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Übers Bloggen

Mal was durchziehen

Ich blogge seit 2004. Mein erstes Video auf Youtube ist 20 Jahre alt. Und doch gibt’s lauter Brüche. In Themen, in Formaten.

Manchmal kommt dann der Gedanke vorbeigeschwommen: was wäre gewesen, wenn ich es durchgezogen hätte?

So wie Buddenbohm (neuerdings mit Söhnen). Oder Formatideen mit Kollegen weiter geführt hätte, die ich heute noch für eine gute Idee halte, wie Litscout.

Ich bastle dann an Servern rum und breche ihnen die Configs irgendwann. So sind die ersten zehn Jahre meines Bloggens verschwunden.

Warum nur kann ich nicht mal was durchziehen?

Mein neuestes Projekt (nach 500 Zeichen und Seemannsgarnprosa) ist ein Hamburg Newsletter und Podcast.

Drückt mir die Daumen, dass ich diesmal bei der Stange bleibe. (Belohnung hilft da; also abonniert wie die Großen. Dankeschön)

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(B)Logbuch

Blogmarksammlung

In meiner Brust schlagen zwei Herzen, das eines freiheitsliebenden Tagträumers und das eines ordnungsliebenden Nerds, der als Kind ganze Spielzeiten der damals zweiten Bundesliga auf Kneipenblöcken (den mit dem beschichteten Papier) und in seinem Kopf durchgespielt hat. Komischerweise hat oft Eintracht Braunschweig die Saison gewonnen. Das wird Wolfgang freuen.

Ich habe spaßeshalber mal in meine Bookmarksammlung geguckt und musste lachen, was ich alles noch lesen muss, meiner vergangenen Ansicht nach. Bookmarks sind der verzweifelte Versuch, Ordnung ins Surfen zu bringen. Texte, Webseiten, Themen haken sich kurz ein in unseren ewig währenden Spaziergang durch die digitale Wüste. „Das lese ich später“, ist wohl eine der häufigsten Lügen, die wir uns erzählen. Am Ende verbringen wir viel Zeit damit, Aufmerksamkeitsleichen auch noch zu ordnen und zu kategorisieren. Anders als beim Kopffußball gibt’s da aber keinen Meistertitel zu gewinnen.

Habe neulich – also dieses Jahr schon – einen Newsletter gelesen. Von wem der war, habe ich vergessen. Ich wollte mir den doch merken und später nochmal in Ruhe lesen. Ach, egal.

Auf jeden Fall ist doch etwas backen geblieben. Die Autorin, nennen wir sie Vero, war ähnliches aufgefallen: ihre „Read Later“ Liste wurde immer größer, ihr schlechtes Gewissen auch. Da suchte sie nach einem Ausweg und kam auf eine Idee, die nun schon 25 Jahre alt ist – und ein wenig aus der Mode: Bloggen. Ausgerechnet.

Sie nimmt sich jeden Tag eine Seite, eine Page, einen digitalen Notizzettel und schreibt ihre Eindrücke vom Tag auf; eine 24h-Sammlung der Dinge, die haken bleiben im vorüberziehenden Strom. Allerdings speichert sie sie nicht. Das wäre ja nur eine weitere Art des Bookmarkens. Sie schreibt auf, was sie aus dem Text, dem Video, dem Posting gelernt hat. In einem täglichen Journal.

Am Ende des Monats schaut sie sich das wieder an. Was dann passiert, habe ich vergessen.

*

Habe alle Zettel mit Wünschen und Vorhaben, die jeweils an einem Abend vor den jeweiligen 12 Raunächten verbrannt werden sollen, en bloque an einem Abend verbrannt (am letzten). Nun weiß ich nicht mehr, was da alles drauf stand. Egal, sehen wir, was das Universum damit macht – vielleicht bookmarken.

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(B)Logbuch

Klar zur Wende – zur Wintersonnenwende

Wintersolistice,
21. Dezember um drei Uhr drei Minuten.

Seit gestern um kurz nach drei wird es wieder heller. Ich verabschiede die Momente des Jahres 2025 und beginne das, was die Azteken die „tote Zeit“ nannten – die Zeit zwischen den Jahren, in der man irgendwann vergisst, welchen Wochentag wir haben.

Den Glücklicheren von uns passiert das früher, die anderen haben noch Spaß mit DPD.

Diese Tage zwischen den Jahren sind magisch, trotz Nebelschwaden nahe dem Gefrierpunkt und immer noch langen klammen Abenden. Denn sie sind so ambivalent wie das Leben. Egal ob in Altona oder Friesland.

Hektisch und besinnlich gleichzeitig wird weniger gebloggt und gepostet – und das ist gut so. (Ich liebe es übrigens, an Heiligabend noch etwas Vergessenes einzukaufen – alle sind entspannt, der Stress der Vorweihnachtszeit fällt sprichwörtlich aus den Gesichtern. Verkäuferinnen lächeln und Kunden grüßen nett)

Nach einer alten Überlieferung ist das Gewebe zwischen den Dimensionen nie so blickdünn wie zur Zeit zwischen dem was geht und dem was kommt. Und auch wenn ich weiß, dass der 1. Januar den 24 Stunden davor zum Verwechseln ähnlich sieht, ist 2026 gefühlt heute noch weit weg.

Zwischen den Jahren soll man loslassen und nix Neues beginnen. Und doch geht es mir regelmäßig so, dass mein Verstand mir 1000 Ideen ins Bewußtsein schmeißt. Als intuitiver Blogger will ich dann gleich beginnen – und tue das meist auch.

Unterbrechen wir aber mal kurz den Flow of Consiousness. Vielen herzlichen Dank an euch alle. An die Lesenden, meine Kritikerinnen (muss ich nicht gendern;), an Christoph für seinen ewigen Support, für die Ebook-Downloader und meine 11 Kaffespender.

Ihr seid toll!

Nehmt euch n Tee oder n Grog und lest n gutes Buch. Kommt zur Ruhe und denkt nicht zuviel nach. Die Zukunft kommt von ganz allein.

Wer mag, kann sich das Iging des kommenden Jahres werfen. (Mir rät das Iging mit dem Hexagramm 45, mich mehr auf meine Community zu verlassen – das ist doch mal n guter Rat 😉

PS Titelfoto: Ich sag doch, schon heute ist es kaum zu unterscheiden, ob 1 Foto echt oder KI-generiert ist. Das Titelfoto ist es – eins davon 😉

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Podcast

Kann man den Winter vorlesen?

Ein Vorlesepodcast zu Weihnachten:

Winter, Weihnachten, Dezember. Wenn ich die Suche in meinem Blog anschmeiße, dann schickt mir der Algorithmus ohne Weltherrschaftsideen eine Liste von Artikeln, die aus den letzten 12 Jahren stammen. Hier vorgelesen und als Ebooks kostenlos+ herunterladbar.

Chapters

  • 0:28  Willkommen im Logbuch laut
  • 6:08  Frühlingsanfang und Wetterwechsel
  • 7:30  Erinnerungen an das Segeln
  • 11:42  Autofiktionale Überlegungen
  • 19:22  Spielszenen aus der Familie
  • 20:04  Rückkehr nach Westerland
  • 21:35  Neujahr und neue Gedanken
  • 26:30  Dank und Ausblick auf die Zukunft

Vorgelesene Blogs:

Zwischen den Zeilen, zwischen den Jahren: Ein Nachmittag mit dem Logbuch laut

Draußen drückt der Dezember seine graue Stirn gegen mein Fenster, und drinnen dampft der Earl Grey, während ich mich in die neueste Episode vom Logbuch laut fallen lasse. Es ist dieser seltsame Moment im Jahr – dieses Dazwischen –, in dem die Zeit dehnbar wird wie warmer Kaugummi.

Ein Rausch aus Automatik und Erinnerung

Der Host nimmt uns diesmal mit zurück in eine Ära der Écriture Automatique. Während ich zuhöre, frage ich mich: Wer war diese Person, die damals im surrealistischen Rausch die Feder führte? Die Texte flimmern wie alte Super-8-Aufnahmen vor meinem inneren Auge. Es geht um den Winter, klar, aber eigentlich geht es um die Sehnsucht nach dem Licht, das irgendwo hinter dem Januar lauert.

