin in den 70ern.

Er schrieb selbst auch Bücher.

Musste gestern an ihn denken, am Feldweg stand ne Bücherkiste; zu verschenken stand darauf. Darin eines seiner Werke. Ich habe sein Buch mitgenommen, zusammen mit drei kitschigen Weingläsern.

Kategorien
Auf Reisen

Nicht Amerika

Long Island, im März 1981.

Mit 13 Jahren besuchte ich meinen Onkel und meine Tante in den USA.

Sie lebten mit meinen beiden Cousins in einem Schlafdorf vor New York City im beschaulichen New Jersey. Morgens las ich in der New York Times, die mein Cousin und ich vorher ausgetragen hatten, einen Artikel, den ich bis heute nicht vergessen habe.

(Ich fand das so cool, die Zeitungen vom BMX Rad in die Vorgärten zu werfen — wie im Film. Zum Frühstück gab’s „Peanut Butter Jelly“ Sandwiches und die US-Variante von Karo-Kaffee)

Die Meldung berichtete von zwei Familien, die sich auf Long Island beinahe gegenseitig ausgelöscht hatten. Über einen Streit am Gartenzaun, wie er wohl überall vorkommt, wo Menschen nebeneinander leben.

Nachdem die Munition ausging, sich der Pulverdampf über den schwer beschädigten Häusern verzog, wurde klar: fast alle waren tot. Auf der einen Seite überlebte lediglich ein Kleinkind; auf der anderen die 80jährige Großmutter, die allerdings fleißig auf ihre Nachbarn geschossen hatte, versteckt im Schlafzimmer des Obergeschosses.

Vor Waffen starrend hatten sich die Familien in ihren viktorianischen Villen jahrelang gegenüber gestanden, bis eine Kleinigkeit das Fass zum explodieren brachte.

„Sowas gibt es Deutschland nicht“, beruhigte mich mein Onkel damals. Und ich würde ihm immer noch zustimmen,  allerdings mit dem Hinweis, dass es diese “Kleinigkeiten” schon auch hierzulande gibt, die Nachbarn zu Mördern machen.

„Er nannte mich Wurzelzwerg und wollte einen eigenen Briefkasten“.

Kategorien
500 Zeichen

Spießeralbtraum

Tornesch, 13. März. – 2 Grad Celsius, windstill.

Ich bin heute Morgen früh aufgewacht. Ein Gedanke hatte mich aus meinem Traum geschubst. Ein geträumter Gedanke, der so banal und unsexy real war, dass mein unbewusstes Ich ihn verächtlich zur weiteren Erledigung nach oben schickte.

„Heute wird die Gelbe Tonne abgeholt„. Bumms, ich war wach und fühlte mich sofort schlimm verspießt. Sind das jetzt meine Albträume?

Der Frost des frühen Tages überraschte mich und meine Lunge, fühlte sich aber nach ein zwei Zügen ganz gut an.

Ich versuchte, leise mit der Tonne zu rumpeln, was mir nur so lala gelang. Zum Glück haben die Nachbarn hier alle kleine Kinder, sind also gezwungenermaßen schon wach.

Ich stellte unsere Tonne als letzte neben ihre akkurat aufgereihten Schwestern, hob bei einer den Deckel an und war erstaunt, wie erleichtert ich war: die Müllabfuhr war noch nicht da.

Kategorien
Haikus, Gedichte und andere kurze Gedanken

So sein.

„Ist mir schnurzpiepegal,
was die Leudde sagen.
Ich will so sein.
Wie Nina Hagen.“

Kategorien
500 Zeichen

VH-1derland

Happy Birthday VH-1

Moin Moin aus Hamburg-Barmbek.
Meine 500 Zeichen am Morgen werden kurz (klar, ist ja auch der Witz daran 😉 und nostalgisch:

Herzlichen Glückwunsch zum 30. Geburtstag — VH-1 Deutschland.

Am 10. März 1995 war nicht nur Sendestart des Musikfernsehens für Erwachsene, auch das erste Musikmagazin des jungen WWW ging an den Start: das VH-1derland.