Wenn die Grenze zwischen „Ich“ und „Erfunden“ verschwimmt

Was mich an dieser Folge besonders gekriegt hat, ist das Spiel mit der Autofiktion. Man sitzt da, den Kopfhörer fest auf den Ohren, und versucht krampfhaft zu entwirren: War das wirklich so? Wer ist diese Figur? Und wie viel von der Wut, der Trauer und der Nostalgie ist echtes Fleisch, wie viel nur literarisches Kostüm?

Der Host macht daraus kein Geheimnis, sondern eine Analyse am offenen Herzen. Es ist faszinierend (und ein bisschen schmerzhaft), dabei zuzusehen, wie alte Texte seziert werden. Man spürt förmlich, wie sich die Perspektiven über die Jahre verschoben haben – wie aus dem jungen, wilden Schreiben ein reflektiertes Bewahren geworden ist.

Mein Fazit: Ein literarischer Adventskranz ohne Kitsch

Diese Episode ist kein gemütliches „Hach, wie schön ist Weihnachten“-Geplänkel. Es ist eine Einladung in den Maschinenraum eines Schreibenden.

  • Stimmung: Melancholisch, tiefgründig, angenehm sperrig.
  • Highlight: Die Erkenntnis, dass das Schreiben der einzige Weg ist, die Geister der Vergangenheit gleichzeitig festzuhalten und loszuwerden.

Ich klappe den Laptop zu, der Tee ist kalt, aber mein Kopf ist voll mit neuen Schreibstrategien für das nächste Jahr. Ein herzliches Danke an das Logbuch laut für diesen ehrlichen, ungeschönten Ausblick auf das, was kommt.


Tipp: Schnappt euch eine Decke, ignoriert die To-do-Liste für das Fest und hört rein, wenn ihr wissen wollt, wie aus echtem Leben echte Literatur wird.

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Übers Bloggen

Back to analog— back to Punk Writing

In der Beziehung zwischen Medien und Realität gibt’s Wendepunkte. Beim Siegeszug des Ton- und Farbfilms beispielsweise, oder als man mit einem hüpfenden großen R markieren musste, dass die Zeitlupe einer Torszene läuft (war das 1978 das erste Mal, dass ich das bewusst sah?).

Ich weiss noch, wie fasziniert ich davon war, dass die Katastrophe an den Zwillingstürmen am 11. September wie ein Echtzeit-Actionmovie aussah. Danach hab ich Filmexplosionen in einem anderen Licht gesehen.

2026 erreichen wir einen weiteren Scheitelpunkt, der alles davorgewesene in den Schatten stellt: KI-generierte Inhalte werden von realen Bildern, Videos und Texten nicht mehr zu unterscheiden sein. Sie fluten das Social Web jetzt schon und werden (von mir) nicht mehr unterscheidbar sein.

Selbst mit meinem geschulten Auge, fällt es mir heute schon schwer, AI-Videos von echten zu unterscheiden. Irgendwann nächstes Jahr werde ich auf diesem Auge blind.

Soziologen sprechen bereits vom Zusammenbruch der Realitäten und damit der Glaubwürdigkeit von Medien an sich.

In einem Internet, in dem profitmaximierende Algos wahllos künstliches widerkauen, stirbt die Utopie endgültig, die Leute wie mich einst in den Cyberspace gelockt hat.

Back to analog.

Eine Strategie wäre die Migration zurück ins Analoge. B. will dieses Weihnachtsfest wieder mehr Briefe schreiben. So voll oldschool auf Papier. Mit Logbüchern wie diesem geht das auch. Vielleicht eine gute Idee für 2026.

Punkrocktime

This is not a time to be dismayed.

This is punk rock time, this is what Joe Strummer trained you for.

It is now time to go. You’re a good person. That means more now than ever.
— Henry Rollins

Vielleicht ist es an der Zeit, der perfekten KI-Welt etwas entgegenzusetzen, was diese nicht kann: selber machen und Dinge rough, schräg, campy und bewusst fehlerhaft machen.

Frei nach meinem Vorbild Henry Rollins: dies ist keine Zeit, um zu verzweifeln, dies ist die Zeit, sich zu wehren. Mit dem, was wir haben: Überraschung, Selbstgedachtem und Gekritzel mit ein wenig Glitzer.

Bad Writening, Bad Painting, Dada und Surreales selbst in diese Welt heben, ohne Hochglanzpolish eines leblosen Rechenzentrums. Das Echte im Versehrten finden.

Ich denke, das könnte mir gefallen.

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Übers Bloggen

„Deutscher Schriftsteller“

Als ich klein war, wollte ich zwei Dinge werden. Busfahrer und Schriftsteller. Eins davon bin ich inzwischen – wenn man Google glauben will.

Ich erinnere mich noch gut. Meine Omi und ich waren auf einer unserer immergleichen Ausfahrten. Von Neumühlen fuhren wie mit der Hadag-Fähre nach Finkenwerder, aßen eine Kleinigkeit am Kiosk direkt am Anleger (den es übrigens heute noch gibt, und in dem es immer noch lecker-gruselig nach Pommesfett riecht) und nahmen ein wenig später die Fähre nach Teufelsbrück. Dort spielte ich ein wenig im Sand zwischen den beiden mächtigen Stahlbrücken, bevor es mit dem Schnellbus die Elbchaussee wieder rauf ging.

Wir warteten Teufelsbrück auf den Bus als sie mich fragte, was alle Großeltern irgendwann fragen: „Was willst Du eigentlich mal werden, wenn Du groß bist?“.

Ich saß gerne vorne im Bus und beobachtete die Busfahrer beim busfahren. Besonders wie sie die beiden Knöpfe bedienten, die beide Türen zischend auf und zugehen ließen, faszinierte mich. Die meisten drückten beide gleichzeitig; die in meinen Augen cooleren, drückten die Knöpfe kurz hintereinander, sodass sich das Zischen der Hydraulik wie in einem Sample überlagerten.

Kein Wunder also, dass ich „Busfahrer“ antwortete. Warum ich nach kurzem Nachdenken „und Schriftsteller“ hinterher schob, weiß ich nicht mehr.

Einige Jahre später verfestigte sich der etwas merkwürdige Berufswunsch, als ich Adriano Celentano (Ornella Muti! hach, was war ich verschossen) als Barnaba busfahren sah. Ein besseres Role Model war kaum zu finden Anfang der 1980er Jahre. In „Gib dem Affen Zucker“ (auch eine verschwundene Kunst – deutsche Titel für ausländische Filme!) spielte er einen knorrigen Busfahrer, der eine Prinzessin kennenlernte. Das wär was.

Ich erweiterte den Plot ein wenig und stellte mir vor, dass Celentano (also ich später) in den Wartezeiten an der Endhaltestelle an Buchmanuskripten schrieb. Später sollte mir erzählt werden, dass einer meiner großen Helden, Philippe Djian, eben dies gemacht hatte. Nur statt in einem Bus, eher gelangweilt in einer französischen Maut-Station.

„Betty Blue“ hat mich geflasht, wie wohl viele in meiner Generation. Heute noch lese ich seine Bücher gerne und werde mit ihnen und seinen Protas älter.

Übers Bloggen bin ich zum Schreiben gekommen – und darüber älter aber nicht berühmt geworden (das war Anfang der 2010er nicht ganz ausgeschlossen, da waren Blogs zumindest in den USA der neue heiße Schiet und Verleger rollten uns in München rote Teppiche aus).

Wobei ich anders als mein ebenfalls bloggender Freund Christian, noch keine Muße fand, eine Geschichte in Romanform zu gießen – die lange Form ist bisher nicht meine (seinen Roman kann ich euch aber herzlich empfehlen – Das Erbe ist ein queerer Poproman aus HH).

Wenn ihr Lust habt, dann lest meine Ebooks kostenlos+ via Ko-Fi, oder kauft meine Taschenbücher bei amazon und das Hardcover bei Thalia – ich freue mich über Feedback – und wer weiß, vielleicht habe ich ja irgendwann soviel Muße, die Langform anzugehen. Anstatt an einer Endhaltestelle vielleicht in einem Cockpit mit Blick in den Sonnenuntergang 😉

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(B)Logbuch

Champagner Renette meets Miami Vice

Nachts wirds frisch mit sechs Grad. Ein eingedrehtes Tief dreht sich mit viel Wind um sich selbst und schickt lange Bänder Regen über das platte Land an der Elbe.

Windräder sind die einzigen, die das freut.

B. war gestern draußen spazieren und hat mir einen kleinen grünen Apfel mitgebracht, einen vergessenen, den die Plünderer am Apfelweg bei Tornesch vergessen haben.

„Champagner Renette“ klingt eher nach St. Pauli Nachtklub in den 70er Jahren; schmeckt aber frisch und lecker obwohl die Essreife erst im Februar einsetzen soll.

Ich muss an meine Großeltern denken, die ihre Äpfel noch in großen Kisten unter der Kellertreppe eingelagert haben. Irgendwann, als ein säuerlicher Geruch hoch in die Küche stieg, hat meine Oma die meisten weggeschmissen, weil kein Mensch soviel Apfelkompott essen kann.

Dann kamen die 80er und kein Mensch, den ich kenne, hat mehr Äpfel eingelagert.

Dafür haben wir ferngesehen. Meist US-Serien, von denen ich einige total vergessen habe, andere zu meinem Soundtrack gehören.

Bemerkt habe ich mein Verdrängen, als ich gestern an einem schönen Netflixabend (Dark Winds ist sehr toll und spielt auch in den lange verschollenen Siebziger Jahren in New Mexico – und es gibt noch 2 Staffeln zu gucken, Hoka He ;)) eine Stunde ranhänge, um die Zeitumstellung auf Normalzeit zu kompensieren. Bei Youtube findet der Algorithmus ein Video mit lauter Vorspännen von 80er Jahre Serien. Toll.

Ix war auch auf Youtube unterwegs, ein kurzes Jahrzehnt weiter. Bei ihm geht’s um Nirvana und Kunst, um Stil und Regeln — und den tollen Gedanken, dass Kunst erst Regeln definiert, bis sie wieder gebrochen werden um neue Kunst zu erzeugen.

Aufmerksame Leserinnen bemerken ja, wie ich mich in letzter Zeit winde, versuche, meinen Stil, meine eigenen Regeln, mein Format zu finden zwischen Bloggen, Literatur und Segelabenteuern. Vielleicht ist die Suche, das Mäandern ja mein Weg?

Mein Freund Christian hat einen Roman veröffentlicht, da hat er mir schonmal was voraus; herrlich schwul und mit allerlei Beschreibungen aus einem längst verschwundenen Hamburg.

Die Klubs durch die Christians Protas ziehen, kenne ich auch noch. Das Or oder das Edeka (wurde das so geschrieben?), oder das FRONT ein wenig aus der Stadt raus in Richtung Berliner Tor.

Christians Newsletter möchte ich euch empfehlen. Manchmal überfordert der ein wenig, und manchmal nickt man wissend, weil sich Erfahrungen überschneiden.

„Pop-Literatur“ – solche zu verfassen mühten sich viele in den 90er Jahren. Manche ordneten Christian Kracht dem Genre zu, andere auch Rainald Goetz („Subito“, „Rave“); als eine Art „Vorzeigeautor“ feierten Rezensenten Benjamin von Stuckrad-Barre für sein Romandebut „Soloalbum“. Ich bin nie allzu weit vorgedrungen in diesem Werk und hatte, vielleicht zu Unrecht, eher den Eindruck, dass da jemand eine banale Hetero-Liebesgeschichte dadurch zu „Pop“ erklärte, dass er Oasis-Titel über die Kapitel schrub.

Mir fielen vor ein paar Jahren Kolumnen eines Popliteraten in die Hände, die quasi ecriture automatique waren und für die der Mann 25.000 Mark im Monat von der stern Redaktion bekommen haben soll.

So stelle ich mir das ja auch vor. Vorher muss sich aber so etwas einstellen, was Rick Rubin mit „dem eigenen“ beschrieben hat. Der eigene Stil, die eigene Kunst. Und sich jemand finden, der dafür bezahlen möchte.

Es ist Herbst und ich zweifle mal wieder.

„Beim Bloggen geziemt es sich auf andere Blogger zu verweisen“, schrieb ich vor beinahe 20 Jahren Sven Regener, als dieser anfing das Release einer Element of Crime Platte zu promoten.

Seine Plattenfirma fand, es sei eine gute Idee, darüber zu bloggen und hat ihm einen Blogger gesucht, der ihm zeigt wie das geht. Nach nur zwei Posts hat er mir gezeigt, wie das geht — und aus seinem Geblogge noch n Buch gemacht.

Vielleicht sollte ich mich mehr an meine eigenen Tips halten.

Macht euch n schicken Sonntag. Ich stöbere heute durch Blogs und bastel mir eine Blogroll, eine Liste von Blogs, die ich euch empfehlen will.

Auch wenn sich Bloggen langsam wie Äpfel-einlagern anfühlt in Zeiten von KI und TikTok.

PS Mikroformate zu (er)finden ist auch toll.

TIL: ist die Abkürzung für „Today I Learned“. Und wird vielleicht ein Teil dieses Blogs.

TIL: Dirk Benedict, der Starbuck in Kampfstern Galaktica spielt (und im A-Team), ist dieses Jahr 80 Jahre alt.

https://norden.social/@ring2/115436919833664033

PPS Das Kommando Monika Sundermann hat angerufen, Bloggen kam in diesem Text zu oft vor. Sie müssen mir zwei Punkte abziehen.

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(B)Logbuch

Erinnerungen an eine Schwüle

Auf die Hitze folgt die Schwüle. Die auch nachts nicht weichen will. Betört mit ihrem steten Druck die Ruhe-suchenden Menschen.

Lustigerweise ist „schwühl“ etymologisch das Gegenteil von „kühl“.

Auch erotisch, wie es schon 1855 in den „Die drei gerechten Kammacher“ hieß:

»O Thees!« rief sie und drückte sich fester an ihn; es ward ihm schwül

Nach betört kommt unangenehm; so ist das Gesetz des Rock n Roll.

[ frei nach G. Keller “Kammacher” 6, 240]

Des Autors Ideen

Wie einige von euch wissen, habe ich dem Vahraonen, Sven Regener, vor Jahren mal das Bloggen beigebracht. Ich war sofort fasziniert von seiner Interpretation dessen, was wir als fiktives, persönliches Tagebuch zu der VÖ seiner Platte besprochen hatten. Er erfand schnell einen Protagonisten, den er Hamburg-Heiner nannte.

Und wählte als Antagonisten einen Celebrity aus seiner Branche, den damals sehr bekannten Musikmanager Thomas M. Stein.

Ich hatte eben die Idee, ob ich das nicht auch so machen sollte. Einen Co-Prota hätte ich schon: “den Kölner” – anders als seine Landsleute nicht lebensfroh, sondern in tiefen Wesenszügen melancholisch. Er hasst Karneval und ist deswegen nach Norddeutschland geflüchtet.

Als Antagonisten fiel mir sofort Thees Uhlmann ein. Eigentlich ein netter Kerl – vielleicht zu nett – hat er mir gar nix getan. Und es sagte mehr über meine innere Verfassung aus, als über seine, wenn ich ihn in meine Blogposts einbaute 🙂 … was meinste?

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Übers Bloggen

„Der ist verrückt, der hasst seine Möbel Bücher“

„Du bist doch bekloppt, Deine Ebooks zu verschenken“, sagt M. am Telefon.

Sie mag meine Bücher. Und sie kennt mich gut.

Mein erster Chef sagte immer, sagt M., „Was nix kostet, ist nix wert“.

Ja, ja, sage ich, das mag ja sein, er sagte aber auch, dass Prince Michael Jackson nicht das Wasser reichen könne — welch ein Narr!

M. liebt Zitate. Ich liebe M. Also gebe ich ihr eins: „Bücher sind dafür da, gelesen zu werden“. Meine auch. Deswegen verschenke ich Sie, damit sie gelesen werden. Und wer sie gut findet, der gibt was – daher das Plus….

Ich habe nur eine Bitte: lies sie auch, meine Ebooks 😉

PS Und was soll der Titel?, fragt M. bevor wir gehen. Kennst du noch die Radiowerbung aus den 80ern?

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500 Zeichen

300 x 500 Zeichen

Zwei Jahre #500Zeichen.