Ich durfte ab 1996 dort mitmachen, neben so tollen Vögeln wie Peter Glaser und Menschen, in die ich als Teenie verknallt war.

Das Internet war damals noch eine unkartierte Welt. Nicht selten standen TV Kollegen in unseren Büros und fragten: was macht ihr hier?

Fühlst Du dich jetzt alt? Hihi. Ich auch.
Ich hatte lange Zeit die Idee, die Idee eines Musikmagazins wie das VH-1derland es 1 war, wiederzubeleben. Hatte lange die Domain 1derland.de reserviert für diesen Zweck. Heute würde man wohl einen Gruppennewsletter starten, hier auf Steady … moment mal …

Kategorien
(B)Logbuch

Einhand von Can Pastilla nach Sa Rapita

Der Wecker reißt mich aus dem süßen Nichts. 5:40 Uhr. Die Möwen stimmen ein in das Kriegsgeschrei unter Deck. Morgengrauen. Mein Körper verweigert sich, vergräbt sich weiter in der Wärme, die ich die ganze Nacht wie einen Schatz gehütet habe.

Die Morgenbrise wartet auf niemanden, denke ich und sehe ein – ich muss jetzt raus aus der Koje. Meine Beine bewegen sich als erste, der Rest folgt widerwillig aber gehorsam wie eine Puppe. Ich falle aus der warmen Koje direkt in einen kalten Morgen.

Hamburg ist weit weg. Hier bin ich nur einer von vielen Vögeln, die im Herbst landen und im Frühling wieder verschwinden. Manche kehren nach Norddeutschland zurück, ich weiß es noch nicht. Niemand wartet dort – wenn ich mal von meinem Verleger absehe, dem ich noch den Gegenwert eines Vorschuss schulde. Der lockende Ruf ferner Küsten ist wie ein Fluch, den ich nie loswerden werde solange mein Körper noch vom Winter in Deutschland weiß.

Das Boot wird zum Festland im Winter. Es schaukelt mit doppelten Leinen stoisch am Steg. Auch bei starkem Wind droht nichts umzufallen. Die Bewegungen meiner Charteryacht, die ich für einige Monate zu meinem Zuhause gemacht habe, sind nie gewaltsam. Der Segeltag wird mild, hat mir der Wettermann per Funk versprochen.

Jetzt muss alles Seglerische an seinen zugewiesenen Platz zurück, festgezurrt, aufgeheißt und der Rest seefest gemacht werden. Der Morgen blinkt mir unwirklich bunte Prismen in die Augen, vor allem wenn man vor den Vögeln aufsteht, ein surreales Gefühl.

Der Hafenmeister steht draußen, als ich aus der Kabine trete. Er trägt Cordhosen und ein Hemd, als ginge er in einen verdammten Club und nicht zum Abschied seines Wintergastes. Seine Eleganz ist wie ein Vorwurf an meine zerknitterte Existenz. Wir umarmen uns. Er hilft mir beim Ablegen, wirft die letzte Leine ins Wasser und winkt zum Abschied.

Die Yacht gleitet vom Steg weg auf ruhigem Wasser, angetrieben vom Volvo Diesel kräuseln sich am Bug kleine Wellen. Meine Abfahrt weckt Gunther einen Steg weiter. Der andere Deutsche im Hafen ruft zu mir rüber: „Wohin geht’s diesmal?“

„Alaska!“, flüstere ich zurück, um die morgendliche Stille nicht zu zerstören. Gunther lacht. „Na dann gute Fahrt, hoffe Du hast die warme Unterbüx mit an Bord!“, ruft er mir hinterher. Diese flüchtige, schwimmende Gemeinschaft ist kostbar. Wie sie alle aus ihren Kojen kriechen, um mich zu verabschieden – meine gescheiterten Romane kennen sie nicht, aber mein Boot, das Leben an Bord, das kennen sie.

Eine leichte Brise begrüßt mich an der Mündung des äußeren Hafens. Ich hisse die Segel der Charteryacht in aller Ruhe im Schutz des Wellenbrechers. Draußen in der Bucht von Palma ist der Wind nicht stark genug. Der Diesel muss weiter arbeiten. Der selbstgebaute Ofen unter Deck wackelt im Takt der Wellen.

Ich röste Brot in der gusseisernen Pfanne und bestreiche die knusprige Außenseite mit Erdnussbutter. Der Mokka-Kaffee ist dünn, gestreckt mit heißem Wasser – Hipster nennen ihn Americano – eine Lüge, die ich mir selbst erzähle, damit er nach mehr schmeckt.

Zwischen Can Pastilla und Sa Rapita liegen gut 20 Seemeilen Mittelmeer und eine Küste voller Erinnerungen. Der Wind verlässt mich, als ich um die südliche Spitze biege. Typisch. Der Wind biegt nur um diese Ecke, wenn Juan Carlos schlechte Laune hat. Dann allerdings mit Wucht.

In der Stille tauchen kleine Fischerboote auf. Die Möwen folgen ihnen wie Groupies einer alternden Rockband. Manche ruhen auf den Kabinendächern, andere paddeln im Wasser, warten auf Reste oder einen freien Platz näher dran an den zupfenden Fischern. Ich frage mich, ob die Fischer die Möwen mögen. Sind sie Freunde? Geben sie ihnen Namen? Oder sind sie nur eine verdammte Plage, wie das Gefühl eines ungeschriebenen Kapitels, das in den Eingeweiden brennt?

Der Wind kehrt südlich von Cap Enderrocat zurück. Ich reite ihn hinein in die Bucht von S’Estanyol, vorbei am Leuchtfeuer von Punta Plana, das gerade Feierabend macht. Ankommend um 11 Uhr. Das innere Logbuch füllt sich mit Worten und Eindrücken dieses Morgens, die niemals das erfassen können, was die See mit mir macht.

Immer allein, immer in Bewegung. Die Geschichten, die ich nie zu Papier bringen werde, sind vielleicht die einzigen, die es wert wären, gelesen zu werden.

Kategorien
500 Zeichen

Worte, die Trump fürchtet…

… und die deswegen aus Publikationen entfernen lässt und ggf durch seine Vasallen-Milliardäre, wie Zuckerberg (Fuck Zuck!) sperren lässt.

Beiträge in US Social Media wie Facebook und Instagram werden mutmaßlich geblockt, zensiert oder weniger stark ausgeliefert, die folgende Begriffe enthalten:

Banned Words List (according to Gizmodo):

The List of Trump’s Forbidden Words That Will Get Your Paper Flagged at NSF

  • activism
  • activists
  • advocacy
  • advocate
  • advocates
  • barrier
  • barriers
  • biased
  • biased toward
  • biases
  • biases towards
  • bipoc
  • black and latinx
  • community diversity
  • community equity
  • cultural differences
  • cultural heritage
  • culturally responsive
  • disabilities
  • disability
  • discriminated
  • discrimination
  • discriminatory
  • diverse backgrounds
  • diverse communities
  • diverse community
  • diverse group
  • diverse groups
  • diversified
  • diversify
  • diversifying
  • diversity and inclusion
  • diversity equity
  • enhance the diversity
  • enhancing diversity
  • equal opportunity
  • equality
  • equitable
  • equity
  • ethnicity
  • excluded
  • female
  • females
  • fostering inclusivity
  • gender
  • gender diversity
  • genders
  • hate speech
  • excluded
  • female
  • females
  • fostering inclusivity
  • gender
  • gender diversity
  • genders
  • hate speech
  • hispanic minority
  • historically
  • implicit bias
  • implicit biases
  • inclusion
  • inclusive
  • inclusiveness
  • inclusivity
  • increase diversity
  • increase the diversity
  • indigenous community
  • inequalities
  • inequality
  • inequitable
  • inequities
  • institutional
  • Igbt
  • marginalize
  • marginalized
  • minorities
  • minority
  • multicultural
  • polarization
  • political
  • prejudice
  • privileges
  • promoting diversity
  • race and ethnicity
  • racial
  • racial diversity
  • racial inequality
  • racial justice
  • racially
  • racism
  • sense of belonging
  • sexual preferences
  • social justice
  • sociocultural
  • socioeconomic
  • status
  • stereotypes
  • systemic
  • trauma
  • under appreciated
  • under represented
  • under served
  • underrepresentation
  • underrepresented
  • underserved
  • undervalued
  • victim
  • women
  • women and underrepresented