Jubiläen machen mich immer ein bisschen idelig. 50 Jahre Schlachter Heiner mit goldenem Eichenlaub über der Eingangstür. So springt das Wort mir ins Gemüt.

Und doch schleicht sich ein kleiner Stolz in die Schreibe, wandert der Blick zurück zu dem Moment, an dem man dachte, kleine Texte in 500 Zeichen zu verdichten, wäre ne knorke Idee.

Inzwischen feiere ich 300 kurze Prosagedichte.


PS vielen Dank an C., meinen aktuell einzigen Supporter. Auch Spaß an meinen Texten?, dann lass mir n Kaffe da 😀

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(B)Logbuch

Stream

„Das Logbuch gestern war ja eher so Stream of Consciousness„, sagt C. als wir uns halbe Strecke in Lissabon zum Lunch treffen. Der Riba Tejo fließt behäbig unter der großen Brücke hindurch. Der Fluss wirkt ziemlich unbeeindruckt.

Ich gebe zu, als abgebrochener Kulturwissenschaftler musste ich das erst googeln. Virginia Woolf, wow.

Ich muss spontan an einen früheren Kollegen denken. Der hatte sein Studium abgeschlossen, fällt mir gerade auf.

Er hieß auch C. und war Autor. Immer wenn ich in sein Büro kam, lagen genau drei Sachen auf seinem ansonsten leeren Schreibtisch: ein Blatt Papier, ein teurer Stift (so einer, mit dem man beim Notar seinen eigenen Untergang gegenzeichnet, nachdem eine elegant gekleidete Dame sehr gut riechenden Espresso mit italienischen Keksen serviert hat) und eine Packung Cigarillos. (Meist rauchte er gerade einen davon, das war damals normal).

Eigentlich sollten wir arbeiten. Website- oder Internetfilmkonzepte schreiben. Für Schokoladenfabrikanten, Reisebüros, TV-Sender oder die örtliche Filmförderung. Ziemlich häufig sprachen wir aber über Gott und seine Welt.

C. hatte zum Beispiel eine sehr pragmatische Einstellung zum Glauben. In einer unserer spontanen Sitzungen elaborierte er darüber, dass man praktischer Weise Katholik sein müsste.

„Die haben den besten Deal“, sagte er dann und nahm einen Zug von seinem dominikanischen Cigarillo. „Du darfst alles tun, was Du willst; wenn Du an mich glaubst, wird Dir alles verziehen.“

Eigenwillig. So hatte ich das noch nie betrachtet.

An einem Dienstag (das weiß ich, weil es da beim Italiener nebenan immer Frutti di Mare gab) erzählte er mir von der „Ecriture Automatique“, einer Literaturform des 19. Jahrhunderts, die in Frankreich entstand.

Die Grundidee ist dem Bewusstseinsstrom recht ähnlich. Assoziiere. Verknüpfe, lass es laufen. Du wirst sehen, der Text wird schwimmen, laufen, rudern, um die Ecke biegen und dich an Orte führen, die du dir am Anfang nie hättest vorstellen können.

C. erzählt gerade von einem gemeinsamen Bekannten. Der hätte nu alle Schäfchen im Trockenen und wüsste trotzdem nix mit sich anzufangen. Auch eigenwillig. Das würde mir nicht passieren.

Mein Blick schweift über den Tejo und erfasst ein weißes Segel, das sich den Strom hinauf quält. Schäfchen, denke ich, die wären wohl nicht seefest, oder?

Wie lang‘ wird denn das noch dauern? Ich muss auf die Uhr schauen… schickt sich wahrscheinlich nicht in einem so ernsten Konzert. Aber wer sieht’s denn? Wenn’s einer sieht, so passt er gerade so wenig auf, wie ich, und vor dem brauch‘ ich mich nicht zu genieren…

Aus »Lieutenant Gustl«
 von Arthur Schnitzler (
1862‑1931)
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(B)Logbuch

Bunter Fleck

Nieselregen, sieben Grad.

Ich habe heute Morgen meinen frisch gepressten Kaffe von der provisorischen Arbeitsplatte gefegt.

Glücklicherweise sieht der Fußboden in der Küche nur so aus als sei er aus Holz. Er ist aus Vinyl, dem Stoff aus dem früher Träume waren und Nummer 1 Hitalben.

Ich sitze nun also mit meinem zweiten ersten Kaffe des Tages am Küchentisch und blicke in das graue Hamburger Wetter einer Zwischenzeit. Der Frühling ist da, weiß aber noch nicht viel mit sich anzufangen.

Mir kommt der Gedanke, das spießige Ensemble hier, mit abgesteckten Rasenflächen neben Parkplätzen im Wechsel, aufzubrechen. Habe mir Bienenwiesen-Samen bestellt.

Stelle mir vor, wie dieser kleine Fleck vom Weltraum aus aussieht. Vielleicht zieht er ja ein vorbei fliehendes Raumschiff der Vulkanier an. Als ein Zeichen der Hoffnung, dass hier unten doch noch nicht alles verloren ist.

(Bin gleich wieder da… muss nur schnell die gelbe Tonne rausbringen)

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Auf ein Jahr des Träumens

Die Natur strebt nach stabilen Zuständen — so auch wir als Teil von ihr.

Wenn dann mal kein Land in Sicht ist, ärgern uns absurde Ideen, denen wir versuchen aus dem Weg zu gehen. Was aber, wenn wir Klabauters Stiimme zulassen; uns einlassen?

Im Nebel ist jede Richtung gleich richtig. Verstand und Augen nutzlos. Lass ihn herankommen, den Traum. Schemenhaft kannst Du die Neonreklame schon sehen: „Äntschis Hundeparadies“.

(Für Andrea, am Beginn des Jahres der Träume)

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Superman-Mond

Gestern flog Superman am Supermond vorbei. Er wäre gut zu sehen gewesen, wenn es in der kleinen Stadt nahe der Metropole nicht bewölkt gewesen wäre.

Was hat der Dunst mich noch verpassen lassen?, frage ich besorgt die fallenden Blätter vor meinem Fenster. Sie können es gerade nicht fassen, dass ihr Ast sie bei 19 Grad einfach los lässt.

„S’ist Zeit“, nuschelt der Baum.
„Wo ist Superman, wenn man ihn braucht“, wimmert das letzte Blatt, bevor der Wind es fort trägt, in den Nebel.

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1 Jahr 500 Zeichen

Ein Jahr #500Zeichen im Fediverse und im Blog.

Was als kleines Formatexperiment begann, ist immer noch eines, nur dass mehr als 250 Menschen den mehrtäglichen Posts per Newsletter oder bei Mastodon folgen. Fünf von euch haben mich bei SteadyHQ oder Ko-Fi sogar mit nem Kaffeegeld versorgt. Dazke dafür.

Ich überlege, ob ich das Format überarbeiten soll? Euer/ Dein Feedback ist mir dafür sehr wertvoll. Also bitte: teile und schick mir 1 Reply mit Deinen Ideen.

Ahoi.
Erik.

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Bumshell

  1. Juni

Der längste Tag. Ich saß noch um zehn Uhr abends am See unten im Park und schaute den Bäumen beim sein zu. Wie dicht und grün alles ist, auf dem Höhepunkt – trotz Regenmangels.

Nachts – es war kurz dunkel – wischte gleissendes Weiß über meine Augen. Erst im Traum, dann ganz wach. Das Haus fuhr durch eine Waschstrasse mit Stroboskop. Ohne sich zu bewegen.

Alles dampft. Neu: schnelle, große Tropfen.

Sich schön machen für den Rückweg um die Sonne.

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Mopo und Konstanze

„Konstanz ist eine hübsche Stadt am Bodensee, … Konstanz ist aber auch etwas, was sich jeder Trainer … wünscht“ — Artikeleröffnungen sind eine heikle Sache. Versemmelt man schon den Anfang, verteilen viele Leser schnell „Prügel“ (Bayern), und das macht „Aua“ (Westfalen). Was die Mopo hier geritten hat? Vielleicht der Gedanke an ein „Sargleben“. Ist nicht so weit weg: in Mecklenburg-Vorpommern. Dem HSV gilt vielleicht die nächste Headline: Live aus „Großkotzenreuth“ (Oberpfalz). #500zeichen #Morgenseiten
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Spülmaschinenhöchststrafe

„Wieso kriegen alle Familien dünne und ausgerechnet wir bekommen die dicke Französin?“, fragt B.