Auf Deutsch: Zensierte Begriffe bei Facebook und Insta

Aktivismus

Aktivisten

Interessenvertretung

Verfechter

Befürworter
Barriere
Barrieren
voreingenommen
voreingenommen gegenüber
Vorurteile
Vorurteile gegenüber
bipoc
schwarz und lateinamerikanisch
Gemeinschaftliche Vielfalt
Gerechtigkeit in der Gemeinschaft
Kulturelle Unterschiede
Kulturelles Erbe
Kulturell ansprechbar
Behinderungen
Behinderung
diskriminiert
Diskriminierung
diskriminierend
unterschiedliche Hintergründe
verschiedene Gemeinschaften
vielfältige Gemeinschaft
vielfältige Gruppe
verschiedene Gruppen
diversifiziert
diversifizieren
diversifizieren
Vielfalt und Integration
Vielfalt und Gerechtigkeit
die Vielfalt fördern
Verbesserung der Vielfalt
Chancengleichheit
Gleichstellung
Gleichberechtigung
Gerechtigkeit
ethnische Zugehörigkeit
ausgeschlossen
weiblich
Frauen
Förderung der Inklusivität
Geschlecht
Geschlechtervielfalt
Geschlechter
Hassrede
ausgegrenzt
weiblich
Frauen
Förderung der Inklusivität
Geschlecht
Geschlechtervielfalt
Geschlechter
Hassrede
hispanische Minderheit
historisch
implizite Vorurteile
implizite Vorurteile
Einbeziehung
Einbeziehung
Inklusivität
Inklusivität
Erhöhung der Vielfalt
Erhöhung der Vielfalt
indigene Gemeinschaft
Ungleichheiten
Ungleichheit
Ungleichheit
Ungleichheiten
institutionell
Igbt
ausgrenzen
ausgegrenzt
Minderheiten
Minderheit
multikulturell
Polarisierung
politisch
Vorurteile
Privilegien
Förderung der Vielfalt
Ethnie und Ethnizität
Rasse
rassische Vielfalt
Rassenungleichheit
Rassengerechtigkeit
Rasse
Rassismus
Gefühl der Zugehörigkeit
sexuelle Präferenzen
soziale Gerechtigkeit
soziokulturell
sozioökonomisch
Status
Stereotypen
systemisch
Trauma
unterschätzt
unterrepräsentiert
unterversorgt
Unterrepräsentation
unterrepräsentiert
unterversorgt
unterbewertet
Opfer
Frauen
Frauen und Unterrepräsentiert

 

 

Kategorien
500 Zeichen

Atomraketenangst

Die Erinnerung überfiel mich morgens um fünf. Besser gesagt die Angst, die Angst vor der Bombe. Wie ein Geist aus einer fernen Epoche schob sie sich vor meinen Schlaf.

Die Angst vor „der Bombe“ war zurück — und mit ihr die Erinnerung an Torsten, einen Mitschüler aus den frühen 80er Jahren.

Torstens Eltern hatten einen Atombunker, und deswegen war er für mein 13-jähriges Ich ein Experte für die nukleare Bedrohung, mit der wir heranwuchsen, wie Kinder heute mit Instagram.

1982 war ein langer, klammer Winter, der auch unsere Klassenreise beeinflusste. Wir waren geradezu sträflich unvorbereitet vom Hamburger Vorfrühling in die Harzer Berge versetzt worden. Vier Stunden im Bus, sitzen, dösen und albern. Beim Herumstapfen auf sonst urigen Waldwegen versank mein Freund Axel bis zum Bauch im Schnee.

Die Nässe war kalt, unfair klamm geradezu. Die alten Rippenheizungen des Schullandheims gaben ihr Bestes. Trotzdem wurde es nicht warm.

Zum Graubrot mit Käse und Teewurst gab es Hibiskustee aus einer grossen Stahlkanne. Viel wärmer wurde uns davon auch nicht.

Abends kuschelten wir uns unter die Decken. Ich war einer der stärkeren Jungs, ich lag im Etagenbett oben. Axel, der sehr blonde Haare hatte, fragte irgendwann, als die meisten von uns schon beinahe schliefen: “Kann denn dein Bunker auch einer Neutronenbombe widerstehen, Torsten?”

Bumms, wir waren jetzt alle wieder wach. Ich hatte ja keine Ahnung, in welcher Gefahr ich mich befand, bis Torsten im Detail erklärte, was Neutronen, von der Bombe beschleunigt, mit dir anstellen.

Torsten erläuterte in aller Ruhe, was er von seinem Vater gelernt hatte. Er hatte einen Bunker, das machte uns andere echt neidisch. Immerhin, hier im Stockbettzimmer im Harz nutzte ihm das auch nix.

Wir alle haben die ganze Nacht nicht geschlafen. Ich erinnere mich noch, dass sich Mitschüler umarmten, die sich bei Tag nicht ausstehen konnten.

Ich hatte so eine Angst, dass ich beim Blick aus dem Fenster der Jugendherberge den Himmel über den Kiefern absuchte, nach Anzeichen von russischen SS-20 Raketen, die unserer Klasse die Bombe auf den Kopf werfen würden.

Ich hatte diese Erinnerung beinahe vergessen, bis zu dieser Woche.

Grüße an die Geister des Pershing.


Du magst meine autofiktionalen Texte? Dann leite diesen gerne weiter… und oder gib mir was für meinen Atombunker dazu.

Kategorien
500 Zeichen

Verbindung verloren

Lustige Geschichte, die nur im Kontext lustig ist. Im globalen und im persönlichen.

Wir haben ein kleines Wohnmobil, das wir im Winter nutzen. Damit uns bei Frost nicht um drei Uhr morgens das Gas ausgeht, lebt unter den Flaschen ein Messgerät von Truma, das zunächst sehr zuverlässig, dann immer widerwilliger uns per Bluetooth den Füllstand übermittelte.

Eines Morgens ruft meine Frau aufgeregt: „Ich bekomme keine Verbindung zu Trump mehr“.

Unser gemeinsames Lachen befreite.

Kategorien
(B)Logbuch 500 Zeichen

Quatsch

Lese einen Artikel des Herrn Steinhövel in dem er Meinungsfreiheit und Algorithmenmissbrauch so oft durcheinander würfelt; so ist es schwer, ihm zu folgen.

Fakt ist: Dominante Medien sind in der Lage Meinungen zu beeinflussen. Es ist kein Wunder, dass in D nach 45 ein Medienstaatsvertrag existiert, der alle gesellschaftlichen Gruppen in der Kontrolle derselben involviert (ob das noch so zeitgemäß ist, wie dieser zusammengestellt wird, darüber streite ich gerne).

Auch dass Faschisten und Autokraten Medienmacht zu kontrollieren versuchen, ist nix Neues.

Um es mal in eine Formel zu bringen (und nix anderes hat bspw. Robert Habeck bisher dazu geäußert):

Was Herr Musk privat postet, wo auch immer, ist seine Sache (es sei denn, er beleidigt jemanden, wie den Bundespräsidenten bspw, aber das ist eine andere Geschichte).

Wenn Herr Musk nachweislich im stärksten Nachrichtenmedium der Welt in die Meinungsvielfalt und Wahrnehmung eingreift, dann ist das politisch relevant. Und hat mit Meinungsfreiheit mal gar nix mehr zu tun!

Bin ja vom Fach und stehe gerne für n Streitgespräch zur Verfügung. Diesen Artikel kann man getrost vergessen, fachlich. Dass dieser Quatsch erscheinen darf, finde ich aber gut 😉

Kategorien
(B)Logbuch

Ragù Bolognese — Rezept von Matteos Omi

In der Schule hatte ich einen sehr guten Freund. Matteo. Jeden Mittwoch nach dem Schulsport schlenderten wir mit unseren Turnbeuteln über der Schulter den kurzen Weg durch die Sackgasse, an der unsere Schule lag, zu Matteos Haus.