„Ich muss dieses Reiki mal ausprobieren“, antworte ich.

„Wieso bin ich eigentlich immer derjenige, die die Maschine einräumen muss?“, denke ich laut. Und rufe dann „Scheiße “ — merke gerade, die Spülmaschine ist sauber.

Ausräumen und dann Einräumen: Höchststrafe.

Das Telefon klingelt.
Renate war bei einem Heiler. Es geht ihr jetzt gut.

Hilft der auch bei meinem Spülmaschinenproblem?

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Negatives Tropenfieber

Woran merkt man eigentlich, dass man sich eine Tropenkrankheit eingefangen hat?

„Man sollte schonmal in den Tropen gewesen sein. Am besten kürzlich“, sagt M. auf meine komische Frage.

Ich glaub ich hab das Gegenteil von Fieber. Mir ist kalt, trotz 21 Grad am Morgen. HHer Hochsommer eigentlich.

Auch wache ich so früh auf, das ich seit Wochen den Wecker verpasse, weil ich schon wach bin. Ist mir zu hell zum Schlafen. Oder zu warm. Schade, hab grad n neuen Ton: „Sunrise“ heißt er.

https://steadyhq.com/de/blogfrei/about

#500zeichen

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Heute nur Scholle

Morgens um 8:00 trudeln die Fischer langsam ein; ich merke das an den schlurfenden Schraubengeräuschen, die mich – zuverlässiger als ein Wecker – aus der Koje treiben.

Am Fischersteg stehen schon die ersten Kunden. Heute werden sie wieder nur Klischen und Schollen bekommen, wie schon seit Monaten.

„Heute kein Dorsch?“, fragt einer. „Heute nicht, die ganze Saison noch nicht“, antwortet der Fischer. „Und wenn, dann nimmt er ihn mit nach Hause“, ergänzt ein anderer.

#500Zeichen #Morgenseiten

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Kieler Arie

Heute erst um 10:00 Frühstück. Das Pfeifkonzert der Vögel erinnert mich an eines, das selten ist in diesem stillen Hafen. Es ist Kieler Woche. Von Gegenüber aus Schilksee wehen Bässe herüber. Doch etwas gesellt sich zum Wummern dazu. Wolfgang hat Gäste an Bord. Einer übt Opern, denn er singt katzenhaft-operesk die Nationalhymne. Vietnam schießt derweil den Anschlusstreffer, als Sascha zum Finale ansetzt. Wusste gar nicht, dass der Ex-Star Klingonische Arien kann 😉 #500Zeichen #Morgenseiten
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500 Zeichen am Morgen

Der Morgen passt in 500 Zeichen, oder besser: passt der erste Gedanke morgens in ein Posting mit 500 Zeichen? Das habe ich mich gefragt und testweise ein neues Morgenseiten-Format kreiert, das in ein Mastodon Posting passt (deswegen auch der Hashtag #500zeichen).

Inzwischen mache ich das seit eineinhalb Jahren. Den ersten Band hälst Du in der Hand. Als Ebook oder Newsletter.

500 Zeichen heisst es passenderweise 😉

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Eröffnet Schutzbereiche

Ich habe heute morgen noch im Bett in einem Urteil gelesen. Ich bin kein Jurist, auch deswegen kommt das eigentlich so gut wie nie vor.

Was mir auffiel: juristische Sprache kann sehr poetisch sein. Vor allem wenn das Grundgesetz beteiligt ist. Dessen Artikel können nämlich „Schutzbereiche öffnen“, in denen Menschen nicht eingeknastet werden dürfen, nur weil sie den Verkehr stören.

So schreibt das AG München: „Eine Sitzblockade von Klimaaktivistinnen stellt eine Versammlung dar, die den Schutzbereich des Art. 8 GG eröffnet.“ – und ich denke: so geschützt, kann uns doch gar nix passieren.

Und dann denke ich an die vielen jungen Menschen, die auch in Hamburg sich vertrauensvoll in den Schutzraum des GG begeben und auf ganzer Hamburger Linie versohlt, bespritzt und vertrieben werden.

Denn Schutzräume macht das GG eben nur nachher auf, also offiziell. Im Jetzt herrscht oft die Willkür, die diesen Schutzraum mit Gewalt flutet.

Ich seufze in meinen Kaffee, und wünsche mir, dass sich ein Weg finden ließe, geschützte Räume auch in die Gegenwart zu holen.

Letzte Woche hat mein Freund Marcus in unserem Podcast von Clubs und anderen subkulturellen Räumen gesprochen, die dringend Hilfe brauchen. Da sollte man auch Schutz eröffnen – sind ja auch Versammlungen irgendwie.

Was denn so ein „Schutzraum“ ist, fragt mich M. eben am Telefon und ich muss kurz nachdenken – M. erwartet Druckreifes.

„Ein Raum, der frei von Eingriffen ist, vor allem staatlichen“, antworte ich doch noch ziemlich spontan. Ich muss an die Rote Flora denken, die heute so auch nie mehr entstehen könnte.

„Eingriff“, sagt M., „klingt irgendwie nach Unterhose“.

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Auf Reisen

Danke Jean-Luc

Ich bin die Tage wirklich emotional geworden. Ein alter Freund hat aufgehört, ist quasi in Rente gegangen – diesmal für immer. Denn da war er schon einmal. Im Ruhestand. Ich habe 1994 mit einem alten Schulfreund bei meiner Mutter zuhause auf dem Sofa gesessen und die letzte Doppelfolge von „Star Trek the Next Generation“ angesehen. Das Finale eine Serie, die mich meine ganze Adoleszenz begleitete und tief beeindruckt und geprägt hat. Viel mehr als „Raumschiff Enterprise“ mit Kirk, Spock und dem wundervollen George Takei als Lt. Zulu (wobei ich erst Jahre später bemerken sollte, dass er der wundervoller Vorkämpfer für die Ideen und Utopien war, die mich erst in den Raum der Föderation zogen). Zu einer Zeit, in der die Geschichte für uns in der BRD und überhaupt endete – das versprach uns zumindest ein Historiker, der sich inzwischen selbst widerlegte – war Star Trek TNG mehr als nur eine TV Serie: sie war Fluchtpunkt, utopisches Framework, Sitcom und Fantasie-Rollenspiel in einem. Darmok und Jalad auf Tanakra Dreh- und Angelpunkt war Jean-Luc Picard, gespielt von dem immer ein wenig unterforderten Patrick Stewart. Meine Lieblingsfigur war Worf, der sich sein ganzes Leben aus der klingonischen Zwickmühle aus Stolz und Vorurteil heraus kämpfen muss. Als die Serie damals endete, endete auch eine persönlich sehr intensive Phase für mich. 1989 war mein Vater gestorben, mit 49 Jahren jünger als ich es heute bin. Als uns die Todesnachricht erreichte, lag ich in meinem Bett und der Abspann einer abendlichen Wiederholung der Serie lief gerade über den Bildschirm. Als 1994 Jean-Luc durch die Raumzeit geisterte und jeden im Bademantel herumirrend fragte, welche Sternzeit wir haben, war ich gerade aus einer langen Trauerphase heraus getreten. Ich schwamm mich gerade frei davon, das Leben eines Toten aufzuräumen und später als andere den Kurs zu setzen: „Mark nine, engage“, hätte Jean-Luc gesagt und seinen rechten Zeigefinger in die Richting zeigen lassen, in die es nun mit Warp 9 gehen soll. Gestern endete unausweichlich diese Serie ein zweites Mal, denn mit der dritten Staffel von „Picard“ (ob das irgendwann mit STP abgekürzt werden wird?) wird Jean-luc ein zweites Mal – ein letztes Mal – in den Ruhestand geschickt; die Enterprise endgültig eingemottet. Warum mich das so emotional macht? Vielleicht, weil es irgendwie rührend ist, wie der inzwischen 82 Jahre alte Jean Luc durch den Weltraum geistert. Immer hat man das ungute Gefühl, dass ihm gleich jemand über die Straße helfen müsste. Und doch entwickelt dieses greise Revival eine Schönheit, ein wohliges Gefühl des „Ja-es-muss-noch-einmal-sein“, dem ich mich nicht entziehen kann. Und nicht will. Ich verliere einen popkulturellen Bezugspunkt; einen der sich glücklicherweise selbst beschränkt, bevor er zur hauntologischen Witzfigur wird. Danke, Jean Luc. Nun kann ich dich gehen lassen.
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Zwei Möwen

Ein kleines Experiment. Eine kleine Oster-montägliche Aufgabe an mich und an ChatGPT: „Schreibe einen Text im Stile der Ecriture Automatique. Stelle dir vor, du beginnst an einem Ostermorgen an der See und betrachtest Möwen. Assoziiere frei weiter…“

Eriks Morgenseite dazu:

Zwei Möwen stürzen sich auf ein weggeworfenes halbes Fischbrötchen, als die Sonne über der Ostsee aufgeht.

Ich stehe hier schon seit einer Stunde und schaue dem Tag beim Anbrechen zu. Das dauert immer quälend lange, bevor aus dem ersten Glühen am Horizont der erste Strahl wird, der über die Linie blitzt, die den Tag von der Nacht trennt.

Die beiden Möwen haben Gesellschaft bekommen. Nun jagen sechs andere der einen hinterher, die das Fischbrötchen im Schnabel trägt. Zum Herunterschlingen hat sie keine Ruhe, dicht hinter ihr machen ihre Verfolgerinnen jedes waghalsige Manöver mit. Tom Cruise hätte seine wahre Freude.

Maverick verliert kurz die Spannung und lässt nach einer abrupten Rolle kurz über dem Wasser seine Beute fallen. Die Möwe, die als erste den größten Teil des inzwischen zerbröselten Brötchens erwischt hat, findet kaum Zeit wieder zu starten und zu fliehen bevor der inzwischen auf 12 angewachsene Schwarm nun sie verfolgt. Ein erbarmungsloser Tanz aus Neid, Missgunst und Fluggeschick, der keiner den Sieg gönnt.

Rotgold schimmert die neue Sonne des neuen Tages gegen einen losen Teppich aus kleinen Wolken, die gegen den leichten Wind gen Ufer ziehen.

B. müsste inzwischen wach sein. Zeit für das Osterfrühstück; nachher wird es sicher noch regnen. Denn Morgenrot ist des guten Wetters Tod, wie Oma immer sagte, nur auf Plattdeutsch natürlich. Das kann ich aber nicht mehr.

Ist irgendwie zerbröselt.

ChatGPTs Morgenseite, frei assoziiert:

Ein warmer Ostermorgen an der See. Ich sitze am Strand und beobachte einen Schwarm Möwen, die durch die Luft fliegen und auf der Suche nach Futter sind. Ihre weißen Federn glänzen in der Sonne und ihre Schreie füllen die Luft.

Ich frage mich, was sie wohl denken und ob sie überhaupt denken. Möwen scheinen so frei und unbeschwert zu sein. Sie fliegen, wohin sie wollen, ohne sich Gedanken über ihre Zukunft zu machen oder sich an ihre Vergangenheit zu erinnern. Ich frage mich, was es wäre, wenn wir wie Möwen wären. Wenn wir einfach durch das Leben fliegen könnten, ohne uns Gedanken über unsere Probleme und Sorgen zu machen. Wenn wir uns einfach treiben lassen könnten und die Freiheit genießen würden, die uns das Leben bietet.

Aber vielleicht sind wir wie Möwen. Vielleicht sind wir auch auf der Suche nach etwas, das uns antreibt und motiviert. Vielleicht sind wir auch auf der Suche nach unserem Platz in der Welt und unserem Sinn im Leben. Vielleicht ist es unsere Sehnsucht nach Freiheit und Unbeschwertheit, die uns dazu bringt, jeden Tag aufzustehen und unser Bestes zu geben.

Die Möwen fliegen weiter und ich beobachte sie. Ich denke an all die Orte, an die sie schon geflogen sind und an all die Abenteuer, die sie erlebt haben. Ich frage mich, ob sie jemals müde werden und ob sie jemals aufhören zu fliegen. Aber dann sehe ich eine Möwe, die auf dem Wasser landet. Sie schwimmt ein paar Meter und taucht dann unter Wasser. Ich bin überrascht, denn ich wusste nicht, dass Möwen schwimmen können.

Ich denke darüber nach, wie erstaunlich es ist, dass wir Dinge über die Welt lernen können, die wir zuvor nicht wussten. Ich denke darüber nach, wie wir ständig lernen und uns weiterentwickeln können, wenn wir offen und neugierig bleiben. Die Möwe taucht wieder auf und fliegt zurück in den Schwarm. Ich frage mich, ob sie ihren Freunden erzählen wird, was sie erlebt hat und ob sie stolz darauf ist, dass sie schwimmen kann. Ich denke darüber nach, wie wichtig es ist, stolz auf uns selbst zu sein und unsere Leistungen zu feiern, auch wenn sie klein sind.

Ich denke darüber nach, wie oft wir uns selbst kritisieren und wie selten wir uns selbst loben. Vielleicht sollten wir öfter stolz auf uns sein und uns an all die Dinge erinnern, die wir erreicht haben. Die Möwen fliegen weiter und ich beobachte sie. Ich denke darüber nach, wie schön es ist, einfach hier zu sitzen und nichts zu tun. Ich denke darüber nach, wie oft wir uns in unserer hektischen Welt von der Ruhe und Stille entfernen und wie wichtig es ist, uns Zeit zu nehmen, um einfach nur zu sein.

***

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Charly

Nichts gegen Prunk. Nur einen Buchstaben vom Punk entfernt; ich würde euch beiden erliegen. Könige geben Audienzen und sich neue Namen. Dich so zu sehen, Hamburg, so aufgeregt. Schlimm.

Manchmal kann es ruhig kurz sein. Ich habe keinen König, und das ist gut so. Warum sollte ich mir einen anschauen? Etwas, das grösser ist als ich, finde ich überall.

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Dialoge

Erst mal n Kaffe

Guten Morgen,

Ich hoffe du bist gut hochgekommen heute. „Erstmal n Kaffe“, twittert ein Bekannter von mir immer als erstes. Ohne das zweite E, so wie man ihn in Hamburg spricht. Ein wenig weiter nördlich, so lernte ich gestern von einem alten Bloggerkumpel, trinkt man Espresso mit Kardamom. Man mag es offenbar exotisch in Schleswig-Holstein.

Das, was Du zum Start in den Tag trinkst, hat ja auch was zu sagen, sagt meine Oma.

Sie schwört auf Filterkaffee, aufgegossen mit „springend kochend Wasser“. Wie modern sie schon vor 40 Jahren war, kann jeder sehen, der sich im Hain, dem Blatt oder in Frankfurter Edelröstereien umschaut.

„Springend kochend Wasser“, wenn ich das schreibe, dann höre ich sie wieder. Stolpernd über den spitzen Stein. Wenn ich sie in diesem Text sprechen lassen möchte, dann setze ich ihre Rede in Anführungszeichen — die hat sie immer „Gänsefüßchen“ genannt.

Ich lese gerade ein neues Buch, da haben sie die Gänsefüßchen vergessen. Mit Absicht womöglich… das liest sich dann in etwa so:

Sie lassen dich also raus, Wollie. Sieht so aus.

Was willst du jetzt tun?

Tanzen.

Ist gewöhnungsbedürftig.

Was, Wollie?

Die Freiheit, Sir, die Freiheit.

//: komm gut in deinen Tag, jetzt erstmal n 2. Espresso. 😉

Erik

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Ertrinken in Dir

In zwei oder drei Milliarden Jahren wird unsere Milchstraße mit dem Andromeda-Nebel fusionieren. Sie werden ein paar Jahrhundertmillionen umeinander hertanzen und dann verschmelzen.


„Zwei oder drei Milliarden?“, du willst es ganz genau wissen. „Sag ich doch, zwei oder drei Milliarden“, antworte ich. Und kein Schwein wird sich daran erinnern, dass die Dinger Milchstraße und Andromeda hießen.