Wenn er die Tür aufschloss, wehte uns schon dieser spezielle Duft in die Nase, den nur die Bolognese seiner Oma verbreiten konnte.

Matteos Eltern kamen aus Bologna, waren aber selten zuhause, weil sie das kleine italienische Restaurant am Laufen hielten. Er wurde praktisch von seiner Oma erzogen — und ich jeden Mittwoch mit.

Ehi, biondino, begrüßte sie mich fröhlich und wandte sich sofort wieder ihrem großen eisernen Topf zu unter dem Zungen von Gasflammen tanzten.

Matteo war Außenseiter in der Klasse, so wie ich. Er war der Ausländer, der einzige, ich war Stotterer, auch der einzige.

Wir hatten uns zusammen getan, weil man gemeinsam besser zurecht kommt. Ich war größer als die meisten und blond, er schmächtig und dunkelhaarig. Ein lustiges Paar.

So, jetzt noch ne Prise „Partisanenspucke“, sagte seine Oma, dann ist das Ragù fertig.

Wir johlten, denn für uns beide waren die Tagliatelle Bolognese am Mittwoch etwas ganz besonderes.

***

Über Facebook haben Matteo und ich uns vor ein paar Jahren wiedergefunden. Er lebt inzwischen in Los Angeles. Und betreibt dort ein italienisches Restaurant.

Letzte Woche musste ich an seine Oma denken und chattete ihn an. Ja, das Rezept habe er noch, jeden Mittwoch gäbe es Ragù Bolognese bei ihm im Restaurant und seit dem Sieg von Donald Trump mit einem Extraschuss „Partisanenspucke“.

Die gibt’s wirklich?

Ja klar.

Ich maile dir nachher das Rezept.

„Re: Tagliatelle Bolognese per le bionde“

…, hieß der Betreff seiner Mail.

Zutaten: (für 4 Personen, also 2 von deiner Statur 😉 )

  • 100g Pancetta (oder anderen Bio-Speck)  – du erinnerst Dich? „Speck macht glücklich“, hat Oma immer gesagt
  • 300g Rinderhack, 200g Gemischtes oder Schweinehack
  • 2 weiße Zwiebeln
  • 2 große gelbe Karotten, sonst drei
  • 2 Zehen Knoblauch
  • 1 Chili Schote
  • 40g Bio Tomatenmark
  • Mehrere Schuss Vollmilch, Salz und Pfeffer
  • 2 Handvoll Tagliatelle; al dente gekocht

Zubereitung:

Den Speck in ein wenig Öl anschwitzen, Oma nahm immer Sonnenblumenöl, du kannst aber auch Olivenöl nehmen.

Zwiebeln, Knoblauch und Karotten dazu und glasig braten.

Erst das Schweinehack, eine Minute später das weniger fettige Rinderhack dazugeben.

Salzen und Pfeffern. Dann das Tomatenmark großzügig in Kreisen drüber drücken.

Umrühren (Holzlöffel!)

Mit Vollmilch und heißem Wasser ablöschen, Deckel drauf und köcheln lassen.

Oma sagte immer, das müsse nu zwei Stunden ziehen. Immer mal wieder Vollmilch dazu geben, wenn es zu trocken wird. Und oft umrühren.

Ich verkürze das heute auf eine Stunde und hoffe, Oma verzeiht mir den Frevel.

Ach ja, Partisanenspucke gibt’s wirklich. Am Ende gibt’s n Schuss Weißweinessig dazu.

Aber das darfst Du wirklich nicht weiter erzählen.

Die Tagliatelle al dente kochen und mit Parmesanflocken drüber servieren.

Guten Hunger und liebe Grüße nach Hamburg,

Dein alter Kumpel, Matteo


Die Geschichte von Matteo ist Autofiktion. Das heißt, einiges ist wahr, anderes nicht.

Das Rezept ist echt und sehr lecker — und nix für jeden Mittwoch mehr. Aber manchmal muss es eben mehr Fett und Fleisch sein, als sonst. Denn Speck macht ja bekanntlich glücklich.