Wir liegen auf dem Rücken, der Sand in Laboe ist noch warm von der umwerfend sonnigen Woche, die hinter uns liegt. Du schaust in die Sterne, ich schaue in dich. Deine Nase hat mir immer schon gefallen, die von der Seite wie ein fast perfektes Dreieck aussieht. Ich muss unwillkürlich an einen Schwertfisch denken, wenn ich Dich sehe, aber das kann ich Dir natürlich nicht erzählen, das würde man ja kaum als romantisches Kompliment verstehen. Schade, denn im Grunde ist es eines.

Im Augenwinkel sehe ich die Existenz eines Kometen zu Ende gehen, er zerbricht in drei Teile, die hell über den Himmel jagen. „Ooooaaahh“, rufst Du begeistert. Und ich hoffe, dass Du Dir dasselbe wünschst, wie ich.

Du lächelst mich an, und ich versuche das auch. Wenn ich nur nicht so doll pinkeln müsste. Schiet, ich weiss doch, dass Bier bei mir diese Wirkung hat. Kalter Prosecco wäre auch viel stilvoller gewesen.
Da kommt mir eine Idee, als ich mir die verlassenen Strandkörbe so ansehe. Wir sind allein am Strand. »Komm, gehen wir schwimmen«.

Über uns die Sterne, das Wasser ist warm, und Du hast eine Gänsehaut, die ich soo sexy finde. Ich spüre sie unter Wasser, als wir uns umarmen, Wasser tretend. Mir ist nicht kalt, sondern wirklich heiß. Als wir uns küssen, stößt mich unten etwas an. Und bevor ich genau realisiere, was, ruckt dein Kopf nach unten. Dann wieder nach oben. Du schaust mich verwundert an, und lächelst sogar, als ein weiterer Ruck dich mir entzieht. Du bist weg. 

Ich bin allein. Das Wasser um mich herum fühlt sich komisch warm und zäh an. Mir wird kalt. Ich spüre meine Beine nicht mehr, obwohl ich immer noch meine Wasser zu treten. Ich schaue nicht nach unten, nein, ich will nicht. Ich schaue in den schwarzen Himmel. Spanische Musik weht in Fetzen vom Strand herüber, in der Tapasbar am Strand von Laboe ist mal wieder Halligalli angesagt. Die Nachtfähre nach Göteborg läuft mit voller Kraft aus der Förde als ich untergehe. »Fischfutter, Fischkutter, Milchstrasse« – 
… als ich wieder zu mir komme, sehe ich eigentlich nur ein dunkles Grün. Es ist still, und ich atme nicht. Langsam kommt alles wieder in Gang, als ob da eine Checkliste abgearbeitet wird. … Ob meine schwarze Lederjacke noch am Strand über dem Strandkorb hängt? Zusammen mit meiner Hose?

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Haikus, Gedichte und andere kurze Gedanken

Vierter Versuch: Literatize yourself

“Glaubst Du wirklich, das Wirken der Welten ließe sich durch 13 teilen?”

Wir erfinden mich gemeinsam, neu.
Entfernen die Züge der Jugend.
Ändern wir auch die Welt?
Ja. Und mich nebenbei mit.

Ich putze meine Zähne,
Der Spiegel schaut mir ins Gesicht.
Lächle mich an, und suche,
Aber Ewigkeit sehe ich nicht.

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Zwei Rillen

27. Januar

Der Kaffee dampft gemütlich in der Küche, als ich mein Bewusstsein verliere. Das weiss ich noch, das mit dem Kaffee, auch weil ich mir dabei zusehen kann, wie ich auf dem Boden aufschlage.

Ich sehe mich nicht von Außen, wie Augenzeugen das im Fernsehen so berichten, wenn mal wieder das Leben nach dem Tod, der Nahtod als grummeliger Wiedergänger in den 23:00 Uhr Slot gepresst wird. Nein, eher schaue ich aus mir heraus. Fallen tut wer anderes. Leise umhüllt mich eine grünschwarze Metalligkeit, durch die alle Welt in den Dark Mode wechselt.

Wenn ich je einen Kaffee gebraucht hätte, dann jetzt.

Hab ich eine saubere Unterhose an?, die Frage schlendert ganz unschuldig in meinen noch immer staunenden Geist. Ich wusste gar nicht, dass ich so nüchtern sein kann. Und bin erleichtert. Ja. Alles in Ordnung an dieser Front. Vor gut 20 Jahren habe ich alle Notunterhosen aus meinem Stoffschatz entfernt. Wiederum 20 Jahre nach den eindringlichen Ratschlägen meiner Großmutter, die nicht müde wurde zu warnen: “Jung, wenn du mal n Unfall hast und mit dieser zerrissenen Unterbüx ins Krankenhaus kommst, dann ist das bannig peinlich”.

Das war ihr wichtig: gepflegt verunfallen.

Als ich so da liege und aus mir heraus schaue, frage ich mich zwei Dinge gleichzeitig. Das kannte ich so noch nicht von mir; als ob zwei Schichten Denken in meinem Kopf sich drehen. Nicht mit derselben Geschwindigkeit, eher so, wie die Anzeige an meinem alten Technics Plattenspieler, die gegenläufig sich visuell zu einer schwebenden Rille formt, um anzuzeigen, ob der Plattenteller zu schnell oder zu langsam läuft. Das war damals noch jedem selbst überlassen, wie er sein Leben einstellt: schnell oder langsam; fliehend oder leiernd.

Ist das eigentlich OK, wenn man 20 Jahre braucht, um Omas Weisheiten auch umzusetzen?

Es klingelt an der Haustür, aber ich kann mich nicht rühren. Ich blinzle noch nicht einmal. Auch der Ton, der von meinem Trommelfell in meinen Geist drückt, hat diese blau metallic Farbe. Ich kann den Ton sehen, nur antworten, das müsste der andere Ich. Aber der hat ja das Bewusstsein verloren.

Die Ruhe, die mich umgibt hält sich vornehm zurück. Drückt nicht und hält mich doch umfangen. Mich beruhigt dieser grünschwarze Filter vor der Welt ungemein. Ich muss nicht einmal schwer atmen. Kalt ist mir auch nicht, obwohl es in unserer Wohnung empfindlich an den Füßen zieht im Winter. Und wir hatten eben ja noch Januar.

Ich komme zu mir und schlage mein zweites Paar Augen auf. Langsam fährt der andere wieder hoch, der sich seit ein paar Minuten meinen Körper mit mir teilt. Die andere Rille scheint verwirrt, läuft aber immer schneller. Linksrum. Ich versuche mich anzupassen, uns in Einklang zu bringen bei 33 Umdrehungen pro Minute.

Wenn er schaut ist die Welt eher milchig, bevor sie jetzt klarer wird und so aussieht, wie ich mein Wohnzimmer erinnere. Das Röcheln der Kaffeemaschine hören wir bevor wir zweimal tief einatmen.

Ich nehme mir vor, mich mir vorzustellen, sobald wir aufgestanden sind.

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Schwarz weiß

Inzwischen hatte er sich beinahe daran gewöhnt, daß die Cherrytomaten vor ihm auf dem Tisch wie Sauerkirschen aussahen. Die abgeschnittene Hortensie wuchs nicht mehr, anders als Tulpen in ihrem feuchten Grab. So öffentlich tot, dass er sich nun, da „der Zustand“, wie er ihn nannte, seit mehreren Tagen anhielt, nicht erinnern konnte. An ihre Farbe.

Frühstück in s/w

Er war nirgendwo gegengestossen, nichts tat ihm weh. Auch nicht der grosse Zeh. Ein Gichtanfall war das wohl kaum, eher ein Sichtanfall. Er lachte bitter.

Sein Urin, das war immerhin komisch, schwankte zwischen hellgrau und dem, was ihn an vergilbte Dachpappe erinnerte.

Noch hatte er niemandem erzählt, dass er die Welt nur noch schwarz -weiß sah, in der Hoffnung, dass es im nächsten Moment, am nächsten Morgen einfach verschwand.

Er hatte Western von gestern immer geliebt, aber Teil von Festus Hagens Alltag zu werden, brachte ihn langsam um den Verstand.

Er beschloss hinaus zu gehen, sich auf die Straße zu wagen, auch wenn er gelbe von grünen Lichtern nicht mehr würde unterscheiden können.

Budni erkannte er. Am Logo. Und kaufte nur Dinge, bei denen der Produktname sofort verriet, was drin war. Spaghetti, Bolognese-Sauce (Bio), Lassi – Kräuter, nicht Mango. Den mochte er zwar lieber, aber er hatte Angst, dass das Goldgelb in s/w ihn sofort zum Kotzen brachte.

An der Kasse dann der Schock. Die übergewichtige Verkäuferin, die sich an ihm vorbei drängte und allen in der Schlange zurief, „Kasse drei macht auf“, war in Farbe. Sie lächelte ihn an, als er vor ihrer Kasse den Halt verlor und in den Stapel braune Kuchen fiel, der hinter ihm stand. KEMMSCHE stand drauf und die hatte schon seine Oma immer in den Kaffee gestippt.

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Knöf.

Photo credit: fraggy on VisualHunt.com

Mit der Kraft ist das so eine Sache, sagte mein Großvater immer. Sie gehorcht nur wild, steckt fest in eines Mannes Arm. Deswegen nennt man viele von ihnen vielleicht auch Armee?, wer weiß.  

Was ich weiß: sie vergeht. Ist im übernächsten Dorf so wenig zu spüren, wie im Übermorgen.

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Haikus, Gedichte und andere kurze Gedanken

Nach draussen schauen

Schau doch Mal raus, Kleines. Es regnet draussen.

Hej, ein Bambus hat den Winter nicht überstanden. Wir haben es nicht mehr weit, dann ist es geschafft.

Alles wird grün. Und die Erinnerung an das Zehrende schwindet, wie bei jeder Geburt.

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Jeder Atemzug

Jeder Atemzug,
So einzigartig wie ein Flügelschlag.
Und der Himmel schweigt

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Aufstehverbot

Es ist ein nasskalter Tag, die Wolken hängen tief über den glänzenden Dächern der Stadt, als ich mich gegen Mittag aus dem Bett schäle. Das Herunterwerfen meiner Decke war schon eine Überwindung, das Heraussteigen aus der Mulde, in der ich die letzten 12 Stunden verbracht habe, ist eine Quälerei. Statt Tanzverbot sollte es am Karfreitag ein Aufstehverbot geben – ich würde mich daran halten.

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Marzipanmond

Mandelsplitter bohren sich durch sein Herz. Süß und schwer. ### Links von ihm flüstert eine vertraute Stimme die Wettervorhersage. Ich kann nichts mehr essen, nichts Süßes mehr sehen. Bedauern überfällt ihn – so plötzlich, dass er anfängt laut zu lachen. Zuviele. Sie waren zuviele.

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Immer. Immer noch.

„Würde mich interessieren,  ob Du mich noch liebst?“

„Wozu?, um mir wieder das Herz zu brechen?“

„Ja. Ich kann nicht anders „

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Haikus, Gedichte und andere kurze Gedanken

Irgendwann

Irgendwann treffe ich eine Frau, die verrückt genug ist, mir zu glauben.

Die mich nicht beschützt, sondern eine Räuberleiter macht, damit wir über die Mauer klettern können.

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Sterne ohne Maß

Maß halten ohne Punkte zu zählen, das ziemt sich. Ziel erreicht.

Die inneren Kontrolleure haben immer recht. Das war die Regel bis gestern. In mir ist genug Liebe für drei Kerle. Und wenn die Rauhnacht ihren schwarzen Mantel über die Stadt legt, will ich nichts mehr essen. Nichts trinken.

Der Mund bleibt trocken. Keine Wärme strömt aus Ottensen, selbst wenn Jahrtausende altes Licht auf die nassen Strassenn fällt.

Zuvieles ist zu ungeordnet. Keine Ruhe findet sie im Chaos meiner Welt. Weihnachten steht vor der Tür und bricht Dir das Herz. Du Witzbold willst es wissen? Geh dich umziehen.

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Geliebte Wut

Die Wut, von der er gar nicht sagen konnte, woher sie so plötzlich gekommen war, verzog sich aus seinem Bauch. Zurück blieb ein leichter Druck um seinen Magen, unmöglich war der mit Schmetterlingen zu verwechseln. Ob es am November lag, hatte er sich schon oft gefragt. Andere Menschen verliebten sich im Frühling, der passte viel besser zum Gefühl, als der verwesende Rest des Jahres, dessen Ereignisse wie Torf auf seiner Seele lagen.

Es war schon zehn Uhr vormittags und würde heute nicht mehr richtig hell. Tapfer wehrte er sich gegen den Drang, in die wohlige Tiefe seiner Melancholie einzusickern, die sich nun dort breit machte, wo die Wut Platz gemacht hatte.

Er blickte auf die Balkone gegenüber. Auf die Satelliten-Schüsseln, die alle auf denselben fernen Punkt ausgerichtet waren. Hinter ihnen flackerte kaltes Licht. Die Wiederholung der letzten Wetten dass ..? Sendung vielleicht oder eine türkische Soap Opera?

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Olafs Sinneswandel

Die nasse Hand aus Westen streicht über die Stadt, es regnet dicke Tropfen von der Seite. Blätter stoben aufgeregt in Richtung Centrum. Wer weiss, was sie von dort mitbringen, wo der blanke Hans wohnt.

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Ein wenig Blut geleckt

Was ist schon ein wenig Blut gegen Dein Leben;
Wenn es ginge, ich hätte Dich gewarnt;
Der Saft ist süß und die Hand gewaltig.

Die Welt spiegelt sich in der See;
Und nur der Wind vermag meine Wirklichkeit zu zeigen,
Und kräuselt die Deine.

Es kommt mir vor, Du lebtest dort,
Gut zu sehen und doch so weit fort.

Wenn es windstill ist, tauche ich zu Dir,
Trinke Deinen roten Saft
Und ertrinke.

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Lord Liberty

Ich schaue mir enttäuscht die Fotos auf meinem iPad an, die trotz Filter nicht in der Lage sind, die nette Abendstimmung auch nur annähernd einzufangen. Alles düster und mittendrin prangt ein kleiner heller Punkt. So kann ich das niemals in meine Timelines posten. Die Leute denken ja, ich hätte mein Auge für Motive verloren.

Das liked niemand, denke ich schmollend, dabei ist der Abend so schön. Es ist warm und ich fühle mich geborgen in diesem Sommertag. Das möchte ich teilen.

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Weiß

Weiß. Überall weiß.

Kein Schatten fällt, mit sechzig Watt strahlt weißes Licht aus einer weißen Lampe auf weiße Tapete. Den Strom beziehen sie aus roten Wasserfällen. Lokale Elektronen.

Und die rote Lampe des Rauchmelders prüft alle 360 Sekunden. Sich selbst, und dass es soweit klar bleibt. In diesem weißen Raum, made in China.

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Und niemand blüht für Dich!

Es war 11:15 Uhr an einem Sonnabend-Morgen-Vormittag, an denen man das Frühstück so lange wie möglich hinaus dehnt, weil die Woche in einem steckt, und der Nachhall der Belohnung von gestern. Muskeln, noch betäubt von der Flasche mallorquinschen Rotweins, dämmern noch, in Erwartung der Pflichten, die ein Sonnabend morgens so mit sich bringt, die noch vor einem liegen – und das ist der Unterschied zu einem Sonntagmorgen.

Ein Schwangerenpaar wandert langsam am Küchenfenster vorbei, hinauf zum Geburtsvorbereitungskurs. Beide Hälften, die Mutter und der werdende Vater, sehen geradeaus und bewegen sich synchron und langsam. Ihre estnischen Bommel auf ihren estnischen Wintermützen wackeln sogar ähnlich vor und zurück im Nachklang ihrer Bewegung.

Mein Blick fällt auf die Blumen auf dem Tisch. Ich habe die beiden schon vergessen. Lebt wohl. Abgeschnitten stehen sie in ihrer Vase. Wunderschön. Sie wären auch wunderschön, wenn sie nicht abgeschnitten vor Deinen Augen stehen würden. Das Lila und das Grün, das in den verschachtelten Blüten in einander übergeht. Ungeplant, von keinem Architekten entworfen, sondern einfach so. Mit einem Zweck, aber ohne Sinn.

Den gebe ich Dir heute morgen. Ob Du es willst oder nicht. Denn Du stehst vor mir, und Du bist schön. Du gefällst mir. Und keinen Gedanken verschwende ich daran, ob dir das gefällt.